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    Beitrag zu Grundzügen der islamischen Geschichte (5)

    • Prof. Falaturi
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    4- Abraham: Maß eines radikalen geschichtlichen Wandels

     

    4.1  Was wäre aus Arabien, aus den dort lebenden Arabern, Juden, Christen, Anhängern anderer Religionen, was aus ihrem Verhältnis zueinander und zu den Nachbarländern (Byzanz, Iran, Jemen, Ägypten), was aus der Weltgeschichte überhaupt geworden, wenn nicht der Koran und Muhammad unter den Arabern aufgetreten wären? Das kann man heute unmöglich erraten.

     

    Es geht hier nicht darum, auf die damaligen festgefahrenen Strukturen, auf die vorherrschenden Fehden und Kriege innerhalb und außerhalb Arabiens einzugehen. Es geht vielmehr darum, auf die historisch bedeutsamen Ansätze im Koran und somit auf den Beginn eines neuen Kapitels in der Weltgeschichte hinzuweisen.

     

    Der Koran geht – entsprechend seiner Zielsetzung – von zwei voneinander getrennten Kategorien von Menschen aus, welche zwei entgegengesetzte Fronten bilden. Auf der einen Seite stehen die Musnikun, auf der anderen Seite die Ein-Gott-Gläubigen: die Juden, Sabäer, Christen, „Magier“ (Zoroastnier) sowie die „Gläubigen“ (mu ‘minun) (22:17; vgl. 2:62; 5:69). Das Hauptanliegen des Korans ist es, die Musnikun vom Sirk abzubringen und gleichzeitig eine Einheit unter den Ein-Gott-Gläubigen zu bewerkstelligen. Hierfür setzt der Koran dort an, wo seiner Überzeugung nach die Geschichte des Ein-Gott-Glaubens begonnen hat: bei Abraham. Der Koran setzt Abrahams Glauben als einen kraftvollen Hebel für die Umwälzung der Geschichte an. Um die Zugehörigkeit zu Abraham (und Abrahams zu ihnen) stritten sich nämlich Juden, Christen und Musnikun. An ihm suchten sie alle ihre Identität zu messen, zu bestimmen, ihre Legitimität zu begründen. Die Einstellung des Koran dazu ist schlicht:

     

    ‚Abraham war weder Jude noch Christ […] Er gehörte auch nicht zu den Musnikun“

     

    (3:65-67). Keine der drei Gruppen kann ohne weiteres Abraham für sich in Anspruch nehmen. Er besaß nämlich einen reinen Glauben, d.h. einen, der von all den üblichen umstrittenen Elementen frei war, „er war ein ergebener Haniü‘. Für den Koran bildet diese Überzeugung Abrahams, seine absolute Gottergebenheit (Islam), als eine geschichtliche Realität den Ansatz dafür, die Verbindung von Arabern, Juden und Christen mit Abraham neu zu bestimmen. So will er ihnen eine neue Identität und der Geschichte einen neuen Impuls geben. Dies tut der Koran auf zweierlei Art und Weise: einmal speziell auf Araber als Nachkommen Abrahams und Isma‘ils zugeschnitten und zum anderen an universalen Grundsätzen orientiert.

     

    4.2  Abraham – unbestrittene Autorität, Urgroßvater des arabischen Volkes

     

    Für das arabische Volk gilt (2:124-136), daß Abrahams Überzeugung, sein Islam, in direktem Zusammenhang steht mit dem Bau der Ka‘ba, mit ihrer Reinigung von Götzen durch ihn und Isma‘il sowie mit ihrer Bitte um Vorgabe derjenigen Rituale, die, die Ka‘ba betreffen. Der Koran führt den Arabern vor Augen, daß Abrahams Ein-Gott-Glaube von Anfang an eng mit der Ka‘ba und den entsprechenden Riten verbunden ist, welche nun die Araber als Mittelpunkt ihres Sirk-Kultes pflegen.

     

    Eine unmittelbare und tiefe Verbindung mit dem arabischen Volk stellt das folgende Bittgebet der beiden dar: „Und mach, Herr, daß wir [Ibrabim und Isma‘il] dir ergeben (muslim) sind und (mach) Leute aus unserer Nachkommenschaft [von den Arabern] zu einer dir ergebenen Gemeinde (umma muslinza)“ (…?).

     

    Somit ist der Islam der Araber im Voraus durch Abraham bestimmt; dies geht auch aus einer anderen Koranstelle hervor (22:78), in der insbesondere betont wird, ihnen sei in religiösen Dingen nichts Bedrückendes auferlegt worden. Die Araber, so könnte man schließen, sind doch durch ihre eigenen Hagg-Riten, die sie ohnehin mit Abraham in Verbindung bringen, mit (einigen) Grundzügen der neuen Religion schon vertraut gewesen; sie müssen insofern mit ihrer eigenen Tradition nicht brechen. Tribalistisches Denken würde vielmehr verlangen, daß sie als die Nachkommen Isma‘ils nun ihren Ahnen folgen, den Sirk-Kult aufgeben und den Ein-Gott-Glauben ihres Vorfahren annehmen. Weiter müßten sie die zerstörerischen Seiten des Tribalismus beiseite stellen und sich zu einer übergreifenden Gemeinschaft, getragen eben vom Glauben Abrahams, zusammenfinden. Auch dies war dem arabischen Volk nicht völlig fremd, jedes Jahr in den heiligen Monaten, im heiligen Bezirk wurde es praktiziert.

     

    Damit nicht genug. Der koranisch entscheidende Punkt für den arabischen Identitätswechsel ist folgendes Bittgebet Abrahams und Isma‘ils: „Und laß, Herr, unter ihnen [den Nachkommen der beiden] einen Gesandten aus ihren eigenen Reihen auftreten, der ihnen deine Verse vorträgt, sie Schrift und Weisheit lehrt und sie [von der Unreinheit des Sirk] läutert“ (2:129). Zweifellos meint der Koran Muhammad; mit seinem Auftreten wäre somit auch die Erwartung der Musrikun in Erfüllung gegangen. Denn er war es, der unmittelbar in die Nachfolge Abrahams eingetreten ist, als sein direkter Erbe beauftragt, das Gotteshaus Ka‘ba. wie Abraham vor ihm, von den 4beigesellten“ Gottheiten zu befreien; er war beauftragt, die Ka‘ba-Riten als Mittelpunkt des reinen Glaubens, des Glaubens Abrahams, wiederherzustellen. Damit war es den Arabern möglich, nun als Besitzer der reinen Religion ihres Vorfahren Abraham ihre Überlegenheit über Juden und Christen zu formulieren (22:78; 6:157; 35:42).

     

    Historisch gesehen hätten ~a1~ die Schriften, Gesandten, Propheten usw., die mit der Ka‘ba und dem Hagg nicht in Verbindung standen, bei den Arabern keinen Erfolg haben können. Für sie hätte die Aufgabe der Ka‘ba und des Hagg in jeder Hinsicht die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage bedeutet. Im Gegensatz dazu bot der Koran alle Voraussetzungen für die Annahme des neuen Glaubens. Dazu war kein wesentlicher Bruch mit entscheidenden Teilen der arabischen Tradition erforderlich: Mekka, die Ka‘ba und ihre Riten, die heiligen Monate, der heilige Bezirk, das Leben in tribalen Strukturen mit den dazu gehörigen Asabiyya-Phänomenen, die eigene Schrift und die eigene Sprache – dies alles brauchten die Araber, sie brauchten ihre Identität nicht aufzugeben.

     

    Sie mußten, so der Koran, auf ihre ursprüngliche, abrahamitische Identität zurückgehen, deren zwischenzeitlich durch Sirk verwandeltes Wesen entsprechend gereinigt werden mußte. Dies bedeutete allerdings eine erhebliche Umstellung; und die neue Religion, mit Abrahams Gott als Zentrum einer neuen Lebensform, hat in der Tat binnen 23 Jahren den Arabern eine neue Identität und ihrer Geschichte ein noch nie da gewesenes Bewußtsein verschafft. Auch wenn die Araber in keiner anderen Weise zu gewinnen gewesen wären als über ihren Vorvater Abraham, die vom Koran von Anfang an bevorzugte Autorität (87:18-19, mk.), bedeutet dies nicht, daß der Koran Abraham als nur den Arabern zugehörig auffaßt. Dies ist Gegenstand des nächsten Abschnittes.

     

    4.3 Abraham – Brücke zwischen Musrikun und Schriftbesitzern

     

    Einigen Berichten zufolge soll Muhammad bei der Säuberung der Ka‘ba von den dort befindlichen Götzenbildern auch Bilder von Abraham, Jesus und Maria an den inneren Mauern vorgefunden haben‘7. Dies spräche gegebenenfalls u.a. für eine Beziehung von Christen zum zentralen Heiligtum des Sirk-Kultes und für eine lange Verbindung der Musrikun mit Christen. Dies wird dadurch unterstrichen, daß Jesus und Maria bereits in frühen Suren vorkommen (43:57-59, mk. und „Surat Maryam“, Nr.). Auf das frühe Auftreten von Mose und Abraham mit ihren „Schriften“ ist schon hingewiesen worden (87:17-19, s.o.).

     

    Dies – und eine große Anzahl weiterer Koranstellen – belegt (entgegen vieler unhaltbarer apologetischer Thesen) zum einen, daß Juden und Christen schon in Mekka unter den Gesprächspartnern Muhammads waren, und zum anderen, daß im Milieu der Musrikun, in dem diese Gespräche stattfanden, durchaus eine Empfänglichkeit für derlei vorhanden war. Streitgespräche mit den ‚ „Leuten der Schrift“, Christen und Juden, sollen, so der Koran, „nie anders als auf möglichst gute Art“ (29:46f.) geführt werden. Es geht nicht um die Überwindung von Judentum und Christentum (in der Art, wie es um die Überwindung des Sirk geht): Der Koran formuliert vielmehr die ursprüngliche Einheit des Ein-Gott-Glaubens als Religion Abrahams. Dies gipfelt in der bereits angeführten Passage, Abraham sei weder Musrik noch Christ noch Jude gewesen (2:133-141, s.o.). Muhammad selber war überzeugt, daß er als Araber und damit Nachkomme Abrahams dessen Tradition fortführte, als einziger die beiden Traditionen in sich vereinigte.

     

    4.4  Abraham – die Wende in der Religionsgeschichte

     

    Entgegen mancher Annahmen beschränkte sich der geistige Horizont der arabischen Musrikun nicht auf ein von der übrigen Welt abgeschnittenes Beduinenleben. Die geopolitische Lage der Araber zwischen Iran, Byzanz und Äthiopien, ihre Betroffenheit von den langwierigen Machtkämpfen zwischen diesen Großmächten, hatten sicherlich für einen weit über die arabischen Grenzen hinausreichenden Horizont der einflußreichen Araber gesorgt. Das politische Schicksal dieser Länder war für die Araber von so großer Bedeutung, daß der Koran mitten in der mekkanischen Zeit dazu Stellung bezogen hat: ‚Die Byzantiner sind besiegt worden im nächstliegenden Gebiet [in Syrien oder Palästina]. Aber sie werden, nachdem sie besiegt worden sind, [ihrerseits] siegen, in etlichen Jahren. Gott steht die Entscheidung zu. [So war es] von jeher und [so wird es auch] künftig [immer sein]. An jenem Tag [wenn den Byzantinern der Sieg zufällt], werden die Gläubigen sich darüber freuen, daß Gott geholfen hat“ (30:2-5). Es fällt auf, daß der Koran nicht einfach berichtet, er geht vielmehr zugunsten der Byzantiner wertend auf die Ereignisse ein. Woran hat das gelegen? Wir wissen es nicht. Auf alle Fälle beweist es das lebenswichtige Interesse der Araber für internationale Verhältnisse.

     

    Den Arabern, Musrikun und Muslimen, dürfte es daher nicht befremdlich oder abwegig erschienen sein, wenn der Koran sich als eine Botschaft begreift, die nicht nur an Araber, nicht nur an Juden oder Christen, sondern an alle Welt gerichtet ist (vgl.34:28; 21:107). Ist dies eine rein religiöse Verkündung? Oder hat es eine historische Bedeutung? Der Koran versteht sich als Offenbarung einer Überzeugung; als solche hat er ein neues Kapitel in der Weltgeschichte eingeleitet. Dabei verwendete er für sein Welt- und Geschichtsbild, aber auch für die Erklärung konkreter Erscheinungen in seinem Umfeld, metahistorische Mittel, Überzeugungen, die über die Denk- und Glaubensebene der vorhandenen Religionen hinausgingen. Eben hierbei bot sich die Gestalt Abrahams an. Der Streit uni ihn, nämlich darum, wem er und wer ihm am nächsten steht, wurde zugunsten einer ‚~reinen Religion“ beantwortet, mit einem historisch nicht nachweisbaren, sehr wohl aber wirksamen Argument. Für den Koran ist nämlich – das ist das metahistorisch zentrale, tragende Element – die Religion Abrahams eine jedem Menschen von seiner Erschaffung her mitgegebene seelische Formung und Gestalt (2:135-138); an die Nachkommen Abrahams, an die Propheten überhaupt ergeht die göttliche Weisung zur Wahrung, Pflege und Entfaltung dieser jedem Menschen mitgegebenen Gabe.

     

    Dieser metahistorische anthropologische Ansatz ist nicht etwa in Medina zwecks Konfliktlösung zwischen unterschiedlichen Ansprüchen der Musrikun und der Schriftbesitzer an Abraham entstanden. Bereits in Mekka geht der Koran auf diesen anthropologischen Grundsatz ein, und zwar mit dem Ziel, die Unhaltbarkeit des Sirk zu demonstrieren und an dessen Stelle die Verbindlichkeit der einzigen Macht- und Entscheidungsquelle zuzusichern: ‚Richte nun dein Antlitz auf die [einzig wahre] Religion als Hanif! [Das ist] die natürliche Art (fitra), in der Gott die Menschen erschaffen hat. Die Art und Weise, in der Gott [die Menschen] geschaffen hat, kann man nicht abändern. Das ist die richtige Religion“ (30:30). Demzufolge ist Abrahams Religion die Offenbarung dessen gewesen, was keimhaft im geschaffenen Wesen des Menschen vorgegeben ist. Damit setzt der Koran ein neues Zeichen:

     

    Dies war weder in der jüdisch-christlichen noch in der Sirk-Tradition bekannt. Religion und Religionsgeschichte wären demnach anders zu bestimmen, als es aufgrund der anderen semitischen Religionen üblich war. Fassen wir die koranische Äußerung „Abraham war weder Jude noch Christ“ als ein historisches Zeugnis auf; so bedeutete dies eine Absage an jüdisches und christliches Religionsverständnis. Diese Absage ist bedingt durch die einmalige Situation, in der sich der Koran befand, nämlich zwischen zwei völlig wesensfremden Abraham-Traditionen. Das wichtigste Anliegen des Koran war von Beginn an die Bekämpfung des Sirk-Kultes. Dem nur auf das Diesseits gerichteten Kult fehlte das für die Schriftreligionen wichtigste Phänomen, der Begriff Sünde.

     

    Ihm fehlte gleichfalls der Glaube an Jenseits und jenseitigen Lohn und Strafe. Die Belastung der Seele und ihre Entlastung durch Reue, Erlösung oder ihre Reinigung durch Askese waren den Musrikun unbekannt, sie waren überhaupt kein religiöses Anliegen. Das wichtigste, ja fast einzige Phänomen, das allerdings schon vor Muhammad und dem Koran im Mittelpunkt der Kritik stand, war Sirk, die das ganze Volk erfassende, die unvermeidbare Lebensform, welche die Kritik als das größte Übel geißelte. Sirk war in jedem Individuum so verwurzelt, daß es Orientierungslosigkeit, ja Lebensunfähigkeit bedeutet hätte, ihn aufzugeben, wenn nicht höherer Ersatz geschaffen würde. Nur eine direkte, existentielle Verbindung mit der höchsten Macht- und Willensquelle konnte jedem Individuum Sicherheit und Lebenskraft verleihen. Daß der Mensch von seiner geschaffenen Natur her gottausgerichtet ist, ist für den Koran die Lösung gewesen.

     

    Eine solche existentielle Verbundenheit mit Gott läßt keinen Raum für Belastungen der Seele durch Sünde, die das Gegenteilige, nämlich Ferne von Gott, bewirkt. Hätte der Koran andererseits nämlich, ohne den Sirk-Kult zu überwinden, die Vorstellung von Sünde und Heil als Ausgangsbasis für die Bekehrung der Musrikun gewählt, so wären Sirk-typische Ideen von Vermittlung verstärkt zurückgekehrt; denn die Vermittler dienten gerade dazu, die Entfernung zum Hochgott Allah zu überwinden (39:3).

     

    Die Religionsgeschichte ist Offenbarungsgeschichte: Offenbart wird der Ein-Gott-Glaube, wie von Abraham demonstriert. Da jeder Mensch in seiner Erschaffenheit für diese Offenbarung empfänglich ist, müßte folgerichtig jedem Volk eine solche Offenbarung zuteil geworden sein. Das ist in der Tat die Auffassung des Korans (16:36, mk.). Demnach ist die Religion Abrahams Inhalt der Gesandtschaft an jede menschliche Gemeinschaft gewesen. Auf dieser metahistorisch-anthropologischen Grundlage wird die schon in Mekka begonnene Begegnung mit Christen und Juden in Medina fortgesetzt. Die medinensische Geschichte in ihren friedlichen Zügen ist die Umsetzung dieser Überzeugung.