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    „Das Kopftuch war meine freie Entscheidung“

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    Gedanken einer türkischen Muslima über das Kopftuch.

     

    „Das Kopftuch ist Ausdruck meiner Religiosität und meiner Demut vor Gott“, sagt die 42-jährige Muslimin, die aus der Türkei stammt. Fatma ist verheiratet und lebt in Hannover. Sie weiß, dass die Verhüllung auch als Symbol der Abgrenzung verstanden werden kann. Wenig Verständnis hat sie für Frauen, die zwar Kopftuch tragen, sich aber dennoch aufreizend kleiden. In einer Zeit, in der heftig über den Islam diskutiert wird, sind Fatmas Gedanken ein bemerkenswerter Aufruf zu mehr Verständnis und Toleranz.

     

    Seit ich zwölf Jahre alt bin, trage ich ein Kopftuch. Seit fast 30 Jahren also. Meine Mutter trug in meiner meiner Kindheit das Kopftuch nicht zu jeder Zeit. Wenn sie zur Arbeit ging oder bei besonderen Anlässen, da hat sie es abgelegt. Das Verhüllen des Haares stand für sie nicht an erster Stelle, sie hat sich auf die Gegebenheiten eingestellt, insofern gab es von zu Hause keinen Druck auf mich. Ich aber wollte unbedingt ein Kopftuch tragen. Ich denke wirklich, dass es Menschen gibt, die diesen Wunsch in sich haben.

     

    Der Wunsch entsteht aus einer tief empfundenen Spiritualität. Den Keim meines Glaubens hat wohl meine Großmutter gelegt. Denn im Wesentlichen hat sie mich großgezogen. Zu meiner Mutter habe ich keine allzu innige Beziehung entwickeln können, ich habe sie nicht oft sehen können, weil sie viel gearbeitet hat. Aber meine Großmutter, sie war für mich da. Eine liebevolle, gütige Frau mit verhülltem Haar, die sehr religiös war und regelmäßig gebetet hat. Sie hat mir immer wieder erzählt, warum Frauen sich im Islam verhüllen, warum dies und jenes zu unserem Glauben gehört, warum was wichtig ist. Vielleicht war es auch anfangs nur so, dass ich sie nachahmen wollte – aus einer stark empfundenen Zuneigung zu ihr.

     

    Das Kopftuch zu tragen, war wirklich meine freie Entscheidung, sie kam aus meinem Inneren. Anders kann ich es nicht beschreiben – auch wenn es für andere schwer nachvollziehbar ist, dass ein Mädchen sich das freiwillig „antut“. Noch dazu, wenn es in der Schule deswegen Probleme bekommt. So war das bei mir ja. Meine Klassenkammeraden haben sich lustig über mich gemacht und mich aufgezogen. „Fatma, Du siehst ja aus so hässlich aus; wie eine Oma siehst Du aus“: Solche und andere Sprüche musste ich mir anhören. Und einmal hat mich auch ein Junge auf dem Heimweg zusammengeschlagen. Danach hatte ich Angst, alleine auf die Straße zu gehen.

     

    All diese Erlebnisse haben mich aber nicht dazu gebracht, das Tuch abzulegen. Bei mir führte diese Ablehnung vor allem dazu, dass ich mich nicht mehr zu Hause gefühlt habe in Hannover. Ich bin mit drei Jahren nach Deutschland gekommen und hier aufgewachsen. Ich fühlte mich trotzdem als Fremde und wollte unbedingt in die Türkei, weil ich dachte, dass es dort einfacher und besser sein würde. Und als meine Großeltern 1982 beschlossen, in die Heimat zurückzukehren, da bin ich mit ihnen gegangen. Meine Eltern haben zugestimmt, weil sie einsahen, dass es mir hier nicht gutging.

     

    In der Türkei war es aber auch nicht einfach; als ich in der Mittelstufe war, da kam das Verbot auf, mit Kopftuch zur Schule zu gehen. Aus Protest habe ich die Schule abgebrochen, ich konnte es mir wirklich nicht vorstellen, mit offenem Haar auf die Straße zu gehen. Meine Eltern haben angerufen und mit mir geschimpft und mich aufgefordert, mit der Schule weiterzumachen. Ohne Kopftuch konnte und wollte ich einfach nicht in die Öffentlichkeit …

     

    Als sich die Bestimmungen änderten, habe ich dann weitergemacht und sogar in Istanbul begonnen, Deutsch auf Lehramt zu studieren. Damals, Ende der 1980er Jahre, war es noch möglich, mit Kopftuch in die Uni zu gehen. Das wurde später geändert. In dieser Zeit war ich an unserer Fakultät die einzige Studentin mit Kopftuch. Die Dozenten haben sich über mich lustig gemacht. Ich hatte den Eindruck, dass man in mir eine Islamistin und potenzielle Attentäterin sieht. Verstanden habe ich, ganz ehrlich gesagt, diese feindliche Einstellung nicht.

     

    Auf Unverständnis bin ich übrigens auch bei den Professoren und Dozenten hier auf der Uni gestoßen. Ich bin nämlich als 20-Jährige nach Hannover zurückgekehrt und habe Anfang der 1990er Jahre angefangen zu studieren. In den Seminaren war ich wieder die einzige mit Kopftuch. Das hat sich inzwischen geändert. Ich denke, dass ich für viele junge Mädchen mit Kopftuch, die ich aus der Moscheegemeinde kannte, ein Vorbild war. Ich habe sie ermutigt zu studieren.

     

    Anfangs habe ich Germanistik, Anglistik und Religionswissenschaften auf Lehramt studiert. Ich musste feststellen, dass ich als Kopftuchträgerin im Lehrerberuf keine Chancen habe. Ich habe mich damit arrangiert und auf Magister umgeschwenkt. Not macht erfinderisch: Als ich merkte, dass es schwer wird mit einer Anstellung, habe ich eine Sprach- und Nachhilfeschule eröffnet. Das Kopftuch ist ein Teil von mir, ich hätte nicht um des Berufs willen darauf verzichten können.

     

    Das Kopftuch ist Ausdruck meiner Religiosität und meiner Demut vor Gott. Es erdet mich und rundet mich in meinem Glauben ab. Anders kann ich die Bedeutung nicht beschreiben. Der sichtbare Ausdruck meiner Religiosität beschränkt sich nicht allein auf das Kopftuch, ich achte auf meine gesamte Kleidung und ziehe nichts an, was den Körper betont.

     

    Als Heranwachsende hatte ich kaum Ahnung vom Koran und von unserer Religion, jedenfalls nicht mehr, als ich von meiner Großmutter erzählt bekommen hatte. Später, in der Türkei, bin ich zur Koranschule gegangen und habe eine Imam-Hatip-Okulu – Berufsschule für Prediger – besucht. Nach und nach habe ich mir Wissen angeeignet und angefangen, mich intensiver mit dem Islam zu beschäftigen; ich habe sehr viel gelesen und mich ausführlich mit der Frage beschäftigt, ob denn die Verhüllung eine Pflicht ist oder nicht. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass es für mich dazu gehört. Andere mögen darüber anders urteilen. Ich kann und möchte das gar nicht bewerten. Vor einigen Jahren war das anders. Da habe ich mich wirklich gesorgt um meine muslimischen Freundinnen, die das Haar offen trugen. Ich war so traurig, weil ich dachte, wenn eine muslimische Frau kein Kopftuch trägt, dann kommt sie in die Hölle.

     

    Heute beurteile ich es anders, ich habe mich entwickelt und denke, dass es auch eine ganz individuelle Entscheidung ist, es nicht zu tragen – wie das Kopftuch ja auch mein freier Entschluss ist. Das ist längst nicht mehr das wichtigste, kommt nicht an erster Stelle. Ich urteile nicht danach, ob eine Frau das Kopftuch trägt oder nicht. Wichtig ist, ob ein Mensch wirklich gut ist. Und dazu gehört vor allem „Ahlak“, also das gesittete Verhalten und das moralische Handeln. Was nützt das verhüllte Haar, wenn die Person sich nicht „anständig“ benimmt?

     

    Ehrlich gesagt: Ich wundere mich über junge Frauen mit verhülltem Haar, die dermaßen körperbetont gekleidet und auffällig geschminkt sind. Ich verstehe nicht, was Frauen dazu bringt, sich Stoff um den Kopf zu wickeln, sich gleichzeitig sehr lasziv zu verhalten und mit Männern zu flirten. Wenn ich den Mut aufbringen könnte, würde ich diese Frauen gerne fragen, warum sie denn ihr Haupt verhüllen. Und manchmal ist mir auch danach, solch eine junge Frau anzusprechen und ihr zu sagen: „Ach, bitte, legen Sie das Tuch ab, Ihr Verhalten und Ihre Bekleidung korrespondieren so gar nicht mit dem Kopftuch, es sind doch sich widersprechende Signale, die Sie aussenden.“

     

    Ich weiß natürlich, dass es unterschiedliche Gründe gibt, das Kopftuch zu tragen. Auch aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Es ist gar nicht zu leugnen, dass sich hierzulande junge Mädchen und Frauen dafür entscheiden, weil sie sich auf diese Weise abgrenzen wollen; es ist eine bewusst gewählte Abgrenzung, eine Reaktion auf die Erfahrungen in dieser Gesellschaft. Bei anderen bin ich mir auch nicht sicher, ob sie es wirklich aus religiösen Gründen machen. Es gibt auch junge Frauen, für die spielt vor allem der ästhetische Aspekt eine Rolle. Sie finden sich schön mit verhülltem Haar, sie gefallen sich, wenn sie sich im Spiegel anschauen. Ich kenne einige Frauen, die eine zeitlang ihr Haar aus modischen Gründen verhüllt haben, irgendwann gefiel es ihnen nicht mehr und sie trugen ihr Haar wieder offen.

     

    Es gibt nicht den einen Grund, nicht eine Erklärung dafür, warum muslimische Frauen ein Kopftuch tragen oder keinen Kopftuch tragen. Es lässt sich nun mal nicht pauschalisieren. In den Integrationskursen, die ich gebe, lerne ich Frauen kennen, die davon sprechen, dass sie anfangs ihr Kopftuch aus dem Zwang heraus getragen haben. Manche haben sich inzwischen daran gewöhnt, andere würden es ablegen, wenn sie es könnten. In meinem engsten Kreis gibt es aber keine einzige, die es aus einem Zwang heraus verhüllt ist. Mit meinem Mann spreche ich manchmal darüber, was er sagen würde, wenn ich mich nicht mehr verhüllte. „Das musst Du wissen, ich kann Dir diese Entscheidung nicht abnehmen, es ist Dein Leben“, sagt er dann.

     

    Mein Haar ist nur zu Hause, in ganz privatem Umfeld offen. Manchmal höre ich meine Großmutter sprechen: „Mädchen, verdecke Dein Haar, wenn Dich die Engel so sehen, dann flüchten sie““ hat sie mich ermahnt, wenn ich mal das Haar offen trug. Ich war 16 oder 17 Jahre alt und hatte angefangen, mich einzulesen in religiöse Schriften, so habe ich geantwortet: „Anneanne – Großmutter, die Engel sind immer da und beschützen mich, ob ich verhüllt bin oder nicht.“ Das glaube ich heute auch noch. Sie lassen sich nicht durch offenes Haar verschrecken …

     

    Trotzdem will ich mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn ich das Kopftuch ganz ablegte. Ich verdränge diesen Gedanken, und manchmal beängstigt mich die Vorstellung, dass ich eines Morgens aufstehen und beschließen könnte, es nicht mehr zu tragen. Ich weiß gar nicht, wie ich meine Tochter erzogen hätte, wenn ich eine hätte. Ich habe aber einen Sohn, er ist 15 Jahre alt und wird hoffentlich auch mal heiraten. Ob die Braut eine Kopftuchträgerin sein soll? Nein, das ist mir überhaupt nicht wichtig, ich wünsche ihm eine liebevolle Partnerin, die sich adäquat zu verhalten weiß. Ich wähle meine Freundinnen und meine Mitarbeiterinnen auch nicht danach aus, ob sie verhüllt sind oder nicht.

     

    Wie viele Tücher ich habe, weiß ich gar nicht. Ich habe sie noch nie gezählt. Im Laufe der Jahre sind etliche dazugekommen, es sind auf jeden Fall viele. Sie füllen inzwischen zwei Schubladen meiner Kommode und sind sortiert nach Farben. Was für ein Tuch ich trage, entscheide ich dem Anlass entsprechend und nach meiner Stimmung. Zu offiziellen Anlässen trage ich eher dezente Farben, und wenn ich zu einer Hochzeit oder einem anderen Fest eingeladen bin, dann wähle ich ein farbenfrohes Stück aus. Das Tuch binde auf unterschiedliche Weise, aber nie würde ich mein Gesicht ganz verschleiern. Das kommt für mich überhaupt nicht in Frage, ich interpretiere die entsprechenden Sure im Koran auch nicht in der Weise, dass die Frau sich ganz verschleiern soll. Auch mit dem Tschaddor habe ich meine Probleme; so ganz in schwarz, in so einer traurigen Farbe – es ist wie eine Uniform. Nein, das ist nichts für mich.

     

    So wie die Gründe für das Tragen des Kopftuches vielfältig sind, sind auch die Reaktionen des Umfeldes auf das Kopftuch unterschiedlich. Immer wieder werde ich danach gefragt, warum ich es trage und ob ich es wirklich aus freien Stücken heraus trage. Wenn jemand mich direkt anspricht, dann nehme ich mir die Zeit zu antworten. Ich deute das als Interesse und gebe geduldig Auskunft. Die meisten wissen halt nichts darüber und wollen erfahren, warum eine Frau ihr Haar „versteckt“. Nicht jeder glaubt mir, dass ich das Tuch freiwillig trage. Mehr als meine Beweggründe erläutern kann ich doch nicht.

     

    Es kommt auch vor, dass die Leute denken, dass ich sie nicht verstehe, wohl weil ich ein Kopftuch trage, und sie reden in meiner Anwesenheit abfällig über mich. Dann gibt es Personen, bei denen es ganz positiv ankommt, sie freuen sich, dass ich so gut Deutsch spreche und ich es „trotz Kopftuch“ so weit gebracht habe. Ich werde also gelobt und weiß gar nicht, was ich davon halten soll. Schwer wird es für mich bei offensichtlicher Ablehnung; bei einer Veranstaltung hat sich unvermittelt ein Mann zu mir gewandt und mir im harschen Ton gesagt: „Ich empfinde ihr Kopftuch als eine Provokation.“ Das ist für mich schwer nachzuvollziehen. Es gibt doch auch Christen, die ihren Glauben sichtbar machen, etwa in dem sie ein Kreuz am Hals tragen. Das ist doch auch keine Provokation.

     

    Ich jedenfalls empfinde eine Nähe zu gläubigen Menschen, unabhängig von ihrer Religion. Schwierigkeiten bereitet es mir zu verstehen, warum meine Religiosität als Bedrohung empfunden wird, warum ich deswegen auf offener Straße beschimpft werde; das ist sehr demütigend und kränkend. Im ersten Moment bin ich tief verletzt, könnte heulen, doch dann schaltet sich mein Verstand ein und ich beginne, das mir Verhalten des anderen ganz rational als Ausdruck der Unkenntnis und Angst vor Unbekanntem zu erklären. Mir hilft das … Ich lebe nun mal hier – und mal fühle ich mich wohl, mal weniger.

     

    Quelle: http://german.irib.ir/radioislam/beitr%C3%A4ge/beitr%C3%A4ge/item/244702-das-kopftuch-war-meine-freie-entscheidung