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    Debatte: Überlegungen zum Islam und dem Problem des Nationalismus

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    Von Imam Zaid Shakir

     

    „Damit ihr euch kennenlernt“

    „O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, Der euch aus einem einzigen Wesen schuf. Und aus ihm schuf Er seine Gattin und ließ aus beiden viele Männer und Frauen sich ausbreiten. Und fürchtet Allah, in Dessen Namen ihr einander bittet, und die Verwandtschaftsbande. Wahrlich, Allah ist Wächter über euch.“ (An-Nisa, 1)

     

    Der Nationalstaat – der ein Volk in einer souveränen territorialen Einheit verbindet – ist eine moderne Sache wie auch der Natio­nalismus als Bewegung für einen Staat ist modern. Er war Teil der europäischen Reaktion des 19. Jahrhunderts auf universale Tendenzen der Aufklärung. Es gibt innerhalb des nationalistischen Denkens Elemen­te, die archaisch sind. ­Viele – wie chauvinistische Gruppenbindung sowie die Opferung menschlicher Anlie­gen für das nationale Interesse – werden vom Islam zurückgewiesen. Hier lässt sich eine islamische Kritik des Nationalismus entwickeln.

     

    Die umfassende Weite des Islam erschließt sich schon bei einem oberflächlichen Blick auf dessen Rechtsbücher. So erwähnten die Autoren einer modernen Einführung in die schafi’itische Rechtsschule sieben Bereiche, die vom islamischen Recht bestimmt werden: Anbetung (Al-’Ibada), Familienangelegenheiten (Al-Ahwal Asch-Schakhsijja), zwischenmenschliche Transaktionen (Al-Mu’amalat), Verantwortung und Pflichten der Autorität und der Bevölkerung (Al-Ahkam As-Sultanijja), Strafrecht und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung (Al-Hudud), internationale Beziehungen (As-Sijar) und die Verbesserung des Charakters und gute Umgangsformen (Al-Akhlaq wa’l-Adab). Der Nationalismus findet in keinem dieser Bereiche Erwähnung.

     

    Im Lichte des Islams

     

    Die Menschheit wird durch ihr gemeinsames Erbe vereint. Allah sagte im Qur’an: „O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ (Al-Hudscharat, 13)

     

    Dieses Menschheitserbe schafft ein Band der Bruderschaft. Daher ist es ­unhaltbar, dieses Band zu leugnen, wie dies konkurrierende Nationalismen tun. ­Allah sagte „und Wir haben ja die ­Kinder Adams geehrt“ (Al-Isra, 70) und „da ­erhörte sie ihr Herr: ‘Ich lasse kein Werk ­eines (Gutes) Tuenden von euch verlorengehen, sei es von Mann oder Frau; die einen von euch sind von den anderen.’“ (Al ‘Imran, 195)

     

    Während die Existenz von Unterschie­den anerkannt wird, gelten sie als Zeichen der schöpferischen Macht Allahs und dienen nicht der Schaffung zerstörerischer Bewegungen. Über Kultur sagte Allah: „Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.“ (Ar-Rum, 22)

     

    Dieser Qur’anvers ist wichtig, weil Sprache das wichtigste Element eines des kulturellen Systems ist. Sie ist die stärk­ste Basis der nationalen Identität. In der islamischen Lehre wird anerkannt, dass bestimmten Leuten oder Völkern eine Mission gegeben wurde. ­Allah sagte im Qur’an: „Die Römer sind im nächst liegen­den Land besiegt worden. Aber sie ­werden nach ihrer Niederlage siegen – in einigen Jahren. Allah gehört der Befehl vorher und nachher. An jenem Tag werden die Gläubigen froh sein“ (Ar-Rum, 2-4)

     

    Allah erwähnt die Existenz unterschiedlicher Völker: „Jede Gemeinschaft hat eine Frist. Und wenn nun ihre Frist kommt, können sie sie weder um eine ­Stunde hinausschieben noch sie vorverlegen.“ (Al-’Araf, 34)

     

    Die Idee einer historischen Mission wird dadurch bestärkt, dass Völker vor der Entsendung des Propheten Muham­mad von Gesandten angesprochen wurden, die nur zu ihnen kamen. Nuh wurde zu seinem Volk entsandt, Hud zum Volke ‘Ad und Salih zu den Thamud. Ihre Botschaften waren eine göttliche Bestätigung ihrer Identitäten.

     

    Der spezifische Charakter dieser Botschaften wurde durch das Prophetentum Mohammeds, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, aufgehoben. ­Allah sagte zum Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, im Qur’an: „Sprich: ‘O ihr Menschen, ich bin der Gesandte Allahs an euch alle.’“ (Al-’Araf, 158)

     

    Dieser Vers ist wichtig, weil er in der Sura Al-’Araf am Ende der Beschreibung früherer Propheten steht. Es scheint so, dass Allah die Universalität der prophetischen Botschaft des Propheten Muhammads, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, unterstreicht.

     

    Ihre Allgemeingültigkeit widerspricht der Spaltung von Menschen in ­Nationen in kulturelle oder ethnische Gruppen. Sie bildet die Grundlage einer zerstörerischen Realität. Ein Vorrang besteht ausschließlich bei Anbetung und Ethik. Allah sagte: „Wahrlich, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch.“ (Al-Hudscharat, 13)

     

    Nation

     

    Die Nation ist ein „historisches Konzept, gegründet auf einer kulturellen Identität, die von einem Volk geteilt wird“. Der Islam weist die Idee einer ­Nation nicht per se zurück. Wenn jedoch eine Identität zur Vorstellung führt, bei der Rechte einer anderen Gruppe negiert werden, stellt der Islam das nationalistische Unternehmen in Frage.

     

    Kultur

     

    Kultur ist die Ausdrucksform des sozi­alen Lebens, die nicht mit der Reproduk­tion und Versorgung beschäftigt sind. Bräuche, Gewohnheiten und Formen religiöser Praxis können als ihre Teile betrachtet werden. Kultur ist die Basis für den fühlbaren Unterschied, der eine Gruppe von der anderen trennt. Wesent­liche Elemente kultureller Unterschiede sind mit islamischen Grundlagen kom­patibel. Illustriert wird dies im Qur’an: „Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung der Himmel und der Erde und auch die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.“ (Ar-Rum, 22)

     

    Staat

     

    Die Schaffung eines Staates ist das Endziel einer nationalistischen Bewegung. Seine potenzielle Zerstörungskraft wurzelt in der Tatsache, dass die ­meisten Staaten ethnisch gemischt und viele Völker staatenlos sind. Würden diese Hoffnungen aller Völker realisiert, führtedies zu dauerhaften Kriege. Im islamischen Denken wurde dies erkannt und davor gewarnt.

     

    Furcht

     

    Zum Nationalismus zählen die Bemü­hungen eines Volkes, eine­ Identität durch die Gründung eines Staates zu schaffen oder zu erhalten. Hierbei spielen die Begriffe Furcht, Wut und Viktimisierung eine Rolle. Furcht ist ein Faktor, der eine Nation veranlasst, die Kontrolle über ein Gebiet zu festigen und hier einen Staat zu gründen.

     

    Auch wenn einer der positiven Effekte von Gruppensolidarität Sicherheit ist, wirkt diese zerstörerisch, wenn das Versprechen von Sicherheit politisch manipuliert wird. Solche Manipulationen sind Teil einer Formel, die zu den meisten modernen Völkermorden führte.

     

    Die Relation von Sicherheit und Völkermord wird durch die Abschlachtung der Tutsi in Ruanda (1994) seitens der Hutu-Mehrheitsbevölkerung illustriert. Samantha Power schrieb: „Wie es die Verantwortlichen für Völkermord oft als Vorspiel für die Aufhetzung von Massen tun, behaupteten sie, die Tutsi hätten die Absicht gehabt, die Hutu auszurotten. So konnten sie zu einer ­präventiven Verteidigung aufrufen.“ Der Aufruf wurde befolgt und führte zu einem der brutalsten Massacker der modernen Zeit.

     

    Der Islam bemüht sich um die Aufhe­bung dieser historischen Impulse. Dazu lesen wir im Qur’an: „Dies ist nur der Satan, der mit seinen Gefolgsleuten Furcht einzuflößen sucht. Fürchtet sie aber nicht, sondern fürchtet Mich, wenn ihr gläubig seid!“ (Al ‘Iman, 175) Hier teilt Allah den Gläubigen mit, dass sie nicht ihre Feinde, sondern Ihn fürchten sollen.

     

    Die Menschheit gehört einem einzigen Stamm – dem von Adam. Schaitan erzeugt die Furcht vor dem „Anderen“ – wie er im modernen Diskurs heißt – ­dadurch, dass er diese mit dem Vorrang bestimmter Unterschiede begründet. ­Allah sagte im Qur’an: „Er, Allah, sagte: ‘Was hat dich davon abgehalten, dich niederzuwerfen, als Ich es dir befahl?’ Er sagte: ‘Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber hast Du aus Lehm erschaffen.’“ (Al-’Araf, 12)

     

    Satan vergaß in seiner blinden Arroganz, dass Adams Vornehmheit darin liegt, dass dessen vermeintlich niedriger Ursprung durch den ihm eingehauchten Lebensgeist (Ruh) perfektioniert wurde. Der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Allah schaut nicht auf eure körperliche Form oder euren Reichtum. Vielmehr blickt er auf eure Taten und eure Herzen.“

     

    Wut und Opferhaltung

     

    Wut ist ein Ausdruck von Furcht und damit einer der größten Faktoren, der Menschen dazu bringt, sich gegen die Quelle dieser Furcht zu richten. Eine ­ihrer Ursachen ist eine Opferhaltung. Ernest Gellner, einer der Autor zum Thema Natio­nalismus, erklärte ihre Rolle im natio­nalistischen Denken: „Wenn die Mo­dernisierungswelle über die Welt schwappt, garantiert sie, dass fast jeder irgend wann einmal Grund hat, sich ungerecht behandelt zu fühlen. Und er kann die Schuldigen in Angehörigen anderer ‘Nationen’ ausmachen. Gelingt es ihm auch noch, ausreichende viele Opfer zum Teil der eigenen ‘Nation’ zu machen, entsteht Nationalismus.“

     

    Auch lehnt der Islam Wut als Antrieb für eine Handlung ab. Imam Ghazali schrieb über den Qur’anvers „als diejenigen, die ungläubig waren, in ihren Herzen die Hitzigkeit entfachten, die Hitzigkeit der Unwissenheit -, da sandte Allah Seine innere Ruhe auf Seinen Gesandten und auf die Gläubigen herab“ (Al-Fath, 26) zum Thema Wut: „Die Ungläubigen werden dafür verurteilt, dass sie wegen ihrer Wut eine ungerechtfertigte Hitzigkeit an den Tag legen.“

     

    Wichtig ist ein geistig gesunder ­Verstand. So dürfen wütende Qadis keine Urteile fällen. Herab gesandt wurde ­dieser Vers anlässlich der Verhandlungen zwischen dem Propheten und den Mekkanern über den Vertrag von Hudai­bijja. Die Prophetengefährten werden gelobt, weil sie ihr Urteilsvermögen nicht durch die Wut über scheinbar demütigende Vertragsbedingungen trüben ließen. Dies hätte sie gehindert, zu akzeptieren, was der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, als annehmbar ansah.

     

    Der Islam weist Opferhaltung als Entscheidungsgrundlage zurück. Im Gegensatz ermutigt er individuelle und gesellschaftliche Verantwortung. Allah sagte in einem Hadith Qudsi: „Vielmehr sind es eure Handlungen, für die Ich euch zur Rechenschaft ziehe. Dann werde ich euch umfassend dafür belohnen. Wenn jemand von euch etwas Gutes findet, lasst ihn Allah loben, und wer etwas anderes als das findet, sollte niemandem als sich selbst die Schuld geben.“

     

    Der Prophet selbst, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Jeder von euch ist ein Beschützer und jeder von euch wird Schutzbefohlenen befragt.“ Diese Kultivierung von Verantwortung ist im Islam so wesentlich, dass eine Person, der es an Besitz oder an anderen Menschen fehlt an ihre Verantwortung für ihren Körper erinnert wird.

     

    Der bekannte Gelehrte Ibn Hadschar Al-’Asqalani erwähnte hierzu in einem Kommentar: „Die allein­stehende Person (…) ist verantwort­lich für ihre Körperglieder, um sicherzustellen, dass diese ihre Befehle ausführen und jene Dinge vermeiden, die in Rede, Hand­lung und Glaube verboten sind. Und so sind ihre Glieder, Fähigkeiten und Sinne seine Schutzbefohlene.“

     

    Das gleiche gilt für Gruppen und ihr kollektiven Schicksal. Im weltlichen ­Sinne sind sie verantwortlich für ihren Aufstieg oder ihre Erniedrigung. Allahs macht dies deutlich: „Allah ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist.“ (Ar-Rad, 11)

     

    Der Islam wendet sich gegen die Nutzung von Angst und Wut, aber auch gegen die Pflege einer Opferhaltung, um ein Klima zu schaffen, dass einer nationalistischen Absicht nützlich ist. In muslimischen Ländern hinterließ der Nationalismus tiefe Spuren bei den westlich gebildeten Eliten. Diese Führungsschichten wirkten entscheidend an der Schaffung eines nachkolonialen Kompromisses mit.

     

    Diese Entwicklung wurde in der muslimischen Welt anfänglich von einer Unterstützung seitens der Massen begrüßt. Die systematische Verweigerung irgend einer realen Machtbeteiligung der Massen hat zur Wahrnehmung des Nationalstaates als Alibi einer autokratische Herrschaft geführt.

     

    Der Islam bringt Glaubensüberzeugungen und Prinzipien hervor, die ­sowohl kulturelle Eigenständigkeit als auch Universalismus fördern. Einer der Schlüssel dabei ist die vom Islam geförderte soziale Psychologie. Entscheidend ist hier eine Geisteshaltung, die das Entstehen eines nationalistischen Denkens hindert.

     

    Eine solche Einstellung ist heute nötiger denn je, da viele Menschen mit neuen Formen übernationaler Organisation ringen. Wird es dem Islam – seitens seiner Gegnern wie seiner Anhänger – ermöglicht, an einem neuen globalen Kompromiss für die Lösung der nationalistischen Frage mitzuwirken, wäre der Menschheit gedient.

     

    Quelle: islamische-zeitung