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    Der Aufgabenbereich der Rechtsgelehrten (Teil 4): Der „Fiqh“ in den heiligen Schriften

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    Im Folgenden soll das Wort „al-Fiqh“ gemäß des heiligen Qur’an und den reinen Überlieferungen definiert werden, damit ersichtlich wird, wer der wahrhaftige Faqih ist, von dem die reinen Überlieferungen sprechen.

     

     

    4.1 Der heilige Qur‘an

     

    Allah (t.) sagt im heiligen Qur’an:

     

    فَلَوْلاَ نَفَرَ مِنْ كُلِّ فِرْقَة ٍ مِنْهُمْ طَائِفَة ٌ لِيَتَفَقَّهُوا فِي الدِّينِ وَلِيُنذِرُوا قَوْمَهُمْ إِذَا رَجَعُوا إِلَيْهِمْ لَعَلَّهُمْ يَحْذَرُونَ

     

    Warum zieht denn nicht aus ihrer jeder Schar eine Gruppe aus, auf dass sie wohl bewandert würden in der Religion und nach ihrer Rückkehr zu ihrem Volk es warnen könnten, dass es sich vor Übel hüten mag?[1]

     

    Dieser reine Vers gehört sicherlich zu den deutlichsten Versen, wenn es darum geht, die Bedeutung des Wortes „Fiqh“ aus dem heiligen Qur’an zu extrahieren. Viele Qur’anexegesen und Gelehrte haben diesen Vers herangezogen, um verschiedene Thematiken zu analysieren, seien es Themen, welche unter „Usool al-Fiqh“ (أصول الفقه) fallen, wie beispielsweise die „Beweiskraft der einzeln übertragenen Überlieferungen“[2], oder aber Themen, welche unter der Rechtsprechung fallen, wie beispielsweise die Notwendigkeit der Anstrengung bzw. Auswanderung zum Erlangen von Wissen. An dieser Stelle soll es jedoch primär darum gehen, aus dem heiligen Vers eine exakte Definition des Wortes „al-Fiqh“ zu extrahieren.

     

    Dieser reine Vers verpflichtet die Menschen dazu – sei es eine bestimmte Anzahl von ihnen oder allesamt [3] – ein tiefgründiges und detailliertes Verständnis von der Religion zu erlangen und dies wird durch den Wortlaut „liyatafaqahu fi-al-Deen“ (rot markiert) deutlich. Nachdem der heilige Vers die Aufgabe des religiösen Verständnisses deutlich gemacht hat, erklärte er auch die Verpflichtung derjenigen, die dieses Verständnis erlangt haben. Der Buchstabe „Lām[4]“, welcher vor „Yundhir“ (deutsch: „warnen“ – ينذر – blau markiert) verwendet wurde, bezeichnet das „Lām“ des Befehls[5]. Das bedeutet, dass aufgrund dieses Buchstaben vor dem Wort „warnen“, wir davon ausgehen können, dass die Warnung verpflichtend ist für diejenigen, die sich in der Religion vertieft und das tiefgründige Verständnis erlangt haben.

     

    Weiterhin sagt der heilige Vers: „idha raja’u ilaihim“ (deutsch: „wenn sie zu ihnen zurück kehren“ – grün markiert). Aus diesem Abschnitt wird die Notwendigkeit der Auswanderung[6] zum Zweck der Wissenserlangung deutlich und dass der Gläubige nach dem Erlangen dieses Wissens zu seinem Volk zurück kehren soll, auf das er sie warnen möge. Aus diesem Grund sagte der Gesandte Allahs (s.):

     

    „Strebt nach Wissen und sei es in China. Das Streben nach Wissen ist eine Aufgabe für jeden Muslim.“[7]

     

    Damit lassen sich folgende drei Punkte aus diesem heiligen Vers ziehen, welche im Folgenden zusammengefasst werden sollen.

     

    Die Menschen (oder eine Gruppe von ihnen) sind verpflichtet, das tiefgründige Verständnis in der Religion zu erlangen und nicht nur in Ĥalāl / Ĥarām-Angelegenheiten.

     

    Nachdem diese Gruppe ein tiefgründiges Verständnis erlangt hat, sind sie verpflichtet, ihre Gemeinde zu warnen und zu belehren.

     

    Der heilige Vers bestätigt die Notwendigkeit zum Erwerb von Wissen, selbst wenn damit eine Auswanderung einher geht.

     

    Zusammenfassend lässt sich damit sagen, dass der heilige Vers den „Fiqh“ oder den „Tafaquh“ (التفقه) nicht nur in den Ĥalāl / Ĥarām-Angelegenheiten sieht, sondern hinsichtlich der gesamten Religion und dies wird durch den Vers deutlich: „auf das sie wohl bewandert sein mögen in der Religion.“

     

     

    4.2 Die reinen Überlieferungen

     

    Was die reinen Überlieferungen betreffen, so halten sie für das Wort „al-Fiqh“ eine ähnliche Bedeutung parat. Vor allem ist häufig die Rede von „yatafaqahu fi al-Deen“ (يتفقه في الدين), was so viel bedeutet wie „den Fiqh in der Religion erlangen“. Das bedeutet, dass stets die Rede vom „Fiqh“ in der (gesamten) Religion ist und nicht nur in bestimmten Gebieten. Dieser Wortlaut möge jedoch in den folgenden Überlieferungen mit „das tiefgründige Verständnis erlangen“ oder „Studium der religiösen Angelegenheiten“ übersetzt werden.

     

    الحسين بن محمد، عن جعفر بن محمد، عن القاسم بن الربيع، عن مفضل ابن عمر قال سمعت أبا عبدالله عليه السلام يقول: عليكم بالتفقه في دين الله ولا تكونوا أعرابا فإنه من لم يتفقه في دين الله لم ينظر الله إليه يوم القيامة ولم يزك له عملا

     

    Von Imam al-Sadiq (a.) wird berichtet, dass er sagte: „Euch obliegt das Studium in den Angelegenheiten der Religion Allahs und seid keine Beduine, denn derjenige, der nicht das tiefgründige Verständnis in der Religion Allahs (t.) erlangt, den beachtet Allah (t.) am Tage des Gerichts nicht und er darf keine Anerkennung seiner Taten erwarten.“[8]

     

    Der gleiche heilige Vers, der im vorigen Abschnitt als Beweis verwendet wurde, nimmt auch Imam al-Sadiq (a.), um den Menschen die Notwendigkeit des religiösen Studiums deutlich zu machen.

     

    علي بن محمد بن عبدالله، عن أحمد بن محمد بن خالد، عن عثمان بن عيسى عن على بن أبي حمزة قال: سمعت أبا عبدالله يقول تفقهوا في الدين فإنه من لم يتفقه منكم في الدين فهو أعرابي إن الله يقول ليتفقهوا في الدين ولينذروا قومهم إذا رجعوا إليهم لعلهم يحذرون

     

    „Studiert die Religion, denn wer von euch nicht das tiefe Verständnis in der Religion erlangt, der ist ein Beduine. Allah (t.) sagt in seinem heiligen Buch: „auf dass sie wohl bewandert würden in der Religion und nach ihrer Rückkehr zu ihrem Volk es warnen könnten, dass es sich vor Übel hüten mag“[9]

     

    Der Imam nutzt in beiden Fällen den Vergleich mit dem Beduinen. Dies soll kein Tadel oder Beleidigung gegenüber den Beduinen sein, sondern zeigt eine damalige Tatsache auf, nämlich, dass die Beduinen stets zu den Unwissenden gehört und sich von den Zentren des Wissens entfernt haben. Aus diesem Grund zeigt uns der Imam (a.) die Notwendigkeit zum tiefgründigen Wissen über die Religion Allahs (t.), sodass wir nicht im Kreis der Beduinen fallen und damit unwissend sind und die Gesetze Allahs (t.) nicht kennen, denn sonst würde diese Unwissenheit zum Unglauben, Irreleitung und Ungehorsam führen und damit zum Verlust des Dies- und Jenseits. Allah (t.) sagt im heiligen Qur’an:

     

    قَالَتِ الأَعْرَابُ آمَنَّا ۖ قُلْ لَمْ تُؤْمِنُوا وَلَكِنْ قُولُوا أَسْلَمْنَا وَلَمَّا يَدْخُلِ الإِيمَانُ فِي قُلُوبِكُمْ

     

    Die Beduinen sprechen: „Wir glauben.“ Sprich: „Ihr glaubet nicht; saget vielmehr: „Wir haben den Islam angenommen“, denn der Glaube ist noch nicht eingezogen in eure Herzen“[10]

     

    Die Überlieferungen zeigen uns auch deutlich, dass derjenige, der nicht das tiefgründige Verständnis in der Religion Allahs (t.) erlangt, er am Tage des Gerichts von Allah (t.) unbeachtet bleibt und seine Taten besitzen keinerlei Wert. Derjenige, der ohne Wissen handelt, gleicht einem Reisenden, der ohne einen Weg reist.

     

    عدة من أصحابنا، عن أحمد بن محمد بن خالد، عن أبيه، عن محمد بن سنان عن طلحة بن زيد قال: سمعت أبا عبدالله عليه السلام يقول: العامل على غير بصيرة كالسائر على غير الطريق لا يزيده سرعة السير إلا بعدا

     

    Von Imam al-Sadiq (a.) wird überliefert, dass er sagte: „Der Handelnde ohne Verständnis ist wie ein Reisender ohne einen Weg. Seine Reisegeschwindigkeit führt zu nichts, außer zur Entfernung.“[11]

     

    Solch eine Person kennt nicht die Angelegenheiten, welche ihn zu Allah (t.) näher bringen und welche ihn von Allah (t.) entfernen und damit werden seine Taten bei Allah (t.) nicht gesegnet sein. In einer anderen Überlieferung über Imam al-Baqir (a.) heißt es:

     

    علي بن إبراهيم، عن أبيه، عن ابن أبي عمير، ومحمد بن يحيى، عن أحمد ابن محمد، عن ابن أبي عمير، عن سيف بن عميرة، عن أبي حمزة، عن أبي جعفر عليه السلام قال: عالم ينتفع بعلمه أفضل من سبعين ألف عابد.

     

    „Ein Wissender, der Nutzen aus seinem Wissen zieht, ist besser als 70.000 Gottesdiener.“[12]

     

    Weiterhin macht Imam al-Sadiq (a.) die Notwendigkeit zum tiefgründigen Verständnis mit folgender Überlieferung deutlich:

     

    محمد بن إسماعيل، عن الفضل بن شاذان، عن ابن أبي عمير، عن جميل بن دراج، عن أبان بن تغلب، عن أبي عبدالله عليه السلام قال: لوددت أن أصحابي ضربت رؤوسهم بالسياط حتى يتفقهوا

     

    „Wenn es doch so wäre, dass die Peitschenhiebe über den Köpfen meiner Gefährten wäre, damit sie das tiefgründige Verständnis erlangen.“[13]

     

    Diese Überlieferung zeigt die Notwendigkeit des „Tafaquh“ (التفقه) am deutlichsten.

     

    علي بن محمد، عن سهل بن زياد، عن محمد بن عيسى، عمن رواه، عن أبي عبدالله عليه السلام قال: قال له رجل: جعلت فداك رجل عرف هذا الامر، لزم بيته ولم يتعرف إلى أحد من إخوانه؟ قال: فقال: كيف يتفقه هذا في دينه

     

    Ein Mann kam zu Imam al-Sadiq (a.) und sagte: „Möge ich dir geopfert werden, ein Mann hat diese Angelegenheit erkannt [14] und so verbarrikadierte er sich in sein Zuhause und lernt keinen von seinen Brüdern kennen.“ Der Imam (a.) sagte: „Und wie soll er (in diesem Zustand) das tiefgründige Verständnis seiner Religion erlangen?“[15]

     

    Der Glaube dieses Mannes war korrekt, denn er war ein Anhänger der Rechtsschule der Ahl al Bayt (a.), jedoch ging er nicht mehr aus dem Haus und pflegte keinen Kontakt mit seinen Brüdern, welche (ebenso) Anhänger der Ahl al Bayt (a.) waren und damit war es ihm nicht möglich, sich mit ihnen auszutauschen und von ihnen zu lernen. Der Imam (a.) wollte mit seiner Frage darauf hinaus, dass es nicht ausreichend ist, dass jemand lediglich einen richtigen Glauben besitzt, jedoch nicht sein Wissen ausweitet bis er zum tiefgründigen Verständnis in der Religion Allahs (t.) kommt. Es ist unzureichend, dass jemand lediglich sagt, dass er der Ahl al Bayt (a.) folgt, jedoch nicht von denjenigen lernt, welche gefestigt im Wissen sind. Damit ist es notwendig, dass derjenige, welcher der Rechtsschule der Ahl al Bayt (a.) folgt, auch bestrebt ist, sein Wissen in der Religion zu vertiefen und offen gegenüber seinen Brüdern ist und sich mit ihnen austauscht.

     

    Nun mag man in der heutigen Zeit den Einwand erheben, dass der Austausch nicht mehr nötig ist, da heutzutage jeder imstande ist, Zuhause Predigten und Lektionen zu hören und von ihnen zu lernen. Dies ist möglich, jedoch ist die Gefahr zu groß, dass ein falsches Bild oder ein falsches Verständnis übermittelt wird und deshalb ist der Austausch mit anderen Geschwistern notwendig, welche mit ihm studieren und forschen, sodass sie einander beistehen und eventuelle Missverständnisse klären können. Deshalb heißt es in einer Überlieferung, dass der Gläubige das Spiegelbild des Gläubigen ist [16]. Durch diesen Austausch und das Forschen und Lernen ist das religiöse Verständnis zu erlangen.

     

    Ein weiterer Punkt, den uns diese reine Überlieferung deutlich macht ist, dass die Zurückhaltung und die Isolierung von der Gemeinschaft nicht zur Tradition und Verfahrensweise der Ahl al Bayt (a.) gehört, wie einige es fälschlicherweise behaupten.

     

    Wie uns nun aus dem heiligen Qur’anvers und zahlreichen Überlieferungen deutlich wurde, gibt es einen speziellen Verweis auf das tiefgründige und detaillierte Studium der religiösen Angelegenheiten und diese beschränken sich nicht nur auf die Ĥalāl / Ĥarām-Angelegenheiten, sondern umfassen sämtliche Aspekte der Religion.

     

     

    [1] Der heilige Qur’an: Sure 9, Vers 122

    [2] Ĥudschiyyat al-Khabar al-Waĥed – حجية الخبر الواحد

    [3] Der heilige Vers deutet jedoch darauf hin, dass diese Verpflichtung nicht allen Menschen obliegt, sondern nur eine Gruppe von ihnen und dies wird am Anfang des Verses deutlich: „Warum zieht denn nicht aus ihrer jeder Schar eine Gruppe aus, …“

    [4] Arabischer Buchstabe, der mit dem deutschen „L“ zu vergleichen ist.

    [5] لام الأمر – Das Lām des Befehls

    [6] Mit Auswanderung ist nicht unbedingt die örtliche Wanderung gemeint. Beispielsweise sind die Menschen, welche in der heiligen Stadt Nadschaf (Irak) leben, zur tiefgründigen Vertiefung in der Religion verpflichtet, jedoch müssen sie dafür nicht auswandern, da sich in ihrer heiligen Stadt eine der größten islamwissenschaftlichen Institutionen befindet.

    [7] Al-Schaykh Muĥammad Al-Ray Schahri: „Mizan al-Ĥikma“, Band 3, S. 2070, Hadithnummer 13740, Jahr 1416 n.d.H.

    [8] Al-Schaykh al-Kulayni: „Usool al-Kāfi“, Band 1, „Kitāb Fadhl al-`Ilm“, Bāb Fardh al-`Ilm wa wujub ţalbihi wa al- Ĥath `aleih, S. 31, Hadithnummer 7

    [9] Al-Schaykh al-Kulayni: „Usool al-Kāfi“, Band 1, „Kitāb Fadhl al-`Ilm“, Bāb Fardh al-`Ilm wa wujub ţalbihi wa al- Ĥath `aleih, S. 31, Hadithnummer 6

    [10] Der heilige Qur’an: Sure 49, Vers 14

    [11] Al-Schaykh al-Kulayni: „Usool al-Kāfi“, Band 1, „Kitāb Fadhl al-`Ilm“, Bāb man `amala bighayr `Ilm, S. 43, Hadithnummer 1

    [12] Al-Schaykh al-Kulayni: „Usool al-Kāfi“, Band 1, „Kitāb Fadhl al-`Ilm“, Bāb Sifat al-`Ilm wa Fadhlihi wa Fadhl al-`Ulamā, S. 33, Hadithnummer 8

    [13] Al-Schaykh al-Kulayni: „Usool al-Kāfi“, Band 1, „Kitāb Fadhl al-`Ilm“, Bāb Fardh al-`Ilm wa wujub ţalbihi wa al- Ĥath `aleih, S. 31, Hadithnummer 8

    [14] Mit dem Ausdruck „hat diese Angelegenheit erkannt“ ist gemeint, dass dieser Mann ein Anhänger der Rechtsschule der Ahl al Bayt (a.) wurde

    [15] Al-Schaykh al-Kulayni: „Usool al-Kāfi“, Band 1, „Kitāb Fadhl al-`Ilm“, Bāb Fardh al-`Ilm wa wujub ţalbihi wa al- Ĥath `aleih, S. 31, Hadithnummer 9

    [16] Al-Schaykh Muĥammad Al-Ray Schahri: „Mizan al-Ĥikma“, Band 1, S. 208, Hadithnummer 1442

     

     

    Quelle: http://alhaydari.de/rechtswissenschaft/der-aufgabenbereich-der-rechtsgelehrte/111-4-der-qfiqhq-in-den-heiligen-schriften.html