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    Der Aufgabenbereich der Rechtsgelehrten (Teil 6): Die Umsetzung in der heutigen Zeit

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    Bis zu diesem Punkt sollten folgende Aspekte klar geworden sein.

     

    -Der Prophet (s.), sowie die Ahl al Bayt (a.) hatten zwei Aufgaben: den Islam zu lehren und den Islam in das Leben der Menschen umzusetzen

     

    -Die „Fuqahā“ (Rechtsgelehrten) werden laut den reinen Überlieferungen als Erben und Anvertrauten der Propheten bezeichnet

     

    -Der Begriff „Fuqahā“ ist die Mehrzahl des Wortes „al-Faqih“, was von „al-Fiqh“ abgeleitet wird

     

    -Der „Fiqh“ im allgemeinen Sprachgebraucht bezeichnet die Rechtswissenschaft (Ĥalāl / Ĥarām-Angelegenheiten) – diese Definition wird jedoch vom heiligen Qur’an und den reinen Überlieferungen nicht vertreten

     

    -Der „Fiqh“ laut dem heiligen Qur’an betrifft sämtliche Aspekte der Religion

     

    -Die Religion ist laut dem heiligen Qur’an ein Zusammenschluss der Glaubensinhalte und der Taten

     

    -Schlussfolgerung: Die Fuqahā sind laut dem heiligen Qur’an nicht nur Gelehrte, welche sich mit der Rechtswissenschaft auseinander gesetzt haben, sondern Gelehrte hinsichtlich der gesamten Religion, seien es Glaubensüberzeugungen oder Praktiken. Wenn wir sagen, dass sie Gelehrte hinsichtlich der gesamten Religion sind, dann auch in jeglichen Aspekten des Lebens, denn die Religion ist eine Verfahrensweise, um das Leben zu beschreiten. Dazu gehören auch gesellschaftliche, politische, soziale und ökologische, sowie wirtschaftliche Aspekte.

     

    Es stellt sich nun die Frage, wie die heutigen Fuqahā die beiden Aufgaben des Propheten (s.) und der reinen Imame (a.) in dieser Zeit umzusetzen haben. Da wir in Erfahrung gebracht haben, dass sie ihre Erben und Anvertrauten sind, sowie die Schutzmauer des Islams darstellen, müssen auch sie die Verantwortung dafür übernehmen, diese beiden schwerwiegenden Aufgaben (stellvertretend) zu übernehmen.

     

     

    6.1 Die Umsetzung der ersten Aufgaben (Marja’iyya)

     

    Die religiöse Institution der Rechtsgelehrten (al-Marja’iyya) bezeichnet die Umsetzung der ersten Aufgabe. So wie der heilige Prophet (s.) den Menschen die Religion verdeutlicht hat, so verdeutlichen die Rechtsgelehrten die Religion des Gesandten Gottes (s.) den Menschen. Es ist ihre Aufgabe den Anhängern der Rechtsschule der Ahl al Bayt (a.) jegliche Fragen zu beantworten und ihre Zweifel hinsichtlich kritischer Themen zu nehmen. Des Weiteren ist es ihre Aufgabe, das Selbstbewusstsein der Anhänger der Rechtsschule zu erhalten und ihnen die Sicherheit zu geben, dass sie auf dem richtigen Weg sind, indem die fehlerhaften Glaubensüberzeugungen anderer Rechtsschulen aufgezeigt und widerlegt werden. Die religiösen Rechtsgelehrten sind in dieser heutigen Zeit der Angriffe, seien diese aus fremden oder den eigenen Reihen, ein Schutzwall des Islams und es ist ihre Aufgabe, die göttliche Botschaft mit dem Segen des erwarteten Imams (möge Allah sein Erscheinen beschleunigen) zu erhalten.

     

    Allerdings ist es berechtigt zu fragen, wer konkret unter einem Rechtsgelehrten fällt? Ist jeder, der Gelehrtenkleidung und einen Turban trägt, ein Rechtsgelehrter, auf den die reinen Überlieferungen zutreffen, oder betreffen sie eine spezielle Gruppe der Gelehrten, welche bestimmte Eigenschaften erfüllen müssen? So wird uns von Imam Ĥassan al-`Askari (a.) überliefert, dass er sagte:

     

    فأما من كان من الفقهاء صائنا لنفسه ، حافظا لدينه ، مخالفا على هواه ، مطيعا لامر مولاه ، فللعوام أن يقلدوه

     

    Es wird von Imam Hassan al-Askari (a.) überliefert, dass er sagte: „Wer von den Fuqaha (Rechtsgelehrten) sich selbst zügelt, seine Religion schützt, gegen seine Neigung und nach dem Befehl seines Herrn handelt, so müssen die normalen Menschen ihn nachahmen.“[1]

     

    Die Rechtsgelehrten müssen bestimmte Eigenschaften erfüllen, damit sie unter den Beschreibungen der reinen Ahl al Bayt (a.) fallen. Damit ist es wichtig, die falschen Gelehrten von den wahrhaftigen zu unterscheiden und nicht stets auf die Kleidung oder den Turban zu achten und davon ausgehen, dass ein jeder, der Gelehrtenkleidung trägt, auch ein Schutzwall des Islams ist. Manche Personen sehen äußerlich wie gottesfürchtige Gelehrte aus, schaden jedoch dem Islam und der wahrhaftigen Lehre mehr als die Feinde, denn der Feind ist eine offensichtliche Erscheinung. Der falsche Gelehrte jedoch gibt äußerlich vor, das Wohl des Islams anzustreben, innerlich ersucht er jedoch durch Täuschung und falsche Vorgehensweisen den Islam zu schaden und Zwietracht zwischen den Muslimen zu stiften und sie zu spalten. Aus diesem Grund bedarf es großer Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, die wahrhaftigen und falschen Gelehrten voneinander zu unterscheiden.

     

    Was die wahrhaftigen und gottesfürchtigen Rechtsgelehrten angeht, von denen die reinen Überlieferungen sprechen, so tragen sie die Verantwortung für die Erfüllung der ersten Aufgabe und diese ist die Erklärung und Verdeutlichung der Religion Allahs.

     

    Als „Marja`iyya“ bezeichnet man damit in der heutigen Zeit die Institution, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Angelegenheiten der Anhänger der Rechtsschule der Ahl al Bayt (a.) zu verwalten. Essentieller Bestandteil dieser Institution ist die Rückkehr der Anhänger dieser Rechtsschule, bei Fragen, Missverständnissen oder Zweifel, zu den Rechtsgelehrten, welche diese Institution vertreten. Das Wort „al-Marja`iyya“ (المرجعية) leitet sich vom Wort „al-Marji`“ (المرجع) ab, was den religiösen Rechtsgelehrten bezeichnet, der zur selbstständigen Rechtsfindung (Idschtihād) befugt ist und zu dem die Gläubigen bei Rechtsfragen zurück kehren müssen. Ein Marja` ist damit ein Vorbild der Nachahmung, bei dem ein Gläubiger „Taqlid“ machen kann.[2] Ein Gläubiger kann somit eine von drei Positionen einnehmen. Er ist entweder:

     

    -Mujtahid (befugt zur selbstständigen Rechtsfindung)

    -Muqalid (folgt einem Vorbild der Nachahmung)

    -Muĥtāţ (folgt dem Prinzip der Vorsorge)

     

    Der gläubige „Faqih“, gemäß dem heiligen Qur’an, muss damit in jedem Fall ein „Mujtahid“ und damit befugt zur selbstständigen Rechtsfindung sein, sodass er durch fundiertes Wissen und Studium fähig ist, Rechtsurteile aus den heiligen Quellen zu extrahieren. Dabei darf er sich nicht lediglich auf Ĥalāl / Ĥarām-Angelegenheiten beschränken, sondern muss sämtliche Bereiche der Religion abdecken.

     

     

    6.2 Die Umsetzung der zweiten Aufgabe (Wilāyat al-Faqih)

     

    Wir haben in den vorherigen Analysen deutlich aufzeigen können, dass der Gesandte Allahs (s.) und die reinen Führer aus seiner Familie (a.) mit zweierlei Aufgaben beauftragt waren:

     

    -Die Deutung und Erklärung der Religion

    -Die Umsetzung der Religion in das Leben der Menschen

     

    Als Erben und Anvertraute des Propheten (s.) war es die Aufgabe der gläubigen und gottesfürchtigen Fuqahā, diese beiden Aufgaben auch in der Zeit der großen Verborgenheit fortzuführen. Die Umsetzung der ersten Aufgabe war die religiöse Institution der Rechtsgelehrte (Marja`iyya). Wie wird jedoch in der Zeit der großen Verborgenheit die zweite Aufgabe umgesetzt?

     

    Die Umsetzung der zweiten Aufgabe erfolgt mit dem Prinzip der Statthalterschaft des Rechtsgelehrten (Wilāyat al-Faqih). So wie die Marja`iyya damit beauftragt ist, die Religion in ihrer Gesamtheit den Menschen deutlich zu machen, so ist der Wali al-Faqih damit beauftragt, die Religion in das Leben der Menschen umzusetzen. Damit erstreckt sich seine Verantwortung über sämtliche Gebiete, welche das Leben des Menschen selbst betreffen. So wie der Prophet (s.) die finanziellen Angelegenheiten der Menschen verwaltete [3], Kriege führte und Verträge schloss, die Gemeinschaft vor Übergriffen schützte und viele weitere Aspekte tat, welche weit über das Erstellen von religiösen Rechtsurteilen hinausging, so war es auch die Aufgabe des Faqihs jene Angelegenheiten in der Zeit der großen Verborgenheit zu erfüllen, genauso wie es unzweifelhaft erwiesen ist, dass der Faqih sich auch um die religiösen Angelegenheiten der Menschen kümmern muss.

     

    Die Muslime werden auch in der Zeit der großen Verborgenheit von den Feinden angegriffen und es wird Zwietracht in den eigenen Reihen geschürt. Wirtschaftliche und politische Erschwernisse ereilen die Gemeinschaft und führen sie in die Verderbnis. Kann es da sein, dass der Faqih, welcher in den reinen Schriften als Schutzwall des Islams bezeichnet wird, zuhause sitzt und lediglich Rechtsurteile erstellt oder liegt seine Aufgabe darin, sowohl Rechtsurteile zu erstellen, als auch die Angelegenheiten der Muslime zu verwalten? Er muss sie vor Übergriffen schützen, er muss ein Kenner seiner Zeit sein, sowohl in politischen als auch in soziologischen Angelegenheiten muss er die Muslime verteidigen und die Botschaft am Leben erhalten. Nur dann treffen die reinen Überlieferungen auf ihn zu und nur dann kann er als Schutzwall des Islams bezeichnet werden.

     

    So wie die religiöse Institution der Rechtsgelehrten (Marja`iyya) die Umsetzung der ersten Aufgabe darstellt, so ist die Statthalterschaft des Rechtsgelehrten (Wilāyat al-Faqih) die Umsetzung der zweiten Aufgabe. Der Gesandte Gottes (s.), sowie die reinen Imame (a.) haben klar und deutlich angewiesen, wie sich die Menschheit in Zeit der Verborgenheit des 12. Imams zu verhalten hat.

     

    Die Vormundschaft (Wilāya) des Faqihs ist kein Ehrenamt und kein Papsttum, sodass die Menschen sie lediglich als Heiligtümer sehen, welche nichts für die Gemeinschaft tun. Der gläubige Faqih, von dem die reinen Überlieferungen sprechen, muss aktiv sein und die Gemeinschaft leiten und sie vor Übergriffen und Angriffen schützen und ihnen die Wahrheit aufzeigen und die Falschheit widerlegen. Der Faqih trägt damit eine gewaltige Last auf seinen Schultern und seine Verantwortung ist gewaltig. Aus diesem Grund kann nicht jeder dieses Amt bekleiden, sondern nur diejenigen, welche bestimmte Eigenschaften erfüllen und fähig sind, diese Position anzutreten. Aus diesem Grund ist es notwendig, dass Experten langjährig forschen und diesen Faqih finden, der tatsächlich alle Eigenschaften bestmöglich erfüllt und fähig ist, diese Last zu tragen. Nicht jeder, der sich als Faqih sieht ist fähig, dieses Amt zu bekleiden und nicht jeder, der sich als Faqih sieht, ist tatsächlich ein Schutzwall des Islams, sondern erst dann, wenn er die entsprechenden Eigenschaften erfüllt. Erst dann ist er ein Anvertrauter des Propheten (s.).

     

     

     

    [1] Al-Ĥurr al-`Ameli: „Wasa’el al-Shia“, „Kitab al-Qadhā”, Bāb 10, Hadithnummer 33401, Band 27, S. 131, Anmerkung zur Authenzität: Diese Überlieferung besitzt keine Überlieferungskette und kann damit nicht als Beweis herangezogen werden. Jedoch wird diese Überlieferung von mehreren Gelehrten, wie beispielsweise Imam Khomeini (r.) als Bestätigung für andere Überlieferungen genommen und darin besteht kein Problem.

    [2] Für weitere Informationen: Siehe die „empfohlenen Voraussetzungen“ (Taqlid – die religiöse Nachahmung)

    [3] Siehe den heiligen Qur’an: Sure 9, Vers 103

     

     

    Quelle: http://alhaydari.de/rechtswissenschaft/der-aufgabenbereich-der-rechtsgelehrte/113-6-die-umsetzung-in-der-heutigen-zeit.html