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    „Der Islam ist die Religion der Barmherzigkeit“

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    Mevlüde Genc 20 Jahre nach dem Solinger Brandanschlag. Von Johannes Nitschmann und Hüseyin Topel

     

    Mevlüde Genc kommt vom Arzt. Die 70-Jährige hat eine Nierenbeckenentzündung. Von den starken Medikamenten ist die Haut ihrer Hände angegriffen. Zum Schutz trägt sie weiße Handschuhe. Leid und Leiden prägen das Leben der gläubigen Muslima, die in der Nacht zum 29. Mai 1993 bei einem fremdenfeindlichen Brandanschlag auf ihr Haus in Solingen zwei Töchter, zwei Enkel und eine Nichte verloren hat. Zum 20. Jahrestag des Verbrechens gerät die Familie erneut ins mediale Rampenlicht, wofür Mevlüde Genc durchaus Verständnis zeigt. „Ich denke, dieser Anschlag ist ein Eintrag in die Geschichte dieses Landes.“

     

    An der Stelle des abgebrannten Hauses in der Unteren Wernerstraße 81 wachsen heute Kastanienbäume – fünf Bäume für fünf Mordopfer. Aus Respekt vor den Opfern wird hier nicht mehr gebaut. Mit Spenden und Geld aus Versicherungen hat die türkische Großfamilie am Rande der Innenstadt ein Mehrfamilienhaus bezogen. Im Wohnzimmer steht ein weißes Holzregal mit Ehrungen, zum Beispiel für „die Mutter des Jahres 2012“. Daneben hängt eine Galerie von Fotos deutscher und türkischer Spitzenpolitiker, die sich nach dem Anschlag um die Familie kümmerten. Ein enger Freund wurde der damalige NRW-Ministerpräsident und spätere Bundespräsident Johannes Rau, der nach dem Anschlag daran dachte, seine Ämter niederzulegen.

     

    Mevlüde Gencs Blick wandert vom Sofa in dem akkurat aufgeräumten Wohnzimmer immer wieder zum kleinen Monitor über dem Fernseher. Dort flimmern Bilder einer Überwachungskamera, die das Eisentor am Hauseingang im Fokus hat – und unwillkürlich an das Verbrechen vor 20 Jahren erinnert. Die Gencs empfinden die Videokamera als Schutz und „Fenster nach draußen“. Das Misstrauen ist nach wie vor groß. „Es hat sich nur minimal etwas zum Besseren gewendet“, klagt Mevlüde Genc. „Deutsche und Türken haben nicht gelernt, uns und unsere gegenseitigen Probleme zu verstehen.“ Auch weitere Brandanschläge von Rechtsextremisten seien erfolgt. „Es sind unwissende junge Leute“, sagt Genc mit Resignation in ihrer Stimme. „Was soll man dagegen tun?“

     

    Im Mordprozess gegen die vier jugendlichen Brandstifter hatte sie vor 19 Jahren als Zeugin ausgesagt: „Ich bin jetzt 51, aber mein Herz ist 90. Ich bin eine lebende Leiche.“ Die Zeit heilt nicht alle Wunden. „Als Mutter macht es für mich keinen Unterschied, ob 5, 10 oder 20 Jahre vergangen sind. Für mich ist der Schmerz jeden Tag der gleiche.“ Sie habe nachts geweint und sich tagsüber um ihre anderen Kinder gekümmert. „Meine Tränen habe ich nicht gezeigt.“

     

    Nach langjährigen Jugendstrafen sind die vier Täter längst wieder frei. Nie hätten sie versucht, Kontakt zur Familie ihrer Opfer aufzunehmen, so Genc. „Es gab keinen Versuch, Reue zu zeigen oder sich bei uns zu entschuldigen.“ Dennoch hegt die Muslima gegenüber den Mördern keine Rachegedanken. „Der Islam ist die Religion der Barmherzigkeit. Ich wünsche mir, dass Gott den Tätern vergibt. Wenn Gott vergibt, dann werden die Menschen auch vergeben.“

     

    Ebenso wenig wie an Rache hat Mevlüde Genc an eine Rückkehr in die Türkei gedacht. Stattdessen hat sie 1995 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. „Ich will Deutsche sein.“ Im Alter von 27 Jahren sei sie in die Bundesrepublik gekommen und habe sich an das Leben hier sehr gewöhnt. „In Solingen kenne ich jede Straße. Heute könnte ich in der Türkei gar nicht so leben wie hier.“ Inzwischen hat sie elf Enkelkinder im Alter zwischen sieben Monaten und 22 Jahren. In Gesprächen mit ihrem Nachwuchs bleibt die Tatnacht für die Großmutter tabu. „Ich will meine Enkel nicht belasten.“

     

    Es sei der Glaube, der ihr die Kraft gegeben habe, nur wenige Tage nach dem Brandanschlag mit einer versöhnlichen Geste auf die Deutschen zuzugehen und ihnen zuzurufen: „Lasst uns Freunde bleiben!“ Dies habe sie seinerzeit durchaus „große Überwindung“ gekostet, bekennt Mevlüde Genc. Aber was anderes außer Liebe könne ein Mensch geben? „Ich musste dies aussprechen.“

     

    Quelle: KNA