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    Der Muslim, die andere Art Woyzeck?

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    Ein Debattenbeitrag von Wolf D. Ahmed Aries zur öffentlichen Bewertung der aktuellen Studie über muslimische Jugendliche

     

    Wer den Blog von Serdar Günes‘ aufruft, der entdeckt eine Seite, auf der die wohl meisten, wenn nicht fast alle Untersuchungen zu Fragen des Islam in diesem Lande aufgeführt sind. So wurden „die“ Muslime in ihren unterschiedlichsten gesellschaftlichen „Vorkommen“ analysiert, um nicht seziert zu schreiben.

     

    Es sind in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten 197, das heißt in der Zeit von 1994 bis 2012, wurden die Muslime in Deutschland rund zweihundert Mal befragt, wer sie denn seien, was sie tun, denken oder was sie von was halten. Die veröffentlichten Berichte umfassten nicht nur eine überschaubare Anzahl von Seiten, sondern waren teilweise hoch differenzierte Arbeitsberichte von mehreren hundert Seiten.

     

    Man befragte Muslime, aber redete nicht mit ihnen. Die Muslime reagierten ihrerseits mit Stellungnahmen, in denen auf die Missverständnisse in den Untersuchungen, die Fehlinterpretationen ihres Glaubens und christlichen beziehungsweise säkularen Unterstellungen aufgegriffen wurden. Leider fehlte den muslimischen Verbänden bisher das Geld, um eigene Feldforschung dagegen zu setzen; zugleich machte sich eine soziale Aufsteigerproblematik der ersten und zweiten Genration bemerkbar: Man hatte nämlich nur die Fächer studiert, von denen man hoffen konnte, möglichst rasch (viel) Geld zu verdienen: Medizin, Jura, Ingenieurwissenschaften u.a.m.

     

    Die Diskurse zur Integration beziehungsweise zum Islam aber wurden und werden von den Sozialwissenschaften geführt. Sie stellen ihren Methodenapparat zur Verfügung, das heißt Fragebogen, strukturierte und nicht strukturierte Interviewformen, statistische Methoden, Verhaltensbeobachtungen u.a.m.

     

    Politiker, Journalisten und andere Laien übersetzten die Ergebnisse anschließend, sodass Schlagzeilen entstanden, mit denen hausieren gegangen werden konnte. Die Wissenschaftler mochten dagegen protestieren, was kümmerte es jene, die ihre politischen Botschaften schon unter die Leute gebracht hatte.

     

    So erging es auch der neuesten Studie zu den „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“. Zwar warnten ihre Autoren davor, dass „diese und die folgenden Prozentangaben keinesfalls weder auf alle in Deutschland lebenden Muslime im Allgemeinen noch auf alle in Deutschland lebenden jungen Muslime im Alter von 14 bis 32 Jahren hochgerechnet werden und dürfen“, doch welcher Journalist oder Politiker kümmert sich um solche wissenschaftlichen Bedenken. Sie gebrauchen das, was ihnen dient. Man könnte auch sagen, dass sie die Wissenschaft missbrauchten, um mit dem Renommee der Wissenschaft Tagespolitik zu betreiben.

     

    Hinzu kommt, dass Laien zuerst und häufig nur die Zusammenfassungen lesen und nicht die Texte der Untersuchungen selber, weil sie deren Fachbegriffe ebenso wenig verstehen wie die Statistiken, mit denen die Untersucher ihre Ergebnisse erarbeiteten. Das gilt auch für die Annahmen, auf denen die Untersuchungen beruhen. Hierauf hat vor allem Naika Foroutan (FU Berlin) aufmerksam gemacht.

     

    Sie zeigte, dass entgegen der bisherigen Kriterien der Struktur (Bildung, Arbeitsmarkt), soziale Integration (Freundschaft, Vereine) und kulturelle Aspekte gleich Sprache in dieser Untersuchung zum (ersten Male) der Schwerpunkt bei den Gefühle. Allerdings erfasste man sie mit nur wenigen Fragen, unter denen es unter anderem um den Kontakt mit Muslimen und Deutschen ging, das heißt man verglich die Nationalität der einen mit der Religion der anderen. Für einen säkularen Staat ist dies eine erstaunliche Mixtur.

     

    Dazu wurden vor allem Schüler angesprochen und nicht muslimische Wehrpflichtige, Polizisten, Universitätsdozenten oder Beamtenwärter zum Beispiel des auswärtigen Dienstes. Ihre wachsende Zahl bestätigt die Ergebnisse anderer Befragungen, die von einer zunehmenden Integration sprechen.

     

    Und so kann man Dr. Foroutan nur zustimmen, wenn sie den Verdacht äußert, es ginge den Auftraggebern, dem BMI, darum die bisherigen Integrationsfortschritte durch eine neue Spiraldrehung – von den Sachfragen zu den Gefühlen – zu forcieren, in dem man die Messlatte nach oben legt. Dieser Gestus erinnert an die Integration der Hugenotten beziehungsweise der Flüchtlinge nach 1945.

     

    Leider gibt es eine weitere und zu meist übersehene Entwicklung. Die Populismusforschung zeigt nämlich, dass sich die religiöse Minderheit der Muslime ähnlich verhält wie die Gesamtbevölkerung. Auch hier gibt es extreme Positionen. Während sich das eine Extrem verharmlosen lässt, kann man das andere gebrauchen, missbrauchen.

     

    So wird es Zeit, dass die muslimischen Verbände anfangen, ihre Schularbeiten zu machen, indem sie selber Forschungskapazitäten aufbauen, um eigenes vorzulegen. Wer in einer Mehrheitsgesellschaft ankommen will darf sich nicht auf öffentliche Symbole gleich dem Bau von Moscheen beschränken, sondern muss sich aktiv am gesellschaftlichen Diskurs mit eigenen Beiträgen beteiligen.

     

    Dazu gibt es bei DITIB das forege-Institut und die immer bestehende Gesellschaft muslimischer Sozial-und Geisteswissenschaftler(GMSG). Hinzu kommen die zahlreichen Promovierenden in den Sozialwissenschaften, um deren Doktorarbeiten sich einst Ismael Yavuzcan bei der GMSG kümmerte. Heute verschwinden sie in den Bibliotheken der Universitäten, wo sie niemand zur Kenntnis nimmt.

     

    Es ist die Frage, ob sich diese Situation mit der Entwicklung in den neuen Islam Zentren verändert. Der Vergleich mit der Integration der Heidelberger jüdischen Hochschule macht bewusst, wie lange so etwas dauert. Aber haben wir Muslime so viel Zeit, um nicht zu einem neuen Woyzeck zu werden? Allein Allah ta’ala weiß es.

     

    Quelle: islamische-zeitung.de