islamic-sources

    1. Startseite

    2. article

    3. Die Gemeinschaft (1)

    Die Gemeinschaft (1)

    Rate this post

     

    Ein Essay Youssef Zemhoute Die muslimische Gemeinschaft auf der ganzen Welt ist kein monolithischer Block. In ihr selbst finden sich heterogene Gesellschaften. Dabei spielt es keine Rolle, ob man die muslimischen Länder betrachtet oder muslimische Minderheiten im westlichen Ausland berücksichtigt. Konzentrieren wir uns jedoch auf die europäischen Muslime und, mehr noch, auf die deutschsprachigen Muslime.

     

    Hierzulande ist eine Pluralität unter den Muslimen nicht unbedingt als Hindernis zu behandeln. Um gesellschaftliche Barrieren zu überbrücken und eine gesunde Gesellschaft zu erzeugen, die das Grundgesetz und die Menschenrechte achtet, muss woanders angesetzt werden. Eigentlich ist es nicht wirklich ein rein muslimisches Problem, was im Folgenden erläutert und dekonstruiert wird. Es ist ein weltliches Problem, welches besonders in Industrieländern zu beobachten ist. Allerdings beschränkt sich dieser Essay auf die Muslime und versucht eine Annäherung aus islamischer Sicht zu erstellen.

    Betrachtet man heutzutage eine Gesellschaft, fallen zwei Dinge sofort auf: Keiner kennt den anderen.

     

    Jeder kämpft sich alleine durch (mit dem Irrglauben, wirklich alleine zu kämpfen). Wenn hier von „Kennen“ und von „Kämpfen“ die Rede ist, bedarf es eines erweiterten Verständnisses dieser Begriffe. Das „Kennen“ bezieht sich auf zwischenmenschliche Beziehungen, die jegliche Arten von Kommunikation und Kontakt implizieren. Mit dem „Kämpfen“ ist eine hochphilosophische Lebenseinstellung verbunden, nämlich der Ansicht, dass jeder im Leben kämpfen muss. Gegen wen und für was sei hier zweitrangig.

     

    Die Beziehungen, die ein Mensch von Geburt an hat, ist die zu seinen Eltern – sprich Vater und Mutter. Bei Muslimen kommen – in der Regel noch einige Geschwister – hinzu. Im Laufe der Kindheit und der Jugend gewinnt jeder Freunde, verliert sie und lernt neue Menschen kennen. Allerdings ist die Freundschaft ,wie wir sie heute kennen, selten tiefgründig und im Herzen verwurzelt. Sie ist lediglich eine Zweckgemeinschaft, die nicht etwa der Treue und dem Vertrauen an sich dient, sondern einem oder mehrerer Zwecke. Fallen die Zwecke weg, so fällt jede „Scheinfreundschaft“ in sich zusammen. Ich bin mir sicher, dass jeder mit dieser Schwierigkeit aufs Ungemütlichste vertraut ist.

     

    Der Unterschied zwischen Familie und Freundschaft ist, dass ersteres im Gegensatz zu Letzterem nicht wählbar ist. Daher kommt der Freundschaft im Islam ebenfalls eine besondere Rolle zu, wenn nicht gar eine maßgeblichere Bedeutung. Der Respekt gegenüber und die Achtung vor den Eltern sind selbstverständlich, auch wenn viele Jugendliche oder auch Erwachsene eine sehr schlechte Beziehung zu ihren Eltern haben. Einige müssen sogar damit leben, dass ihre Kinder (oder auch Eltern) nichts mit ihnen zu tun haben wollen – aus welchen Gründen auch immer.

     

    Diese und andere schwerwiegende Aspekte des alltäglichen Lebens gehören zum 1. Teil des Gesellschaftssystems: dem Kennen. Keiner kennt den anderen. Infolgedessen kommt eine zynische Ansicht über das Leben in dieser Gesellschaft auf, nämlich die scheinbare Tatsache, dass jeder alleine kämpft, um unabhängig zu sein beziehungsweise zu bleiben. Dies ist ein wahnwitziger Irrtum, denn der Mensch ist von seiner Geburt an abhängig. Selbst wenn er eine Arbeit hat, so ist er doch zumindest von jenem Arbeitsplatz abhängig ( wenn er nicht reich ist, was aber nur auf die allerwenigsten zutrifft). Nun heißt es also kämpfen, aber gegen wen?

     

    Für wen kämpfen wir eigentlich, wenn das Leben uns dazu zwingt zu kämpfen, und das tut es häufig? Ist es wert ein Leben zu führen, in welchem wir niemanden kennen außer uns selbst und den Kampf um uns selbst? Der fortschreitende Individualismus lässt uns allein diese Schlussfolgerung ziehen, aber Individualität und Egomanie sind nicht bedeutungsgleich.

     

    Das System, das uns zu dem gemacht hat, was wir sind und werden, begreift uns nur als Kaufkraft. Aber dieses System ist nicht vom Himmel herab gefallen und es funktioniert nicht, weil es perfekt ist, sondern, weil wir es uns herbei gerufen haben. Wir definieren uns heute allein durch den Glauben und die Frömmigkeit, was aber nicht stimmen kann, da die soziale Sphäre ein anderes Bild von der muslimischen Gemeinschaft gibt. Der Zerfall der Familie ist der beste Beweis dafür.

     

    Damit ist nicht eine geographische Entfernung gemeint, sondern eine soziale Basis, die nicht vorhanden ist. Es besteht kein sozialer Kontakt, ohne einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Sobald ein Zweck wieder aufkommt, wird die Kommunikation belebt. Hier heißt es, der Zweck heiligt die Mittel. Die Freundschaft ist nicht dazu da, um gegeneinander zu konkurrieren. Definitiv nicht im islamischen Glaubenssystem, welches die soziale Sphäre impliziert.

     

    Es ist sicher nicht möglich, die Stammesstrukturen wieder zu beleben, aber die Freundschaft und der Bezug zur eigenen Familie bleibt, solange noch Atem in der Lunge ist. Der regen, offenen und ehrlichen Kommunikation zum Wohle der eigenen Existenz und zum Wohle der Gemeinschaft steht nichts im Wege außer jede Person selbst.

     

    Eine besondere Rolle kommt hier den muslimischen Familien zu, die sesshaft sind. Ihnen ist es möglich, eine örtliche Stabilität herbei zu rufen – über die Moschee, die Arbeit und durch die freundschaftliche Einladung zum eigenen Hause. Die Festigkeit einer einzelnen Seele hängt davon ab, wovon wiederum die Einheit der so genannten Umma abhängig ist.

     

    Fakt bleibt in jedem Falle, dass wir alle, ob Muslim oder nicht, voneinander fliehen. Wir flüchten in den Abgrund einer oberflächlichen Existenz, die uns niemals erlauben wird, uns gegenseitig zu achten und anzuerkennen.

     

    Quelle: islamische-zeitung.de