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    Die göttliche Gerechtigkeit (Teil 1)

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    Wir Menschen würden diejenigen unter uns als gerecht bezeichnen, die bei ihren Urteilen die Prioritäten berücksichtigen, die Rechte des anderen akzeptieren, den Unterdrückten in Schutz nehmen und uns gegen die Unterdrückung und das Unrecht stellen.

     

    Solche Menschen sind nach unserem Empfinden gerecht und würdig. Dagegen wird ein Mensch, der die Rechte des anderen missachtet und sich in den Streitigkeiten (ungeachtet der Rechtslage) auf die Seite des Stärkeren stellt, als ungerecht bezeichnet und verachtet. Kann man die göttliche Gerechtigkeit auch so verstehen wie wir die Gerechtigkeit untereinander verstehen? Ist es überhaupt denkbar, den absoluten Gott menschlichen Gerechtigkeitsnormen zu verpflichten? Und überhaupt – wir gehen davon aus, dass die göttliche Gerechtigkeit nichts anderes ist als die Gerechtigkeit, die wir Menschen untereinander praktizieren. Ist denn so etwas auch praktikabel?

     

    Es bedarf keiner Erläuterung, dass in den zwischenmenschlichen Beziehungen Prioritäten und Vereinbarungen die Richtlinien der Gerechtigkeit bestimmen. Jeder Mensch hat ein individuelles Recht auf das Leben, auf seine Freiheit und auf seinen Besitz. Wenn sich nun ein Mensch an den Grundrechten des anderen vergreift, begeht er ein Unrecht, wie ist es aber? Gelten diese Prinzipien für die göttliche Gerechtigkeit auch? Natürlich nicht. Denn alles, was wir besitzen, hat Gott uns gegeben. Wir besitzen, weil Er, Gott, uns das Besitzen gewährt.

     

    Es ist vergleichsweise so, als wenn ein Vater seinen Kindern Spielzeuge kauft. Die Kinder dürfen damit spielen, und betrachten es auch als ihr Eigentum. Aber der wahre Besitzer ist der Vater. Gott, der Erhabene, ist der Schöpfer und damit der unbestreitbare und alleinige Besitzer des Universums und dessen, was es beinhaltet.

     

    Wir lesen im Quran in der 59. Sure : Vers 1:

    „Alles, was in den Himmeln, und alles, was auf Erden ist, preist Allah; und Er ist der Erhabene, der Allweise.“

     

    Und 11. Sure : Vers 123:

    „Und Allahs ist das Verborgene in den Himmeln und auf der Erde, zu Ihm werden alle Angelegenheiten zurückgebracht werden. So bete Ihn an und vertraue auf Ihn; und dein Herr ist nicht achtlos eures Tuns.“

     

    Deshalb ist jede Besitznahme Gottes in der Schöpfung eine Besitznahme von etwas, was ihm selbst gehört. Niemand hat Gott gegenüber Anspruch auf irgendetwas. Und in diesem Sinne ist die Ungerechtigkeit seitens Gottes ausgeschlossen. Und zwar nicht, weil die Ungerechtigkeit etwas Schlechtes ist und auch nicht deshalb, weil Gut und Schlecht bezogen auf Gott keine Bedeutung haben, sondern einfach deshalb, weil niemand außer Gott in Wahrheit etwas besitzt. Ja, uns steht alles zur Verfügung. Wir dürfen es auch benutzen. Aber zeitlich begrenzt. Eben so lange, wie Gott es uns gewährt. Der alleinige Besitzer bleibt aber immer Gott. So gesehen ist Gott weder gerecht noch ungerecht. Denn niemand außer Gott besitzt etwas, was Gott ihm ungerechterweise wegnehmen könnte. Gibt es nun aber für den Begriff Gerechtigkeit eine höhere Bedeutung so dass man Gott neben seinen Eigenschaften wie allmächtig, allwissend auch in einem höheren Sinne als gerecht bezeichnen kann? Wir wissen, dass diese Begriffe – Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit – einen besonderen Stellenwert im Koran finden. Wie ist nun die Bewertung dieser Begriffe im Koran?

     

    Diesen Fragen werden wir in unseren weiteren Überlegungen nachgehen. Was aber ohne jeden Zweifel feststeht, ist, dass in der Botschaft aller Propheten ohne Ausnahme das Augenmerk auf die Gerechtigkeit gelenkt worden ist. Die Beziehung des Menschen zu Gott ist eine Beziehung des Bedürftigen zu dem Allmächtigen, eine Beziehung des Geschöpfes zum Schöpfer. Diese Beziehung beschränkt sich nicht nur auf die Basis des Verstandes, der Argumente und der Logik, sie wird vielmehr von Herzlichkeit, Gnade und Liebe erwärmt. Dann muss doch auch eines der Attribute Gottes die Gerechtigkeit sein. Wir müssen nun sehen, wie wir diese Gerechtigkeit interpretieren können. Die Gerechtigkeit ist im gesellschaftlichen Sinne Ziel des Prophetentums und im philosophischen Sinne das Fundament des Jüngsten Tages.

     

    Der ehrwürdige Koran erläutert die Ziele der Propheten in der 57. Sure : Vers 25 so:

    „Wahrlich, Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und das Maß herab, auf dass die Menschen Gerechtigkeit üben möchten. Und Wir schufen das Eisen, worin (Kraft zu) gewaltigem Krieg wie auch zu (vielerlei anderen) Nutzen für die Menschheit ist, damit Allah die bezeichne, die Ihm und Seinen Gesandten beistehen, wenngleich ungesehen. Fürwahr, Allah ist stark, allmächtig.“

     

    Und, bezogen auf den Jüngsten Tag, ist der 47. Vers der Sure 21 im Koran:

    „Und Wir werden (genaue) Waagen der Gerechtigkeit aufstellen für den Tag der Auferstehung, so dass keine Seele in irgend etwas Unrecht erleiden wird. Und wäre es das Gewicht eines Senfkorns, Wir wollen es hervorbringen. Und Wir genügen als Rechner.“

     

    In vielen Versen des Korans wird Gott von Ungerechtigkeit rein gesprochen [Sure 9 : Vers 70]:

    „Hat sie nicht die Kunde von denen erreicht, die vor ihnen waren – vom Volke Noahs, von Ad und Thamud und vom Volke Abrahams und den Bewohnern Madyans und der zusammengestürzten Städte? Ihre Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen. Allah also wollte ihnen kein Unrecht tun, doch sie taten sich selber Unrecht.“

     

    In bestimmten Versen wird die Gerechtigkeit als Attribut Gottes betont [Sure 3, Vers 18]:

    „Allah bezeugt, in Wahrung der Gerechtigkeit, dass es keinen Gott gibt außer Ihm – ebenso die Engel und jene, die Wissen besitzen; es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Allmächtigen, dem Allweisen.“

     

    Insofern ist aus der Sicht des Islam die göttliche Gerechtigkeit zweifellos eine Wirklichkeit, die nicht geleugnet werden kann.

    Nach der islamischen Philosophie ist Gott gerecht, aber nicht, weil die Gerechtigkeit gut ist und Gott Gutes tun möchte. Und ebenso ist Gott nicht ungerecht, aber auch hier nicht, weil die Ungerechtigkeit schlecht ist. Und Gott will nichts Schlechtes tun. Die göttliche Gerechtigkeit hat eine andere Interpretation, auf die wir später eingehen werden. Die islamischen Philosophen sind der Ansicht, dass Gut und Schlecht, Gerecht und Ungerecht, auf die sich das moralische Gewissen des Menschen beruft, einen bedingten und instrumentalen Wert haben; keinen tatsächlichen wissenschaftlichen Wert.

     

    Der Mensch, der durch sein frei gewähltes Handeln die Vollkommenheit anstrebt, braucht auf diesem Wege als Mittel zum Zweck stützende Prinzipien und Grundsätze. Aber Gott als absolute Existenz und Vollkommenheit braucht logischerweise keinen Vervollkommnungsprozess durchzumachen. Die islamischen Philosophen haben die Entscheidungsfreiheit des Menschen in seinen Handlungen nicht in Frage gestellt; demzufolge halten sie die Menschen für das, was sie tun, wohl verantwortlich und sehen die Bekämpfung der Ungerechtigkeit als moralische Pflicht des Menschen an.

     

    Die islamische Philosophie sieht die Problematik der göttlichen Gerechtigkeit in einer Reihe von Fragen, die zwar auf den ersten Blick missverstanden werden können, aber unbedingt eine Gott angemessene und plausible Antwort haben. Die vielen Ereignisse in unserer Welt, die isoliert betrachtet, ungerecht erscheinen, wären ohne das Jüngste Gericht im Jenseits tatsächlich ungerecht. Man kann also die Welt nur dann richtig verstehen, wenn man sie als Ganzes nimmt und bei der Beurteilung die Zusammenhänge nicht außer acht lässt. Anderenfalls ist man natürlich vor Irritationen nicht geschützt. Es sind nicht wenige Philosophen und Denker, die in diesem scheinbaren Labyrinth stecken geblieben sind und Verzweiflungstheorien entwickelt haben. Immer wieder sind es aber materialistisch orientierte Denker gewesen, die sich am Ende ihres Weges in Pessimismus und Depression verloren haben. Kein Wunder, denn Materialismus ist und bleibt in seiner dreidimensionalen Welt gefangen. Daher sind auch die meisten pessimistischen Philosophen auf dem Boden des Materialismus aufgewachsen. Nietzsche, Marc Aurel und Schopenhauer sind die besten Beispiele, die auf dem Höhepunkt des Materialismus in Europa aufgetaucht sind.

     

    Sie haben die Welt als eine in sich verkapselte Leidensstätte beschrieben, die in allen ihren Richtungen in eine Sackgasse mündet. Auf diesem Nährboden konnten der pure Kapitalismus und der sture Kommunismus erst Aufwind gewinnen und die Menschheit zur Geisel machen. William James schreibt in seinem Buch „Seele und Religion“ 1. Kapitel über Marc Aurel, Nietzsche und Schopenhauer:

    „Man kann aus den Worten von Marc Aurel die Bitterkeit einer tief verwurzelten Traurigkeit und Verbissenheit ablesen. Er seufzt und stöhnt wie ein Schwein unter dem Messer des Schlachters.“

     

    „Nietzsche und Schopenhauer haben eine Psyche, die von Laune und Aggressivität gezeichnet ist. Das Zähneknirschen ist aus ihren Schriften schon zu hören. Sie zappeln und quietschen wie eine getretene Ratte. Während Religion die Schwierigkeiten und Hindernisse, welchen man sich im Laufe des Lebens stellen muss, als Filter und Reifeprozess ansieht, kann man von dieser Auffassung in den Äußerungen bei Nietzsche und Schopenhauer nichts finden.“

     

    Nietzsche schreibt selbst: „Mitleid und Barmherzigkeit muss abgeschafft werden. Das ist alles ein Zeichen der Schwäche. Bescheidenheit und Gehorsamkeit sind Niedrigkeiten. Geduld und Toleranz, Verzicht und Verzeihen sind Zeichen der Untauglichkeit, Faulheit und Labilität. Was heißt „die Gelüste sollte man eindämmen und kontrollieren“? … Fördern muss man seine Gelüste und ihnen freien Lauf lassen. Was ist Nächstenliebe?… Sich selbst muss man lieben, und sich selbst muss man anbeten!… Die Schwachen müssen beseitigt werden…“

     

    Nietzsche hat entsprechend seiner Weltanschauung später im Alter die Quittung für seine Lebensphilosophie erhalten. In einem Brief an seine Schwester schreibt er: „Je älter ich werde, umso schwieriger gestaltet sich mir gegenüber das Leben. Nicht einmal in den Jahren, in denen ich aufgrund meiner Krankheit gequält wurde, war ich so voller Leid und Hoffnungslosigkeit wie heute. Was ist denn bloß passiert?… Eben das, was passieren musste, ist passiert. Die Meinungsverschiedenheiten, die ich mit anderen hatte, führten dazu, dass man mir heute nicht mehr traut. Beide Seiten begreifen heute, dass sie auf dem falschen Weg waren. Oh Gott, wie einsam bin ich doch heute…. niemand ist da, mit dem ich eine Tasse Tee trinken und lachen kann. Kein Mensch, der für mich ein freundliches Wort übrig hat.“

     

    Schopenhauer beschreibt seine Lebensphilosophie so: „Das Leid ist das eigentliche, was existiert. Freude und Glück sind nur Randerscheinungen des Leides. Sie sind nichts anderes außer Verdrängung des Leides für eine kurze Zeit. Das ist nichts Positives, sondern Negatives. Je höher der Stellenwert des Individuums in der Schöpfung ist, umso höher ist auch sein Leid. Denn er kann besser empfinden und sich an seine leidvolle Vergangenheit auch besser erinnern. Er kann auch die Sorgen, die auf ihn zukommen sollen, besser voraussehen. Ein Leben lang muss man für ein paar Tage Glück schuften. Wenn Du nicht heiratest, ist es eine Entbehrung. Wenn Du heiratest, bekommst Du tausend Sorgen. Liebe ist die Katastrophe selbst. Die Menschen finden es schön, verliebt zu sein. Dabei ist es der Anfang jeglichen Unglückes. Verkehrst Du mit den Leuten, hast Du ständig Ärger. Verzichtest Du darauf, magst Du nicht mehr leben. Als Sklave bist Du in Ketten. Als Herr,….. Kurzum, aus dieser Qual wirst Du Dich im Leben nicht retten können. Das ganze Leben ist nichts anderes als nur Schuften. Ja, sogar mehr noch. Das Leben ist ein einziges Sterben, was sich Sekunde für Sekunde hinausschiebt, bis es Dich plötzlich verschlingt, während Du keinen Nutzen daraus ziehen konntest.“

     

    Wir wollen uns hier nicht zum Richter dieser Leute machen. Sie sind eben dem Materialismus zum Opfer gefallen. Zudem noch hatten sie – zur Entschuldigung dieser Leute – keinen Zugang zu den islamischen Quellen und schon gar nicht zu ihrer Philosophie, was leider noch heute der Fall ist. Die Gegner des Islam haben nämlich schon immer verstanden, das Licht dieser Religion im Nebel der Polemik so zu verhüllen, dass es ja keinem gelingt, aus dem Gefängnis des Materialismus auszubrechen und mit der rettenden Lehre des Islam gegen die Vergewaltigung von Mensch und Natur zu protestieren. Es ist wohl angebracht, wenn wir hier auf die transzendentale Philosophie des Ostens – ein Reichtum der Spiritualität – aufmerksam machen. Diese unerschöpfliche Quelle der Weisheit ist eine der Ausstrahlungen der islamischen Lehre, welche der Menschheit geschenkt worden ist. Es ist aber höchst bedauerlich, dass sich nur sehr wenige Menschen dem Gipfel dieser Philosophie nähern konnten.

     

    Diejenigen, welche die islamische Philosophie als eine Übersetzung der griechischen Philosophie bezeichnen, haben weder von der griechischen, noch von der islamischen Philosophie eine Ahnung. Der Unterschied zwischen der islamischen und griechischen Philosophie ist wie der Unterschied zwischen der modernen Physik von heute und der Physik des alten Griechenlands. Gewisse Anhaltspunkte sprechen dafür, dass nicht einmal die transzendentale Philosophie von Avicenna richtig und vollständig im Westen angekommen ist. Dieses wertvolle Gedankengut ist den Europäern bis heute verborgen geblieben. Wäre es anders, hätte man den Satz von Descartes – Ich denke, also bin ich – nicht so hoch bewertet und als das Fundament der westlichen Philosophie angelegt. Es ist nämlich argumentativ ohne Bedeutung, was Avicenna vor gut 700 Jahren erwähnt und mit unwiderlegbaren Argumenten entkräftet hat. Hätten die Europäer Zugang zu Avicenna’s transzendentaler Philosophie, wäre ihnen diese philosophische Panne erspart geblieben. Mit dem Satz: „Ich denke – also bin ich“ möchte Descartes aufgrund seines Denkens auf sich selbst, auf seine Existenz, schließen. Dabei stützt er sich im ersten Teil des Satzes „ich denke“ auf seine noch unbewiesene Existenz…. Mit anderen Worten: Er erkennt sich, bevor er sich erkannt hat. Wir werden die göttliche Gerechtigkeit aus der Sicht der islamischen Philosophie zu erklären versuchen. Für die Lösung dieses Problems haben die islamischen Gelehrten zwei verschiedene Wege entwickelt. Zum einen erfolgt die Lösung über die „al-Burhàn al-limmî“ d.h. aus der Ursache die Wirkung zu ergründen.

     

    Das ist ein sehr schwieriger Weg oder besser gesagt ein Gipfel der islamischen Philosophie. Das wahre Gesicht der Zusammenhänge in der Landschaft der Schöpfung ist nur denjenigen vorbehalten, die sich auf diesem Gipfel befinden. Dort vereinen sich Philosophie und Gnostik und bestätigen sich gegenseitig. Was Philosophie beweist, lässt Gnostik erfahren. Sie erlangen gemeinsam eine Erleuchtung, an der man nur durch eigenes Erleben teilhaben kann.

     

    Die zweite Lösung ist eine argumentative Erklärung. Wir werden uns hier mit der zweiten Lösung befassen und versuchen, die göttliche Gerechtigkeit auf diesem Wege zu erklären. Im Allgemeinen geht es darum, die Welt besser zu verstehen, die Hintergründe zu erforschen, den Sinn zu erkennen, und eine sichere Plattform zu schaffen, auf der man mit begründeter Hoffnung die Zukunft ansteuern kann. Der Islam gehört nicht zu den Religionen, die vielleicht sogar zu recht als Opium des Volkes bezeichnet werden. Diese Religion ist nicht bemüht, zu betäuben, sondern zu erwecken. Dennoch lassen sich nur diejenigen wecken, die schlafen. Andere aber, die nur so tun, als ob sie schlafen, lassen sich auch nicht wecken. Die islamische Religion ist zunächst eine Religion des Wissens. In keiner anderen Religion wurde das Wissen so hoch bewertet wie im Islam.

     

    Fast alle Muslime kennen die Sätze des Propheten (s.), der gesagt hat:

    „Bemüht Euch des Wissens, selbst wenn es in China ist.“

    „Eine Stunde Denken ist besser als tausend Stunden beten.“

    „Die Tinte des Gelehrten ist wertvoller als Märtyrerblut.“

     

    In dieser Religion scheut sich niemand, Fragen zu stellen. Und bis heute ist der Islam dank seiner göttlichen Lehre keiner Frage eine Antwort schuldig geblieben. Das ist wohl auch der Grund, dass seine Gegner einer offenen und sachlichen Diskussion mit den eigentlichen Islamgelehrten aus dem Weg gehen und sich stattdessen lieber mit Polemik und propagandistischen Attacken begnügen. Sie haben ihren eigenen selbst aufgezogenen „Islam-Kenner“, den sie bei Bedarf in Szene setzen. Auf keine Frage hat der Islam in seiner 1400 jährigen Geschichte mit: „Glauben ist nicht Wissen“ geantwortet. Das heißt aber nicht, dass jeder imstande wäre, die Antwort auf jede Frage sofort zu verstehen. Einer, der sich noch nie mit Physik befasst hat, fragt aber spontan nach der Relativitätstheorie, vielleicht kann man es ihm erklären. Aber kann er das auch verstehen? Religiöse und philosophische Fragen können nicht so gestellt werden, als wenn man nach einer Adresse fragt. Sie können auch nicht so beantwortet werden. Gewisse Kenntnisse sind die Voraussetzungen einer Frage. Geistige Entdeckungen sind nun mal nicht Vitaminspritzen, die ihre Wirkung auch dann nicht verfehlen, wenn man den Inhalt nicht kennt. Um die Schöpfung besser zu verstehen und die Ereignisse in der Welt besser zu beurteilen, sollte man bei seinen Überlegungen unbedingt die Einheit der Schöpfung berücksichtigen.

     

    Eine isolierte Betrachtung der Dinge führt zwangsläufig zur Sinnlosigkeit und stößt auf Unverständnis und Ablehnung. In gewisser Hinsicht könnte man die Schöpfung mit einem Reisezug vergleichen, der über viele Stationen ein bestimmtes Ziel erreichen soll. Alle Teile, aus denen der Zug gebaut worden ist, sind so geformt und gebaut und angelegt, dass die Funktion des Zuges gewährleistet ist. Jedes einzelne Teil hat eine eigene spezielle Aufgabe, welche in Verbindung mit anderen Teilen die Funktion des Zuges ergeben. Auf diese Weise bekommen auch die einzelnen Teile ihre Existenzberechtigung und dürfen dabei sein, weil sie einen Nutzen haben und eine Rolle in der Gemeinschaft erfüllen. Grob gesehen könnte man diese Verhältnisse auch in der Schöpfung vorfinden. Der Zug der Schöpfung fährt auf seiner Entwicklungsreise entlang der Zeit und strebt die Vollkommenheit an. Alles, was diesen Zug beschleunigt, ist positiv, und alles, was ihn aufzuhalten versucht, ist negativ. Auf diesem Fundament kann man seine Gedanken aufbauen und zwischen gut und schlecht, Logik und Unlogik, schön und hässlich, gerecht und ungerecht unterscheiden. Krankheiten sind, isoliert gesehen, schlecht, aber welche Rolle spielen sie in der Schöpfung? Hässlich ist hässlich, aber was ist dahinter verborgen?

     

    Sterben ist schrecklich. Alles endet angeblich. Was fängt aber damit an? Warum bin ich weiß und Du schwarz? Warum bin ich arm und Du reich? Warum bin ich ausgerechnet ein Mensch geworden… und die da eine Katze? Was hat sie zur Katze und mich zum Menschen – die Krönung der Schöpfung – gemacht? Welche Kriterien entscheiden darüber, wer wann was wird? Wie werde ich in der Sprache der Schöpfung übersetzt? Was bin ich?

     

    Wir müssen die Schöpfung als eine Einheit ansehen. Das Universum ist nicht ein Raum, in dem unzählige Dinge ohne Beziehung zueinander herumschweben und Zufälligkeiten ausgeliefert sind. In dieser Gesamtheit hat jedes Individuum, jedes Blatt, jedes Staubkorn seinen Zweck, seine Aufgabe, sein Ziel, seine Interessen, sein Schicksal und seine Geschichte. Alles steht in einer Wechselwirkung zueinander. Betrachten wir einen Baum. Wir werden seine existentielle Verbindung zu dem Rest der Welt bis zu den entferntesten Sternen verfolgen können. Ein Baum ist ein Teil des Universums, selbst aber eine Welt für sich, in der reger Verkehr und volle Aktivität das Leben bestimmen. Nichts steht darin still. Alles ist zielstrebig in Bewegung. Und so geht es jedem Teilchen in dieser Welt. Alles befindet sich auf dem Weg des Werdens. Jedes Korn möchte gedeihen.

     

    Jede Pflanze möchte wachsen. Jede Knospe möchte aufgehen. Ja selbst ein Granitstein ist in Eile. Was bestreben wir denn alle? Jeder versucht auf seine Art und entsprechend seines Wesens etwas besser als vorher zu sein. Dieser Prozess wird immer fortgesetzt und die Vollkommenheit ist das Ziel. Mit anderen Worten: Die relative Schöpfung sucht den absoluten Gott. …

    [Sure 2, Vers 156]

    „…. Wir sind von Gott und wir kehren zu Ihm zurück.“

     

    Nach der islamischen Philosophie ist die Schöpfung in einer bestmöglichen Form geschaffen worden und zwar so, dass eine noch bessere Form nicht denkbar wäre. Wir wissen, dass wir als Geschöpfe von dem absoluten Gott geschaffen worden sind. Auch wissen wir, dass die Schöpfung nicht eine einmalige Handlung Gottes war, so dass wir nach unserer Gott gegebenen Existenz in unserem Fortbestand nicht mehr von Gott abhängig wären. Ein Tisch wird, nachdem er gebaut ist, unabhängig vom Tischler weiter bestehen können. Die Schöpfung würde sich aber in dem Moment in nichts auflösen, wenn ihre existentielle Verbindung zu Gott unterbrochen wird. Gott hat uns nicht angefertigt, sondern geschaffen; und wir werden fortwährend in unserer Beschaffenheit erneuert. Wir haben ein von Gott abhängiges Leben. Folgendes Beispiel kann dies einigermaßen verdeutlichen. Der Tag ist hell, weil die Sonne scheint. Und der Tag ist so lange hell, wie die Sonne scheint. Das, was hell ist, ist der Tag. Das, was hell macht, ist die Sonne. Wie schon erwähnt, allein Gott ist absolut. Alles andere, ob Diesseits oder Jenseits, ist von Gott geschaffen und ist demnach nicht absolut.

     

    [Sure 112]

    „Sprich: Gott ist einzig,
    Gott ist der Ewige!
    ER zeugt nicht, und ward nicht gezeugt,
    und Ihm ist kein Wesen gleich.“

     

    Die islamische Philosophie benutzt in diesem Zusammenhang für die Schöpfung nicht den Begriff “ relativ“ (nisbi), sondern den Begriff „möglich“ (mumkin). Alles, was außer Gott existiert, hat nach der islamischen Philosophie eine mögliche Existenz. Nur Gott ist absolut und muss zwingend sein. Wir werden hierfür den Begriff „relativ“ weiter benutzen. Damit ist aber stets die mögliche Existenz im Gegensatz zur absoluten Existenz gemeint. Wir werden nun versuchen, unser relatives Dasein zu beschreiben und festzustellen, ob die Schöpfung wirklich in einer optimalen Form geschaffen ist; ob alles so sein muss, wie es ist und ob alle Geschöpfe ihr gerechtes Ende finden werden.

     

    Quelle: islamische-akademie.de