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    „Die guten ins Töpfchen“

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    Aufteilung in „gute“ und „böse“ Muslime geht weiter. Sulaiman Wilms stellt Fragen zur Medienethik außerhalb und innerhalb der muslimischen Gemeinschaft

    „Zur Wahrheit gehören immer zwei: Einer, der sie sagt, und einer, der sie versteht.“ (Henry David Thoreau)

     

    Am 27. September kam es in Nürnberg zu einem Fachtreffen der Deutschen Islamkonferenz (DIK) über die Themen Internet, Blogger und Medien.

    Wie es – leider – im Rahmen der DIK auch Tradition ist, fehlten dieses Mal wieder einige relevante Stimmen von Muslimen in Deutschland, obwohl es doch eigentlich um die „bunte Vielfalt“ der Medien- und Bloggerszene in Deutschland gehen sollte.

     

    Repräsentanten von bekannten online-Medien wie islam.de, der Islamischen Zeitung oder von igmg.de suchte man in Nürnberg trotz vorheriger Anregung aus den Reihen geladener Teilnehmer übrigens vergebens. Sie wurden über dieses Event nicht in Kenntnis gesetzt oder nicht eingeladen.

     

    In Nürnberg selbst war diese Einladungspraxis nicht unumstritten. Manche TeilnehmerIn kritisierte die selektive Haltung gegenüber relevanten muslimischen Medien und stellte gleichzeitig kritische Fragen in Richtung einiger anwesender Muslime. Offen blieben bei diesem Vorgang nicht nur Aspekte der publizistischen Berufsethik. Auch – wie bei anderen Tagungen im Rahmen der DIK – steht die unbeantwortete Frage im Raum, im welchen Maße diese, selektiv ausgewählten Muslime eigentlich eine Vertretung für die muslimische Gemeinschaft als solche darstellen.

     

    Legitime Konkurrenz oder Wettbewerbsverzerrung?

     

    Nicht nur das beinahe schon gewohnheitsmäßige Vorgehen der DIK-Bürokratie wirft ein Licht darauf, dass im medialen Aspekt des Islam in Deutschland nicht alles zum Besten steht. Wie auch in Nürnberg angeregt, gibt es bereits mehrere online-Portale und Projekte, die mit indirekter staatlicher beziehungsweise institutioneller Förderung betrieben werden.

     

    Diskutiert werden müssen hier auch die Motive der staatlichen, oder halbstaatlichen, Akteure. Es ist sicherlich nicht übertrieben anzunehmen, dass sie auch ein Interesse daran haben, ihnen genehme muslimische Stimmen eine größere mediale Präsenz einzuräumen.

     

    Am bekanntesten und ohne Frage einflussreichsten ist die Internetplattform Qantara.de, deren Auftrag der intellektuelle „Dialog“ mit der „Kultur des Islam“ ist. Das professionelle online-Medium firmiert im Impressum als „Internetportal der Deutschen Welle (DW)“ und führt als Kooperationspartner die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)), das Goethe-Institut (GI) sowie das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa). Die Redaktion selbst ist bei der DW untergebracht.

     

    Debattiert werden darf sicherlich, ob es sich bei Qantara.de und anderen Portalen um unabhängigen Qualitätsjournalismus handelt, der praktischerweise aus institutionellen Quellen finanziert wird, oder ob hier mit öffentlichen Mitteln Staatsmedien und genehme Meinungen hervorgehoben werden sollen. Insbesondere bei der thematischen und personellen Gewichtung der deutschen Islamdebatte fallen die Präferenzen der verantwortlichen Redaktion durchaus auf.

     

    Wie auch beim „Forum am Freitag“ (ZDF) kommen andere Stimmen – wie beispielsweise die der Islamischen Zeitung – gar nicht erst in Wort und Bild vor. Die dabei eintretende Verzerrung des Meinungsbildes in der muslimischen Gemeinschaft, aber auch der halbstaatliche Einfluss, der zu einer Wettbewerbsverzerrung auf diesem Segment führt, sollten gewiss in Zukunft von Muslimen häufiger thematisiert werden.

     

    Medien und Macht innerhalb der „Community“: Wettbewerb um die „Migranten“

     

    Was zur Realität der Beziehungen zwischen Muslimen und Mehrheitsgesellschaft gehört, setzt sich seit einiger Zeit auch in den muslimischen Reihen fort. Der hiesigen „Community“ ist es mehrheitlich – wie auch bei einer effektiven Lobbyarbeit und der rechtlichen Kompetenz – nicht wirklich gelungen, bei essenziellen Fragen an einem Strang zu ziehen. Bisher wurde auf formulierte Angebote und Konzepte durch unabhängige Akteure, hier gemeinsam zu agieren – von Ausnahmen abgesehen – von Seiten des „organisierten Islam“ nicht eingegangen.

     

    Ein Vermutung unabhängiger Beobachter ist, dass angesichts des potenziellen Einflusses von Medien in manchen Führungsetagen großer Verbände kein Interesse besteht, wichtige Projekte außerhalb ihrer Einflussbereichs zu stärken. Parallel dazu setzt sich der, seit einiger Zeit abzeichnende Meinungsstreit in der Türkei um die Deutungshoheit für die Muslime auch innerhalb Deutschlands fort. Da die Mehrheit der hiesigen Muslime derzeit türkischstämmig ist, haben diese auswärtigen Debatten durchaus auch einen Einfluss auf die mediale Landschaft der deutschen Muslime.

     

    Dazu gehört nicht nur die Verlegung der Zentrale des Medienkonzerns Zaman nach Berlin, der der Gülen-Bewegung (auch als Hizmet-Bewegung bekannt) nahesteht. Nicht nur in diesem Umfeld (auch bei der „Konkurrenz“) entstanden in der letzten Zeit teils professionelle online-Portale und Blogs, in denen der Kampf um die „Hearts and Minds“ der türkisch-muslimischen Community weitergeführt wird. Eines der Indizien dafür ist, dass es im türkisch-muslimischen Meinungssegment seit fast einem Jahr zu einer erkennbaren Re-Ethnisierung des muslimischen Diskurses und einer Fokussierung auf eine türkische Identität gekommen ist.

     

    Verstärkend kommt hinzu, dass einige Medien (die bei ungünstiger Betrachtung auch als Vorfeldorganisationen eines politischen Einflusses gedeutet werden können) für ihre Nutzer auf den ersten Blick gar nicht als solche einzuordnen sind. Bei mehreren Projekten fehlt im Impressum oder in der Außendarstellung dieser Bezug – oder ihre Besitzverhältnisse – teilweise oder ganz.

     

    Ob die Überschreitung der Grenze vom legitimen (und notwendigen) Mitteilungsorgan beziehungsweise der medialen Repräsentanz für die eigenen Mitglieder beziehungsweise den eigenen Verband problematisch ist, sollte zumindest diskutiert werden, bevor man sie als Fait Accomplis hinnimmt. Zumal die Verantwortlichen sich auch so den Vorwurf einhandeln können, dass in den von ihnen finanzierten Medien ein „Gefälligkeitsjournalismus“ betrieben wird.

     

    Konsequenzen

     

    Es steht außer Frage, dass die staatliche und gesellschaftliche Selektion in „gute“ und „böse“ Muslime eine direkte Auswirkung auf den Diskurs über den Islam – sowohl mit der Mehrheitsgesellschaft, als auch innerhalb der Community – hat. Erkennbar wurde dies im Rahmen der Liberalismus-Debatte und um die so genannte „Barmherzigkeitstheologie“. Hier wurden die jeweils genehmen Stimmen – und ihre Positionen – über ihren zahlenmäßigen Anteil weit hinaus durchweg dargestellt.

     

    Gleichzeitig wurden ihre Kritiker, von denen einige hochqualifizierte Fachleute waren, mit den Negativbegriffen „orthodox“, „konservativ“ oder „traditionalistisch“ belegt. Und es muss gar nicht erst erwähnt werden, dass sie in den, mit halbstaatlichen Mitteln kaum oder gar keine Erwähnung fanden.

     

    Innermuslimisch besteht die reale Gefahr, dass notwendigerweise unabhängige Medien – und Stimmen – einem wettbewerbsverzerrenden Einfluss von Seiten jener Projekte ausgesetzt sind, die von den jeweiligen Organisatonen getragen oder unterstützt werden. Auf der Strecke bleibt hier die notwendige Trennung zwischen freien Medien einerseits und politischen beziehungsweise ökonomischen Interessen andererseits. Man stelle sich einmal vor, eine große deutsche Partei oder ein Energieunternehmen würde sich eine eigene Redaktion halten…

     

    Der Schaden im mehrheitsgesellschaftlichen Diskurs besteht darin, dass nur noch jene Individuen – denen es, dem politischen Willen folgend, an gemeinschaftlicher Einbindung fehlt – erfolgreich präsent sind, denen es an Schwere und thematischer Relevanz fehlt. Beides wären schwere Hindernisse für einen Erfolg in diesem Segment.

     

    Innerhalb der Community würde sich der organisierte Islam eines – auch für ihn dringend nötigen – Korrektivs der konstruktiven Kritik entledigen. Das mag kurzfristig praktisch sein, kann aber langfristig schädliche Wirkungen haben. Hinzu kommt der potenzielle Gesichtsverlust, da solch ein Vorgehen auf lange Sicht nicht unbemerkt bleiben kann.

     

    Quelle: islamische-zeitung.de