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    Die Lehre der Einheit des Seins

    • Dr. Abdarrazzaq Azir
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    Die Offenbarung birgt die Einheit des Wissens in sich und ist der islamische Weg, den Wissenschaften einen Grund zu geben. Das Dilemma und die Destruktivität der modernen Wissenschaften kann ohne Rückbesinnung auf den Grund nicht überwunden werden.

     

    1. Allgemeines

     

    Der Islam zeichnet sich durch seine einheitliche und umfassende Weltanschauung aus, die den Menschen und die Weltdinge umschließt. Diese einheitliche Weltanschauung wird durch den im Islam stark betonten Monotheismus begründet. Der islamische Monotheismus prägt das ganze Leben der Muslime und bildet die Kernbotschaft der islamischen Offenbarung. Im Rahmen dieser Offenbarung wird die Wechselbeziehung zwischen Allah und Mensch, zwischen dem Absoluten und dem Relativen dargestellt. Die direkte Konsequenz dieses Monotheismus ist die Einheit und Eindeutigkeit der Wirklichkeit. Die Einheit (Tawhid) ist das Alpha und Omega der islamischen Tradition. Sie ist nicht nur eine metaphysische Aussage über das Wesen des Absoluten, sondern auch eine Methode der Integration.

     

    Jeder Aspekt des Islam ist auf die Lehre der Einheit Allahs bezogen, die der Islam vor allem im Menschen, in seinem inneren und äußeren Leben, zu verwirklichen sucht. Der Muslim ist immer bestrebt, alle Bereiche des Wissens zu vereinigen und in einer ganzheitlichen Auffassung zu betrachten. Die islamische Geschichte belegt diesen Aspekt in der Philosophie, der Theologie, der Wissenschaft und in der Kunst, wobei Formen zur Darstellung von Einheit ausgearbeitet und entwickelt wurden.

     

    Auf Einheit basierend stellt der Islam eine umfassende Lebensweise dar, die nichts ausschließt. Es wurde nie ein Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Profanen gemacht, denn aus dem Tawhid ergibt sich, dass alles, was der Mensch erfährt, denkt etc. letztlich Seine Schöpfung ist. Wer das islamische Zeugnis Seiner Existenz ablegt, der weiß, dass alle Natur Schöpfung ist. Natur ist daher nicht auch Schöpfung, sondern umgekehrt: Schöpfung wird von uns als Natur erfahren.

     

    Wenn alles Schöpfung ist, dann ist mein Denken „geschaffen“. Dennoch hat Descartes mit seinem Satz „cogito ergo sum“ (ich denke, also bin ich) Recht. Wir Muslime ergänzen diese Aussage mit dem Bekenntnis: Ich bin, also wurde ich geschaffen. Dieser typische Charakter der islamischen Tradition hängt damit zusammen, dass der Islam sich als die ursprüngliche Religion der Menschen betrachtet. Der Islam ist erschienen, um den Menschen zu seiner ursprünglichen Natur zurückzubringen. Jede Religion geht von dieser Einheit aus, auch wenn sie andere Formen und Gestalten annimmt. Die Lehre von der Einheit liegt in der Natur der Dinge: „Und Dein Herr hat befohlen: Verehrt keinen außer Ihn“ (17,23). Die Menschen können im Grunde genommen nicht anders, als den einen und denselben Gott anbeten.

     

    Der Qur’an zeigt den Menschen die äußeren Aspekte der Religion, die rationale Argumentation und das geistige Verstehen durch Hingabe und Unterwerfung. Der Qur’an leitet in vielen Versen zur rationalen Beweisführung hin und lädt die Menschen ein, die Natur zu studieren, den besten Gebrauch von dem Verstand in ihrer Suche nach dem Letztendlichen zu machen und den Erwerb vom Wissen und wissenschaftlicher Wahrnehmung zu einem Teil des Gemeindelebens werden zu lassen.

     

    Im Qur’an wird das rationale Denken gepriesen und als Teil des religiösen Denkens bezeichnet. Der Qur’an hat das freiheitliche Denken der seienden Welt über die allgemeine Ordnung des Universums verordnet. Alle Menschen sind aufgerufen, mit klarem Geist und einem reinen gesunden Verstand die beständige Wirklichkeit des Schöpfers zu kontemplieren. Die Suche nach Wissen ist obligatorisch für jeden Muslim, Mann und Frau. Bei einer solchen Betrachtung empfindet der Mensch, das Geschöpf Mensch, die Welt und ihre Phänomene als einen Spiegel, in dem sich eine schöne beständige Wirklichkeit zeigt, deren Erkenntnis nicht nur Vergnügen bereitet, sondern dem Geschöpf Mensch steter Anlass zum Gotteslob ist. Die Menschen sind laut dem Qur’an aufgerufen, die erschaffene Welt als Zeichen und Signal Allahs zu erkennen. Sie, die Menschen, sollen Spuren des Schöpfers entdecken und erkennen. Der Sinn von Zeichen und Signal wird dadurch deutlich, dass sie deshalb Zeichen und Signale sind, weil sie auf etwas anderes verweisen und nicht auf sich selbst. Zeichen und Signale haben aus sich selbst heraus keine unabhängige Existenz und zeigen nichts außer den reinen Gott.

     

    Die Hauptquelle, auf die sich das rationale und religiöse Denken stützt, ist der Qur’an. Der Qur’an spricht dadurch zu uns, dass er Reflektionen über die Gesetze der Natur besonders betont, mit Beispielen, die aus der Kosmologie, Biologie und der Medizin als Zeichen für alle Menschen gewählt werden: „Wollen sie nicht die Wolken betrachten, wie sie erschaffen sind, und den Himmel, wie er erhöht ist, und die Berge, wie sie aufgerichtet sind, und die Erde, wie sie hingebreitet ist“ (88, 18-21) und an anderer Stelle (im Qur`an) lesen wir : „In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag sind in der Tat Zeichen für die Verständigen.“ (3-191)

     

    2. Blick über die Welt des Seins und die Wirklichkeit

     

    Die Wahrnehmung und der Verstand des Menschen verdeutlichen ihm die Existenz des Weltgottes. Dem Islam geht es nicht primär darum, die Existenz Allahs zu beweisen, denn der Gottesbeweis gehört zu den evidenten und unbestreitbaren Prämissen im religiösen und rationalen Diskurs. Aus islamischer Auffassung liegt der einfachste (und nicht der einzige) Erweis Gottes (Seinsnotwendiges) in der Kontingenz (Akzidens) der seinsmöglichen Weltdinge. Der Mensch erkennt, solange er mit gesundem Verstand versehen bleibt, dass er und die Dinge außer ihm existieren. Er hat keinen Zweifel daran, dass die Weltdinge unbeständig sind, und damit können sie nicht das wirkliche Sein sein. Diese Weltdinge verdanken ihre Existenz einer beständigen Wirklichkeit, durch welche sie zu ihrem Sein gelangen. Diese beständige Wirklichkeit, das notwendige Existierende, ist nach islamischer Auffassung der Weltgott selbst. Allah ist das absolute Wirkliche.

     

    Seinsmögliches und Seinsnotwendiges stehen zueinander im Verhältnis der Implikation: Seinsmögliches impliziert Seinsnotwendiges. Das Seinsmögliche bedarf eines Seinsüberwiegers (Seinsgeber), der sein Sein sein Nichtsein überwiegen lässt. Das Seiende (Weltdinge) bedarf also eines Überwiegenden, denn als Mögliches hat es weder Anspruch auf Sein noch auf Nichtsein. Diese Lehre wird als Lehre über die transzendentale Einheit des Seins bezeichnet. Sie ist die direkte Konsequenz des islamischen Glaubensbekenntnisses. Allah ist die absolute Wirklichkeit. Daher beinhaltet das Glaubensbekenntnis der Muslime, dass es kein Sein gibt, dem das Attribut Gottheit zukommt – außer Allah selber. Es gibt keinen Gott außer Allah. Dies bildet die zeitlose sprirituelle Botschaft des Islam. Gemäß dieser Auffassung kann es keine zwei vollständig voneinander verschiedene Ordnungen der Realität geben, denn dies würde zu Polytheismus führen. Wer diese Lehre intellektuell begreift, hat kontemplative Intelligenz und wird die Einheit in der Vielfalt erkennen.

     

    Die Einheit des Seins ist ontologisch zwingend. Die klassische dualistische Weltauffassung führt zu verheerenden Konsequenzen, nämlich zu Einschränkung der Existenz Allahs und damit ist sie unhaltbar. Allah, als Seinsnotwendiger, ist über jede existentielle Einschränkung und jeden Vergleich erhaben: „Allah sei gepriesen! Er ist erhaben über das, was sie aussagen“ (37, 159)

     

    Der ontologische Grundsatz ist offenbar offensichtlich. Das Seinsmögliche ist ein Mögliches, das nur im Geist sein Sein hat und nicht in Wirklichkeit. Im Kontinuum des absoluten Sein schwankt das Mögliche ständig zwischen Sein (Erzeugung) und Nichtsein (Vernichtung). Der ganze Schöpfungsmechanismus ist auf diesen dynamischen Prozeß zurückzuführen. Hier sei an die Schöpfung und Rückkehr der Schöpfung zu Allah gedacht: „Von Allah kommen wir und zu Ihm kehren wir zurück“.

     

    3. Verhältnis zwischen der Einheit Allahs und der Vielfalt der Weltdinge

     

    Die Endlichkeit und die Bedingtheit des Geschöpfes Mensch implizieren regelrecht beschränkte Erkenntnismöglichkeiten hinsichtlich des Absoluten. Der Mensch, als Seinsmögliches, ist nicht imstande, das Seinsnotwendige zu erfassen. Physikalisch gesprochen: Ein Untersystem ist nicht in der Lage, das globale (Einbettungs-) System zu verlassen und zu erfassen. Das Verhältnis von Allah und Schöpfung, von der Einzigartigkeit Allahs und der Vielfalt der Schöpfung, wird nach islamischer Lehre verständlicher. Die Seinsgabe durch Gott ist ein unmittelbarer Ausdruck Seiner höchsten Souveränität. Daher wird Gott auch als „König“ bezeichnet. Die Vielfalt der Weltdinge ist eine Konsequenz der Vielfalt der Eigenschaften und Taten Allahs. Wer diese Vielfalt ablehnt, schränkt damit die Eigenschaften Allahs ein. Die Liebe, die in der christlichen Tradition stark betont wird, ist eine Eigenschaft Gottes, aber nicht die einzige! Die sichtbare Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist die Erscheinung der Wirklichkeit. Sie ist der Erscheinungsort des absoluten Seins. Die Vielfalt liegt aber nur auf der horizentalen Ebene der Wirklichkeit.

     

    4. Einige Konsequenzen der Einheit des Seins

     

    Die Lehre der Einheit eröffnet neue Möglichkeiten zum Verständnis zwischen Allah und dem Menschen. Sie ist geeignet, jenen Abstand zu vermeiden, dessen logische Begründung Hauptzweck der islamischen Theologie und Philosophie ist: den ontologischen Abstand zwischen Schöpfung und Schöpfer. In der modernen säkularisierten Gesellschaft ist man weit weg von einer solchen einheitlichen Weltanschauung. Wissenschaft und Religion sind längst voneinander getrennt. Die Säkularisierung hat eine profane Wissenschaft und erstarrte Religion verursacht. Dies hat zur Folge, dass sich der rationale und der religiöse Diskurs immer mehr auseinander entwickeln und damit die Kluft zwischen den wissenschaftlichen und religiösen Denkgebäuden immer größer wird.

     

    Der Mensch in seiner fundamentalen Unwissenheit denkt immer noch in dualistischen Kategorien. Diese klassische Denkweise versenkt den Menschen in eine Welt voller Widerspüche und ungelöster Geheimnisse. Einen Ausweg aus dieser Sackgasse bietet die monotheistische Weltanschauung an. Im Rahmen dieser einheitlichen Weltanschauung sind Religion, Philosophie und Wissenschaft verschiedene Ausdrücke ein- und desselben Betrachtungsobjektes. Die Suche nach einem einheitlichen Denksystem stellt die neue Tendenz in der heutigen modernen Wissenschaft dar, besonders der Elementarteilchenphysik, wobei versucht wird, alle fundamentalen Kräfte der Natur, der elektrischen, der schwach und der stark nuklearen und gravitativen Kräfte zu vereinigen (Grand Unified Theorie) .

     

    Philosophen, Theologen und Wissenschaftler beziehen ihre Betrachtung der Weltdinge auf verschiedene Koordinatensysteme. In solchen Koordinatensystemen wird die Terminologie der einen oder anderen Disziplin zum Ausdruck gebracht. Bei der Projektierung auf solche Koordinatensysteme entstehen somit verschiedene interpretative Muster ein- und desselben Betrachtungsobjektes. Ein Verdienst, der hier stark verkürzt dargestellten Lehre der Einheit des Seins besteht darin, dass sie eine vom Koordinatensystem unabhängige Darstellung des Betrachtungsobjektes liefert, d.h. eine Darstellung, die in jedem Koordinatensystem invariant und konsistent bleibt. Aus der Lehre der Einheit des Seins geht ferner hervor, dass es nicht möglich ist, den Menschen weit weg von dem Göttlichen zu denken. Der Schöpfer ohne Schöpfung erscheint nicht. Schöpfung ohne Schöpfer kann es nicht geben. Dies bildet die innere Beziehung zwischen Schöpfer und der Schöpfung.

     

    Als Untersystem ist das Geschaffene Teilhaber an dem Absoluten Sein. Jede Weltanschauung, die eine solche Korrelation zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung nicht berücksichtigt, ist zum Scheitern verurteilt. Im Bereich des Seinsmöglichen lernt man z.B aus der Quantenphysik (Heisenbergs Unschärfe-Prinzip) die Tatsache, dass beobachtete Objekte (z.B. Elektronen) durch die experimentelle Beobachtung beeinflusst werden können. Experimente können unternommen werden um z.B. ein Elektron zu lokalisieren; diese Experimente werden jede Möglichkeit zerstören, simultan herauszufinden, ob das Elektron sich bewegt und wenn, mit welcher Geschwindigkeit. Eine solche unvermeidliche Wechselbeziehung zwischen Beobachtung und beobachteten Betrachtungsobjekten ist das Analogon zu der oben erwähnten Korrelation zwischen Mensch und Allah.

     

    Ein weiteres Beispiel kann aus der Theologie erwähnt werden: Die fast in jeder Religion bekannte Aussage, Gott sei allgegenwärtig : „Wo immer ihr euch also hinwendet, dort ist das Antlitz Allahs“ (1,116). Diese Aussage ist eine Angelegenheit, worüber die Physik nur schweigen kann. Denn im physikalischen Sinn ist diese Aussage im Vorstellungsbereich des Physiker analytisch nicht übersetzbar. Aber in Bezug auf das globale Koordinatensystem der Einheit des Seins ist diese Aussage eine Trivialität. Die Begrenzung der Physik ist anhand dieses Beispiels deutlich zu sehen. Physiker, Theologen und Philosophen sollen die klassische dualistische Weltanschauung aufgeben und nach einem einheitlichen Denksystem suchen. Die Lehre der Einheit des Seins bietet sich hier als die einzige Alternative.

     

    „… Und Allah ist allwissend …“