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    Die Notwendigkeit der Glaubensüberzeugungen (Teil 3): Der Maßstab für ihre Bevorzugung

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    Manch einer mag leichtfertig auf diese Fragen antworten und behaupten, dass es doch die Taten sind, welche die Stufen bei Allah (t.) ausmachen. Je mehr gute Taten ein Mensch hat, umso höher ist sein Rang bei Allah (t.). Doch bestätigt der heilige Qur’an diese Annahme?

     

    وَلَقَدْ أَرْسَلْنَا نُوحا ً إِلَى قَوْمِه ِِ فَلَبِثَ فِيهِمْ أَلْفَ سَنَة ٍ إِلاَّ خَمْسِينَ عَاما

     

    Wir sandten Noah zu seinem Volke, und er weilte unter ihnen tausend Jahre weniger fünfzig Jahre [1]

     

    Der Prophet Noah (a.) verweilte bei seinem Volk 950 Jahre und rief zur wahren Botschaft Gottes auf. Damit war er mindestens 950 Jahre lang Prophet. Der Gesandte Gottes Muhammad (s.) wurde 63 Jahre alt, wobei er die erste Offenbarung im Alter von 40 Jahren bekam. Damit war er (s.) 23 Jahre lang Prophet. Wer hat wohl in der Zeit seines Prophetentum mehr gute Taten vollbracht? Wenn es lediglich um die Anzahl der Taten geht, so war sicherlich der Prophet Noah (a.) derjenige, der mehr gute Taten verrichtet hat als der Gesandte Gottes (s.), denn er verweilte 950 Jahre als Prophet, wohingegen der Gesandte Gottes (s.) lediglich 23 Jahre Prophet war.

     

    Dennoch ist der Gesandte Gottes (s.) das Siegel der Propheten und der vorzüglichste aller Gesandten. Von diesem Punkt aus wird uns deutlich, dass nicht die Taten die primäre Rolle spielen, sondern die Glaubensüberzeugungen. Die Erkenntnisse bezüglich des Tawĥeed waren es, welche den Rang bei Allah (t.) ausmachen, nicht die Tat an sich. Der Wert einer Tat wird durch die Glaubensüberzeugung bestimmt. Je höher und tiefgründiger die Glaubensüberzeugung ist, umso höher wird die Tat bei Allah (t.) entlohnt. Das bedeutet, dass nicht die Tat an sich den Lohn bestimmt, sondern erst durch die Glaubensüberzeugung ihren Lohn bekommt.

     

    3.1 Die Beweise aus dem heiligen Qur’an

     

    Der heilige Qur’an macht uns die Tatsache, dass die ein und selbe Tat unterschiedlich entlohnt wird, auf einer deutlichen und unmissverständlichen Art und Weise klar. Zum Einen sagt der heilige Qur’an, dass derjenige, der mit einer guten Tat am Tage des Gerichts hervortritt, er mit dem zehnfachen belohnt wird.

     

    مَنْ جَاءَ بِالْحَسَنَةِ فَلَه ُُ عَشْرُ أَمْثَالِهَا

     

    Wer eine gute Tat vollbringt, dem soll zehnfach vergolten werden [2]

     

    An anderer Stelle sagt der heilige Qur’an, dass der Lohn für das Spenden mit dem 700-fachen entlohnt wird.

     

    مَثَلُ الَّذِينَ يُنفِقُونَ أَمْوَالَهُمْ فِي سَبِيلِ اللَّهِ كَمَثَلِ حَبَّةٍ أَنْبَتَتْ سَبْعَ سَنَابِلَ فِي كُلِّ سُنْبُلَة ٍ مِائَةُ حَبَّة ٍ وَاللَّهُ يُضَاعِفُ لِمَنْ يَشَاءُ وَاللَّهُ وَاسِعٌ عَلِيم

     

    Die ihr Gut hingeben für Allahs Sache, sie gleichen einem Samenkorn, das sieben Ähren treibt, hundert Körner in jeder Ähre. Allah vermehrt (es) weiter, wem Er will; und Allah ist huldreich, allwissend [3]

     

    An einer anderen Stelle heißt es im heiligen Qur’an, dass derjenige, der mit einer guten Tat aufersteht, er etwas Besseres hierfür bekommt. Der Lohn wird in diesem Fall nicht begrenzt, sondern ist der göttlichen Großzügigkeit offen.

     

    مَنْ جَاءَ بِالْحَسَنَةِ فَلَه ُُ خَيْر ٌ مِنْهَا

     

    Wer Gutes vollbringt, dem wird Besseres als das [4]

     

    Der heilige Qur’an sieht damit für eine Tat verschiedene Löhne vor:

     

    –  Der 10-fache Lohn

    –  Der 700-fache Lohn

    –  Unbegrenzter Lohn

     

    Welcher Maßstab wird hierbei angewendet? Wenn zwei Menschen am Tage des Gerichts auferstehen und beide die gleiche Tat verrichtet haben, wieso kann es sein, dass einer lediglich den 10-fachen Lohn bekommt und ein anderer einen unbegrenzten Lohn? Geschieht dies aus Willkür oder hat es einen bestimmten Maßstab, nach dem Allah (t.) Seine Geschöpfe belohnt?

     

    Die Antwort besteht darin, dass die Glaubensüberzeugung des einzelnen Menschen den Wert der Tat bestimmt. Ist die Erkenntnis des Menschen um Allah (t.) groß, so erhält er einen bestimmten Lohn. Ist jedoch die Erkenntnis eines anderen Menschen um Allah (t.) größer, so erhält er für die gleiche Tat einen viel höheren Lohn.

     

    إِلَيْهِ يَصْعَدُ الْكَلِمُ الطَّيِّبُ وَالْعَمَلُ الصَّالِحُ يَرْفَعُه

     

    Zu Ihm steigt das gute Wort empor, und rechtschaffene Werke erheben es [5]

     

    Dieser heilige Vers bestätigt, dass es die Glaubensüberzeugungen sind, welche zu Allah (t.) aufsteigen. Die Taten des Menschen sorgen dafür, dass diese Überzeugungen bei Allah (t.) angenommen werden. Damit ist es nicht ausreichend, dass lediglich eine richtige Glaubensüberzeugung vorhanden ist, aber keine Taten und ebenso ist es nicht ausreichend, dass lediglich Taten vorhanden sind, aber keine Glaubensüberzeugungen. Nur kombiniert werden sie bei Allah (t.) akzeptiert und hierbei sind es die Glaubensüberzeugungen, welche den Taten ihren Wert verleihen – gemäß der Stärke und der Tiefe der Überzeugung.

     

    Viele Qur’anexperten haben diesen Sachverhalt ausführlich in ihren Interpretationen zum heiligen Vers erläutert. Zu den bedeutendsten Qur’anexegesen gehört ohne Zweifel Allāmah Sayyed Muĥammad Ĥussein al-Ţabaţabā’i. Dort lesen wir folgende Erläuterung bezüglich des Ausdrucks „gutes Wort“ (الكلم الطيب), welches der heilige Vers verwendet.

     

    و المراد بالكلم الطيب الاعتقاد الحق كالتوحيد

     

    „Mit dem Ausdruck „das gute Wort“ sind die wahrhaftigen Glaubensüberzeugungen gemeint, wie beispielsweise das Einheitsbekenntnis (al-Tawĥeed).“[6]

     

    Auch die Bedeutung des „Aufsteigen“ der Glaubensüberzeugung wird ausreichend erläutert. Es ist kein örtlicher Aufstieg, sondern das Erreichen der göttlichen Nähe, bzw. die Akzeptanz der reinen und guten Überzeugungen.

     

    و صعود الكلم الطيب إليه تعالى هو تقربه منه تعالى اعتلاء و هو العلي الأعلى رفيع الدرجات، و إذ كان اعتقادا قائما بمعتقده فتقربه منه تعالى تقرب المعتقد به منه، و قد فسروا صعود الكلم الطيب بقبوله تعالى له و هو من لوازم المعنى[7

     

    Damit ist es eindeutig, dass der heilige Qur’an den Lohn nicht für die Tat an sich festlegt, sondern gemäß der Absicht und der Überzeugung, mit der diese Tat verrichtet wurde. Eine Tat, welche mit einer tieferen und reineren Glaubensüberzeugung einhergeht, wird höher entlohnt als die gleiche Tat, jedoch ohne diesen reinen Glauben und Erkenntnis. Damit liegt es an uns, zunächst unsere Glaubensüberzeugungen richtig zu stellen, unsere Erkenntnisse um Allah (t.) auszuweiten und die Ränge und Stufen der Ahl al Bayt (a.) weiter zu erkennen. Erst dann werden wir für unsere Taten gewaltig entlohnt, doch die Voraussetzung dafür ist, dass sie mit Wissen und Erkenntnisse einhergehen. Es ist damit nicht unsere Aufgabe lediglich beispielsweise tausend Gebete zu verrichten, sondern unsere Glaubensüberzeugungen so zu perfektionieren, dass wir für ein Gebet so entlohnt werden, als hätten wir tausend Gebete verrichtet. Aus diesem Grund ist es nötig, als aller erstes unsere Glaubensüberzeugungen richtig zu stellen.

     

    3.2 Auswirkungen der falschen Überzeugungen

     

    An dieser Stelle mag jemand den Einwand erheben, dass es doch unproblematisch wäre, wenn jemand zwar eine falsche Glaubensüberzeugung hat, jedoch viele gute Taten vorbringt, wie beispielsweise Gebet, Fasten, Pilgerfahrt, und vieles mehr. Werden diese Taten bei Allah (t.) angenommen und lediglich gering belohnt oder werden sie aufgrund der falschen Glaubensüberzeugung nicht akzeptiert?

     

    Der heilige Qur’an ist eindeutig, was die Beantwortung dieses Einwandes betrifft.

     

    لَئِنْ أَشْرَكْتَ لَيَحْبَطَنَّ عَمَلُكَ

     

    Wenn du Gott Nebengötter zur Seite stellst, so wird sich dein Werk sicherlich als ungültig erweisen [8]

     

    Die falschen Glaubensüberzeugungen, wie beispielsweise der Polytheismus, können dazu führen, dass sämtliche Taten vor Allah als ungültig erklärt werden. Manche Taten können dazu führen, dass alle vorherigen Taten bei Allah nicht akzeptiert werden.

     

    يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا لاَ تَرْفَعُوا أَصْوَاتَكُمْ فَوْقَ صَوْتِ النَّبِيِّ وَلاَ تَجْهَرُوا لَه ُُ بِالْقَوْلِ كَجَهْرِ بَعْضِكُمْ لِبَعْضٍ أَنْ تَحْبَطَ أَعْمَالُكُمْ وَأَنْتُمْ لاَ تَشْعُرُونَ

     

    O die ihr glaubt, erhebt nicht eure Stimmen über die Stimme des Propheten und sprecht nicht so laut zu ihm, wie ihr laut zueinander redet, auf dass eure Werke nicht eitel werden, ohne dass ihr es merkt [9]

     

    Der Grund dafür, dass sämtliche Taten bei Allah (t.) abgelehnt werden, wenn sie auf einer falschen Glaubensüberzeugung basieren ist, weil die Glaubensüberzeugungen das Fundament darstellen, auf welche die Taten aufgebaut werden.

     

    Um diesen Gedanken klar zu machen, sei folgendes Beispiel gegeben: Stellen wir uns vor, dass zwei Menschen ein Haus bauen möchten. Der eine baut dieses Haus auf feste Erde, der andere jedoch auf Treibsand. Sie bauen das Haus, tapezieren die Wände, möblieren es und machen es bewohnbar. Am nächsten Tag kommen sie jedoch wieder und es wird festgestellt, dass das Haus, welches auf dem Treibsand gebaut wurde, komplett versunken ist, während das Haus auf fester Erde immer noch steht und Wind, Regen und Schnee problemlos übersteht. Dabei wurde für das versunkene Haus genauso viel Arbeit investiert wie für das stehende Haus. Wieso ist also das zweite Haus versunken?

     

    Der Grund hierfür liegt darin, dass das Fundament des zweiten Hauses Treibsand war. Ganz gleich, was man auf Treibsand baut und wie viel Arbeit man darin steckt, letztendlich versinkt es und es bleibt nichts davon übrig. Auf der anderen Seite hingegen würde jedoch auf fester Erde eine Stahlsäule lange standhalten können.

     

    Genauso verhält es sich mit den Glaubensüberzeugungen: Sind die Glaubensüberzeugungen falsch (Treibsand), so kann man so viele Taten wie möglich darauf bauen, letztendlich wird alles untergehen und nichtig werden. Sind die Glaubensüberzeugungen jedoch korrekt, so bleiben die Taten bestehen, ganz gleich welche Erschütterungen sie ereilen. Je tiefer und detaillierter und umfangreicher die Glaubensüberzeugungen sind, umso standhafter sind sie natürlich und umso fester stehen die Taten auf dieses Fundament und umso höher werden die Taten entlohnt.

     

    Aus diesem Grund sagte der Fürst der Gläubigen (a.) in seiner ersten Predigt:

     

    ومن خطبة له عليه السلام يذكر فيها ابتداء خلق السماء والأرض وخلق آدم

    أول الدين معرفته

     

    „Das Erste der Religion ist Seine (Allah) Erkenntnis.“[10]

     

    Das Glaubensbekenntnis bzw. das Einheitsbekenntnis ist das Fundament und die Hauptsäule der Religion, auf der sämtliche folgende Aspekte aufgebaut werden. Aus diesem Grund gilt es zunächst, unsere Glaubensbekenntnisse richtig zu formulieren und sie im zweiten Schritt auch auszuweiten und zu intensivieren. Nur mit einem unerschütterlichen Glaubensbekenntnis gewinnen unsere Taten an Gewicht und werden beim Allmächtigen mit dem höchsten belohnt.

     

     

    [1] Der heilige Qur’an: Sure 29, Vers 14

    [2] Der heilige Qur’an: Sure 6, Vers 160

    [3] Der heilige Qur’an: Sure 2, Vers 261

    [4] Der heilige Qur’an: Sure 27, Vers 89

    [5] Der heilige Qur’an: Sure 35, Vers 10

    [6] Allāmah Sayyed Muĥammad Ĥussein al-Ţabaţabā’i: „Tafsir al-Mizan“, Erläuterung zu Sure 35, Vers 10

    [7] Selbe Quelle wie [2]

    [8] Der heilige Qur’an: Sure 39, Vers 65

    [9] Der heilige Qur’an: Sure 49, Vers 2

    [10] Scharif Radhi Muĥammad Ibn Hussain: „Nahdsch-ul-Balagha“ (Pfad der Eloquenz), Verlag: m-haditec, 2007, S.38

     

     

    Quelle: http://alhaydari.de