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    Die Quellen des schiitischen Denkens (1)

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    Die Quellen des schiitischen Denkens (1)
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    Bevor wir die Glaubensgrundsätze und praktischen Handlungen der Schiiten untersuchen, sollten wir zuerst die Quellen auf die diese ihr Islamverständnis aufbauen, kennenlernen.

     

    In diesem Kapitel sprechen wir über die Quellen schiitischen Denkens, mit anderen Worten, über die Quellen, auf denen nach schiitischen Gesichtspunkten jegliches Studium und jegliche Anschauung über den Islam basieren sollen. Für das Verständnis aller islamischer Fragen in den Bereichen von Glauben, Ethik und islamischem Recht, soll man sich entsprechend der jeweiligen Frage, an eine oder mehrere dieser Quellen wenden. Diese Quellen sind: der Koran, die Tradition des Propheten, die Vernunft und die Übereinstimmung.

     

    1. DER HEILIGE KORAN

     

    Es ist hier notwendig zu sagen, dass der Heilige Koran zweifellos die wichtigste Quelle für die Islamkenntnis aller Muslime, eingeschlossen der Schiiten ist. Der Koran vereinigt alle Muslime. Abgesehen von den verschiedenen Glaubensrichtungen und Denkschulen sowie unterschiedlicher Kulturen, denen die Muslime angehören, glauben alle Muslime an e i n Buch, dem KORAN, als dem göttlichen Führer in ihrem Leben. Wie seit Beginn des Islams, gibt es auch heute in der gesamten islamischen Welt, nur einen einzigen Koran, ohne Abweichungen und Unterschiede. Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Grundsätze der Schiiten bezüglich des Koran:

     

    Wir glauben daran, dass der Heilige Koran durch Allah dem Propheten Mohammad (s.a.a.s.) geoffenbart worden ist. Der Koran macht alles deutlich, und er ist ein ewiges Wunder. Seine Sprachkraft, Klarheit, Wahrheit und Weisheit machen es den Menschen unmöglich ähnliche Verse zu schreiben oder sie zu verändern. Der Koran, der uns heute vorliegt, ist genau der dem Propheten geoffenbarte Koran und wer etwas anderes behauptet, ist ein Sünder, Skeptiker oder Lästerer, der auf jeden Fall vom rechten Weg abgekommen ist. Denn der Koran ist das Wort Gottes: „an den weder von vorne noch von hinten herankommt, was unwahr ist.“ (41:42)

     

    Wir glauben daran, dass wir den Koran mit unserem Handeln und mit unseren Worten ehren sollen. Deshalb soll sogar auch nicht ein Buchstabe davon mißachtet oder durch eine unreine Person berührt werden. Der Koran sagt: „der nur von Gereinigten berührt wird.“(56:79)19

     

    Die Schiiten lehnen jede Veränderung des Korans ab

     

    Wie zuvor erwähnt wurde, lehnen die Schiiten jede Änderung des Korans ab, und glauben fest daran, dass der jetzige Koran genau die auf den Propheten herabgesandte Offenbarung ist. Der Koran ist vollkommen und umfassend, bisher hat niemand auf der ganzen Welt ein Exemplar des Korans gesehen, das vom Original abweicht. Heute stehen uralte Manuskripte aus der Zeit der schiitischen Imame zur Verfügung, die exakt dem heutigen Koran entsprechen.

     

    Der Heilige Koran sagt selbst deutlich, dass Allah ihn vor jeder Änderung bewahrt:

     

    „Wir haben die Mahnung herabgesandt und wir geben auf sie Acht.“ (15:9)20

     

    ‚Allameh Moĥammad Ĥoseyn Ţabaţaba’i erklärt diesen Vers in seinem wertvollen Korankommentar-Werk ‚Al-Mizan‘:

     

    „… Der Koran ist eine ewig bleibende Mahnung, die nie vergeht oder vergessen wird. Er ist vor jeder Abweichung bewahrt und auch geschützt vor jeder Änderung seiner Form oder Gestalt, die seinen Charakter oder seine Aufgabe, welche die Mahnung von Allah ist, und die göttlichen Weisheiten und Wahrheiten zum Ausdruck bringt, beeinflussen. Der oben genannte Vers weist darauf hin, dass das Buch Gottes immer vor jeglicher Änderung bewahrt wurde und auch zukünftig bewahrt werden wird.“

     

    1. DIE TRADITION (SUNNA)

     

    Nach dem Koran ist die wichtigste Quelle für die Islamkenntnis und das schiitische Denken, die Tradition (Sunna) des geehrten Propheten Mohammad (s.a.a.s.), welche seine Reden und Handlungen enthält. Der Koran selbst gibt dem Propheten deutlich diese Stellung und diesen Rang, denn entsprechend der Verse des Korans, ist es die Pflicht des Propheten, dass er den Menschen den Koran erläutert (16:44) und sie den Koran und die Weisheit lehrt (62:2). Der Prophet Mohammad (s.a.a.s.) ist ein vollkommenes Vorbild für die Gläubigen (33:21). Er redete nie nach seinem privaten Willen und Wunsch (52:3). Die Muslime sollen alles, was ihnen der Prophet gebietet annehmen, und sollen auf alles, was er ihnen verwehrt, verzichten. (59:7)

     

    Die Schiiten, so wie auch die anderen Muslime, lieben den Propheten Mohammad (s.a.a.s.) aus Achtung der zuvor genannten Koranverse, wie auch anderer Verse bezüglich seines Ranges und seiner Stellung als einer Person, die durch Gott direkt erwählt wurde um den Menschen seine Botschaft mitzuteilen, und sie folgen allen seinen Befehlen. Dies wird später noch genauer erläutert.

     

    DIE AHL-E BEYT DES PROPHETEN

     

    Offensichtlich gibt es keine unterschiedliche Meinung zwischen den Muslimen über die Rechtmäßigkeit der Befolgung der Lehren der Ahl-e Beyt des Propheten für das Verständnis des Islams, insbesondere auch bezogen auf die Sunniten, die alle Freunde des Propheten als verlässliche Quelle für das Islamverständniss betrachten.21 Zweifellos repräsentieren die Ahl-e Beyt des Propheten zuverlässig und vertrauenswürdig den Islam. Dies wird klarer, wenn wir uns an die Ahadith des geehrten Propheten über die Ahl-e Beyt (a.s.) wenden; sowie die Aussagen der sunnitischen Gelehrten über das hohe Wissen von Imam Ali (a.s.) und der anderen Mitglieder seiner Familie beachten. Zum Beispiel sagte Emam Malik: „Bisher hat niemand einen weiseren, klügeren, gottesfürchtigeren und gläubigeren Menschen als Ja’far Ibn-Moĥammad (der sechste Imam, Imam Sadeq) (a.s.), gesehen, gehört oder kennengelernt.“22 Dies berichtet Ibn- Taymiyah in seinem Buch ‚Al-Tawassol wa Al-Wasilah‘ S. 52, von Emam Malik.

     

    Scheykh Al-Mofid (gest. 413 n.d.Mondkalender) schätzte in seinem Buch ‚Al-Erschad‘ die Anzahl der Muslime anderer islamischer Denkschulen, die Überlieferungen von Imam Sadeq (a.s.) angeführt haben, und auf die man vertrauen kann, auf 4000 Personen. Deswegen gibt es keinen Zweifel darüber, dass sich die Gläubigen an die Ahl-e Beyt (a.s.) wenden können. Sunnitische Gelehrte wie Scheykh Al-Schaltut, ein bekannter Gelehrter seiner Zeit, haben offen darauf hingewiesen, dass die Muslime bei Rechtsfragen, jeder der fünf islamischen Denkschulen folgen können. Diese sind: Ja’fari, Ĥanafi, Ĥanbali, Maleki und Schafe‘.

     

    Wenn wir annehmen würden, dass Imam Ja’far Şadeq (a.s.) oder die anderen Imame aus dem Hause des Propheten nicht mehr als andere über die Tradition des Propheten wissen oder Auskunft darüber haben, so müssen wir dennoch sagen, dass ihre Informationen nicht weniger als die anderer sind.

     

    Abu Ĥanife, der Führer der Ĥanafiischen Denkschule, war zwei Jahre Schüler von Imam Şadeq (a.s.), und auch viele andere sunnitische Gelehrte sind mittelbar oder unmittelbar Schüler der Ahl-e Beyt gewesen. Deswegen erwartet man von den Wissenden und Wahrheitsuchenden, dass sie sich neben den anderen gültigen Quellen bezüglich aller islamischer Fragen, an die Lehren, Handlungen und Reden der Ahl-e Beyt (a.s.) des geehrten Propheten wenden. Nun werden wir untersuchen, ob es nötig ist, sich zur Klärung von Fragen bezüglich des Islams, an die Ahl-e Beyt zu wenden oder nicht.

     

    Um eine passende Antwort auf diese Frage zu finden, erwähnen wir hier nun einige Ahadith vom Propheten Mohammad (s.a.a.s.), die durch die berühmten sunnitischen Gelehrten überliefert, und sowohl von den sunnitischen als auch den schiitischen Denkrichtungen akzeptiert wurden.

     

    Es ist hier noch notwendig zu erwähnen, dass alle Lehren der Ahl-e Beyt (a.s.) auf dem Heiligen Koran und der Tradition des geehrten Propheten basieren. Niemals haben sie etwas von sich aus oder nach ihren privaten Interessen und Wünschen gesagt. Wir finden viele Ahadith von den Ahl-e Beyt (a.s.) in den wichtigen schiitischen Ahadtih-Sammlungen, wie Usul Al-Kafi, die daraufhinweisen, dass die Imame alles, was sie gesagt haben, von ihren Vätern bzw.Vorvätern und dem Propheten erhalten haben. Eines der berühmtesten und wichtigsten Ahadith über die Notwendigkeit des Sich-wendens an die Ahl-e Beyt, welches sowohl bei den Schiiten als auch bei den Sunniten erwähnt wurde, ist der Hadith ‚Šaqaleyn‘. Diesen Hadith hat der Prophet in verschiedenen Situationen, wie z.B. am Tag ‚Arafe während seiner letzten Pilgerreise, und auch am 18. Tag des Monats Źi-Al-Ĥajjeh, während der Pilgerreise, an einem Ort namens ‚Qadir Al-Khom‘ gesagt. In einigen dieser Überlieferungen finden wir mehrere Unterschiede in den Worten, aber der Inhalt ist gleich. In einer Ausführung hat der Prophet z.B. gesagt:

     

    „O Leute, ich hinterlasse Euch zwei Kostbarkeiten: Den Heiligen Koran und meine Ahl-e Beyt. Solange Ihr an diesen beiden Kostbarkeiten festhaltet, und bei ihnen Zuflucht sucht, werdet Ihr nicht in die Irre gehen.“

     

    In einer anderen Überlieferung sagt er:

     

    „Ich hinterlasse Euch zwei Kostbarkeiten, wenn Ihr an diesen festhaltet und bei ihnen Zuflucht sucht, werdet Ihr nicht in die Irre gehen: Das Buch Gottes, das wie ein Tau zwischen Himmel und Erde hängt; und meine Ahl-e Beyt. Diese beiden werden sich niemals voneinander trennen, bis dass sie am Tag der Auferstehung, zu mir, neben die Quelle ‚Kowšar‘ kommen. Achtet darauf, wie Ihr sie nach meinem Tod behandelt.“

     

    Dies zeigt, dass der geehrte Prophet um die Art und Weise des Umgangs der Muslime mit dem Koran und den Ahl-e Beyt besorgt war. In einer anderen Überlieferung sagte er:

     

    „Ich hinterlasse Euch zwei Nachfolger: der Erste ist das Buch Gottes, das wie ein Tau zwischen Himmel und Erde hängt, und der Zweite ist meine Ahl-e Beyt (a.s.). Sie werden sich nie voneinander trennen, bis das sie am Tag der Auferstehung zu mir neben die Quelle ‚Kowšar‘ kommen.“

     

    Diese zuvor erwähnten Ahadith kann man in den wichtigsten sunnitischen Quellen finden, wie:

     

    ‚Al-Şaĥiĥ‘ von Moslem (Vol. 8, S. 25, Nr. 2408), ‚Al-Mosnad‘ von Aĥmad (Vol. 3, S. 388, Nr. 17020), ‚Al-Şonan‘ von Darmi (Vol. 2, S. 432), ‚Şonan‘ von Termeźi (Vol.5, S. 6432, Nr. 3788), ‚Asad Al-Ghabah‘ von Ibn-Ašir (Vol. 2, S. 13), ‚Al-Şonan Al-Kobra‘ von Beyhaqi (Vol. 2, S. 198) und ‚Kanz Al-‚Ommal‘ (Vol. 1, S. 44).

     

    Jetzt wollen wir den Inhalt dieser Hadith sorgfältig untersuchen. Der Prophet hat den Muslimen zwei kostbare Dinge, d.h. den Koran und die Ahl-e Beyt, hinterlassen. Und solange die Muslime an diesen beiden festhalten und bei ihnen Zuflucht suchen, werden sie nicht in die Irre gehen.

     

    Darunter ist zu verstehen, dass der Koran und die Ahl-e Beyt miteinander übereinstimmen müssen und sich nicht widersprechen dürfen. Ansonsten würde der Prophet nicht die Anweisung gegeben haben, beiden zu folgen. Die Muslime würden verwirrt werden, und wüssten nicht wie sie handeln, und an wen sie sich wenden sollen. Obwohl man unausgesprochen von Beginn der Hadith an die Unzertrennlichkeit dieser beiden Kostbarkeiten versteht, sagt der Prophet es noch am Ende des Hadith deutlich: „Sie werden sich nie voneinander trennen, bis das sie am Tag der Auferstehung zu mir neben die Quelle ‚Kowšar‘ kommen.“

     

    Somit sagt der obengenannte Hadith in allen Versionen folgendes:

     

    – Von der Zeit des Propheten bis ans Ende der Welt, werden das Buch Gottes und die Ahl-e Beyt des Propheten zusammen sein, und sich nie voneinander trennen.

     

    – Niemand kann behaupten, dass das Buch Gottes alleine ausreichend ist, und die Muslime nicht die Ahl-e Beyt (a.s.) brauchen, oder umgekehrt. Denn der geehrte Prophet hat deutlich gesagt, dass er zwei Kostbarkeiten für die Muslime hinterlässt, und sie an diesen beiden festhalten und bei ihnen Zuflucht suchen sollen, um nicht in die Irre zu gehen.

     

    – Die Ahl-e Beyt des Propheten gehen nie in die Irre und sie sind immer mit der Wahrheit.

     

    – Die Ahl-e Beyt des Propheten sollen, wie auch der Koran, bis zum Tag der Auferstehung auf der Erde sein, und auch nicht für einen Moment verschwinden, und dies ist nur möglich, wenn mindestens ein Mitglied der Ahl-e Beyt auf der Erde anwesend ist.

     

    Der andere wichtige Hadith ist der Hadith ‚Safineh‘ (Arche Noah). Alle Muslime (sowohl die Sunniten als auch die Schiiten) zitierten, dass der Prophet sagte:

     

    „Seid Euch darüber sicher, dass meine Ahl-e Beyt unter Euch ist wie die Arche Noah. Ein jeder, der bei ihr Zuflucht sucht, findet Rettung. Wer sich aber von ihr fernhält, wird untergehen.“

     

    Diesen Hadith kann man in verschiedenen sunnitischen Schriften finden, wie zum Beispiel: ‚Al-Mostadrak‘ von Ĥakem Neyschaburi (Vol. 3, S. 149 u. 151), ‚Arba’in Hadiš‘ (vierzig Hadith) von Nabahani und ‚Al-Şawaeq Al-Moĥraqah‘ von Ibn-Ĥajar.

     

    Also, entsprechend den Ahadith ‚Šaqaleyn‘ und ‚Safineh‘ ist es notwendig, dass sich die Muslime an die Ahl-e Beyt des Propheten wenden.

     

    Anmerkung: Wie schon zuvor erwähnt wurde, haben sowohl die Sunniten als auch die Schiiten den Hadith Šaqaleyn zitiert. Es gibt auch eine andere Überlieferung von diesem Hadith, die aber nur in einigen sunnitischen Quellen vorkommt. In diesem Hadith hat der geehrte Prophet des Islams anstelle der Ahl-e Beyt die Tradition neben dem Buch Gottes erwähnt. Auch wenn wir dieses Hadith als gültig anerkennen, gibt es keine Probleme. Entsprechend der bekannten Überlieferung, die sowohl von den Sunniten als auch den Schiiten zitiert wurde, hat der Prophet es für notwendig gehalten, dass die Muslime sich an die zwei von ihm hinterlassenen Kostbarkeiten, d.h. den Koran und die Ahl-e Beyt, halten. Nach der zuvor genannten Überlieferung, die nur in einigen sunnitischen Quellen vorkommt, heißt es vom Propheten, dass die Gläubigen sich an den Koran und die Tradition wenden sollen. Das Ergebnis eines Vergleiches ist offensichtlich, nämlich die eine der beiden Kostbarkeiten ist der Koran und die andere Kostbarkeit, die Ahl-e Beyt oder die Tradition sind identisch. Das heißt der einzige Weg zur Tradition des Propheten und zum genauen Verstehen der Tradition ist die Hinwendung an die Ahl-e Beyt, die die engste Beziehung zum Propheten hatten, und mehr als die anderen über seine Worte und Handlungen (Tradition) wissen.