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    Eine Einführung in die Nahjul- Balagha

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    Wir bringen im folgenden den Wortlaut der vorgesehenen Ansprache, die Herr Ali Rahbar, Geschäftsführer der Gesellschaft für das Geistesleben Persiens in Bonn, Herausgeber und Chefredakteur der unabhängigen Kulturzeitschrift IRANZAMIN, am 31.12.1999 in der Imam-Ali-Moschee in Hamburg habe halten wollen, aber aufgrund seiner Erkrankung verhindert war.

     

    Meine hochverehrten Damen und Herren,

     

    für die Ehre, die mir während dieser Tage zum zweiten Mal das Islamische Zentrum in Hamburg zu Teil werden lässt, in der Imam-Ali-Moschee über Ali bin Abi Talib, Gottes Friede sei mit ihm, zu sprechen, bedanke ich mich recht herzlich.

     

    Um Imam Ali und seinem vor mehr als 1000 Jahren von dem  verlässlichen und in der islamischen Welt höchst angesehenen Gelehrten und Dichter Al-Sharif Seyyd Razi, Abul Hasan Muhammad bin Hasan Musavi (939 – 986) zusammengestellten Werk Nahjul Balagha, (Die Methoden der Rhetorik), welches aus drei Haupteilen, nämlich den Predigten, Briefen und Aphorismen besteht, gerecht zu werden, möchte ich den Vortrag teilen und an diesem Abend lediglich über die Vorgeschichte, die im Jahre 656 zur Wahl Alis zum Khalifen führte sowie über die Ereignisse während seines 57 Monate dauernden Khalifates bzw. Imamats sprechen, also über jene dunkele und undurchsichtige Phase von Frühjahr 656 bis Juni 661.

     

    Trotzdem ist es vielleicht hier angebracht, wenigstens die Ansicht eines großen Forschers aus unseren Tagen über die heutige Relevanz  bezüglich der Redekunst Nahjul Balaghas, also jenes Werkes anzuführen, welches als Brüder des Erhabenen Korans, über die herausragende Stellung des Imams Zeugnis ablegt und in der Tat ein Höchstmaß an Weisheit darstellt, was Lehrsätze der exakten Wissenschaften, erstaunliche Reden aller Art sowie die Formulierungen begründeter Thesen und allgemein gültiger Axiome wiedergibt.

     

    Professor Muhammad Muhhiddin von der Arabistik-Fakultät der Al-Azhar-Universität in Kairo schreibt in seinem Vorwort zu dem 1962 im Kairoer Verlag Isteqama neu erschienen Prolegomenon von Ägpytens Groß-Mufti Allama Scheich Muhammad Abduh (1849 – 1905)  dazu:

     

    Dieses Buch enthält berühmte Juwelen und feinste Lehrstücke der Rhetorik, da  es sich hier um Aussagen jener Person handelt, die nach dem Propheten Muhammad am besten mit der arabischen Sprache umgehen konnte und daher als der größte Meister der Worte und der Argumentation galt, den die Beherrschung des Arabischen auszeichnete, weil er es nach seinen Wünschen ausformen konnte. Er war ein hochrangiger Philosoph, dessen Aussagen eine Quelle der Weisheit darstellen und war ein Prediger, dessen Reden die Herzen erfüllten und ein Gelehrter, der vor allem in seinen jüngeren Jahren das Privileg genoss, in engem Kontakt zum Propheten zu stehen, was niemandem sonst beschieden war. Er könnte daher die Sache Gottes sowohl mit dem Schwert als auch mit der Glorie der Sprache verteidigen.

     

    Auch ich will nicht verheimlichen, dass ich dieses grandiose Buch seit meiner Jugend in meinem Herzen ganz nach oben gestellt und es immer wieder als Gefährte und Trost in Zeiten der  Not und Einsamkeit mitgenommen habe.

    Daher würde ich mich dem Islamischen Zentrum in Hamburg sehr verbunden fühlen, wenn es mir bald wieder erlauben würde, über das Werk Nahjul Balagha ausführlich zu referieren.

     

    Mit dem Tode Muhammads, Gottes Segen sei auf ihm, im Jahre 632 begannen innerhalb der umma (islamische Gemeinde) in der Hauptstadt Medina ernstzunehmende politische Auseinandersetzungen aufzubrechen, die später zu den gegensätzlich ausgerichteten sunnitischen und schiitischen Doktrinen führten. Die Kardinalfrage war dabei die unterschiedliche Auffassung über die Nachfolge Muhammads zwischen den Verfechtern des Wahlprinzips und denen, die das Recht zur Führerschaft nur dem Hause des Propheten ( ahl-ul-bait) zuerkannten.

     

    Obwohl, nach schiitischer Auslegung, Ali von Muhammad selbst zum Nachfolger bestimmt und mit Machtbefugnissen ausgestattet worden war, weil er von besonderen geistigen Kräften und einem inneren Licht durchdrungen schien, löste Muhammads Tod im ersten Augenblick Verwirrung aus. Abu Bakr, einer seiner ersten Anhänger, verkündete der Gemeinde:

    O ihr Männer, wenn ihr Muhammad anbetet, ist Muhammad tot. Wenn ihr Gott anbetet, lebt Gott.

     

    Aber auf Erden gab es eine Aufgabe, die zu erfüllen war. Es musste ein Schiedsrichter bei Streitfällen und ein Entscheidungsträger innerhalb der Gemeinde gefunden werden. Muhammads Anhänger bestanden aus drei Gruppen: die früheren Gefährten, die ihn bei der hidschra (Übersiedlung) von Mekka nach Medina begleitet hatten ― diese Gruppe war durch Heiraten untereinander verbunden ―, die einflussreichen Männer von Medina, die dort den Pakt mit ihm geschlossen hatten, und schließlich, die in der Mehrzahl erst vor kurzem konvertierten Mitglieder der führenden Familien von Mekka.

     

    Bei einem Treffen der engen Gefolgsleute und Stammesführer wurde ein Mann der ersten Gruppe zum Khalif, also zum Nachfolger bzw. Stellvertreter des Propheten gewählt: Abu Bakr, ein Gefährte der ersten Stunde, dessen Tochter A’ischa, die – spätere – Lieblingsfrau Muhammads war und die sich  »Mutter der Gläubigen« nannte.

     

    Der Khalif war kein Gesandter Gottes. Er war das Oberhaupt der Gemeinde, jedoch in keinem Sinne ein Prophet; er konnte nicht den Anspruch erheben, Verkünder weiterer Offenbarungen zu sein. Er müsste der Frömmste sein, und er sollte gottwohlgefällig herrschen. Aber wie war diese zu gewährleisten? Eine Einigung unter Muhammads Weggefährten wurde erreicht; aber sie war bereits Kompromiss, barg den Keim des Konfliktes in sich. Die Legitimation des Khalifen durch den Konsens der Gemeinde in der schura (im Wahlgremium) und durch die Zugehörigkeit zum Geschlecht Muhammads, den quraischen Banu-Haschim, trug unumstritten nur die beiden ersten im Amte: Abu Bakr (632—634), der die Araber in den ersten Eroberungskriegen zu einer Einheit zusammenschmiedete, und Umar (634—644), der den Grundbestand des islamischen Weltreiches schuf.

     

    Aber jene Kriterien der Legitimation wurden unbrauchbar, als mit dem Bruch in der muslimischen Aristokratie der Prophetengenosse aus dem Stamme der Quraisch die Einheit der umma zerbrach. Trotzdem umgab eine Aura der Heiligkeit und der Gotteswahl die Person und das Amt dieser Khalifen, die deshalb eine gewisse religiöse Autorität für sich in Anspruch nehmen könnten. Abu Bakr und seine Nachfolger sahen sich bald aufgerufen, die Führung in einem größerem Umfang als Muhammad zu übernehmen. In Muhammads Tradition und Handeln lag implizit ein globaler Anspruch: Der Prophet forderte universale Autorität, der von ihm eingerichtete haram hatte keine natürlichen Grenzen; in seinen letzten Jahren waren militärische Expeditionen in die Grenzgebiete des Byzantinischen Reiches entsandt worden, und er hatte vorher die Herrscher der großen Reiche durch Emissäre aufgefordert, seine Botschaft anzunehmen. Nach seinem Hingang drohten nun aber die Bündnisse zu zerbrechen, die er mit den Stammesfürsten geschlossen hatte. Um dieser Herausforderung zu begegnen, griff die Gemeinde unter Abu Bakr zu militärischen Aktionen (die Kriege der ridda).

     

    Zunächst wurde ein Heer geschaffen, und der Schwung siegreicher Schlachten trug die Krieger erst in die Grenzregionen der großen Reiche, und als sich der Widerstand dort als schwach erwies, in ihr Herz. Am Ende der Herrschaft des zweiten Khalifen, Umar ibn al-Khattab (634 — 644), waren ganz Arabien, ein Teil des Sassanidenreiches und die syrischen und ägyptischen Provinzen des Byzantinischen Reiches erobert; kurze Zeit später wurde der Rest des sassanidischen Gebietes besetzt.

     

    In einem Zeitraum von wenigen Jahren waren die politischen Grenzen im Nahen Osten verändert worden, und das Zentrum des politischen Lebens hatte sich vom reichen, dicht bevölkerten Gebiet des Fruchtbaren Halbmondes in eine Kleinstadt verschoben, die am Rande der Welt von Reichtum und hoher Kultur lag. Der Wandel war so abrupt und unerwartet, dass er einer Erklärung bedarf. Von Archäologen entdecktes Material weist darauf hin, dass der Wohlstand und die Stärke der mediterranen Welt zerfielen, zum einen durch Barbareninvasionen, durch das Nachlassen landwirtschaftlicher Erträge und das Schrumpfen städtischer Märkte. Sowohl das byzantinische als auch das sassanidische Reich waren durch Pestepidemien und lange Kriege geschwächt. Byzanz hatte seine Kontrolle über Syrien erst nach dem Sieg über die Sassaniden im Jahre 629 wiederhergestellt, aber sie blieb zerbrechlich.

     

    Das arabische Heer, das in die beiden Reiche einmarschierte, war keineswegs eine Stammeshorde, sondern eine gut organisierte Streitmacht, und eine Anzahl der ihr angehörenden Soldaten hatte militärische Erfahrung im Dienste der großen Reiche oder während der Kämpfe nach dem Tod des Propheten erworben. Der Einsatz von Kamelen als Fortbewegungsmittel verschaffte ihnen einen Vorteil bei Feldzügen über große Entfernungen. Die Aussichten auf Land und Reichtum verbanden sie zu einer Interessengemeinschaft, und vielen verlieh die glühende Überzeugung, dem rechten Glauben zu dienen, eine besondere Art Stärke.

     

    Vielleicht lässt sich jedoch eine andere Erklärung dafür finden, dass die Bevölkerung der unterworfenen Länder die arabische Herrschaft hinnahm. Für die meisten dieser Menschen machte es keinen Unterschied, ob sie von Iranern, Griechen oder Arabern regiert wurden. Die Herrschaft wirkte sich zum größten Teil nur auf das Leben in den Städten und ihrem direkten Hinterland aus. Und abgesehen von Beamten, von Angehörigen der Klassen, deren Interessen sich mit denen der Staatsdienerschaft verbanden, und den Hierarchien einiger religiöser Gemeinschaften interessierte es auch die Stadtbewohner vermutlich nicht sonderlich, wer über sie herrschte, solange sie sicher und friedlich lebten und die Steuern ein vernünftiges Maß nicht überschritten.

     

    Die Menschen auf dem Land und in der Steppe unterstanden ihren eigenen Anführern und hatte ihre eigenen Sitten und Gebräuche. Ihnen war es gleichgültig, wer in den Städten herrschte. Manchen brachte es sogar Vorteile, dass Griechen und Iraner durch die Araber ersetzt worden waren. Jenen, die als Häretiker in Opposition zur byzantinischen Macht standen, fiel es möglicherweise leichter, unter einem Herrscher zu leben, der den verschiedenen christlichen Gruppierungen unparteiisch gegenüberstand, besonders da die neue Religion, deren Doktrin und Glaubensgesetze noch nicht voll entwickelt waren, ihnen nicht fremd erscheinen mochte. In den Teilen Syriens und des Irak, die bereits von Volksstämmen arabischer Herkunft und Sprache bewohnt wurden, bereitete es den Anführern keine Schwierigkeiten, ihre Loyalität von den Kaisern auf die neue arabische Allianz zu übertragen, um so mehr, als sie vorher unter der Herrschaft der Lachmiden und Ghassaniden gestanden hatten, der arabischen Vasallenstaaten der beiden Großreich, die nun verschwunden waren.

     

    Mit der Erweiterung des unterworfenen Gebietes musste sich auch die Form ändern, in der es regiert wurde. Die Eroberer übten ihre Macht von befestigten Feldlagern aus, in denen die arabischen Krieger stationiert waren. In Syrien befanden sich diese Lager in bereits bestehenden Städten, aber anderswo wurden neue Siedlungen gegründet: Basra und Kufa im Irak, Fustat in Ägypten (Kern des heutigen Kairos) und andere an der nordöstlichen Grenze in Khurasan. Als Machtzentrum waren diese Feldlager Anziehungspunkte für Einwanderer aus Arabien und den eroberten Ländern, und sie wuchsen und wurden Städte mit dem Statthalterpalast und der Moschee, dem öffentlichen Versammlungsplatz als Mittelpunkt.

     

    In Medina und den mit ihr durch Landverbindungen verknüpften Heerlager-Städten lag die Macht in den Händen einer neuen herrschenden Gruppe. Einige ihrer Angehörigen waren Gefährten des Propheten, frühe und treue Gefolgsleute, aber ein Großteil entstammte Familien aus Mekka und der nahe gelegenen Stadt Ta’if. Dies waren Männer von hohem militärischen und politischen Geschick. Als die Eroberungen andauerten, vergrößerte sich diese Gruppe durch Mitglieder führender Nomadensippen, wozu auch jene gehörten, die nach dem Tod des Propheten versucht hatten, die Herrschaft Medinas abzuschütteln. Die verschiedenen Gruppierungen vermischten sich bis zu einem gewissen Grad miteinander. Umar schuf ein Entlohnungssystem für alle, die im Namen des Islam gekämpft hatten. Es war nach militärischem Rang und dem Zeitpunkt des Übertritts abgestuft und verstärkte den Zusammenhalt der herrschenden Elite oder zumindest die Absonderung von denen, über die sie herrschte.

     

    Trotz des grundsätzlichen Zusammenhalts war jedoch die umma durch persönliche Differenzen und Fraktionsinteressen gespalten. Die alten Gefährten des Propheten betrachteten die später Bekehrten, die die Macht mit ihnen teilten, mit Misstrauen. Ansprüche, die sich auf eine frühe Bekehrung und enge Bindungen an Muhammad beriefen, stießen mit Prämissen zusammen, die auf Adel, alter und ehrwürdiger Abstammung gründeten. Die Bewohner von Medina erlebten, dass die Macht sich mehr und mehr in den Norden verschob, in die reicheren und dichter bevölkerten Länder Syrien und Irak, wo die Statthalter versuchten, sich von Medina unabhängig zu machen.

     

    Diese Spannungen drängten unter der Herrschaft von Uthman ibn Affan (644 ― 656) an die Oberfläche. Er wurde von einer kleinen Gruppe von Quraisch gewählt, nachdem Umar aus persönlicher Rache ermordet worden war. Er schien Hoffnungen auf die Versöhnung der rivalisierenden Fraktionen zu bieten, denn er gehörte zum Kern der Quraisch, hatte sich aber früh zum Islam bekannt. Er betrieb jedoch Familienpolitik und ernannte Mitglieder seiner Sippe zu Provinzstatthaltern, was den Widerstand sowohl der Söhne der Prophetengefährten in Medina als auch von A’ischa, der Witwe des Propheten, und von Gruppen in Kufa und Fustat heraufbeschwor. Auch einige Stämme lehnten sich gegen seine Herrschaft auf. Unruhen in Medina, bei denen die Widerstandsgruppen durch Krieger aus Ägypten unterstützt wurden, führten 656 zu Uthmas Ermordung.

     

    Die Vorgeschichte  zu diesem Mord lässt erkennen, dass bereits in der Endphase des Khalifats Uthmans verschiedene politische Gruppierungen in der Gemeinde aufeinandertrafen. Unterschiedliche religiös-politische Fraktionen haben sich dieses Mordes «gerühmt«. Da war zum einen eine Gruppe Unzufriedener aus Ägypten, Basra und Kufa, die im Frühjahr 656 nach Medina zog, um über die Staatsführung Klage zu führen.

     

    Eine andere Gruppe bildeten die aus Mekka kommenden Quraisch. Diese  unterteilten sich in zwei Richtungen:

    Die Mitglieder jener Klane, die früher mit Uthmans Familie, dem Stamm der Umayya, verbündet gewesen waren und daher dazu neigten, den Khalifen zu tolerieren, und die Leute aus dem Klan der Mahzum, die zur Opposition gegen den Khalifen neigten. Hier ist anzumerken, dass beide Gruppen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht über wirtschaftliche oder soziale  Probleme Protest erheben wollten.

     

    Die dritte Gruppe, deren Schwierigkeiten am eindeutigsten wirtschaftlicher Natur waren, lebten in Medina. Es waren die Ansar, (die Helfer Muhammads) die alten Einwohner dieser Stadt. Obwohl sie Muhammad in den schwierigen Jahren seines Kampfes gegen die Mekkaner geholfen hatten, ging es ihnen zu dieser Zeit schlechter als manchem, der zu Muhammads  Hauptwidersachen gehörte. Interessanterweise schlossen sich die Ansar den aus den eroberten Provinzen Stammenden in ihrer Protestbewegung nicht an.

     

    Mit der Ermordung Uthmans im Sommer 565 in Medina begann die erste Periode des Bürgerkrieges innerhalb der umma. Die Gegenspieler im Bürgerkrieg, der unter Ali ausbrach, sind zugleich die Konfessionen des ersten religiösen Schismas, und ihre politisch— religiösen Standpunkte bleiben in der Reflexion der Theologen bis in die Disputationen der Spätzeit Paradigmen der Debatte um die islamische Herrschaft.

     

    Die Partei Alis (si‘at Ali, die Schia schlechthin), des Vetters und Schwiegersohns, des Ehemannes der Lieblingstochter des Propheten, Fatima, hatte von Anfang an ihre Ansprüche erhoben. Von Beginn an waren diese Ansprüche auf Alis besondere Nähe zum Propheten gegründet: er war der erste Muslim, war Hüter des Propheten Erbes und suchte daraus seine besondere religiöse Autorität abzuleiten, also Imamat gegen Khalifat.

     

    Andererseits war und blieb der Führungsanspruch der politischen Schia verknüpft mit den Erwartungen, die aus der wachsenden Anhängerschaft iranischer Mawali zuflossen. Mawali waren die nichtarabischen Beisassen, Klienten arabischer Familien nach der Bekehrung zum Islam, alteingesessen im Irak und in Persien und selbstbewusste Träger der alten Sozialstruktur und Kultur der Städte und des Landes, doch noch lange minderen Rechts. Die Hoffnung auf den durch leibliche und geistliche Erbfolge legitimierten, charismatischen Herrscher wurde in diesen Kreisen genährt: auf den sündlosen und gerechten Imam, Vorsteher des Gottesdienstes und Leiter der umma, der allein die göttliche Führung aller Muslime zum Heil im Diesseits und Jenseits vermitteln könne, also den Rechtgeleiteten.

     

    Dieses Wunschbild finden wir bei Autoren wie Al-Mawardi, der vierhundert Jahre nach Alis Tod schrieb und noch siebenhundert Jahre später bei Ibn Khaldun.

     

    Der schiitischen Auslegung nach wurde Ali von Muhammad selbst durch Designation (nass) und persönliches Legat (wasiya) als geistlichen Vorsteher, Haupt der Gläubigen, also Imam, zum Nachfolger bestimmt. Das Licht der göttlichen Inspiration sei auch von Muhammad auf Ali und weiter auf seine leiblichen und spirituellen Nachkommen übergegangen. Alle diese 12 Imame waren im voraus erwählt und von besonderen geistigen Kräften und einem inneren Licht durchdrungen.

     

    Darin sieht jedenfalls die Schia ihre Legitimation als sie mit der Ermordung Alis im Juni 661 in die politische Opposition gerät:

    Mit den Stimmen der Medinenser, der Ansar, wurde Ali ibn Talib 656 zum Khalifen gewählt.

     

    Er stellte bald fest, dass in dem ausgedehten Khalifat eine zentraler gelegene Hauptstadt gebraucht wurde. Er entschloss sich daher, seine Residenz nach Kufa, einer der beiden arabischen Neugründungen im Irak, zu verlegen. Dabei liess er allerdings einige politische Rivalen in Medina zurück, besonders die beiden mächtigen Mekkaner Talha und Zubair, und gab ihnen Gelegenheit zur Bildung einer eigenen Parteiclique. Auch der syrische Gouverneur, Muawiya, hatte seine eigenen Pläne, aber er wartete seine Zeit ab.

     

    Trotz der Verlegung der Hauptstadt gelang es Ali aber nicht, die prekäre Situation zu meistern. Gestützt auf eine Koalition von Anti—Umayyaden, also Gegnern Uthmans — neben den Medinensern, vor allem die um Kufa im Irak angesiedelten Stämme, die sich der Verteilungspolitik Uthmans widersetzt hatten —, konnte er die Rache an den Mördern Uthmans nicht durchsetzen.

     

    Obwohl Ali  den Mord an Uthman missbilligte, seine beiden Söhne zu seinem Schutze abgestellt hatte,  zeigte er starke Sympathien für die Aufständischen. Er ergriff keine Maßnahmen, um jene zu bestrafen, die für das Blutvergießen verantwortlich waren. Vergebens beteuerte er wiederholt, dass die Rache für Uthmans Tod Bruderkrieg bedeute, aber die Parole gegen ihn lautete weiter: Uthmans Tod muss gerächt werden, notfalls mit Alis eigenem Blut. Die Revanche für Uthmans Tod war aber kein eigentlicher Grund.

     

    Der Groll der Ali-Gegner lag darin, dass er trotz seiner dynamischen Persönlichkeit keine Zweckpolitik betreiben wollte, zumindest nicht auf Kosten der Wahrheit. Seine Gegenspieler gewannen deshalb an Stärke, weil sie bemüht waren, die Interessen bestimmter Gruppen unter Inkaufnahme der Diskriminierung und purer Verlogenheit zu bevorzugen. Daher musste Ali bald an zwei Fronten kämpfen, nämlich in Hedschaz und in Syrien.

     

    In Mekka verbündeten sich ungleiche Partner in der Revolte gegen ihn: alte Feinde Uthmans unter den Quaraisch um die wohlhabenden Talha, Zubair und die einflussreichen Prophetenwitwe A’isa, moralisch mitverantwortlich für den Mord, mit der frommen Opposition derer, die am Ideal des Islam festhielten. Die Verschwörer gewannen Basra, die wichtigste Garnison des Irak; doch in der »Kamelschlacht« von 656 fielen Talha und Zubair. Der Ausgang teilte den Islam in die Anhänger der mekkanischen Aristokratie, die politisch ausgespielt hatte, die Partei Alis ― die fortan in Kufa residierte ― und in die Hausmacht der Umayyadenfamilie in Syrien.

     

    Obwohl diese Rebellion unter dem Banner der Achtung des islamischen Rechtes und dessen ethischen Codicis geführt wurde, beruhte sie eindeutig auf dem Argwohn, den die Anführer Ali gegenüber hegten.. Der Name »Schlacht des Kameles« rührt daher, dass ‘A’isa während der ganzen Schlacht auf einem Kamel saß und der größte Teil des Kampfes sich rings um dieses Kamel abspielte.

     

    Bei diesem Krieg war allzu viel Blut vergossen, und ‘A’isa gefangen genommen, sie wurde jedoch von der Gefolgschaft Alis mit größtem Respekt behandelt. Ihr wurde freigestellt, nach Medina zurückzuziehen. Nach der Kamelschlacht, in der Talha und Zubayr den Tod fanden, konnte Ali ungehindert in Richtung Damaskus ziehen. Der dortige Statthalter, Mu’awiya ibn Abi Sufyan (605 – 680 ), war ein enger Verwandter Uthmans.

     

    Die beiden Armeen standen sich den größten Teil der Monate Juni und Juli 657 bei Siffin am Oberlauf des Euphrat, gegenüber. Es kam zu kleineren Gefechten. Nach einem nächtlichen Zusammenstoss, als es so aussah, als ob beide Heere voll einsatzbereit waren, gingen schliesslich einige religiösgesinnte Männer aus Mu’awiyas Gefolge zu Alis Lager; an ihren Lanzen hatten sie Abschriften des Koran geheftet. Auf diese Weise sollten ihre Gegner aufgefordert werden, die Auseinandersetzung durch ein Urteil im Sinne des Koran beizulegen.

     

    Die Streitfrage, über die das Schiedsgericht verhandelte und die letztlich durch militärische Macht entschieden wurde, war nicht nur die Frage, aus welcher Familie der Khalif kommen sollte. Es ging um den Bestand der islamischen Herrschaft: es handelte sich  auch um die religiöse Legitimation des Leiters der islamischen Gemeinde und um die Verantwortlichkeit des Herrschers vor Gott und den Muslimen. Die Misswirtschaft Uthmans, als dessen legitimierten Rächer Mu’awiya auftrat, hatte die Frage der Verantwortlichkeit aufgeworfen; war sie zu Recht gestellt, hatte Uthman Gottes Gebote übertreten, so stand auch Mu’awiyas Anspruch auf dem Spiel. Das Schiedsgericht sprach Uthman frei. Aber war ein menschliches Gericht dazu berufen, diese Frage zu entscheiden?

     

    Mittlerweile entstanden unter den Parteigängern Alis Meinungsverschiedenheiten. Noch in Siffin gab es in seinem Lager Stimmen, die ausriefen: Die Entscheidung steht Gott allein zu! (la hukm illa li-llah) und behaupteten, es sei eine Sünde, den Streit menschlichen Richtern zu unterbreiten. Viele seiner Anhänger drängten Ali, den Schiedsspruch des Koran zu akzeptieren.

     

    Alis Bereitschaft zur Annahme des Spruches hatte aber eine vehemente und um sich greifende Rebellion in den eigenen Reihen zur Folge. Während Ali in Kufa zum Marsch gegen Syrien rüstete, sagte ihm eine starke Partei der im Irak angesiedelten Stammesgruppen die Gefolgschaft auf und rief zum Auszug aus der Garnisonsstadt.

     

    Diesen Leuten schlossen sich andere an, und nach der Rückkehr nach Kufa zogen sich mehrere tausend in eine in der Nachbarschaft gelegenen Ort namens Harura zurück. Ali gelang es aber, mit den Anführern zusammenzutreffen, und nachdem er ihnen Provinzgouverneursposten angeboten und andere Zugeständnisse gemacht hatte, überredete er sie alle zur Rückkehr nach Kufa. Trotz dieser Beruhigung kam es aber zu einem zweiten Auszug, als klar wurde, dass das Schiedsgericht fortgesetzt würde.

     

    Dieser Auszug, dem sich mehr als 3000 Menschen anschlossen, führte nach Nahrawan; in der Zwischenzeit scheinen sich die beiden Schiedsrichter zweimal getroffen zu haben ― das erste Mal in Dumat al-Gandal. Von den beiden Männern war ‘Amr ibn-al-‘As ein aufrichtiger Anhänger Mu’awiyas, während Abu-Musa al-Aschàari, Imam Ali zwar vertrat, aber kein ganz so überzeugter Anhänger von ihm war.

     

    Die erste Frage, um die es ging, war offensichtlich die, ob Uthman zu Recht oder zu Unrecht getötet worden war. Vermutlich entschieden die Schiedsrichter, dass die Taten, derer er bezichtigt wurde, keine Verstösse gegen das Gesetz Gotte waren, die seine Hinrichtung gerechtfertigt hätten. Dies implizierte, dass Mu’awiya Uthmans wali oder Erbe war, und zwar nicht nur, um Rache für dessen Tod zu fordern, sondern auch in anderer Hinsicht.

     

    Zumindest dürfte Mu’awiya im April 658 von seinen Anhängern zum Khalifen ausgerufen worden sein. Die Frage, ob ein Recht auf das Khalifat bestehe, wurde wahrscheinlich von den beiden Schiedsrichtern im Januar 659 in Adruh untersucht, und dabei soll ‘Amr-As, den Abu-Musa Aschàari überlistet haben. Fest steht, dass sich die in Nahrawan geschlagenen Separatisten einer neuen Taktik bedienten: in einer Art Untergrundbewegung verschworen sie sich heimlich gegen Ali.

     

    Ich teile die Ansicht Gerhard Endriß’ (»Einführung in die islamische Geschichte«), dass eine genaue Prüfung des sozialen Hintergrundes der arabischen Stämme, die da ausgezogen waren (harag), der Kharidschiten (hawarig), sehr konkrete materielle Gründe für ihre Unzufriedenheit ergeben hat: Anscheinend gehörten sie nicht zu den Eroberern der ersten Stunde, die nach der Dotationsliste (dem divan) des Khalifen Umar die reichsten Pfründe aus dem eroberten Land und Gut erhielten; nach der Euphorie der Eroberungen begannen die Verteilungskämpfe. Wohl zu Recht hat man auch in der Opposition der Kharidschiten die Auflehnung des Stammestums schlechthin gegen angemasste Autorität gesehen; denn seit jeher waren Beduinen allenfalls dem Besten ihrer Stammesgemeinschaft als einem primus inter pares gefolgt, allenfalls nach einmütigem Beschluss zu begrenztem Ziel und Zweck.

     

    Keiner der Prätendenten, die zum Kampf gegeneinander angetreten waren, konnten den Muslimen Gleichheit und Gerechtigkeit bringen. Nicht nur gegen die Schia richtete sich daher die Erbitterung der Kharidschiten, sondern ebenso gegen die Umayyaden, deren Kontrolle über den Irak und über Sistan ihre Aufstände in den folgenden Jahrzehnten ernstlich gefährdeten. Die Ideologie ihres Widerstandes war ein religiöser Fundamentalismus: Allein Gott gebühre die Entscheidung; allein nach Gottes offenbartem Gebot sei zu handeln, und wer gegen dieses Gebot handele, sei ungeachtet seines Bekenntnisses aus der Gemeinschaft der Muslime verbannt. Allein aus der Gemeinschaft der Gerechten sei nach ihrem Konsens der Beste und Frömmste als der Khalif zu wählen, und sei es auch ein schwarzer Sklave. Ein radikaler Puritanismus also, der nur im Widerstand seine Identität bewahren konnte und alle Andersmeinenden mit dem Schwert verfolgte. Erst spätere Nachfolger dieser Lehre, die Ibadiya, konnten — charakteristischerweise in Arabien und unter den Berberstämmen Nordafrikas — kleine und kurzlebige Autonomien auf dieser Grundlage errichten.

     

    Historiker vermuten, dass diese Fanatiker nicht nur Ali, sondern auch Mu’awiya und ‘Amr, den Gouverneur von Ägypten, beseitigten wollten, weil sie diese drei Männer für die Ursache allen Zwiespalts unter den Moslems hielten. Alle drei sollten zur gleichen Zeit überfallen werden, und so geschah es auch; aber Ali, ein Mann Gottes, der nicht an das Böse glaubte, war der einzige, den sie unvorbereitet trafen. Ihr beauftragter Mörder, ein gewisser Abdur Rahman, verletzte Ali mit einem vergifteten Säbel, als er sich zur Stunde des Gebets begab. Am 24. Juni 661 erlag er seinen Wunden. So endete nach neunundzwanzig Jahren die Herrschaft jener vier Regenten, die man »die Frommen« nennt, und mit diesem Mord endete auch das theokratische Experiment in der islamischen Geschichte, denn nach dem Tod Alis wurde das Wort »Khalifat« gleichbedeutend mit »Reich«.

     

    Alis Amtszeit war schwer und tragisch; diese knapp fünf Jahre waren eine Periode unablässiger Parteiintrigen, gegen die er, der keine Winkelzüge kannte, auf die Dauer machtlos war. Dabei besaß Ali alle Eigenschaften einer Führerpersönlichkeit:  Mut, Klugheit und Bildung. Er war selbstlos, gerecht und versöhnlich.

     

    Erst im Tode triumphierte er, denn die Volksseele erhob ihn nachträglich zum Helden; er ging als der große Paladin des Islam in Märchen und Legenden ein. Die Partei Alis, die ihm während seines Lebens nicht viel genützt hatte, nahm nach seinem Tod unaufhaltsam an Stärke zu, bis sie nun eine gewaltige Kraft in der islamischen Welt darstellt.

     

    Für Schiiten war im Anfang nicht nur das Wort, wie die Bibel suggeriert, oder die Tat, wie Goethe im Faust sagt, sondern analog zur hinduistischen Tradition eigentlich die Dreifaltigkeit: Sat, Chit und Ananda, und der Islam bestätigt dies mit seiner Dreieinigkeit, Qudra, Hikmah und Rahmah, die er zu den Attributen der Gottesnamen zählt, also die Manifestation von Sein, Erkenntnis und Freude, und in diesem »Jetzt«, – das allgegenwärtige »Im Anfang« -, besitzt die Erkenntnis noch einen tief – inneren Zusammenhang mit jener prinzipiellen und uranfänglichen Wirklichkeit, die das Heilige ist und die Quelle all desjenigen, was geheiligt ist.

     

     

    Imam Ali, der nach schiitischer Überzeugung der erste rechtmäßige Nachfolger Muhammads ist, entstammt zweifelsohne dieser Quelle des Geheiligten.