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    Entwicklungsepochen der Islamischen Kultur und Zivilisation

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    Entwicklungsepochen der Islamischen Kultur und Zivilisation
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    Die Beziehung zwischen Kultur und Zivilisation und ihr Verhältnis zueinander ist von verschiedenen Seiten untersucht worden.

     

    Einige haben diese beiden Begriffe als Synonyme betrachtet, während in einer anderen Definition die Zivilisation als die materielle Manifestation der Kultur bezeichnet wird. Eine Gruppe sieht in der Kultur einen Bestandteil der Zivilisation und eine andere denkt genau umgekehrt. Offensichtlich gibt es keine einheitliche Definition dieser beiden Begriffe, welche von allen oder zumindest von den Soziologen akzeptiert wird. Wir meinen mit Zivilisation „die kulturelle Gesamtheit (Ordnung), welche aus den hauptsächlichen und ähnlichen kulturellen Besonderheiten einiger besonderer Gemeinschaften gebildet wird“. Zum Beispiel kann der westlichen Kapitalismus als eine Zivilisation beschrieben werden, denn die besonderen Formen der Wissenschaft, Technologie, Religion, Kunst und anderer ihrer besonderen Merkmale sind in mehreren verschiedenen Gesellschaften zu finden.“(1)

     

    Bei dieser Deutung lässt „Kultur“ vor allen Dingen ethnische Besonderheiten hervortreten, aber das Wort „Zivilisation“ trifft auf Kulturen zu, die über mehrere kollektive Wesensarten (unterschiedlicher Gesellschaften) hinaus, Gestalt angenommen haben. Daher ist mit der Islamischen Zivilisation eine Kultur gemeint, die über ihre Heimat (das Medina des Propheten) hinaus räumliche und zeitliche Verbreitung fand und zahlreiche Gemeinschaften mit einbezog, sich von ihrem Sozialleben beeinflussen ließ und sich umgekehrt auf deren Gesellschaftsleben auswirkte. (2)

     

    Die Islamische Zivilisation, die auf der Arabischen Halbinsel und in der Umgebung der arabischen Kultur in Erscheinung trat, fand sehr rasch Verbreitung unter den Volksstämmen und Völkern und ließ die besonderen islamischen Kulturen in diesen Gebieten entstehen. Denn jedes dieser Völker besaß seine eigenen klimatischen, politischen, wirtschaftlichen und geschichtlichen Bedingungen. Ein Teil der ehemaligen Kulturelemente dieser Völker wurde nach der Begegnung mit dem Islam von der neuen Religion bestätigt und blieb erhalten. Daher kommt die Kultur einer jeden muslimischen Volksgruppe und jeden muslimischen Volkes, darunter die Iraner, Inder, Ägypter usw. nach der Islamischen Zivilisation zu stehen und muss, auch wenn ihre Werteordnung dem Islam entnommen ist, dieser ethnischen Gruppe von Muslime oder diesem muslimischen Volke zugeordnet werden.

     

    Die Islamische Zivilisation, die in der Umgebung der Kulturen der Muslimvölker zum Vorschein trat, basierte trotz kultureller Vielfalt auf einer Einheitlichkeit, deren Ausgangspunkt der Glaube an den Einen Gott war und durchlief während ihrer geschichtlichen Entwicklungen einen Prozess von mehreren Phasen. Die kurze Betrachtung jeder dieser Phasen kann sich für das Projekt des Wiederaufbaus der Islamischen Zivilisation als nützlich erweisen.

     

    a) Epoche der Begegnung und Beurteilung

     

    Im Zeitraum des ersten und zweiten Jahrhunderts nach der Hidschra (7. und 8. Jh. n. Chr.), welche als die „Epoche des Übergangs und der Übermittlung“ bezeichnet werden kann, sind wir trotz der augenfälligen Siege der muslimischen Araber von Andalusien (im Westen) bis zu Kashghar (im Osten) und dem Sturz der mächtigen Sassanidenregierung und Besetzung wichtiger Teile des Oströmischen Reiches und dementsprechend der zunehmenden Verbreitung des Islams unter der Bevölkerung in diesen Gebieten, vor allem Dinge Zeuge einer Begegnung und Bewertung der islamisch-arabischen Kulturordnung auf der einen Seite und der iranischen und römischen Kultur und insgesamt aller nicht-arabischen Neumuslime auf der anderen Seite.

     

    Zu der Zeit wurden zwar die Gebiete Iran, Nordafrika und nichtarabische sowie weitere Regionen als Teil des Herrschaftsgebietes der Islamischen Welt betrachtet, aber sie galten nicht als Islamische Gesellschaft und als Besitzer der Islamischen Kultur, denn ein kultureller Wandel erfordert einen allmählichen Prozess. Obwohl diese Gesellschaften die geistige Welle des Islams in diesen zwei Jahrhunderten akzeptiert und sich allmählich von einem Teil ihrer vorherigen Kulturelemente getrennt hatten, waren sie noch nicht zu einer neuen Kultur gelangt und litten in gewissem Umfange an einer „kulturellen Gestaltlosigkeit“

     

    b) Institutionalisierung der Islamischen Kultur und Zivilisation

     

    Nach zwei Jahren kultureller Auseinandersetzung und Begegnung, sind wir ab dem 3. Jahrhundert n.d.H. (9.Jh.n.Chr.) Zeuge des Auftretens von gemischten gemeinsamen Kulturen wie der islamisch-iranischen, islamisch-ägyptischen und islamisch-indischen Kultur und beobachten die Institutionalisierung dieser Kulturen in gefestigten Verhaltensformen und ihre Verkörperung in der Kunst, Literatur und Architektur der Bevölkerung in den genannten Gebieten. Die nicht-arabischen Neu-Muslime, darunter die Iraner, haben nach einer ersten Verwirrung im Gefolge des Sturzes der vorherigen Ordnungen und des Eintritts neuer Elemente durch Anpassung an die neuen Werte und gesellschaftlichen Bedingungen, die von der klaren Religion des Islams ausgingen, zu einer neuen Identität gefunden. Auch diesmal traten die Elemente der Religion als die wichtigsten Manifestationen für die Einheit zum Vorschein, eine Einheit die die Region nach den Achämeniden und Alexander, dem Mazedonier, nicht mehr erlebt hatten. (3) Die neue Religion wurde als ein eigenes Phänomen betrachtet und allmählich entwickelte sich aus der Begegnung der Kulturen neu-muslimischer Völker mit der Islamischen Kultur und ihrer Konvergenz, eine Art Einheitlichkeit und Ähnlichkeit zwischen den Elementen dieser Kulturen. Mit anderen Worten: Es wurde eine dritte Kultur geboren, die ab dem 3. Jahrhundert n.d.H. Früchte trug.

     

    Diese Epoche wird die Goldene Epoche der Islamischen Zivilisation genannt. Sie erreichte im dritten bis fünften Jahrhundert n.d.H. (9.bis 11.Jh.n.Chr.) den Gipfel ihres Fortschritts und offenbarte sich in der kulturellen Höherentwicklung in Bagdad, Neyschabur, Buchara, Damaskus, Kairo, Cordoba usw.

     

    c) Zerfall und Stillstand

     

    Wie viele andere Zivilisationen hat auch die Islamische Zivilisation während ihrer Existenz zahlreiche Epochen des Auf- und Abstiegs erlebt, aber ist nie vollständig vernichtet und aufgelöst und zu einem historischen Museum geworden. Die erste Epoche des Abbruchs bzw. Zerfalls   der Islamischen Zivilisation nach ihrer Glanzepoche begann allmählich ab dem 5. Jahrhundert (11.Jh.) einzutreten und es kam zu ihrer strukturellen Schwächung. Auch wenn die wichtigste Ursache dafür eigene Faktoren waren, so wurde alles noch durch externe Konflikte und Auseinandersetzungen verschlimmert. Zum besseren Verständnis der in dieser Epoche entstandenen Situation und ihrer Analyse können auf folgende Punke hingewiesen werden:

     

    Die politische Struktur des Islamischen Imperiums, welche dessen brüchige Einheit schützte, wurde öfters zum Schauplatz für neue Machtdemonstrationen von Völkern. Das gleichzeitige Auftreten von mehreren Gruppen, die Anspruch auf das Kalifat erhoben (Abassiden, Fatimiden und Ummayaden in Andalusien), und die Entstehung von souveränen Scheichtümern bereiteten, zusammen mit schweren Auseinandersetzungen zwischen politischen und religiösen Gegnern und blutigen Konflikten zwischen religiösen Sekten, den Boden für die erbarmungslosen Angriffe von türkischen und mongolischen Nomadenstämmen und den Einfall der Kreuzfahrer, die diesem geschwächten Körper den letzten Schlag versetzten.   Auf wirtschaftlicher Ebene hat die zunehmende Verleihung von Boden die Gegensätze zwischen den Dezentralisierungs- und Zentralisierungskräften vergrößert und die Vorherrschaft des Soziallebens in Form von Nomaden   warf die Kultur des städtischen Lebens und der Sesshaftigkeit zurück.

     

    Auf der denkerischen Ebene war es die Neigung zur griechischen Kultur, die aus der Übersetzungsbewegung resultierte und trotz ihrer Vorteile verursachte, dass die wissenschaftliche Gesellschaft sich von der Politik abwandte. Zugleich bereitete der harte Umgang mit rationalistischen Kräften wie Schiiten und Mutazila   philosophischen Diskussionen und Tendenzen ein Ende. So entstand eine Epoche der Vorherrschaft von Kräften bestimmter Schichten, von den oberflächlichen Verfechtern der Hadith bis zu den Theologen der Aschariyya, die von den Regierungen türkischer Rasse unterstützt wurden. Die Gründung von Nezamiyeh – (Akademien) zur Herstellung einer erzwungenen konfessionellen Einheit und die Kanalisierung der oppositionellen Stimmen führten zur Erstarkung eines oberflächlichen Religionsgesetzes und zur Bekämpfung von mystischen Wegen und Erkenntnis. Das Gefühl der Resignation und Schwäche hinsichtlich Bekämpfung der blanken Gewalt der unterdrückerischen Regime und Angst und Schrecken vor dem Blutvergießen der einfallenden mongolischen Horden, stärkte das sufistische Weltflucht-Denken. Alle genannten Faktoren drosselten gemeinsam das Licht der Islamischen Kultur und Zivilisation.

     

     

    Fußnoten:

     

    1 – G.B. Buttermore, Soziologie, übers. Seyyed Hassan Mansur und Seyyed Hussein Husseini Kaladschahi (4. Auflage, Teheran, Amir-Kabir, 1370) S. 137

     

    2 – Ahmad Radschabzadeh: Tahlili Sachti az Tscharchehaye Tuse`eh wa Inqeta Tamadon Islami (Strukturanalyse der Zyklen der Entwicklung und des Abbruchs der Islamischen Zivilisation) Zeitschriftjournal Pojuhesch (Sonderthema: Islamische Kultur und Zivilisation), Erstes Jahr, Ausgabe 4, Frühling 1376, S. 52

     

    3 – Richard Frye, Buchara – Errungenschaft des Mittelalters, übers. von Mohammad Mahmudi (2. Ausgabe, Teheran) Entescharate Elmi wa farhangi, 1365, S. 52