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    Gott und Mensch aus islamischer Sicht (2)

    • Abdoldjavad Falaturi
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    Gott und Mensch aus islamischer Sicht (2)
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    b- Der Mensch, seinem Wesen und seinem Verhalten nach

     

    Unter verschiedenen Bezeichnungen – im Koran und in anderen islamischen Quellen – sind es speziell ‘bashar‘ und, ‘insan‘, die den Menschen als Individuum wie auch als Gattung kennzeichnen. Daher konzentriert sich unsere Charakterisierung des Menschen hauptsächlich auf diese beiden Ausdrücke, wobei auch weitere Bezeichnungen wie z.B. ‘nas‘ und ins~ herangezogen werden, wenn damit irgendeine Besonderheit verbunden ist.

     

    Der Mensch untersteht in seinem Wesen und seinem Verhalten einem breiten Spektrum von unterschiedlichen Beziehungen zu Gott, zur Welt, zu den Mitmenschen und zu sich selbst. Das macht eine genaue Definition des Menschen unmöglich, erschwert seine Wesensbeschreibung und kompliziert seine Handlungs- und Verhaltensweisen, weswegen auch eine entsprechende Charakterisierung des Menschen nicht leicht vonstatten gehen kann. Hier geht es primär um seine Wechselbeziehung zu Gott, aber auch diese zu erläutern kann nicht ohne Berücksichtigung derjenigen Beschaffenheiten geschehen, die im Koran, von unterschiedlichen Aspekten ausgehend, dem Menschen zugeschrieben werden: Bei diesen Beschaffenheiten geht man vom Menschen als Individuum, als einzelnem Mitglied der Gemeinschaft und als Gemeinschaft der Menschen schlechthin aus.

     

    Die Alleinverantwortung des Menschen vor Gott im Islam gibt den Anlaß dazu, daß er als Individuum in den Vordergrund rückt, ohne daß er seine Mitverantwortung als Gemeinschaftsmitglied verliert. Basisbildend für alle weiteren Beschaffenheiten des Menschen und seine Erwartungen ist seine ontologische Gebundenheit an Gott, d.h. daß er Gottes Geschöpf, also ‘makhluq‘ und nicht Produkt einer Materie ist. Das Geschaffensein des Menschen bildet zwar die Basis für seine weitere Charakterisierung, es alleine unterscheidet ihn aber nicht von den anderen Kreaturen. Es ist wohl das Wie seines Erschaffenseins, das ihn im Vergleich zu anderen Kreaturen durch einen besonderes Wesensmoment auszeichnet. Über das Wie seines Erschaffens gibt der Koran mehrmals Auskunft.

     

    Dort heißt es, daß Gott, nachdem er den Menschen (Adam) geformt hatte, ihm seinen Geist einhauchte: „und ihn hierauf geformt und ihm Geist von sich eingeblasen hat…“ (Koran 32/9). Es ist so allein der Mensch, dem von der Schöpfung her ein Teil des Göttlichen mit auf den Weg gegeben worden ist. Dieses göttliche Element ist es, was das eingangs genannte, von Zeit und Raum unabhängige, Absolute im Menschen ausmacht. Hier liegt der eigentliche Grund, warum der Koran darauf besteht, daß die geschaffene Natur (fitra) des Menschen per se zur wahren Religion, nämlich zur Gottergebenheit (Islam) hin ausgerichtet ist. An diesem Punkt finden die drei Absoluten, nämlich die Absolutheit Gottes, das göttliche Absolute im Menschen und die absolute Verbindung zwischen Mensch und Gott, also die Gottergebenheit (Islam), ihre Verwirklichung. Die innerhalb dieser Mehrdimension entstandene ontologische Gebundenheit des Menschen an Gott wird durch eine noetische ergänzt: Nach dem Akt der Erschaffung des ersten Menschen folgt als weiterer Akt unmittelbar die Belehrung: „Wa ‘allama adama al-asmä‘a kullaha/Und er lehrte Adam alle Namen.“ (Koran 2/31).

     

    Erst in diesem Stadium… erhält der Mensch seine Vollwertigkeit. Sein ontologischer Wert besteht darin, daß er etwas Göttliches in sich trägt. Daß er noch dazu Gott als seinen Lehrer hat, dokumentiert insofern die Vervollständigung seines Wertes, als er nun dazu würdig wird, daß sich die Engel auf Befehl Gottes vor ihm verbeugen müssen. Damit, wie Sie, meine Damen und Herren, sehen, bilden nach dem Koran die ontologische und noetische Beziehung zu Gott die Grundstruktur des menschlichen Wesens. Dass der Mensch die göttliche Belehrung direkt empfängt, erhebt ihn in seinem Rang zu einem Gesprächspartner Gottes. Er wird beauftragt, als Gesandter Gottes, die Botschaft den anderen Menschen zu überbringen. In einem solchen Menschen, der in jeder Hinsicht seine tiefe Verbindung mit Gott pflegt, werden die ihm von der Schöpfung her mitgegebenen Möglichkeiten Wirklichkeit. Ein solcher Typ von Mensch verdient ‘khalif‘, also Vertreter Gottes auf der Erde zu sein. jeder Mensch ist von der Schöpfung her so strukturiert, daß er diesen Rang erreichen kann. Das Erreichen dieses Ranges bildet ein weiteres Wissensmoment des Menschen und sonst keiner anderen Kreatur.

     

    Es versteht sich dann, daß dieser Rang die höchste Beschaffenheit ist, die der Islam als eine potentielle Tatsache in der Natur des Menschen sieht und nicht das vom Christentum her Bekannte, nämlich Abbild Gottes zu sein. Diese Beschaffenheit, nämlich, daß der Mensch Abbild Gottes ist, meidet der Islam aufgrund seiner Auffassung von der Unerreichbarkeit Gottes; der Islam bleibt in dieser seiner Überzeugung auch hier ganz konsequent. Der Typus Mensch als Gesandter setzt einen weiteren Typus sowohl Menschen voraus, nämlich denjenigen, dem die Botschaft überbracht werden soll. Beide Typen, sowohl der mit der Gesandtschaft betraute, als auch der von der Gesandtschaft angesprochene, stehen unter mannigfaltigen, zum Teil divergenten inneren und äußeren Kräften bzw. in einer Wechselbeziehung zu diesen.

     

    Der Koran (31/20 und 45/13) kündigt die Oberhand des Menschen über die Natur an: „Wa zahara lakum ma fi-s-samawät wal ard/Und er hat von sich aus alles, was im Himmel und auf Erden ist, in euren Dienst gestellt.“

     

    Diese Koranverse fordern den Menschen heraus, ja verpflichten ihn sogar, mit dem was sich in der Himmelssphäre oder im Erdenbereich befindet umzugehen und sich damit auseinanderzusetzen. Es ist wiederum allein der Mensch, der zu diesem Auftrag würdig ist. Das darf aber den Menschen nicht in Hochmut versetzen, so als ob er der Herr der Natur sei. Er ist lediglich beauftragt, unter Aufrechterhaltung seiner Verbindung mit Gott alle potentiellen Vorteile, die Gott ihm auf diesem Wege gewährt hat, zu erschöpfen, ohne je den Mitmenschen den geringsten Schaden zuzufügen; also die Bewältigung der Natur unter strenger moralischer Haltung. Das bedeutet, daß der Umgang des Menschen mit der Natur genauso negativ sein kann, wenn er sie als “ Herr über die Natur“ völlig rücksichtslos und eigennützig zerstört oder wenn er, sich zur anderen extremen Seite begebend, der Natur (der Welt) gegenüber untätig bleibt und sich von ihr bewältigen läßt, In diesen beiden extremen Fällen verstößt der Mensch gegen seine Verpflichtung und hat nur negative Einflüsse auf sich zu registrieren, auch selbst dann, wenn er glaubt die Natur durch ihre Zerstörung überwältigt zu haben.

     

    Was hierbei zur Charakterisierung des Menschen zu gewinnen ist, ist die Tatsache, daß die Auseinandersetzung mit der Natur (mit der Welt), in der Bestrebung, einen seelischen und körperlichen Ausgleich zwischen den positiven und negativen Auswirkungen derselben zu erreichen, zum Wesen des Menschen gehört. Gleichsam macht die Anstrengung, einen seelischen Ausgleich zwischen göttlichen und teuflischen Kräften, im Sinne einer Ausgerichtetheit auf Gott, zu erreichen einen wichtigen Bestandteil der Wesensstruktur des Menschen aus: Es sind auf der einen Seite die göttlichen Einflüsse, die durch die prophetische Botschaft den Menschen erreichen und auf der anderen Seite die teuflischen, die jenen entgegengesetzt wirken. Diese äußeren Einflüsse verifizieren sich im Menschen nicht direkt, sondern ebenso indirekt durch entgegengesetzte innere Kräfte: Auf der einen Seite ‘nafs‘, als Inbegriff aller Neigungen und Begierden, die zu negativen Werten verleiten, und auf der anderen Seite ‘das eigene Ich‘, das in ‘fiira‘, in der geschaffenen Natur des Menschen verwurzelt, nur den Weg zu Gott einschlägt. Zu einer Multiplikation der entgegengesetzten Kräfte und zu einer Verflechtung der mannigfachen Auseinandersetzung in die eine oder in die andere Richtung (positiv oder negativ) verhelfen jeweils die Gemeinschaft und die Umwelt, denen der Mensch von Geburt an unterliegt.

     

    Der so beschaffene und erschaffene Mensch ist seinem Wesen nach eine Stätte von Auseinandersetzung entgegengesetzter Kräfte. Je nachdem, zugunsten welcher Seite sich diese Auseinandersetzungen entscheiden, resultiert daraus, ob der Mensch als Gott gegenüber gehorsames oder ungehorsames Wesen oder sogar erneut als Widersacher Gottes zu charakterisieren und zu typisieren ist. Es ist sogar bemerkenswert, daß es in der gesamten Schöpfung kein anderes Wesen gibt, das sich gegen Gott stellt und ihn sogar negiert, wie der Mensch es tut. Nicht einmal der Teufel (iblis), der sich nach den koranischen Aussagen nicht dem Befehl Gottes beugte, hat Gott negiert. Er wurde lediglich Gott gegenüber insofern ungehorsam, als er dessen Befehl, sich Adam, also dem Menschen zu beugen, nicht ausführte und somit nicht etwa Gott, sondern dem Menschen den Kampf ansagte. Es ist also alleine der Mensch, der sich als „Selbstgott“ gegen den Schöpfergott stellt. Unter allen Kulturen liefert die abendländische Tradition, vom Altertum bis heute, eine Reihe von homotheo-Gegensätzen und – Gegenüberstellungen, die alle klarste Zeugen der menschlichen Hochmut Gott und alleine Gott gegenüber sind, wobei derselbe Mensch, infolge seiner angeborenen Schwäche, jeweils anderen Menschen gegenüber unterlegen und sich dessen sogar bewußt ist.

     

    Mehrere, den Menschen charakterisierende, koranische Aussagen weisen auf verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen, nachdem er von der Schöpfung her die schönste Form und das göttliche Element in sich trägt, hin. Sie sprechen zugleich verschiedene Phasen der Selbstbehauptung des Menschen Gott gegenüber (z.B. Koran 82/6) an, angefangen vom Ungehorsam des Menschen (Koran 36/77) bis hin zu seiner Ignorierung Gottes (Koran 80/17):

     

    Hier sei auf zwei Beispiele im Textzusammenhang hingewiesen: „Wahrlich wir erschufen den Menschen in schönster Gestalt. Alsdann machten wir ihn wieder zum Niedrigsten der Niedrigen. Außer denen, die da glauben und das Rechte tun.“ (Koran 95/4-6). Der Mensch ist dennoch in der Lage, nachdem er die schönste Form erhalten hatte, sich durch die Abwendung von Gott, in die niedrigsten Stufen verfallen zu lassen oder aber durch Zuwendung zu ihm, die höchsten zu erreichen. An einer anderen Koranstelle heißt es: „Siehe, der Mensch ist ungeduldig erschaffen; wenn ihm Schlimmes widerfährt, so ist er mutlos und wenn ihm Gutes widerfährt, so ist er knauserig. Nicht so die Betenden, die im Gebet verharren und in deren Gut ein bestimmter Teil für den Bittenden und den Armen ist.“ (Koran 70/19-25). Dieser Koranvers ist charakteristisch für die menschlichen Verhaltensweisen, so daß der Mensch praktisch erst bemerkt, daß es einen Gott gibt, wenn er in Not ist; sobald er aber aus der – Not heraus ist, wendet er sich von Gott ab.

     

    Diese negative Haltung des Menschen wird durch andere Ausdrücke noch weiter erläutert. Als Inbegriff aller diese negativen Charaktereigenschaften gibt am besten der Ausdruck ‘kafur‘ (der am meisten Ablehnende / Koran 43/15) den tiefen Abgrund der Entfremdung des Menschen von Gott wieder. Somit weist sich der Mensch nach der koranischen Darstellung als das alleinige Wesen in der gesamten Schöpfung aus, das, beeinflußt von mehreren divergierenden, äußeren und inneren Kräften, von zwei entgegengesetzten Polen abhängt bzw. zwischen den beiden hin- und hergeschleudert wird, und zwar zwischen der – noetisch und nicht ontologisch gesehen – allerhöchsten Nähe zu Gott und der allerweitesten Entfernung von ihm. Nach dieser Erläuterung ist es alleine der Mensch, der ein, in diesem Sinne, widerspruchsvolles dialektisches Wesen ist.

     

    Unter dieser ungeheueren Belastung ist es dem Menschen nicht leicht, sich in die Richtung dessen fortzubewegen, wofür er erschaffen worden ist. Er ist jedenfalls auf die göttliche Hilfe angewiesen. Mit anderen Worten: Man hat es hier, zusätzlich zu der ontologischen und noetischen Beziehung zu Gott, mit einer weiteren Verbindung von Gott und Mensch zu tun, die durch zwei Merkmale gekennzeichnet ist: Zum einen durch das Ziel der Erschaffung des Menschen und zum zweiten durch die Verpflichtung, die Gott ihm gegenüber auf sich nimmt. Laut Koran (51/56) ist das Ziel der Schöpfung nur ‚liya buduni, also „…dass sie mir dienen.“ Der namhafte Gefährte Muhammads, Ibn Abbas, der sich als Korankommentator einen besonderen Rang unter den anderen Gefährten Muhammads erworben hat, meint, daß ’liya buduni’ hier ’liya rifuni‘, d.h. ‘um mich zu erkennen‘ bedeutet.

     

    Im Dienste Gottes zu stehen und ihm mit Ehre, Ehrfurcht und Ergebenheit zu begegnen (Islam) bzw. die damit verbundene noetische Folge, also ihn zu kennen und zu erkennen, bilden das Ziel der Schöpfung und markieren die eine Seite der Beziehung. Die andere (göttliche) Seite der Beziehung wird durch ein Phänomen gekennzeichnet, daß spezifisch islamisch ist und kaum in einer anderen Religion vorkommt. Gemeint ist die Verpflichtung, die Gott auf sich nimmt: „Kataba ala nafsihi ar-rabma / Euer Herr hat sich zur Barmherzigkeit verpflichtet.“ (Koran 6/12 und 6/54). Ebenso wie die Ehrerbietung und Ergebenheit als menschliche Pflichten den Ansatz der Beziehung von der menschlichen Seite her bestimmen, wird die Gnade (Barmherzigkeit), als einzige göttliche Verpflichtung, dem Menschen beistehen müssen, damit er seine, ihn umschließenden, fast schicksalhaft gegebenen Schwierigkeiten überwinden kann, nachdem er die Botschaft Gottes, als Wegweiser, stets befolgt.