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    Hermeneutik des Dialoges aus islamischer Sicht (1)

    • Prof. Dr. A. Falaturi
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    Thema : Hermeneutik des Dialoges aus islamischer Sicht Referent : Prof. Dr. A. Falaturi Textnummer : 1000A

     

    Hermeneutik des Dialoges aus islamischer Sicht

     

    Meine Ausführungen hier in diesem Vortrag liegen ca. 36 Jahre Dialogerfahrungen zugrunde, dich ich hauptsächlich mit christlichen Gesprächspartner gesammelt habe. Als Produkt zweier Kulturen, der islamischen und der westlichen, spüre ich in diesem Sinne in mir einen tiefgreifenden dialogischen Prozeß, der oft in einer unentschiedenen Dialektik endet. Mit dieser Bemerkung möchte ich die sich daraus entwickelte Sensibilität hervorheben, die hier als Leitfaden für die Bearbeitung des mir vorgelegten Themas gilt.

     

     

    Begriffserklärung

     

    Nicht Religionen sind es, die miteinander Gespräche führen, sondern Religionskundige, die über die Religionen im Zwiegespräch stehen. Aber auch nicht jedes Zwiegespräch verdient, Dialog genannt zu werden. Bestimmte Phänomene aus dem Kontext verschiedener Religionen herausgreifen und miteinander zu vergleichen – wie dies in der Vergleichenden Religionswissenschaft geschieht – ist längst kein Dialog. Das kann auch ein Religionskundiger tun, der überhaupt keiner Religion angehört.

     

    Ein lebendiger, weiterführender Dialog kann ausschließlich dort stattfinden, wo jeder der Gesprächspartner aus Überzeugung und Verantwortung seine Religion vertritt. Dennoch kann nicht jedes Gespräch unter solchen Gesprächspartnern den fruchtbaren Dialog verkörpern. Aus islamisch-koranischer Sicht, verstärkt durch meine langjährigen Erfahrungen, erhält nur dasjenige Zwiegespräch den Dialogcharakter, bei dem zwei Komponenten gewährleistet sind: Zum einen hat jeder der Dialogpartner durch die ganze Begegnungszeit hindurch sich darum zu bemühen, den anderen annähernd so zu verstehen und zu begreifen, wie er sich selbst versteht und wie er seine eigene Religiosität empfindet. Zum anderen hat jeder Dialogpartner zu versuchen, sich insofern in der Lage des anderen zu versetzen, als er sich stets zum Ziel setzt, von dem anderen so verstanden und nachempfunden zu werden, wie er sich in seinem eigenen religiösen Bewußtsein begreift. Jeder muß sich also dem anderen offenbaren können, und zwar nicht rein theoretisch; entscheidend ist dabei die Intensität der Pflege der eigenen Religion bzw. des eigenen Glaubens. Diese Begriffsbestimmung impliziert die für einen erfolgreichen Dialog notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen. Sie schließt zugleich alles aus, was dem im Weg steht bzw. alles, was – wie nicht selten der Fall ist – nur einen Scheindialog zur Folge hat.

     

     

    Notwendige Bedingungen für einen erfolgreichen Dialog:

     

    Die allerwichtigste Bedingung dafür ist, sich innerlich von dem Beharren auf den Besitz einer exklusiven Wahrheit zu distanzieren. Gehen die Dialogführenden – oder einer von ihnen – davon aus, daß nur sie jeweils im Besitz der absoluten Wahrheit sind, und die anderen sich auf dem Irrweg befinden, so ist dem darauf folgenden Streitgespräch von vorne herein die Basis für einen Dialog im oben genannten Sinne entzogen. Die Vorstellung alleiniger Seligkeit für seinen Glauben und des Verdammnisses für die anderen ist nichts außer einer kurzsichtigen Einengung der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit und einer egozentrischen Bevormundung Gottes; Himmel bzw. Paradies und Hölle unter den Menschen zu verteilen bzw. sich als Pförtner von Himmel und Hölle hervorzutun, zeugt von einer naiven Vorstellung der Mensch-Gott-Beziehung.

     

    Diese innerliche Haltung hat einer weitere zu Folge, die ebenso als Bedingung für einen Dialog unerläßlich ist, d.h. die Bereitschaft, selbstkritisch und differenziert mit den eigenen Glaubensinhalten umzugehen und Mut zu haben, die Schwäche und Fehlentwicklungen innerhalb der eigenen Religionsgeschichte zuzugeben. Andernfalls haben wir es erfahrungsgemäß mit einem offenen und latenten Schlagaustausch zu tun, der nur das Positive bei sich und bei dem andern nur das Negative sieht. Wir haben alle als Menschen, ob Buddhisten, Juden, Christen oder Muslime, ehrlicherweise zuzugeben, daß unserer Unzulänglichkeit nicht zuläßt, daß wir das Ideale, was die Religionen uns vorschreiben, voll verwirklichen können. Dieses Zugeständnis ist dahingehend wichtig, daß man nicht nur die Fehler der anderen sieht, sondern auch die eigenen Fehler und gerade diese Fehlerhaftigkeit mit als ein Thema in dem Dialog berücksichtigt und in diesem Sinne sich offenbart: Ich bin Muslim, ich kann aber nicht hundertprozentig gemäß islamischer Anweisungen leben. Trotz fürsorglicher Barmherzigkeit Gottes langen meine Kräfte nicht dazu, dem komplizierten Alltag gegenüber meiner Verantwortung gerecht zu werden. Auch der Buddhist, der Jude, der Christ hat dies zu tun, um zu vermeiden, daß sein religionswidriges Fehlverhalten in den Augen der anderen als Praxis seiner Religion gehalten wird.

     

     

    Durchführung eines Dialoges und dessen Voraussetzungen:

     

    Die Erfüllung dieser Dialogbedingungen setzen in erster Linie die gleichberechtigte Partnerschaft unter den Dialogparteien voraus. Ansonsten liegt die Gefahr einer hochmütigen Einseitigkeit nahe, woraus sich – wie oft in christlich-islamischen Gesprächen erlebt wird – die Bevormundung eines Gesprächspartners durch den anderen entwickelt.

     

    Damit ist eine weitere Voraussetzung eng verbunden, nämlich der gegenseitige Respekt. Jeder hat den anderen in seiner Religiösität und seinem Festhalten an seiner Glaubensüberzeugung zu respektieren bzw. tolerieren. Tolerieren aber nicht im Sinne, ihn zu dulden. Tolerieren gleich dulden impliziert nämlich schon die Überzeugung, daß der Partner sich sowieso auf einer unteren Stufe befindet, man läßt ihn nur großzügigerweise weiter existieren. Gemeint ist also nicht Toleranz im Sinne der Aufklärung, sondern im koranischen Sinne, nämlich im Sinne der Anerkennung des Partners in seiner vollen Identität; darauf komme ich zurück.

     

    Diese tolerante Haltung zieht folgerichtig eine dritte Voraussetzung nach sich, nämlich die Bereitschaft und sogar die Neugierde, von dem Gesprächspartner zu lernen, nicht nur die positiven Lebenswerte des anderen, sondern auch seinen Umgang mit den Alltagsproblemen und seiner Lösungsversuche.

     

    Trotzdem und gerade deshalb gilt die Bewahrung der eigenen Identität als eine wichtige Voraussetzung für fruchtbare Dialoge im oben genannten Sinne. Die Unsicherheit in der eigenen Sache zeugt von einer strukturellen Verunsicherung auf beiden Seiten. Genauso sind Kompromißversuche mit der Absicht, dem Partner einen Gefallen zu tun, dahingehend irreführend , als sie bestenfalls rein individuellen Charakter haben und in keiner Weise die Ansicht der Anhänger der jeweiligen Religionen repräsentieren.

     

    Dialog in Verantwortung für alle Menschen:

     

    Der eigentliche Garant für einen wirkungsvollen Dialog als Friedensinstrument kann heute und in der Zukunft die Überzeugung und das Bewußtsein der beiden Dialogpartner von einer gemeinsamen Verantwortung für die Welt und für alle Menschen ohne Unterschied sein. Es handelt sich – zugegeben – um einen schwer erreichbaren, aber unerläßlichen Anspruch:

     

    Wer kann als Christ, wer kann als Muslim, wer kann als Jude oder Buddhist behaupten, daß er wirklich alle Menschen gleich behandele, alle Menschen gleich akzeptiere. Haben nicht die Christen Menschen erster, zweiter, dritter und vierter Klasse unter sich, wenn sie sich auf Christen anderer Länder, lateinamerikanische, afrikanische Länder, beziehen? Haben die Muslime nicht de facto solche Abstufungen unter sich? Werden die Muslime in einem fremden, aber islamischen Land gleich behandelt? Sorgt nicht die Nationalitätszugehörigkeit doch für eine Abstufung bis in die Diskriminierung hinein? Gibt es bei den Juden in Israel nicht diese Unterschiede? Genießen die Juden, die aus dem Orient kommen das gleiche Ansehen wie diejenigen, die aus Europa kommen? Sind wir wirklich von uns überzeugt, daß wir alle Menschen gleich behandeln? Ich weiß es nicht. Jedenfalls diese gemeinsame Verantwortung für die Welt und alle Menschen ohne Unterschied: Farbe, Religion und Herkunft usw. muß sogar als Ziel des heutigen Dialoges unter den Religionen gelten, wenn es wirklich darum geht, Dialog als eine Friedensaufgabe anzusehen und nicht als Geschäft, d.h. als eine theologische und sogar wissenschaftliche Beschäftigung.

     

     

    Scheindialoge:

     

    Die hier explizit ausgeführten Anforderungen scheinen kaum in der Praxis bewußt berücksichtigt zu werden. Erfahrungsgemäß handelt es sich oft um eine belastende Atmosphäre, worunter die religiösen Zwiegespräche leiden. Das liegt daran, daß sie von Motivationen getragen werden, wofür der Ausdruck Dialog lediglich als ein legitimierendes Instrumentarium verwendet wird. Man hat somit mit Scheindialogen zu tun.

     

    Es sind die Fälle, wo von vorneherein eine gegenseitige Skepsis unter den am Dialog Beteiligten herrscht;

     

    die Fälle, wo eine negative Einschätzung des Glaubens des Partners Ansatz für Fragestellungen liefert;

     

    die Fälle, wo die Überheblichkeit bezogen auf die eigene Sache von vornherein die Wahrnehmung des Partners und seiner Überzeugung unmöglich macht;

     

    die Fälle, wo die Geringschätzung des Partners nie zuläßt, von ihm etwas Positives zu lernen;

     

    die Fälle, wo die Gespräche dazu dienen sollen, die bereits bestehenden Voreingenommenheiten und Vorurteile zu bestätigen; ganz besonders durch die Engpässe, die man dem Partner in den Weg stellt.

     

    die Fälle, wie die als negativ zu bewertenden Erscheinungen (Gewalt, Frau) im Überzeugungsbereich des Partners zum Dialogausgangspunkt gewählt werden;

     

    die Fälle, wo das Festhalten an den herkömmlichen Feindbildern die Sicht für die Aufarbeitung der Vergangenheit zugunsten einer hoffnungsvollen Gegenwart und Zukunft sperrt;

     

    die Fälle, wo die Absicht besteht, den Gesprächspartner auf die Anklagebank zu setzen und ihn zu verurteilen, um sich auf seine Kosten zu profilieren;

     

    die Fälle, wo die Gesprächspartner nicht bereit sind, selbstkritisch über die eigene Religion, über die eigene Religionsgemeinschaft und über die Entwicklung der eigenen Geschichte zu reflektieren;

     

    die Fälle, wo die versteckten Absichten wie zum Beispiel Missionierungsgedanken die Gespräche tragen, bei denen de facto der Dialog als ein apologetisches Werkzeug unter Anwendung aller missionarischer Künste (latente Defamierung der Religion des Partners und unauffällige Hervorhebung der Vorzüge der eigenen Überzeugung) benutzt wird;

     

    und schließlich die Fälle, wo extreme Gründe, wie aktuelle politische Anlässe – und diese beherrschen leider heute sogar die Dialogszene der Gesprächspartner – seit der Revolution im Iran und ganz besonders im Zusammenhang mit dem Golfkrieg – eine Dialogveranstaltung nach der anderen heraufbeschwören lassen, bei denen der Dialog bestimmte aktuelle Erscheinungen aus dem Kontext der Lehre, der Geschichte und dem Überzeugungsfeld herausgreift und ein wahrlich verzerrtes und zu verurteilendes Bild von der Religion und der Kultur des anderen (das geschieht besonders zum Nachteil des Islam) konstruiert. Der Dialog wird lediglich als ein politisches Mittel zur Herabwürdigung des Partners mißbraucht, und die Dialogveranstalter als bewußte oder unbewußte Mitläufer der unberechenbaren Politik eingesetzt. Dialogthemen sind in solchen Fällen Schlagwörter, die im Zuge der langwierigen politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Westen und den orientalischen, insbesondere den muslimischen Ländern entstanden sind und nie aufhören werden zu entstehen, solange es herrschende und beherrschte Länder gibt. Bei den Schlagwörtern, so alt ihre Ursprünge auch sein mögen und so unterschiedlich sie auch formuliert werden, handelt es sich um ein und dasselbe Ziel. Sie sollen stets eine Gefahr, eine mysteriöse Gefahr für den Westen signalisieren, um das Spannungsfeld zwischen den beherrschten und herrschenden Ländern anzuheizen, um dementsprechende Aktionen und Unternehmungen vor der Weltöffentlichkeit zu legitimieren.

     

    Wir wissen alle, daß unser Leben heute mehr als je zuvor von einer gewissen Politik vorgeplant und durch die Medien programmiert wird. Es ist eine Gewissensfrage, ob die für den christlichen und islamischen Glauben Verantwortlichen sich in diesen Strudel hineinziehen lassen dürfen. Sollten wir zusehen – und sogar mitmachen -, daß die Religion mit allen neuen technologischen Mitteln ein neues verfeinertes Instrument zur Erreichung einer skrupellosen und politischen Eigennutzes defamiert wird? Wäre Gott der Bibel und Gott des Korans als Gott der Armen und Unterdrückten mit uns, die im Namen dieser Religion operieren, einverstanden? Ich weiß es nicht. Das ist eine Mahnung, die ich in erster Linie an mich und an sie alle richte. Wenn ich hier ausführlicher auf dieses Phänomen eingehe, so liegt es einfach in der Tatsache, daß ich kaum in den letzten Jahren, ganz besonders nach dem Untergang der UdSSR, ein Gespräch erlebt habe, bei dem dieser extrem Anlaß, der weltpolitische, nicht dominierend gewesen ist. Das zerschlägt alle Friedenshoffnung mittels der Religionen und widerspricht ganz und gar dem Thema unserer Veranstaltung. Es bleibt in solchen Fällen kein Platz dafür, über die Hermeneutik der Religionen nachzudenken.

     

    Es geht hier nicht – und kann auch nicht – darum, die Scheindialoge zu verurteilen uns sie zu unterbinden. Hier geht es um Hermeneutik des Dialoges. Das kann nur erreicht werden, wenn von vorneherein klargestellt ist, was und mit welcher latenten oder offenen Zielsetzung unter dem Deckmantel des Dialoges verfolgt wird.

     

    Dialog im oben genannten Sinne und unter der geschilderten Rahmenbedingung soll heute die Anhänger verschiedener Religionen in die Lage versetzen können, je in seinem eigenen Glauben ein neues Identitätsbewußtsein zu erlangen. Auch die Theologie kann daraus profitieren. Diese – ob christlich oder islamisch – basierte bislang in der Hauptsache auf apologetischen Grundlagen: auf dem Negativen bei dem Anderen und auf dem Positiven bei sich. Eine neue Ära der Theologie kann – und soll – jeweils auf der Grundlage des Selbstverständnisses des anderen eingeleitet werden. Es läßt sich vorausahnen, wieviele neue Ansätze, Anregungen, Thesen, Theorien und sogar im nachhinein neue Interpretationen eigener Religionsgeschichte daraus hervorgehen kann; eine gegenseitige positive Befruchtung ist die kleinste Folge daraus.