islamic-sources

    1. Startseite

    2. article

    3. Imam Mussā Kāzim (a.s.) (Teil 1)

    Imam Mussā Kāzim (a.s.) (Teil 1)

    • Ayatollah Motaharie
    • http://www.erfan.ir
    Rate this post

     

    Vorweg:

     

    Mit Ausnahme des Zwölften Imam (a.t.f.), der in dieser Welt lebt, schieden alle Imame (a.s.) als Märtyrer aus diesem Erdenleben. Als „Schahid“. Niemand von ihnen starb eines natürlichen Todes. Nicht durch Krankheil, nicht weil auf natürliche Weise ihre Lebensuhr abgelaufen wäre. Und auch das ist etwas, was sie ehrt. Wünschten sie sich doch selbst immer das Schahādat auf Gottes Wege. Dies geht aus ihren Du’ās 88, die sie uns lehrten und selbst rezitierten, hervor.

     

    So wünschte sich Ali (a.s.): ‚Ich möchte nicht auf meinem Schlaflager sterben. Tausend Schwerthiebe, die auf mich niedergehen und mich zu Boden strecken, sind mir lieber als eines natürlichen Todes sterben.‘

     

    Jedenfalls, was sie unter anderem ehrt und an das wir durch ihre Du’ās als auch die „Ziāratnāmehs“, die wir beim Besuch ihrer Grabstätten lesen, immer wieder erinnert werden ist, daß sie zur Schar der Märtyrer auf Gottes Wege zählen. Daß sie als Schahid aus diesem Leben schieden.

     

    Wie es im „Ziārat Ğāme’eh Kabireh“ heißt:

     

    ‚Ihr seid die besten „Pfade“, die hervorragendsten „Hauptwege“. Ihr seid Märtyrer – Schuhadā – in dieser und Fürbittende (die von Gott erhört werden) in jener Welt.‘

     

    Nebenbei – „Schahid“ ist auch ein Beiname Imam Hussayns (a.s.). Mit dem Beinamen „Schahid“ bezeichnen wir gewöhnlich ihn. „AI Hussayn usch Schahid“. Ebenso wie Imam Ğa’far (a.s.) den Beinamen „Sädiq“ erhalten hat. Wir nennen ihn „Ğa’far us Sādiq“. Und Imam Mussā Ibn Ğa’far (a.s.) ward der Beiname „Kāzim“ gegeben, also Imam Mussā Kāzim. Daß Imam Hussayn (a.s.) – Seyyid Schuhadā – als „Hussayn usch Schahid“ bezeichnet wird, bedeutet aber nun nicht etwa, daß nur er Schahid geworden sei, daß die anderen Imame (a.s.) nicht als „Schahid“ diese Welt verlassen hätten. Daß sie nicht Schahid bzw. Märtyrer seien. Ebenso, wenn wir beispielsweise Imam Mussā Ibn Ğa’far als „Kāzim“ bezeichnen, so heißt das keinesfalls, daß die übrigen Imame nicht „kāzim“ 89gewesen wären. Und daß Imam Ridā (a.s.) den Beinamen „Ridā“ bekam, besagt nicht, daß die anderen dieser Eigenschaft nicht entsprochen hätten. Oder Imam Ğa’far Sādiq (a.s.) – daß er als „Sādiq“ bezeichnet wird, ist keinesfalls Hinweis darauf, daß die übrigen nicht „sādiq“ waren. Vor derlei Annahmen bewahre uns Gott!

     

    Zeitliche Bedingungen sind mitentscheidend

     

    Warum fanden – abgesehen von Imam Hussayn (a.s.) – auch die übrigen Imame (a.s.) das Schahādat?! Schließlich erhoben sie sich, wie die Geschichte berichtet, nicht zum offenen Kampf gegen die Gewaltmächtigen ihrer Zeit?! Ihr Vorgehen war doch – so scheint es wenigstens – ein anderes als das Seyyid Schuhadās. Er erhob sich zum offenen Widerstand, kämpfte, wurde Schahid. Warum aber Imam Hassan? Warum Imam Sağād? Warum Imam Bāqir, Imam Ğa’far, Imam Mussā und die übrigen Imame (a.s.). Warum fanden sie das Schahādat?

     

    Antwort: Wer annimmt, Imam Hussayn (a.s.) sei anders gewesen als die übrigen Imame (a.s.), irrt sich gewaltig. Einige sagen: Er sei kämpferischer Natur gewesen, er habe sich zum offenen Kampf gegen das Gewaltregime erhoben, die anderen Imame aber nicht. Wer so denkt, ist auf dem Holzweg. Die Geschichte sagt etwas völlig anderes, und auch Indizien und Nachweise sprechen gegen eine solche Annahme.

     

    Betrachten wir die Angelegenheit doch einmal von einem anderen Blickwinkel aus. Kein wirklicher Muslim, kein tatsächlicher Gläubiger, geschweige denn ein Imam (a.s.), wird sich einem Gewaltregime arrangieren. Unmöglich! Undenkbar, daß er sich einem solchen Regime anpaßt. Im Gegenteil, er wird ihm immer die Stirn bieten. Immer in Konfrontation zu ihm stehen, immer in Kampfeshaltung sein.

     

    Nur – und das ist hier der springende Punkt: Welche Kampfesart ist in der Situation, in der man sich befindet, angebracht und sinnvoll? Denn der Kampfesformen und -möglichkeiten gibt es etliche. Da haben wir den sogenannten „offenen Kampf, der unverblümt und mit der Waffe geführt wird. Und dann jenen, bei dem es zwar auch um das Bezwingen des Gegners geht, darum, ihn aus dem Wege zu schaffen, darum, die Leute von ihm abzubringen, über das Unrecht, daß er zufügt, aufzuklären und und und. Aber dieser Kampf ist ein indirekter, bei dem nicht zur Waffe, nicht zum Schwert gegriffen wird.

     

    Das heißt also, es kommt bei der Wahl der Kampfesart auf die die Umstände und Bedingungen der betreffenden Zeit und Situation an. Gekämpft wird – aber in welcher Form?!

     

    Um es deutlicher zu machen: Es ist keinesfalls so, daß es in der oder jener Zeit erlaubt sei, sich mit dem Unrecht zu arrangieren, in einer anderen aber nicht. Nein, keineswegs! Niemals ist es erlaubt und vertretbar, Unrecht und Tyrannei zu tolerieren. Zu keiner Zeit, unter keinen Umständen, an keinem Ort. Nirgendwo und nirgendwann ist derlei gestattet. Wohl aber gilt es, hinsichtlich der Kampfesform zu überlegen. Für welche Art Kampf sollte man sich in dem betreffenden Fall, unter den gegebenen Verhältnissen, entscheiden?! Mal ist der offene, direkte oder bewaffnete Kampf sinnvoll, mal der indirekte, versteckte Kampf, der sozusagen „hinter dem Vorhang“ bzw. „unterirdisch“ geführt wird.

     

    Die islamische Geschichte gibt Auskunft darüber, daß sich die Imame (a.s.) fast ständig im Kampf befanden. Gegen das Unrechtregime ihrer Zeit, gegen Unrecht und Verderbnis in Gesellschaft und Kalifat. Und wenn berichtet wird, daß sie einen insgeheimen Kampf führten – „Taqiyah“ – so ist das nicht gleichzusetzen mit: „Hände in den Schoß legen und stillschweigend zuschauen“. „Taqiyah“ hat ebenso wie „Taqwā“ die Sprachwurzel „Waqy“. „Taqiyah“ bedeutet somit „insgeheime Verteidigung von etwas, unter Wahrung von Vorsicht und Klugheit“. „Taqiyah“ – eine Art Schutzschild, der dazu eingesetzt wird, um sich gegen den Angriff des Gegners weitmöglichst zu schützen, dieweil man diesem aber nach Möglichkeit das Handwerk zu legen versucht. Das aber heißt noch lange nicht, daß man sich aus dem Kampf zurückzieht.

     

    Und so sehen wir, daß sich alle unsere Imame (a.s.) rühmen können – ja, rühmen können! – sich niemals mit einem der Unrechtkalifen ihrer Zeit arrangiert zu haben. Daß sie immer im Kampfzustand waren. Und heute, noch nach 1.300 Jahren und mehr, erkennen wir, daß Kalifen wie Abdulmalik Marwān (ab der Zeit vor Abdulmalik Marwan bis Abdulmalik Marwan, die Söhne Abdulmaliks und dessen Onkel, die Bani Abbās, Mansur Dawāniqi, Abu 1 Abbs Saffāh, Harun ar Raschid, Ma’mun und Mu’tiwakkil), die zu den Verrufensten in der Geschichte zählen, seitens der Schi’ah – völlig natürlich! – und selbst in den Reihen Ahl-Tassanuns geschaßt wurden bzw. werden. Wer aber hatte über sie und ihr Unrechtregime aufgeklärt??

     

    Wenn der Widerstand der Imame (a.s.) gegen sie nicht gewesen wäre bzw. sie nicht deren Untaten, Ruchlosigkeiten und Korruption offenkundig gemacht und die Gesellschaft nicht über deren Unrechtmäßigkeit, Verworfenheit und fehlende Eignung zu Führung und Kalifat in Kenntnis gesetzt hätten, so würden wir heute Harun ar Raschid und insbesondere Ma’mun der „Schar der Heiligen“ zuordnen.

     

    Hätten die Imame nicht die Gesinnung Ma’muns ans Tageslicht gebracht und über ihn nicht richtig aufgeklärt, so würde er als großer Held der Wissenschaft und Religion gefeiert werden…

     

    Doch zurück zu den Gründen, die zum Schahādat Imam Mussā Ibn Ğa’fars (a.s.) führten. Warum fand er das Schahādat?

     

    Daß er Schahid wurde, ist eine nicht zu leugnende, geschichtliche Tatsache. Niemand zweifelt daran. Gemäß zuverlässiger, bestätigter und allseits bekannter Riwāyāt brachte Imam Mussā Kāzim (a.s.) vier Jahre lang in finsteren Kerkergruben zu. Und im Kerker starb er auch. Während seines Kerkeraufenthaltes wurde ihm mehrere Male vorgeschlagen, ein Schein-Geständnis abzulegen und den Kalifen formell um Vergebung zu bittten. Der Imam aber war dazu nicht bereit. Das berichtet uns die Geschichte.

     

    Im Kerker von Basrah

     

    Imam Mussā Kāzim (a.s.) war nicht nur in einem Gefängnis, sondern in etlichen. Von einem Kerkerverließ zum anderen wurde er gebracht. Deswegen, weil er überall, wo er hinkam, Eindruck hinterließ. Weil man ihm glaubte und ihm folgte, sobald man ihn ein wenig näher kennengelernt hatte.

     

    Zunächst wurde er in das Verließ von Basrah gestoßen. Issa bne Ğa’far Ibn Abi Ğa’far Mansur – also ein Enkel Mansur Dawāniqīs – war seinerzeit Gebieter von Basrah. Ihm – einem Schwerenöter, der Wein, Tanz und Gesang über alles liebte – wurde Imam Mussā Kāzim (a.s.) überantwortet.

     

    Einer seiner Angehörigen berichtete: Man brachte den Imam, diesen gottesfürchtigen Mann, an einen Ort, wo er Dinge hörte, die er bis dahin niemals vernommen. Es war am 7. Tag des Monats Di 1 Hağğeh des Jahres 178 HQ, als man ihn ins Gefängnis von Basrah stieß. Also in einer Zeit, da alle in Feststimmung sind und in Fröhlichkeit, Jubel und Trubel eintauchen, setzte man dem Imam vor allen Dingen psychisch heftig zu.

     

    Jedenfalls – längere Zeit stand er nun unter Aufsicht dieses Issa bne Ğa’far Ibn Abi Ğa’far Mansur. Bis in diesem – nach und nach – Sympathie für den Imam erwachte und er ihn schätzen lernte.

     

    Er hatte zunächst das, was das Herrscherhaus propagierte, für bare Münze genommen. Nämlich, daß der Imam lediglich ein Meuterer sei, dem es um nichts anderes als um das Kalifat ginge. Der den Thron wolle, sonst nichts. Doch mit der Zeit erkannte er: Nein, so war es nicht. Der Imam war ein Mann von höher Geistlichkeit. Und wenn er tatsächlich am Kalifat interessiert war, so aus geistig-geistlichen Gründen. Nicht um lediglich zu herrschen und die Macht in Händen zu haben. Nicht irdisch-materieller Werte wegen…

     

    Und so befahl er, ein gutes Zimmer herzurichten für den Imam, das er ihm dann zur Verfügung stellte. Doch nicht nur das. Er selbst war es, der ab nun den Imam bewirtete. Als Harun ar Raschid ihn dann insgeheim beauftragte, den Imam aus dem Weg zu schaffen, sagte er: Nein, das werde ich nicht tun!

     

    Schließlich schrieb er dem Kalifen: Nimm ihn von hier fort, sonst werde ich ihm selbst die Freiheit geben. Einen Mann wie den Imam kann ich nicht länger als Gefangenen bei mir sehen.

     

    Ja – und weil Issa bne Ğa’far ein Vetter des Kalifen war und zudem Enkel des Mansur, sah man sich veranlaßt, seiner Forderung nachzukommen.

     

    In weiteren Kerkern

     

    Sie brachten den Imam nach Bagdad und übergaben ihn Fadl Ibn Rabi‘, dem Sohn des Rabi‘, des berühmten Torwächters – „Hāğib“90 – am Abbassiden-Hofe.

    Ihm also lieferte Harun den Imam aus. Doch auch er begann nach einiger Zeit, den Imam mit anderen Augen zu sehen und ihn zu ehren und zu schätzen. Und auch er sorgte nun dafür, daß die Lebensbedingungen für den Imam – wenn auch unfrei – besser und erträglicher wurden.

     

    Spione meldeten dies Harun. Sagten ihm, daß Mussa bne Ğa’far ein angenehmes Leben in Rabi’s Gefängnis führe. In Wirklichkeit werde er nicht wie ein Gefangener gehalten, sondern wie ein Gast. Harun ließ den Imam fortbringen. Zu Fadl Ibn Yahyā Barmaki. Doch wieder das gleiche. Es dauerte nicht lange, und auch Fadl Ibn Yahyā empfand Zuneigung für den Imam.

     

    Harun war voller Zorn. Er entsandte Kundschafter nach Bagdad, die recherchieren sollten. Sie prüften nach und stellten fest, daß die Angelegenheit genau dem entsprach, was Harun gemeldet worden war.

     

    Fadl Ibn Yahyā fiel in Ungnade.

     

    Sein Vater, also Yahyā Barmaki – Haruns Wezir und zudem Iraner, der aber so gar nicht auf iranischer Seite stand – geriet in Sorge um seinen Sohn und befürchtete, daß Harun diesen schwer strafen würde. So gab er dem Kalifen zu verstehen: Wenn auch mein Sohn dir nicht gehorchte, so werde ich jedoch alles tun, was du mir sagst. Mein Sohn bereut, daß er deinen Befehl nicht ausführte. Es tut ihm nun leid. Er ist dir ein guter und treuer Untertan…

     

    Und so geschah es. Yahyā ging nach Bagdad, übernahm den Imam und brachte ihn in ein anderes Gefängnis. In den Kerker des Sandi Ibn Schāhik. Über ihn wird berichtet: Er war kein Muslim, und in seinem Gefängnis erging es dem Imam sehr schlecht. Hier gab es nichts als nur Qual und Leid…

     

    ……………………..

    88 Du’ā: Bittgebet, flehentliches Rufen und Bitten zu Gott

    89 Kāzim: jemand, der seinen Zorn zu zügeln vermag

    90 Die Abbassiden-Kalifen hatten an ihrem Hofe einen Torwächter – einen „Hāğib“ – namens „Rabi‘ „. Er diente zunächst dem Kalifen Mansur. Nach diesem dann dem Abbassiden-Kalifat. Auch sein Sohn stand in Harun ar Raschids Diensten. Sie zählten zu den wichtigen Leuten am Hofe der Abbassiden und besaßen deren großes Vertrauen.