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    Interreligiöser Dialog aus islamischer Sicht

    • Prof. Abdoljavad Falaturi
    • http://www.islamic-sciences.de
    Interreligiöser Dialog aus islamischer Sicht
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    Den folgenden Ausführungen liegt eine rund vierzigjährige Dialogerfahrung zugrunde, einerseits eine Dialogerfahrung mit den anderen Weltreligionen, insbesondere mit den abrahamitischen Religionen, andererseits ein Dialog der Kulturen, insbesondere der islamischen und der westlichen, wobei sich der Autor als geistiges Produkt beider versteht.

     

     

    Begriffserklärung

     

    Nicht Religionen sind es, die miteinander Gespräche führen, sondern Religionskundige, die über die Religionen Zwiegespräche führen. Aber nicht jedes Zwiegespräch verdient es, Dialog genannt zu werden. Bestimmte Phänomene aus dem Kontext verschiedener Religionen herauszugreifen und miteinander zu vergleichen – wie dies in der Vergleichenden Religionswissenschaft geschieht – ist noch lange kein Dialog. Das kann auch ein Religionskundiger tun, der überhaupt keiner Religion angehört.

     

    Ein lebendiger, weiterführender Dialog kann ausschließlich dort stattfinden, wo jeder der Gesprächspartner aus Überzeugung und im Bewusstsein seiner Verantwortung seine Religion vertritt. Dennoch kann selbst unter solchen Gesprächspartnern nicht jedes Gespräch zu einem fruchtbaren Dialog werden. Aus islamisch-koranischer Sicht, verstärkt durch meine langjährigen Erfahrungen, erhält nur dasjenige Zwiegespräch den Dialogcharakter, bei dem zwei Komponenten gewährleistet sind: Zum einen hat sich jeder Dialogpartner die ganze Begegnungszeit hindurch zu bemühen, den anderen annähernd so zu verstehen und zu begreifen, wie jener sich selbst versteht und seine eigene Religiosität empfindet. Zum anderen hat jeder Dialogpartner zu versuchen, sich auch insofern in die Lage des anderen zu versetzen, als er sich stets zum Ziel setzt, von dem anderen so verstanden und nachempfunden zu werden, wie er sich in seinem eigenen religiösen Bewusstsein begreift. Jeder muss sich also dem anderen offenbaren können, und zwar nicht nur rein theoretisch; entscheidend ist dabei die Intensität der Pflege der eigenen Religion bzw. des eigenen Glaubens.

     

    Diese Begriffsbestimmung impliziert die für einen erfolgreichen Dialog notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen. Sie schließt zugleich alles aus, was dem im Wege steht bzw. alles, was – wie nicht selten der Fall – nur einen Scheindialog zur Folge hat.

     

     

    Notwendige Bedingungen für einen erfolgreichen Dialog

     

    Die allerwichtigste Bedingung für einen echten Dialog ist, sich innerlich von dem Beharren auf dem Besitz einer exklusiven Wahrheit zu dis-tanzieren. Gehen die Dialogführenden – oder einer von ihnen – davon aus, dass nur sie selbst jeweils im Besitz der absoluten Wahrheit sind, und die anderen sich auf dem Irrweg befinden, so ist dem darauf folgenden Streitgespräch von vorne herein die Basis für einen Dialog im oben genannten Sinne entzogen. Die Vorstellung von alleiniger Seligkeit für die Anhänger seines eigenen Glaubens und von Verdammnis für alle anderen ist nichts als eine einäugige Einengung der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit und eine egozentrische Bevormundung Gottes; Himmel bzw. Paradies und Hölle unter den Menschengruppen zu verteilen, bzw. sich als Pförtner von Himmel und Hölle aufzuspielen, zeugt von einer naiven Vorstellung der Mensch-Gott-Beziehung.

     

    Die innere Haltung der Öffnung für die Wahrheit des anderen hat eine weitere zur Folge, die als Bedingung für einen Dialog genauso unerlässlich ist, d. h. die Bereitschaft, selbstkritisch und differenziert mit den eigenen Glaubensinhalten umzugehen und den Mut zu haben, die Schwächen und Fehlentwicklungen in der Geschichte der eigenen Religion zuzugeben. Erfahrungsgemäß haben wir es andernfalls mit einem offenen oder latenten Schlagabtausch zu tun, der bei sich nur das Positive und bei dem anderen nur das Negative sieht. Wir alle haben als Menschen, ob wir Buddhisten, Juden, Christen oder Muslime sind, ehrlicherweise zuzugeben, dass unsere Unzulänglichkeit nicht zulässt, dass wir die Ideale, die unsere Religionen uns vorschreiben, voll verwirklichen. Dieses Zugeständnis ist wichtig, damit man nicht nur die Fehler der anderen sieht, sondern auch die eigenen Fehler. Dazu gehört, diese Fehlerhaftigkeit im Dialog als ein Thema mitaufzunehmen und sich in diesem Sinne zu of-fenbaren: Ich bin Muslim, ich kann aber nicht hundertprozentig gemäß den islamischen Anweisungen leben. Trotz der fürsorglichen Barmherzigkeit Gottes reichen meine Kräfte nicht aus, im komplizierten Alltag meiner Verantwortung gerecht zu werden. Auch der Buddhist, der Jude, der Christ hat dies einzugestehen, um zu vermeiden, dass sein religionswidriges Fehlverhalten in den Augen der anderen für eine Praxis seiner Religion gehalten wird.

     

     

    Durchführung eines Dialoges und dessen Voraussetzungen

     

    Die Erfüllung dieser Dialogbedingungen setzt in erster Linie die gleichberechtigte Partnerschaft unter den Dialogparteien voraus. Ansonsten liegt die Gefahr von Einseitigkeit aus Hochmut nahe, woraus sich – wie oft in christlich-islamischen Gesprächen erlebt – die Bevormundung eines Gesprächspartners durch den anderen entwickelt.

     

    Damit ist eine weitere Voraussetzung eng verbunden, nämlich der ge-genseitige Respekt. Jeder hat den anderen in seiner Religiosität und sei-nem Festhalten an den eigenen Glaubensüberzeugungen zu respektieren bzw. zu tolerieren. Tolerieren aber nicht in dem Sinne, ihn nur zu dulden. Tolerieren als Duldung impliziert nämlich schon die Überzeugung, dass der Partner sich sowieso auf einer tieferen Stufe befindet, man lässt ihn nur großzügigerweise weiterexistieren. Gemeint ist also nicht Toleranz wie die Aufklärung sie verstand, sondern im koranischen Sinne, nämlich im Sinne der Anerkennung des Partners in seiner vollen Identität; darauf werde ich noch genauer eingehen. Eine in diesem Sinne tolerante Haltung erfordert die Erfüllung einer dritten Voraussetzung, nämlich die Bereitschaft und sogar die Neugierde, von dem Gesprächspartner zu lernen, nicht nur von seinen positiven Lebenswerten, sondern auch von seinem Umgang mit Alltagsproblemen und seinen Lösungsversuchen.

     

    Trotzdem, ja gerade deshalb, gilt die Bewahrung der eigenen Identität als eine wichtige Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog im oben genannten Sinne. Die Unsicherheit in der eigenen Sache erzeugt eine strukturelle Verunsicherung auf beiden Seiten. Genauso sind Kompromissversuche mit der Absicht, dem Partner einen Gefallen zu tun, insofern irreführend, als sie bestenfalls rein individuellen Charakter haben und in keiner Weise die Ansicht der anderen Anhänger der jeweiligen Religionen repräsentieren.

     

     

    Dialog in Verantwortung für alle Menschen

     

    Der eigentliche Garant für einen wirkungsvollen Dialog als Friedensinstrument ist heute und in der Zukunft die Überzeugung und das Bewusstsein der beiden Dialogpartner von einer gemeinsamen Verantwortung für die Welt und für alle Menschen ohne Unterschied. Dies ist – zugegeben – eine schwer erfüllbare, aber unerlässliche Anforderung.

     

    Wer kann als Christ, Muslim, als Jude oder als Buddhist von sich behaupten, dass er wirklich alle Menschen gleich behandele, alle Menschen gleich akzeptiere. Teilen sich die Christen nicht in Menschen erster, zweiter, dritter und vierter Klasse ein, wenn es um das Verhältnis von Christen aus verschiedenen Ländern oder Kontinenten geht, wenn also z. B. ein Nordeuropäer einem Afrikaner oder Lateinamerikaner gegenübersteht? Haben nicht auch die Muslime de facto solche Abstufungen unter sich? Werden Muslime unterschiedlicher Herkunft in einem ihnen fremden, nichtsdestotrotz aber islamischen Land gleich behandelt? Sorgt nicht die Nationalitätszugehörigkeit doch für eine Abstufung bis hin zur Diskriminierung? Gibt es bei den Juden in Israel nicht auch solche Unterschiede? Genießen Juden, die aus dem Orient kommen, wirklich das gleiche Ansehen wie diejenigen, die aus Europa stammen? Können wir wirklich mit Überzeugung behaupten, dass wir alle Menschen gleich behandeln? Ich weiß es nicht. Jedenfalls muss heute die gemeinsame Verantwortung für die Welt und alle Menschen in ihr ohne Unterschied der Farbe, der Religion oder der Herkunft sogar als Ziel des Dialoges unter den Religionen gelten, wenn es wirklich darum geht, Dialog als eine Friedensaufgabe anzusehen und nicht als ein Geschäft, d. h. als eine theologische oder sogar wissenschaftliche Beschäftigung.

     

     

    Scheindialoge

     

    Die hier explizit ausgeführten Anforderungen scheinen – mit einigen Ausnahmen, versteht sich – in der Praxis kaum berücksichtigt zu werden. Erfahrungsgemäß handelt es sich oft um eine vorbelastete Atmosphäre, unter der die religiösen Zwiegespräche leiden. Das liegt daran, dass sie von Motivationen getragen werden, für die der Ausdruck “Dialog” lediglich als ein Legitimationsmittel benutzt wird. In folgenden Fällen hat man es häufig mit Scheindialogen zu tun:

     

    •    Fälle, wo von vornherein eine gegenseitige Skepsis unter den am Dialog Beteiligten herrscht;

     

    •    Fälle, wo eine negative Einschätzung des Glaubens des Partners den Ansatz für Fragestellungen liefert;

     

    • Fälle, wo auf die eigene Sache bezogene Überheblichkeit von vornherein die Wahrnehmung des Partners und seiner Überzeugung unmöglich macht;

     

    • Fälle, wo die Geringschätzung des Partners nicht zulässt, von ihm etwas Positives zu lernen;

     

    • Fälle, wo die Gespräche dazu dienen sollen, bereits bestehende Voreingenommenheit und Vorurteile zu bestätigen;

     

    • Fälle, wo negativ zu bewertende Erscheinungen (Gewalt, Lage der Frauen) im Überzeugungsbereich des Partners als Ausgangspunkt des Dialoges gewählt werden; ganz besonders indem man versucht, den Dialogpartner in die Enge zu treiben;

     

    • Fälle, wo das Festhalten an herkömmlichen Feindbildern sowohl die Aufarbeitung der Vergangenheit als auch die Sicht auf eine hoffnungsvolle Gegenwart und Zukunft versperrt;

     

    • Fälle, wo die Absicht besteht, den Gesprächspartner auf die Anklagebank zu setzen und ihn zu verurteilen, um sich auf seine Kosten zu profilieren;

     

    • Fälle, wo die Gesprächspartner nicht bereit sind, selbstkritisch über die eigene Religion, über die eigene Religionsgemeinschaft und über die Entwicklung der eigenen Geschichte zu reflektieren;

     

    • Fälle, wo versteckte Absichten, etwa Missionierungshoffnungen, die Gespräche begleiten, bei denen de facto der Dialog als ein apologetisches Werkzeug unter Anwendung aller missionarischen Künste (latente Diffamierung der Religion des Gesprächspartners und unauffällige Hervorhebung der Vorzüge der eigenen Überzeugung) benutzt wird;

     

    • und schließlich Fälle, wo extreme Ereignisse, wie z. B. aktuelle politische Anlässe verbunden mit Gewalt (Revolution, Golfkrieg, lokale kriegerische Auseinandersetzungen, Radikalismus usw.) als Anlass dienen, eine Veranstaltung nach der anderen anzuberaumen, ohne das mindeste Interesse an der gesamten, mit dem jeweiligen Ereignis verbundenen Problematik, bei denen der Dialog dazu dienen soll, bestimmte aktuelle Erscheinungen aus dem Kontext der Lehre, der Geschichte und dem Überzeugungsfeld herauszugreifen und ein verzerrtes und wahrlich verabscheuungswürdiges Bild von der Religion und der Kultur des anderen zu konstruieren (das geschieht besonders häufig zum Nachteil des Islam).

     

    Der Dialog wird dann lediglich als ein politisches Mittel zur Herabwürdigung des Gegenübers missbraucht, und die Dialogveranstalter als bewusste oder unbewusste Werkzeuge, ja als Mitläufer der unberechenbaren Politik angesehen. Dialogthemen verkommen in solchen Fällen zu Schlagwörtern, die im Zuge der langwierigen politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Westen und den orientalischen, insbesondere den muslimischen Ländern, entstanden sind und nie aufhören werden zu entstehen, solange es herrschende und beherrschte Länder gibt. Die Schlagwörter, so alt ihre Ursprünge auch sein mögen und so unterschiedlich sie auch formuliert sein mögen, dienen immer demselben Ziel: Sie sollen stets eine Gefahr, vorzugsweise eine mysteriöse Gefahr für den Westen, suggerieren, um das Spannungsfeld zwischen den beherrschten und den herrschenden Ländern anzuheizen, und dadurch einschlägige, entsprechenden Interessen dienende Aktionen und Unternehmungen vor der Weltöffentlichkeit zu legitimieren.

     

    Wir wissen alle, dass unser Leben heute mehr als je zuvor von einer gewissen Politik vorgeplant und durch die Medien programmiert wird. Es ist eine Gewissensfrage, ob die für den christlichen und islamischen Glauben Verantwortlichen sich in diesen Strudel hineinziehen lassen dürfen.

     

    Sollen wir zusehen – und sogar mitmachen -, wenn die Religion mit allen modernen technischen Mitteln zu einem neuen, verfeinerten Instrument zur Befriedigung eines skrupellosen wirtschaftlichen und politischen Eigennutzes degradiert wird? Wäre der Gott der Bibel und des Koran als Gott der Armen und Unterdrückten mit uns, die wir im Namen unserer Religionen operieren, einverstanden? Ich weiß es nicht. Das ist eine Mahnung, die ich in erster Linie an mich selbst und erst dann an uns alle richte.

     

    Wenn ich hier ausführlicher auf gerade dieses Phänomen eingehe, so liegt das einfach an der Tatsache, dass ich in den letzten Jahren, ganz besonders nach dem Untergang der UdSSR, kaum ein Gespräch erlebt habe, bei dem dieser extreme Anlass, der weltpolitische, nicht dominierend gewesen wäre. Das zerschlägt alle Hoffnung auf Frieden durch Frieden zwischen den Religionen, und entspricht nicht im mindesten dem Thema dieses Artikels. In solchen Fällen bleibt kein Platz, über die Hermeneutik der Religionen nachzudenken.

     

    Es geht hier nicht darum – und das kann es auch nicht -, die Scheindialoge zu verurteilen oder zu verhindern. Hier geht es um die Hermeneutik des Dialoges; daher müssen die verdeckten, latenten und offenen Ziele analysiert werden, und es muss anhand dieser Analyse zwischen einem Dialog mit friedlicher Absicht und einem Scheindialog differenziert wer-den; es muss von vornherein klargestellt werden, welche legitimen Ziele mit dem Dialog angestrebt, und welche verdeckten, latenten Ziele nur unter dem Deckmantel des Dialogs verfolgt werden.

     

    Dialog im oben genannten Sinne und unter den geschilderten Rah-menbedingungen soll heute die Anhänger verschiedener Religionen in die Lage versetzen, in ihrem je eigenen Glauben ein neues Identitätsbewusstsein zu erlangen. Davon kann auch die Theologie profitieren. Bislang basierte sie – ob christlich oder islamisch – in der Hauptsache auf apologetischen Grundlagen: auf dem Negativen bei dem Anderen und auf dem Positiven bei sich. Eine neue Ära der Theologie kann und soll jeweils auf der Grundlage des Selbstverständnisses des anderen eingeleitet werden. Es lässt sich vorausahnen, wie viele neue Ansätze, Anregungen, Thesen, Theorien, und sogar neue Interpretationen der eigenen Religionsgeschichte daraus hervorgehen könnten; eine gegenseitige positive Befruchtung zählt sogar noch zu einer der kleineren Folgen eines so gearteten Dialoges.

     

     

    Inhaltliche Differenzierung

     

    Einen eigenen Problemkreis bildet die Undifferenziertheit der Ebenen, in die der jeweilige Dialoggegenstand integriert ist. Anders als bei den Rahmenbedingungen, die ganz und gar subjektiv, d. h. wie bereits erörtert, lediglich von der Einstellung, der Absicht und der Verhaltensweise der Gesprächspartner abhängen, handelt es sich bei diesem Punkt um inhaltliche Differenzen, die ein und dasselbe Wort, ein und denselben Terminus beinhalten, je nach dem, in welchem Kontext es gedacht und gebraucht wird.

     

    Dies ist eine Eigenheit allein der Hochreligionen, ganz besonders der das ganze Leben umfassenden monotheistischen Religionen, bei denen die reine Lehre in ihrem Verwirklichungsprozess allerlei Schattierungen und Modifikationen unterworfen ist. Es handelt sich einerseits um die daraus entstandenen Spannungsfelder und andererseits um die über die Religionslehre hinausgehenden geistigen Strömungen, die zu unterschiedlichen Prägungen ein und derselben Religion führen. Die Dialogpartner reden aneinander vorbei, wenn sie nicht von vornherein eine gemeinsame Diskussionsbasis festlegen.

     

     

    Spannungsfelder

     

    Was die Spannungsfelder anbelangt, so handelt es sich innerhalb der Religionen in erster Linie um das Spannungsfeld zwischen dem Anspruch der verkündeten Lehre und den alltäglichen Verhaltensweisen ihrer Anhänger. Ich vermeide hier bewusst, dieses Phänomen als Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit der jeweiligen Religion zu bezeichnen. Die Wirklichkeit einer Religion ist die vollständige Verwirklichung derselben. Die landläufige Formulierung “Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit” ist unkorrekt, ja falsch, wenn man mit der Wirklichkeit die Abweichung von der Lehre im Auge hat. Wir sind bei Dialogveranstaltungen oft Zeuge dieser Verwechslung. Man redet vom Islam oder vom Christentum positiv oder negativ und begründet das mit Taten von Anhängern dieser Religionen, und zwar ausgerechnet mit Taten, die den Lehren des Islam oder des Christentums ganz deutlich entgegengesetzt sind. Es geht hier keineswegs um die Beschönigung der Religionen und deren Freisprechung von Problemen. Nein! Es geht lediglich um die Notwendigkeit der Einhaltung der gleichen Ebene bei jedem Dialog, wenn dieser von einer positiven Einstellung getragen wird.

     

    Ein weiteres Spannungsfeld, das nicht minder zum Vertausch verschiedener Ebenen führt, ist das zwischen der Lehre und dem sich daraus unvermeidlich entwickelnden Volksglauben. Es ist nicht gemeint, dass man den Volksglauben als falsch zurückweisen sollte. Nein. Es ist sogar interessant, über interreligiösen Volksglauben oder sogar Aberglauben Dialoge zu führen, um den Gründen und der Art dieser Phänomene nachgehen zu können, vorausgesetzt, dass sich dabei kein Ebenentausch bei dem einen oder dem anderen der Dialogpartner einschleicht.

     

    Ein weiteres, ebenso unvermeidbares Spannungsfeld ist das zwischen der Lehre und dem wissenschaftlichen Umgang damit. Jede Lehre – jüdische, christliche, islamische usw. – gibt von sich aus Anlass zu verschiedenen Ansätzen, Interpretationsansätzen. Das ist, im Unterschied zu einer Philosophie, die möglichst widerspruchsfrei sein soll, die positive Eigenart der Offenbarungstexte, die durch ihre konkrete, nicht abstrakt gedachte Lebensbezogenheit auf unterschiedliche Situationen situationsgemäß und situationsgerecht reagieren und sogar unterschiedliche Aussagen über das gleiche Phänomen machen. Der Dialog wird mehr Erfolg erzielen, wenn es den Dialogpartnern gelingt, um der Klarheit willen historische Bezugssituationen zu rekonstruieren, anstatt mittels theologischer Spekulationen und Spitzfindigkeiten die Lage zu verkomplizieren und den Dialog in eine Sackgasse zu führen.

     

    Ein recht störendes Spannungsfeld rührt von der aktuellen Weltpolitik her. Hier sind es die Anhänger dieser oder jener Religion, die im Einklang mit oder im Widerspruch zu dieser oder jener politischen Erscheinung im Namen der Religion auftreten. Wegen ihrer Aktualität tauchen solche Erscheinungen bei vielen Zwiegesprächen vordergründig auf. Durch Ebenenvertausch und Undifferenziertheit kommt das Gespräch auf eine verkehrte Bahn, vor allem dort, wo – wie angedeutet – eine ähnliche Absicht dahinter steckt. Die Pro- oder Kontraeinstellung von Muslimen zum Aufruf Saddams zum Dschihad brachte den Islam und die Gespräche darüber in eine solch komplizierte Situation, obwohl weder das eine noch das andere mit der Lehre des Islam oder mit dessen Praxis das min-deste zu tun hatte – es war ein rein politisches Phänomen im Rahmen der Beziehungen zwischen dem Westen und dem islamischen Orient.

     

     

    Dialog und die außerreligiösen geistigen Strömungen

     

    Zweifellos bildet der Glaube den fundamentalen Grundstein der Iden-tität jedes Individuums. Genauso wenig besteht Zweifel daran, dass dies nicht allein für die Bestimmung der Identität einer Person oder einer Gemeinschaft ausschlaggebend ist. Eine nicht minder starke Wirkung geht von weiteren, im Dialog selten thematisierten, geistigen und gesellschaftlichen Strömungen aus, die verschiedenen Völkern gleichen Glaubens unterschiedliche Prägungen ermöglichen. Es sind unter anderem ethnische Charakterzüge, spezifische Sprachen und die damit verbundenen besonderen Denkweisen, historische Begebenheiten, traditionelle Grundwerte, regionale Sitten und Gebräuche, mythologische Erzählungen, raum- und zeitbedingter Aberglauben, spezifischer, traditions- und gewohnheitsbedingter Volksglaube, jeweils besondere Sensibilitäten und Begabungen für Kunst, Literatur, Dichtung und Philosophie usw., kulturelle Eigenheiten, ideologische Sichtweisen, wirtschaftliche, gesellschaftliche, rechtliche und politische Verhältnisse und aus alledem entstandene besondere Welt- und Lebensauffassungen.

     

    Die Identität eines jeden Menschen – von seinen spezifischen, individuellen Besonderheiten abgesehen – ist im Grunde in einen Komplex von fast unübersehbaren geistigen und gesellschaftlichen Strömungen eingeflochten, von denen die Religion eine Komponente – wenn auch eine sehr wichtige und zum Teil sogar tragende Komponente – darstellt. Erfahrungsgemäß begeht man – vor allem bei christlich-islamischen Zwiegesprächen – den Fehler, erstens, wie oben beim ersten Spannungsfeld erläutert, die Verhaltensweisen der Anhänger der christlichen und islamischen Lehre mit der Lehre selbst zu verwechseln und zweitens – und das ist schwerwiegender – alle die genannten Strömungen und deren faktische Erscheinungen als christlich oder islamisch zu bewerten. Der Dialog kann dann – anders ist es nicht zu erwarten – nur in eine Sackgasse geraten.

     

     

    Ansätze zum Dialog im Koran

     

    Es handelt sich um Ansätze, die meinen Ausführungen zugrunde lie-gen. Bedingt durch die Situation, in der Muhammad seine Botschaft verkündete, finden wir im Koran klare Positionen bezüglich der Möglichkeiten und der Hermeneutik eines rein religiösen Dialoges. Muhammad befand sich in der damaligen Weltsituation zwischen den Anhängern der Vielgötterei (hauptsächlich auf der Arabischen Halbinsel) und den Gläubigen an einen einzigen Gott: Juden, Christen, Zoroastrier (in Byzanz, Iran und zum Teil auf der Arabischen Halbinsel). Wie Abraham entschied Muhammad sich in jener Situation eindeutig für den Ein-Gott-Glauben und wies Vielgötterei unmissverständlich zurück. Diese abrahamitische religiöse Haltung: Zuwendung zu dem einzigen Gott und Abwendung von allem, was außer diesem als Gottheit angenommen wird, nennt der Koran Islam, und bezeichnet Abraham als einen aufrichtigen Muslim (Sure 3, Vers 67).

     

    Anders als bei Abraham jedoch hatte Muhammad noch drei unterschiedlich geprägte monotheistische oder am Monotheismus orientierte Religionen vor sich. Dazu kam noch die historische Tatsache, dass innerhalb der beiden Lager (Götzenanbeter und Monotheisten) jahrzehntelang, wenn nicht sogar jahrhundertelang, bis zu Muhammads Zeit kriegerische Auseinandersetzungen das Leben der Völker bestimmten. Dies gab Mu-hammad einen besonderen Anlass zum Gespräch sowohl mit Monotheisten wie auch mit Götzenanbetern.

     

    Die letzteren bildeten die Hauptadressaten seiner Botschaft. Dies geschah im Grunde ausschließlich mittels der Gespräche, die er mahnend und verheißend, jedoch kompromisslos, mit ihnen führte. Interessant für die Hermeneutik des Dialogs sind die Fälle, in denen die Gespräche mit Anhängern der Vielgötterei in die Sackgasse gerieten. Dort heißt es: We-der ich werde verehren, was ihr verehrt habt, noch werdet ihr verehren, was ich verehre. Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion. (Sure 109, Verse 4-6).

     

    Noch interessanter ist die Glaubensfreiheit, die diesen nach dem Ko-ran zusteht, auch wenn sie sich nach der koranischen Überzeugung auf dem Irrweg befinden: Es gibt keinen Zwang in der Religion. Der richtige Wandel unterscheidet sich nunmehr klar vom Irrweg. Wer also die Göt-zen verleugnet und an Gott glaubt, der hält sich an der festesten Handhabe, bei der es kein Reißen gibt. Und Gott hört und weiß alles. (Sure 2, Vers 256). Der Dialog mit den Götzenanbetern bedeutet hier einerseits, nie aufzuhören, diese zu mahnen und für die Gottgläubigkeit zu gewinnen, und sie jedoch andererseits als Menschen zu dulden, bzw. gel-tenzulassen. Von größerer Bedeutung ist die Tatsache, dass auch die an Götzenanbeter gerichteten Mahnungen und Verheißungen Muhammads von Anfang an an Abraham orientiert waren. An sie gerichtet heißt es bereits in den ersten Phasen seiner Verkündigung in der Sure al-A3la (wahrscheinlich die als vierte offenbarte Sure): Dies (der verkündete Ein-Gott-Glaube und dessen moralische Folgen) steht in den früheren Blättern, den Blättern von Abraham und Moses. (Sure 87, Verse 18-19).

     

    Was das Verhältnis Muhammads zu den Monotheisten betrifft, so dürfte es der Realität nach nicht ganz einfach gewesen sein, wegen der unterschiedlichen Ausprägung des monotheistischen Grundwertes und wegen der Verflochtenheit der herrschenden Religionen mit einer besonderen machtpolitischen Ausrichtung. Doch die abrahamitische Grundhaltung des “Islam”, hier verstanden als das Phänomen: Zuwendung zu einem einzigen Gott, ist es, die auch hier eine klare Basis für das Verhältnis Muhammads zu den Juden, Christen und anderen Monotheisten in Theorie und Praxis schaffen sollte, die die Hermeneutik des Dialoges aus der Sicht des “Islam”, hier verstanden als die von Muhammad bestimmte Lehre, bis heute bestimmt. In der spätmedinensischen Sure Al-Ma3ida heißt es: Diejenigen, die glauben, und diejenigen, die Juden sind, und die Sabier und die Christen, all die, die an Gott und an den Jüngsten Tag glauben und Gutes tun, haben nichts zu befürchten, und sie werden nicht traurig sein. (Sure 5, Vers 69).

     

    In speziell an die Schriftbesitzer (Juden und Christen) schon in mek-kanischer Zeit gerichteten Versen der Sure al-3Ankabut legt der Koran die Dialogbasis mit den Ein-Gott-Gläubigen fest: Und streitet (genauer: führet dialektische Zwiegespräche oder Disputationen) mit den Leuten des Buches nur auf die beste Art, mit Ausnahme derer von ihnen, die Unrecht tun. Und sagt: “Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt und zu euch herabgesandt wurde. Unser Gott und euer Gott ist einer. Und wir sind ihm ergeben (muslimun). (Sure 29, Vers 46). Festgelegt wird der abrahamitische Inhalt der Zwiegespräche noch deutlicher in der medinen-sischen Sure Al-3Imran: Sprich: ,,Ihr Leute des Buches, kommt her zu einem zwischen uns und euch gleichen Wort, dass wir Gott allein dienen und Ihm nichts beigesellen, und dass wir nicht einander zu Herren neh-men neben Gott. Doch wenn sie sich abkehren, dann sagt: Bezeugt, dass wir gottergeben (muslimun) sind. (Sure 3, Vers 64).

     

    Maßgebend ist – wie unermüdlich im Koran betont wird – der Ein-Gott-Glaube, der Islam, die einzig mögliche religiöse Haltung, sofern Gott in der Religion für den Gläubigen eine Rolle spielt, wie sie in den Worten: Die Religion bei Gott ist die Gottergebenheit. (Sure 3, Vers 19) angedeutet wird. Der Koran unterstreicht eindeutig diese Überzeugung mit allen ihren Konsequenzen: demnach gilt der Islam und die Bezeichnung Muslim inhaltlich und phänomenologisch nicht nur für Abraham, sondern auch für Moses, Jesus und alle Propheten und Gesandten davor und danach, wie auch für ihre Anhänger, sofern diese dem Ein-Gott-Glauben anhängen. Es hatte sogar praktische Konsequenzen für die zeitgenössischen Juden und Christen auf der Arabischen Halbinsel. Diese wurden gelobt und ihre religiöse Lebensweise fand bei Muhammad Anerkennung, sofern sie sich jeweils ganz und gar nach ihren Schriften, Thora und Evangelium, richteten. Getadelt und sogar aufs schärfste verurteilt wurden sie, wenn sie diesen eindeutig zuwider handelten.

     

    Getrübt wurden jedoch die Verhältnisse der Muslime zu den anderen durch die Machtkämpfe, die zunächst von Götzenanbetern ausgingen, die aber dann ganz besonders jüdisch-muslimische und in einzelnen Fällen christlich-muslimische Beziehungen betrafen. Trotz alledem und trotz der Tatsache, dass Muhammad es zweifelsohne gerne gesehen hätte, wenn die zeitgenössischen Juden und Christen seine Lehre als vollständigste Ausprägung der abrahamitischen religiösen Haltung angenommen hätten, bietet der Koran in seinem zuallerletzt verkündeten Vers – also nur einige Monate vor Muhammads Tod -, Tisch- und Ehegemeinschaft mit Juden und Christen an (Sure 5, Vers 5). Das geschah zu einer Zeit, als die Muslime absolut die Oberhand besaßen und keinerlei Abhängigkeit von Juden und Christen vorlag, die zu dieser Haltung hätten führen können. Diese einmalige, praktisch einseitige, gesellschaftliche Anerkennung der Juden und Christen und nicht das Tolerieren derselben in dem Sinne, sie nur zu dulden bzw. gelten zu lassen, kann nie genug geschätzt und betont wer-den. Das bietet einen uneingeschränkten Ansatz für das Verstehen und Begreifen des Koran in seinem Selbstverständnis und eine uneingeschränkte Möglichkeit für den Dialog mit anderen Religionen.

     

     

    Islamische Christologie versus christliche Christologie

     

    Dennoch zogen das koranische Verständnis vom Ein-Gott-Glauben und das strenge Festhalten daran ein großes theologisches Problem nach sich, das direkt das christlich-islamische Verhältnis betrifft. Gemeint ist die sich daraus ergebende islamische Christologie, die von der christlichen Christologie völlig verschieden ist. Bezogen auf den Dialog zwischen Christen und Muslimen entsteht daraus eine Schwierigkeit, die die meisten Zwiegespräche belastet, mit der Folge, dass die Gesprächspartner nicht selten aneinander vorbeireden. Kurz gesagt geht es im Koran nicht um die Überzeugung von Sünde-Erlösung als zentrales Moment, sondern um eine Überzeugung, die von der unmittelbaren Abfolge von Sünde-Reue-Vergebung bestimmt ist, wie dies anhand der Geschichte Adams im Koran demonstriert wird (Sure 2, Vers 30 ff). Das christliche Modell geht, anthropologisch gesehen, von einer permanenten Sündhaftigkeit des Menschen als dessen Wesensmoment aus; das koranische hingegen geht von der durchaus positiven Anlage des Menschen aus, nämlich von seiner gottausgerichtet geschaffenen Natur als einem nach dem Koran evidenten Wesensmoment. Wir haben es also mit zwei verschiedenen Glaubensmodellen, jeweils mit einem anderen anthropologischen Ansatz zu tun, von denen jedes in sich konsequent und abgeschlossen ist.

     

    Weder kann die christliche Theologie ihre strukturierte Christologie aufgeben, noch wird der Koran von seiner im Wesen des Phänomens “Islam” begründeten Christologie abrücken. Darin können wir nun am klarsten die unterschiedlichen Wesensmerkmale und Grenzen zwischen Christentum und Islam sehen. Es sind – zumindest theologisch gesehen – unüberbrückbare Grenzen; kein Kompromiss kann überzeugend diese Kluft aufheben, weil diese Überzeugungen jeweils das gesamttheologische Gebäude bis in den letzten Baustein erfassen. Nur ein Dialog im eingangs genannten Sinne, nämlich ,,der Versuch, den anderen annähernd so zu verstehen, wie jener sich selbst versteht, und das Bemühen, von dem anderen so verstanden zu werden, wie man sich selbst begreift”, kann ein gegenseitiges Verständnis unter Bewahrung der eigenen Identität ermöglichen.

     

    Die eigentliche Schwierigkeit rührt meines Erachtens von den Theologien her, die man um beide heiligen Texte herum, um Bibel und Koran, entwickelt hat und auch in der dazu jeweils notwendigen Sprache. Ich habe z. B. neulich mit Wonne und großem Interesse die Ausführungen des Herrn Kollegen Otte über das Thema “Dialektik zwischen Kreuz und Auferstehung” gehört und versucht, sie nachzuvollziehen. Als eine intel-lektuelle, spekulative Interpretation hat die gesamte Darlegung meine volle Bewunderung gehabt. Je mehr ich mir aber Mühe gegeben habe, die Feinheiten, die darin steckten, gefühlsmäßig nachzuvollziehen, umso weniger habe ich damit Erfolg gehabt. Die Theologie und die theologischen Ausführungen bauen auf Prinzipien und Voraussetzungen auf, die in der jeweiligen Gefühlswelt der Gläubigen tief verankert sind. Diese Gefühle sind aus der Sicht der Betreffenden reale Grundlagen, die den entsprechenden Spekulationen Sinn und Gehalt verleihen. Wenn man nicht im Besitz dieser emotionalen Grundlagen ist, wirken die klügsten Spekulationen wie ein leeres und hohles Gebäude. Ich bin sicher, dass einem Christen das gleiche widerfährt, wenn er mit subtilen Spekulationen z. B. um das Wesen der Gesandtschaft und des Prophetentums – was, wie oben erwähnt, eine zentrale Bedeutung für den islamischen Glauben, hat – kon-frontiert wird, weil ihm von Anfang an die emotionalen Kanäle zu die-sem Phänomen fehlen.

     

    Auch die Religionsphänomenologie, die im abendländisch-christlichen Raum einen beachtlichen Erfolg erzielt hat, konnte hier bislang keine Brücke bauen. Sie versucht nämlich hauptsächlich – anders war es auch nicht zu erwarten – die anderen Religionen von christlicher Begrifflichkeit her zu begreifen. Möglicherweise hat sie im Falle der anderen Religionen mehr Erfolg erzielt als im Hinblick auf den Islam. Das Übersehen von zweierlei Christologien und zweierlei Glaubensmodellen dürf-te hier von entscheidender Bedeutung gewesen sein. Eins könnte höchstwahrscheinlich hilfreich sein: Die Gründung einer neuen Theologie auf beiden Seiten auf der Grundlage eines gegenseitigen Verständnisses für das Selbstverständnis des Gegenübers. Langfristig kommen weder die Christen noch die Muslime darum herum, wenn sie es mit dem Dialog – im genannten Sinne – ernst meinen.

     

    Es gibt aber für Christen und Muslime jenseits ihrer spekulativen Theologien einen anderen, einfacheren Weg, sich als Gläubige näher zu kommen; einen Weg, den die heiligen Schriften beider Religionen vorgezeichnet haben. Ich meine den Weg, auf den oben hingewiesen wurde: Das gesamte christliche Glaubenssystem steht und fällt mit der Maxime “Liebe”. Parallel dazu haben wir gesehen, dass das islamische Glaubenssystem mit der Maxime “Barmherzigkeit” steht und fällt. Denn – um das noch einmal zu betonen – nur Gottes Hilfe und Gottes Gnade und Barmherzigkeit sind es, die nach der koranischen Überzeugung dem Menschen helfen können, die Nähe Gottes zu erreichen, und nicht seine eigene Leistung, keineswegs sein eigenes Werk. So gesehen werden die Christen und Muslime, sofern sie es mit dem Dialog ernst meinen, gut daran tun, wenn sie in ihren Begegnungen und Gesprächen auf jeder Ebene und in jeder Situation von der gemeinsamen, funktionsgleichen Wurzel, Liebe und Barmherzigkeit, ausgehen würden, um die sich die Mensch-Gott- und Gott-Mensch-Beziehung dreht, und von dieser Basis aus füreinander Gefühle entwickeln würden mit dem Ziel, ihrer gemeinsamen Verantwortung für die Welt und alle Menschen in der Gegenwart und der Zukunft in Frieden und Eintracht nachzukommen.

     

     

     

    Quelle:

    © Institut für Human- und Islamwissenschaften e.V.

    Dialog – Zeitschrift für Interreligiöse und Interkulturelle Begegnung

    Jahrgang 1 • Heft 1 • 1. Halbjahr 2002