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    Islam als Lehre und gesellschaftliche Wirklichkeit (Teil 2)

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    Islam als Lehre und gesellschaftliche Wirklichkeit (Teil 2)
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    Die Stellung der Frau im Islam

     

    Aus der gesellschaftlichen und juristischen Perspektive betrachtet, bildet die Stellung der Frau eines der schwierigsten und wichtigsten Probleme im Islam. In keinem anderen Falle hat nämlich die islamische Welt in ihrer geschichtlichen Entwicklung zum Nachteil der Frauen so viele Strukturen, Sitten und Gewohnheiten derjenigen Gesellschaften angenommen, in denen er sich entwickelte. In keinem anderen Falle ist die Kluft zwischen der koranischen Lehre und der historischen und gesellschaftlichen Realität so groß. Die von Kritikern betonte niedrige Einstufung, Diskriminierung und Benachteiligung der Frauen in den islamischen Ländern verstoßen nicht nur gegen den Koran, nämlich gegen die absolute gesellschaftliche Gleichheit, Gerechtigkeit und gegen die Mensch-Gott-Gemeinschaft als Grundstruktur der islamischen Gesellschaft, sie sind darüber hinaus Zeugen des Überlebens derjenigen Strukturen, die der Islam bei seiner Entstehung bekämpfte:

     

    In dem grundsätzlichen islamischen Verhältnis der Mensch-Gott-Gemeinschaft genießt die Frau den gleichen Rang wie der Mann. Ihrem Wesen nach steht die Frau als Mensch dem Mann gleich. So wird bei der Wiedergabe der Schöpfungsgeschichte nicht Eva als Frau zur Last gelegt, beeinflußt vom Teufel (Schlange) ihren Mann Adam verführt zu haben; das Vergehen kommt beiden gleichzeitig und gleichgewichtig zu (Koran: Sure 2/Vers 36).

     

    Während in der Familie die Frau als Mutter viel höhere Achtung genießt als der. Vater, stehen — entsprechend den wirtschaftlichen Verhältnissen — dem Manne in der Gesellschaft größere Rollen und mehr Verpflichtungen zu. Die Ehe geht ausschließlich von der Frau aus, die ihre Bereitschaft dazu ausspricht, wonach erst der Mann seine Bereitschaft aussprechen soll. Hierbei wird laut Koran (Sure 4/Vers 4) die sogenannte Morgengabe (sadaq) nur als Geschenk (nihla) vorgeschlagen. Auch nach der Ehe verfügt die Frau unabhängig vom Mann voll und ganz über ihr Vermögen. Der Mann hat kein Recht, sich darin einzumischen.

     

    Die Frau hat das Recht auf standesgemäßen Lebensunterhalt, auf Wohnung und Kleidung, selbst wenn sie vermögend und wirtschaftlich völlig unabhängig ist. Sie hat das Recht, für die von ihr erbrachten Leistungen im Haus und sogar für das Stillen der Kinder Geld zu verlangen. Der Mann hat kein Recht, der Frau über ihre Verpflichtungen hinaus die geringsten Befehle zu erteilen. Die Frau ist dem Manne gegenüber verpflichtet, sein Eigentum und ihre Treue zu schützen. Die eheliche Verbindung, unter Vermeidung der Perversion (Koran: Sure 2/Vers 223), gilt als beiderseitiges Recht.

     

    Als Mißbrauchsverbot der körperlichen Überlegenheit des Mannes und im Rahmen seiner Schutzverpflichtung gibt es eine vieldiskutierte Stelle im Koran (Sure 4/Vers 34): Im Anschluß an eine Aussage über die Schutzpflicht des Mannes (ar-ridjal qawammun ‘ala‘n-nisa / Die Männer sind die Verantwortlichen für die Frauen) gibt der Koran zu den besonders schwierigen Fällen in der Ehe sinngemäß folgende Erklärung: Im Falle einer ständigen — nicht nur einmaligen —Verletzung ihrer religiösen Pflichten (nuschuz) — und nur in dem Falle, wenn das Zusammenleben dadurch unerträglich wird — wird dem Manne, uni einer Scheidung vorzubeugen, die Möglichkeit eingeräumt, Maßnahmen zu ergreifen, die von Ratschlägen bis zur Trennung im Bett reichen, und wenn dies alles nicht nützt, bis zu einem „nicht-schmerzenden Schlage“ (ghair mu-barrih / (s. Tabaris Kommentar). Hier meinen die Gelehrten einstimmig, daß die Beschimpfung, jegliche Misshandlung und sogar „nicht-schmerzende“ Schläge der Frau wegen jeder Art weltlicher und alltäglicher Streitfragen verboten (haräm) sind:

     

    Die Erklärung „nicht-schmerzender-Schlag“ hebt grundsätzlich jede Art von Schlägen auf. Ebenso obliegt es der Frau, im Rahmen der allgemeinen Verpflichtungen jedes Muslims, „das Recht zu gebieten und das Verwerfliche zu verbieten“ (Koran: Sure 3/Vers 110) und erzieherisch darauf zu wirken, den Mann von der Verletzung seiner Pflichten abzuhalten. Der Frau wird darüber hinaus eingeräumt, ihre Rechte zuerst durch einen Schiedsrichter und dann durch das Gericht geltend zu machen. Die Scheidung, die als solche zwar als verpönteste Erlaubnis deklariert wird (abghad al-haläl ‘inda‘lläh at-talüq) geht in der Formulierung talaq (Freigabe) vom Mann und in der Formulierung khul‘ (Freinahme) von der Frau aus.

     

    Durch die wirtschaftliche Dominanz der Männer bedingt und im Rahmen ihrer Versorgungsverpflichtung lässt der Koran die Möglichkeit zur Vielehe offen. Im gleichen Vers unterbindet er diese Möglichkeit, wenn der Mann nur fürchtet, im Falle einer Vielehe die Frauen nicht gerecht behandeln zu können. (Koran: Sure 4/Vers 3: „Wenn ihr aber fürchtet, (sie) nicht gerecht zu (be)handeln, dann (nur) eine.“)

     

    Dazu kommt die Möglichkeit, der Frau bei der Eheschließung das Scheidungsrecht einzuräumen, falls der Mann ohne ihr Einverständnis eine zweite Frau nehmen würde. Davon haben bereits einige Staaten (Tunesien, Ägypten usw.) offiziell Gebrauch gemacht.

     

    Im Falle einer Erbschaft steht der Frau ein geringerer Erbteil zu als ihren Brüdern, wenn sie einen oder mehrere hat. Dies wird als Ausgleich zur höheren wirtschaftlichen Belastung des Mannes, die der Frau gänzlich fehlt, und als Ausgleich zu den harten Verteidigungspflichten, die nur den Männern und nicht den Frauen obliegen, yerstanden. In der Ausbildung und bei der Besetzung gesellschaftlicher Positionen steht einer völligen Gleichberechtigung der Frau nichts im Wege, vorausgesetzt, daß die moralischen Regeln, zu denen sowohl Männer als auch Frauen verpflichtet sind, eingehalten werden, so daß die Frau als eine gleichwertige Partnerin des Mannes fungieren kann, ohne als Objekt des Konsums und des Interesses der Männer missbraucht und von diesen „belästigt“ zu werden (Koran: Sure 33/Vers 59).

     

    Diese Haltung — und speziell diese — hat parallel zu den neuen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den islamischen Ländern vielen Frauen ein sehr hochzuschätzendes Selbstbewusstsein verschafft und zum ersten Mal in der Geschichte des Islam einen neuen muslimischen Frauentyp hervorgebracht, dem die gesellschaftlichen Bewegungen in den islamischen Ländern viel zu verdanken haben und ohne den die Bewegungen keinen Erfolg hätten erzielen können.

     

    Politik als religiöse Verpflichtung

     

    Zu den wichtigsten religiösen Handlungen eines jeden Individuums in der Gemeinschaft gehört der Schutz seines Nächsten. „Jeder von euch ist Schützer (der anderen) und jeder von euch ist für seinen Schützling verantwortlich“, heißt es nach einer allgemein anerkannten Anordnung Muhammads (as-Sihah von Bukhari). Daraus und aus einer weiteren Verpflichtung den Islam zu schützen, erwächst die politische Verpflichtung jedes Muslims: Politik nicht im Sinne der bekannten machtanstrebenden diplomatischen und politischen Taktik, Strategie und Finesse, sondern nur im Sinne der Schaffung eines gesellschaftlichen Rahmens, der die Erhaltung und Ausübung der Hingabe an den einzigen Gott und der damit zusammenhängenden Lebensregelungen ermöglicht und das Fortbestehen der damit anvertrauten Gemeinschaft garantiert. Es versteht sich von selbst, daß die so verstandene Politik, bzw. der darauf gegründete Staat von der islamischen Weltanschauung getragen werden und mit Hilfe des islamischen Gesetzes Verwirklichung finden können:

     

     

    a) Grundlage eines islamischen Staates

     

    Entscheidendste Grundlage dafür ist die Überzeugung von der Gerechtigkeit, die das Entstehen eines solchen Staates ermöglicht und sein Bestehen sichert: Gerechtigkeit im Sinne einer absoluten Gleichheit des Menschen als Individuum und als umma-Mitglied vor dem Gesetz sowie vor der legislativen wie auch der exekutiven Gewalt; und schließlich Gerechtigkeit im Sinne einer absoluten Wertgleichheit der Menschen untereinander und vor Gott. Keiner, nicht einmal der oberste Herrscher, hat das Recht, sich irgendwelche Privilegien zuzulegen, von der Besoldung durch die Staatskasse angefangen bis hin zur gesellschaftlichen Rangordnung. Leistung in jeder Hinsicht und der dementsprechende Verdienst gelten zwar als gesellschaftliche Prinzipien, doch dürfen weder sie noch andere (wie Reichtum, Abstammung, Rang, Position, Geschlecht) zu einem Wertunterschied zwischen den Menschen führen. Leistung wird als Erfüllung einer Pflicht gegenüber Gott und den Mitmenschen angesehen. Mit welchen Schwierigkeiten die Verwirklichung einer solchen, nicht einfach zu realisierenden Gerechtigkeitsidee und mit welch hohen Erwartungen sie seitens der umma verbunden ist, läßt sich ahnen. Die logische Folge ist, daß an sich jeder Muslim für den Islam und die umma dienend verantwortlich ist, auch wenn nicht jeder Mensch in der Lage ist. die Gesamtverantwortung auf sich zu nehmen. Unter Beteiligung aller umma-Mitglieder sollte aber das höchste islamische — politische, gesellschaftliche und religiöse — Amt die Gesamtverantwortung repräsentieren. Ein solches — als religiöse Pflicht gedachtes und von der umma getragenes — Amt kann weder diktatorisch noch theokratisch sein. Man pflegt eine solche Staatsform als Nomokrathie zu bezeichnen.

     

    b) Der Aufbau des Staates nach dem Koran

     

     

    Entsprechend der erörterten Gerechtigkeitsidee liefert der Koran für die Staatsform ein durchaus konsequentes Konzept, das zwar in der Geschichte des Islam stets als anzustrebende Idealform vor Augen gehalten wurde, welches aber in der Realität nur gelegentlich Verwirklichung gefunden hat (weitgehend unter den vier rechtgeleiteten Kalifen). Das Konzept ist aufgebaut auf der absoluten Gleichheit und Verantwortung aller Gemeinschaftsmitglieder. Dies läßt sich am besten an dem Wort „amr“, wörtlich: Angelegenheit, gesellschaftlich, Gesellschaftsordnung, erörtern: Bezüglich der Beteiligung aller Gemeinschaftsmitglieder heißt es: „Ratschlage ihnen (gemeint sind die Gemeinschaftsmitglieder) über al-amr“ (die Angelegenheit, die, die Gemeinschaft betrifft); ihre Angelegenheit (amr = gesellschaftsbetreffende Angelegenheit) vollzieht sich unter ihnen durch Beratschlagung (schura)“. Für das Bestehen des Staates wird aber auf der anderen Seite der Gehorsam vor der Spitze gefordert, der, der Gemeinschaft als Pflicht obliegt: „Gehorchet Gott und dem Gesandten und denen unter euch, die über al-amr zu befinden haben bzw. verfügen (ulu‘l-amr)!“

     

    Das Phänomen amr beinhaltet somit die gesamte gesellschaftliche Ordnungsstruktur, die aus einer Basis und Spitze besteht, welche eine Einheit bilden. Die Spitze bleibt als Mitglied der Gemeinschaft integriert in die Gemeinschaft. Ihr kommt nur treuhänderisch die Leitung der gesamten Verantwortung zu. Solange Muhammad lebte, war er praktisch derjenige, der auch u. a. die Spitzenposition innehatte. Die Realisierung dieser fast idealen Staatsform hat aber — wie sonst kein anderes islamisches Gebot — seit seinem Tode bis heute Anlaß zu Spaltungen und Auseinandersetzungen innerhalb der islamischen Gemeinschaft gegeben. Die Spaltung der umma in Sunniten, Schiiten und Kharidjiten zu Beginn der islamischen Zeit geht gerade darauf zurück, nämlich auf die Frage, wer am ehesten als Spitze diese Form zu verwirklichen vermag.

     

     

    c) Islam und Demokratie

     

    Diese ideale Staatsform jenseits eines die umma zerspaltenden Parteigedanken erweckt den Eindruck, daß es sich dabei weniger um Herrschaft der einen über die anderen, sondern ui die Verantwortung aller Gemeinschaftsmitglieder der für alle handelt, eine Staatsform, die durch die westlichen Kategorien schwer zu erfasse ist. Dieses Ideal gibt den Muslimen sogar den Anlaß die westliche Demokratie als nicht gerecht genug dahin zu kritisieren, daß sie bestenfalls in Wirklichkeit die Herrschaft eines Teils des Volkes über den Rest bedeutet, wobei die islamische Staatsform kein Gesellschaftsmitglied zu Gunsten der anderen von der aktiven Verantwortung ausschließen kann. (Diese Kritik bildet sogar den Ansatz zur Aufstellung der neuen libyschen Staatstheorie.)

     

    d) Herrschaftskritik

     

    Von einigen früheren Perioden abgesehen hatten die Muslime die Zeit der vier rechtgeleiteten Kalifen für die relativ beste Zeit, auf die sie sich heute als auf ein Modell einer angestrebten Gesellschaftsordnung beziehen. Dies ist ein Beweis dafür, daß in den späteren geschichtlichen Entwicklungen dieses Gebot in der Regel verletzt, d.h., das dafür notwendige Verantwortungsgefühl der Muslime zu Gunsten der Machthaber bis hin zu einem islamwidrigen Absolutismus missbraucht wurde.

     

    Von den immanent islamischen Machtkämpfen oder sogar kurzlebigen Protesten gegen die jeweiligen Machthaber abgesehen, hat die kritische Haltung gegenüber den traditionellen islamischen Herrschaftsformen in der Geschichte nur gelegentlich zu Widerständen geführt und erst seit der Begegnung des Westens als einer politischen Macht mit dem islamischen Morgenland (seit dem 17. Jh.) und in Folge der Kooperation der muslimischen Herrscher und Politiker mit diesen die Form einer politischen Bewegung angenommen –

     

    Unzufrieden damit, reichen die Lösungsversuche von einem völligen Säkularismus bis hin zu einer völligen politischen Loslösung von Westen und Osten. Dabei handelte es sich nicht um Wunschträume, sondern um Versuche, die jeweils in dem vielschichtigen Gebäude der islamischen Gesellschaft an sich und in der Art ihrer Begegnung mit West und Ost wurzelten. Erwiesenermaßen fruchtlos und sogar schädlich sind zweierlei Versuche: Diejenigen, die entweder die eigene Tradition beiseite legen und eine blinde Verwestlichung und somit eine vorsätzliche Entfremdung anstreben, oder diejenigen, welche im Gegensatz dazu darauf zielen, die dem Koran fremden Sitten und Gebräuche als Modell für das heutige Leben der Menschheit verwenden zu können.

     

     

     

    Zitierte und weiterführende Literatur

     

    Fischer Weltgeschichte:

    Der Islam. 2 Bde. Frankfurt:

    Fischer 1968/197 1.

    A.Th. Khoury:

    Einführung in die Grundlagen des Islam. Graz u. a.: Styria 1978.

    Der Koran.

    Übersetzung von M. Henning. Wiesbaden: Verlag der Vertriebsgesellschaft Modernes Antiquariat (VMA) Fourier und Fertig (Lizenzausg. von

    Ph. Reclam jun., Stuttgart: Reclams IJB 4206).

    K.Kreiser u. a.:

    Lexikon der islamischen Welt. 3

    Bde. Stuttgart 1974 (Urban tb 200/1—3).