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    Islam in Kambodscha

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    Mit Kambodscha verbindet man in der Regel nicht viel. Wenn überhaupt, ist der Mekong, der längste Fluss Südostasiens, ein Begriff. Viele haben auch schon den Namen Pol Pot und von den Roten Khmer gehört. Dass in dem Land eine aufstrebende muslimische Gemeinschaft lebt und eine Jahrhunderte zurückreichende Kultur pflegt, ist nur wenigen bewusst.

     
    Das Königreich Kambodscha liegt am Golf von Thailand, zwischen Thailand, Laos und Vietnam. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts ist Phnom Penh die Hauptstadt des Landes. Die Landschaft Kambodschas ist von einer Zentralebene geprägt, welche teilweise von Gebirgen umgeben ist. Der im Westen gelegene See Tonle Sap sowie der Mekong, einer der zehn längsten Flüsse der Welt, sind von zentraler Bedeutung für den Staat.

     

    Kambodscha begann als Königreich und ist heute ebenfalls eine Monarchie. Der südostasiatische Staat ist aus dem Reich Kambuja hervorgegangen, welches seine Blüte vom 9. bis zum 15. Jahrhundert erlebte. Die Ruinen des Khmer-Königreiches, vor allem jene in Angkor, können noch heute besichtigt werden. Die riesige Tempelanlage „Angkor Wat“, für dessen Besichtigung man mehr als einen Tag benötigt, gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe.

     

    Ethnisch betrachtet ist Kambodscha das homogenste Land Südostasiens. Offiziell 85- 90 Prozent der 14,5 Millionen Einheimischen gehören der Bevölkerungsgruppe der Khmer an. Die größte Minderheit sind die Vietnamesen mit fünf Prozent, die muslimische Volksgruppe der Cham mit schätzungsweise drei bis fünf Prozent und die Chinesen mit etwa einem Prozent.

     

    Die Volkgruppe der Khmer sind eng verwandt mit dem Bergvolk der Mon. Deren Nachfahren leben heute mehrheitlich als Reisbauern und Fischer in Thailand. Die Mon-Staaten waren kulturell stark von Indien beeinflusst, weshalb sie früh den Buddhismus und Brahmanismus annahmen und verbreiteten. Auch ihre Sprache, die Khmer-Sprache, Architektur und Literatur sind indisch geprägt. Heute ist der Buddhismus Staatsreligion.

     

    Die Vergangenheit der Khmer ist eng verknüpft mit der Geschichte der Cham. Schätzungsweise vier bis sieben Prozent (genaue Statistiken gibt es nicht) der Bevölkerung Kambodschas sind Muslime. Die allermeisten Muslime gehören zum Volk der Cham, den Nachfolgern des Königreichs Champa. Die Champa-Herrscher nahmen endgültig ab 1607 den Islam an, doch auch davor gab es muslimische Gemeinden. Die Bewohner dieses großen und alten Reiches Südostasiens, welches zuvor hinduistisch geprägt war, kamen durch arabische Händler in Kontakt mit dem Islam. Die meisten Cham konvertierten in dieser Zeit, also im 17. Jahrhundert, zum Islam. Bis Ende des 17. Jahrhunderts wurden die fünf Teilfürstentümer der Champa von Vietnam annektiert. Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerieten sowohl Kambodscha als auch Vietnam unter französische Kolonialherrschaft. Es folgten der Erste und Zweite Indochinakrieg. Nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich im Jahre 1953 folgten jahrzehntelange Bürgerkriege. Viele Opfer unter der Bevölkerung und schwere Schäden in der Wirtschaft waren die Folgen.

     

    Die Cham pflegen auch heute ihre eigene Sprache und verwenden eigene Schriftzeichen. Seit den 1960ern werden die Cham „Khmer Islam“ genannt, obwohl sie ethnisch keine Khmer sind, um ihre staatsbürgerliche Zugehörigkeit – im Gegensatz zu Chinesen und Vietnamesen – zu Kambodscha zu verdeutlichen.

     

    Einen einschneidenden Bruch in der Geschichte Kambodschas stellt die Herrschaft Pol Pots (1975-1979) dar. Innerhalb von nur wenigen Jahren wurde während der Herrschaft der Roten Khmer, die aus der 1951 gegründeten Kommunistischen Partei hervorgegangen waren, bis zu 2,2 Millionen Menschen gefoltert und getötet. Pol Pot hatte es vor allem auf die gebildeten Bürger abgesehen. Die Verfolgungen gingen so weit, dass bis 1978, als die Herrschaft der Roten Khmer beendet wurde, im ganzen Land nur noch circa 50 Ärzte übrig blieben. Unter den Ermordeten sind auch Hunderttausende Muslime. Seit die Roten Khmer gestürzt wurden, herrscht nach einer kritischen Bürgerkriegsphase nun seit einem Jahrzehnt relative Stabilität.

     

    Während der Opfertierkampagne 2010 hatte ich die Gelegenheit einen Einblick in die kambodschanische Gesellschaft zu bekommen und mich mit Muslimen sowohl in den Städten und in abgelegenen Dörfern auszutauschen. Dabei handelt es sich aber um einen Austausch, keinen einseitigen Transfer. Es gibt zahlreiche Anliegen und Probleme, die die Muslime Kambodschas mit den Muslimen in Europa teilen.

     

    Sie sind eine Minderheit was ihre Religion, Kultur und Sprache betrifft. Nach den Roten Khmer haben sie ihre Strukturen selbst (wieder) aufgebaut und arbeiten kontinuierlich an ihrer Verwurzelung. Das muslimische Leben in Kambodscha wird von einer Institution für islamische Angelegenheiten organisiert. Daneben gibt es einige gut organisierte muslimische Organisationen, die sich sozial, humanitär oder bildungspolitisch engagieren. Sie bauen ihre Moscheen und organisieren das religiöse und kulturelle Leben, betreiben aktiv soziale Arbeit. Muslime scheinen in allen gesellschaftlichen Ebenen vertreten zu sein.

     

    Den kambodschanischen Muslimen geht es also darum, durch die Errichtung einer guten Infrastruktur das muslimische Leben in umfassender Weise zu organisieren, ihre muslimische Identität zu festigen und in eine angesehene Stellung in der Gesellschaft einzunehmen.

     

    Nach den Roten Khmer hat sich auch die Situation der Muslime verbessert. Was sich nur langsam verbessert hat, ist das Bildungsproblem. Nachdem unter Pol Pot alle Schulen geschlossen (manche als Folterlager benutzt) und Lehrer ermordet oder vertrieben wurden, ist das gesamte Bildungssystem zugrundegegangen. In dieser Zeit wurden auch alle Arten von Literatur vernichtet, so dass auch kambodschanische Muslime kaum über religiöse Literatur verfügen.

     

    Ein weiteres Problem dabei ist, dass es kaum gelehrte und kompetente Personen zu geben scheint, die sich der Organisation der Gemeinde und der Vermittlung des Glaubens widmen könnten. Der Islam ist zwar vor Jahrhunderten in diese Region gelangt, aber teilweise nur oberflächlich. So hatte der Islam in Kambodscha zuvor viele buddhistisch-synkretistische Züge. Diese bestehen in einigen kleinen Gemeinden von den übrigen Muslimen nicht begrüßten Form noch fort. Es gab und gibt noch Gruppen, die statt dem muslimischen Gebetsruf eine Trommel benutzen. Es existieren vereinzelte unvollständige Koranausgaben, die zwar mit der Basmala beginnen, aber dann mit der eigenen Sprache fortfahren. Diese unvollständigen „Koranausgaben“ enthalten jedoch Verse, die nicht denen des Korans entsprechen. Diese und andere religiösen „Ungereimtheiten“ sind ein Grund, weshalb man sich bemüht, Stipendiaten etwa nach Malaysia und Indonesien zu entsenden, um sie später als Religionslehrer und Gelehrte einzusetzen.

     

    Dass sie ihre Kultur und Religion offen zeigen und leben, stellt kein Problem dar. Genauso wie alle anderen Religionen – also vor allem dem Buddhismus – wird auch für den Islam freie Religionsausübung gewährt. Die Religionsfreiheit im Lande wird von Muslimen und Buddhisten geschätzt.

     

    Im Vergleich mit den Problemen und Perspektiven der Muslime in Europa kann jedoch eine fast erschreckende Ähnlichkeit festgestellt werden. Es gibt Themen, die hier und dort die Gemüter erhitzen. Infolge des Drucks, der auf den 11. September 2001 folgte, sehen sich die Muslime in diesem fernen Land einem plötzlichen Erklärungs- und Rechtfertigungsdruck ausgeliefert. Ein anderes Thema ist das Kopftuch von Lehrerinnen, das erst seit wenigen Jahren erlaubt wurde oder der Gebetsruf, der zwar erlaubt ist, aber bei dem es schwerwiegende Missverständnisse gibt.

     

    Alles in allem bemühen sich die Muslime – in Kambodscha also vorwiegend die Volksgruppe der Cham – ihre Religion neu zu entdecken, ihre Kultur zu leben sowie ihre Sprache zu pflegen. Das scheint ihnen bis jetzt auch gelungen zu sein. Dank ihres Engagement nach dem Regime Pol Pots haben sie sich einen angesehenen Platz in der Gesellschaft erarbeitet. Dies warund ist jedoch nur vor dem Hintergrund der Gewährung religiöser und kultureller Freiheit sowie eines vertrauensvollen Umgangs miteinander möglich. Diesen Weg gilt es nun weiterzugehen. Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir ihnen dabei behilflich sein und voneinander lernen können.

     

    Quelle: igmg.de