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    Islamisches Erwachen und der ideologische Rückzieher der Salafiyya

    • Mohammad Resa Aschuri Muqadam
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    Durch den Sieg der Revolution in Ägypten trat auch ein einschneidender Wandel hinsichtlich Dialog und Vorgehen bei den Salafisten ein. Ihre Teilnahme an einem politischen Wettbewerb um die Stimmen der Bevölkerung, gilt als grundsätzliche und historische Wende im Denken dieser Gruppe und in der Geschichte ihrer Kampfaktivitäten.

     

    Ein Jahr ist nun seit der Domino – Revolutionen in arabischen Ländern vorüber. Die Revolutionsbewegung entflammte zuerst in Tunesien und hat nun, nachdem sie Ägypten und Libyen durchquerte, in Jemen im Süden der Arabischen Halbinsel noch ernstere Formen angenommen.

     

    Abgesehen von dem Wesen und der Entstehungsart dieser Volkserhebungen ist dabei besonders wichtig, dass nach diesem Zeitraum von einem Jahr, alle die Tatsache eingesehen haben, dass nach der Revolution die Anhänger des Islams in den arabischen Ländern auf der politischen Arena weit vorne stehen.

     

    Die Teilnahme von islamischen Gruppen wie die der Achwan – al Muslimin (der Muslimbruderschaft) sowie die vorhandenen religiösen Wahrzeichen und islamischen Losungen sind Beweise, welche die Analysten dazu veranlassten, einen Faktor dieser Erhebungen in ihrer islamischen Natur zu sehen.

     

    Die revolutionären Erhebungen, genannt „Islamisches Erwachen“ streben danach, dass die Bürger der Islamischen Umma an sich selber glauben, auf ihre Religion stolz sind und zu ihr und zu ihrer Würde und politischen, wirtschaftlichen und denkerischen Unabhängigkeit zurückgelangen, damit sie sich um die Ausübung ihrer natürlichen Rolle als „die beste Gemeinschaft“ bemühen.

     

    Ereignisse wie der entschiedene Wahlsieg der Ennahda-Partei unter Anführung von Scheych Rachid Ghanouchi in Tunesien bis zur Belegung der Mehrheit der Parlamentssitze in Ägypten durch die Muslimbruderschaft und die Salafistenpartei El-Nur sind sämtlich Beweise für die Tatsache, dass die Islamanhänger in diesem Zeitabschnitt die Mehrheit der Stimmen gewinnen konnten.

     

    In einem Land wie Ägypten waren die Wahlen nicht nur deswegen wichtig und etwas besonderes, weil nach der mehr als 32-jährigen Diktatur Mubaraks zum ersten Mal eine freie Stimmenabgabe in diesem Land erfolgte. Wichtig war auch, dass wir zum ersten Mal einen kompletten politischen Wettkampf erlebten, bei dem die Akteure auf dem Schauplatz ganz andere waren als vorher.

     

    Der wichtigste Unterschied lag darin, dass zum ersten Mal die zum Islam tendierenden Parteien ohne irgendwelche Einschränkungen an den Wahlen teilnahmen und darüber hinaus auch weitgehend von der Bevölkerung begrüßt wurden, so dass diesmal die Regierung von der Koalition der siegreichen Partei der Muslimbruderschaft mit den anderen Parteien gebildet wird.

     

    Unterdessen haben die verschiedenen salafistischen Gruppen auf unterschiedliche Weise und so gut sie konnten mit den Mitteln der Medien und mit menschlichen Kräften diesen Schauplatz betreten, wobei sie bestrebt sind, im Sinne ihrer eigenen Ziele auf diese wichtigen Veränderungen einzuwirken. Daher wird es sehr wichtig sein, welchen Standpunkt die Salafisten in Bezug auf das Islamische Erwachen vertreten und welchen Einfluss diese Strömung im Bereich des „Islamischen Erwachens“ ausüben kann.

     

    Gemäß einer traditionellen Kategorisierung der Salafistengruppen hinsichtlich ihres Umgangs mit revolutionären Bewegungen lassen sich drei Hauptgruppen nennen, nämlich „Dschihadi-Salafisten“, „gemäßigten Bruderschaftssalafisten“ und „Wahhabitische oder Herrschersalafisten“.

     

    Uns geht es hierbei um den ersten Fall, nämlich die Dschihadi-Salafisten, die heute auch in politischen Kreisen unter dem Begriff „Salafisten“ laufen. Das Element „Dschihad“ nimmt in der Ideologie der Dschihadi-Salafisten einen so bedeutenden Platz ein, dass sie diesen über andere Formen des Gott-Dienens wie das Gebetsritual, das religiöse Fasten und den Hadsch stellen.

     

    Obwohl die Salafisten die Herstellung der Islamischen Gesellschaft, die Unterstützung der Unterdrückten in der Umma und die Verhütung von Unheil in den Muslimgebieten zu den Faktoren des Dschihads zählen, haben sie den Kreis ihrer Hauptfeinde in der Mehrheit der Fälle auf die USA, die Juden und die Schiiten beschränkt.

     

    Die Salafisten haben weder an den Umwälzungen in Tunesien, Ägypten, Jemen und Libyen teilgenommen, noch einen revolutionären oder bestimmten Standpunkt dazu ergriffen. Laut der Ideologie, die für die Salafisten definiert wird, stehen die Wandlungen, die in den meisten dieser Länder entstanden, im Widerspruch zu der salafistischen Dschihadi-Strategie. Denn die Salafisten verfolgen ihre Ziel durch bewaffnete Kämpfe, Bombenlegungen und Geiselnahmen. Solche Methoden stehen jedoch im Widerspruch zu friedlichen Revolutionen.

     

    Es liegt auf der Hand, dass die arabischen Salafisten von dem Wandel der Salafiyya in Ägypten insbesondere nach der Revolution beeinflusst wurden. Die Wandlungen in Tunesien, Marokko, Algerien, Libyen und anderen Ländern zeugen davon, dass man der Vorgehensweise der ägyptischen Salafisten massiv Aufmerksamkeit schenkt. In diesem Land war nämlich die salafistische Strömung entgegen ihrer geläufigen und traditionellen Strategie, sich nicht an einem demokratisch-politischen Prozess zu beteiligen, aktiv bei den Wahlen präsent und nahm Seite an Seite mit anderen politischen Gruppen auf der politischen Arena an einem Wettbewerb teil.

     

    Der Revolutionssieg löste eine einschneidende Veränderung hinsichtlich Dialog und Methodik der salafistischen Kräfte aus. Nach dem Sieg wurde die Partei El Nur, größte salafistische Partei Ägyptens, gegründet. Ihr Parteichef ist Scheich Emad eddine Abdel Ghaffour. Unter Mubarak sind die Salafisten unterdrückt worden, aber nach der Revolution fanden sie eine geeignete Gelegenheit sich zu organisieren. Vor dem Sieg hatten die Salafisten jegliche politische Betätigung abgelehnt.

     

    Es war schon immer deutlich zu erkennen, dass die Dschihadi-Salafisten die politischen Tätigkeiten der Bruderschaft-Salafisten ablehnen. Zum Beispiel haben sie ständig die islamische Bewegung der Hamas in Palästina getadelt, weil diese es auf ihre Tagesordnung gesetzt hat, an den politischen Entscheidungen und Wettkämpfen zusammen mit nicht-islamischen Gruppen teilzunehmen.

     

    Die Salafisten haben bereits die Erfahrung der Mitbeteiligung am politischen Geschehen gemacht, und zwar in ernsthafter Form vor allen Dingen in Kuwait. Dort haben sich viele der Parlamentssitze stets in der Hand von Salafisten befunden. Dennoch gilt das Vorgehen der Salafisten im Gefolge der jüngsten Wandlungen in der Arabischen Welt als ein neues Kapital in der politischen Geschichte der Salafiyya.

     

    Die politische Philosophie der Salafisten in Bezug auf das Regierung hat sich immer auf der traditionellen Auffassung vom Kalifat und das gesellschaftliche Prinzip des Bi`at (des Treueids) gestützt. Überhaupt geht das salafistische Denken davon aus, dass sich die heutigen Probleme in der Islamischen Gesellschaft durch eine Umkehr zu der Vorgehensweise der Vorfahren und der Prophetengefährten hinsichtlich der Regierungsmethodik und aufgrund des Prinzips des Treueides lösen lassen.

     

    Nicht ohne Grund waren die Salafisten in den Tagen nach den Wahlen und trotzdem sie weitgehend begrüßt worden waren, auf die Straße gekommen, hatten Parlament und ein System der Volksregierung abgelehnt und die Bildung der Islamischen Regierung aufgrund des Treueids verlangt.

     

    Das Prinzip des Treueids ist einer der Grundsätze der Salafisten. Es geht auf das Denken von Ibn Taimiyya (1263-1328 n.Chr.) und gilt als eine der Grundlagen seines politischen Denkens.

     

    Das zweite wichtigste Merkmal der Dschihadi-Salafisten, welches vor allem unter dem Einfluss radikaler Deutungen der Werke und Ratschläge von Seyyed Qutb entstanden, ist der Faktor „Dschihad“ und „Hidschra“. Dieser Faktor hat immer als wichtiges Prinzip als einziger Weg des Kampfs und politische Methode der Salafisten gegolten. Die Salafisten sind zwar in der vergangenen Wochen und Monaten darum bemüht gewesen zu beweisen, dass sie weiter an dieser politischen Methode festhalten und hielten auf ihren Versammlungen Bildern der Anführer von Dschihadi-Gruppen wie Osama Bin Laden in den Händen, aber ihr derzeitiges Vorgehen zeugt davon, dass die Salafisten eine andere Methode als den bewaffneten Kampf und den Dschihad gewählt haben.

     

    Die Teilnahme an einem politischen Wettbewerb um die Stimmen der Wähler wird als ein grundsätzlicher und historischer Wandel in der Geschichte der Kämpfe dieser Gruppe betrachtet. Schon zuvor haben die Salafisten in Algerien bei Wahlen gesiegt. Aber ihnen hat sich bislang nie die Gelegenheit zu einer reellen Mitbeteiligung an der politischen Macht geboten, vielmehr wurden sie von der Regierung heftig unterdrückt, was später die Bildung der salafistischen Kampfgruppen und der Al Kaida in der Islamischen Welt gefördert hat.

     

    Zum Schluss sei hinsichtlich der salafistischen Strömung die Treue dieser Gruppe zu den traditionellen Manifestationen aufgrund der Islamischen Scharia in der Gesellschaft und die fehlende Übereinstimmung der modernen Manifestationen der westlichen Zivilisation mit den Lehren der Salafisten und Sahaba in Betracht gezogen.

     

    In diesem Rahmen werden die modernen Methoden der Wahlkampagne, die Wahlversprechen der Kandidaten an die Bevölkerung, die Entsendung weiblicher Kandidaten seitens der salafistischen Bewegung auf die gesellschaftlichen Arena und Wahlszene und in einigen Fällen ihr Auftreten ohne die traditionelle Gesichtsbedeckung des Niqab, sowie die Koalition mit nicht-salafistischen und eventuell nicht-islamischen Gruppen und die diplomatischen Stellungnahmen zu politischen, sozialen , internationalen und regionalen Wandlungen angewandt.

     

    Alle soeben genannten Fälle gelten als eine Art salafistischer Grundsätze und es hat den Anschein, dass die salafistische Strömung angesichts der Erwachungswelle in der Islamische Umma keinen anderen Weg sieht, als an dem zukünftigen politischen Prozess teilzunehmen. Dies aber kann ebenso als ein Schritt nach vorne angesichts der politischen Wandlungen in der Zukunft der Arabischen Welt bewertet werden.

     

    Die Salafisten, die bis vor kurzem nur bewaffnete Aktivitäten auf der Tagesordnung stehen hatten, haben diesmal die gewaltsamen Methoden beiseite gestellt und versucht, die Stimme des Volkes für sich zu gewinnen. Die Änderung des Standpunktes der Salafisten scheint auf den ersten Blick strategischer Natur zu sein, aber die Betrachtung der Wesensart dieser Standpunktänderung zeugt von der Tatsache, dass diese Änderung über eine strategischen Wandel hinausgeht und die Salafisten offiziell einen Rückzieher   von ihren grundsätzlichen Standpunkten gegenüber den jüngsten Umwälzungen gemacht haben. Für die Salafisten war die Teilnahme am friedlichen politischen Wettbewerb immer eine Art rote Grenze gewesen, aber nunmehr erklären sie , dass sie diese Teilnahme befürworten und im festgelegten Rahmen der Partei handeln. Allerdings betrachten viele die Mitbeteiligung der Salafisten bei den politischen Wettbewerb als einzigen Weg, um die gewaltsame Methodik dieser Strömung zu neutralisieren, so wie es bei der Strategie, die heute in Afghanistan ebenso verfolgt wird, der Fall ist. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass dies als eine Art ideologischer Rückzieher vom salafistischen Denken in Bezug auf Politik eingestuft wird.

     

    Die Standpunkte, die von einigen Salafistenführern ergriffen wurde, deuten allerdings darauf hin, dass die Salafisten sich noch nicht an die neuen politischen Spielregeln gewöhnt haben. Dazu gehören Fälle wie die Forderung von einflussreichen Salafistenanführern nach der Notwendigkeit bewaffneter Schritten, falls nicht-islamische Gruppen sich gegen die Scharia stellen, oder auch die öffentliche Bekanntmachung, ein Wahlbetrug sei erlaubt.

     

    Ein hohes Mitglied des Amale Islami von Ägypten hat vor kurzem in einem Gespräch mit dem Autor, ein klares Bild von den Salafisten vorgelegt und gesagt: „Sie sind gezwungen, sich an die politischen Spielregeln der heutigen Gesellschaft und im demokratischen Wettbewerbsprozess anzupassen. Nur der Verlauf der Zeit wird ihnen dies klarmachen.“