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    „Islamisches Gemeindeleben in Deutschland“

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    Ali Mete wirft einen genaueren Blick auf eine Studie der Islamkonferenz über die muslimischen Gemeinschaften

     

    „Eines der deutlichsten Merkmale muslimischer Präsenz in Deutschland sind die Moscheen. Moscheen sind Zeichen der Identifikation und Verwurzelung der Muslime mit dem Land, in dem sie leben. Sie waren schon immer Ausgangspunkt gesellschaftlichen Engagements. Dabei sind die Moscheen nicht nur Orte des Gebetes, sondern auch Orte der Begegnung, Bildung und des Austausches. Hier steckt auch das Potenzial einer jeden Moscheegemeinde in Deutschland, die zum allergrößten Teil ehrenamtlich organisiert sind. (…) Damit Moscheen ihr Potenzial entfalten können, müssen sie jedoch als Bereicherung wahrgenommen, akzeptiert und gefördert werden.“[1]

     

    Diese Sätze stammen aus einer Broschüre des Koordinierungsrates der Muslime (KRM), die anlässlich des Tages der offenen Moschee 2009 herausgegeben wurde. Sie bringen kurz und knapp zum Ausdruck, was nun in der Studie „Angebote und Strukturen der islamischen Organisationen in Deutschland“[2] in großem Umfang belegt wird. Ausgangsbasis der Studie ist die bundesweite Befragung von 2 342 (Moschee-)Gemeinden, einschließlich alevitischer Gemeinden. Damit nimmt die Studie für sich in Anspruch, die bisher umfassendste ihrer Art zu sein. Dies und viele Schlussfolgerungen der Untersuchung, von denen einige in diesem Artikel angerissen werden sollen, können somit zur Versachlichung der Diskussionen um das Potenzial der Moscheen beitragen.

     

    Erklärtes Ziel der Studie ist es „vertiefende Informationen und empirisch abgesichertes Wissen“ zu gewinnen, wobei insbesondere die Funktion der Moscheen als Adressaten, Träger, Anbieter der Integration von grundlegendem Interesse sind (S. 15). Das Hauptziel ist es demnach, „gesellschaftlichen Akteuren eine bessere Einschätzung über Kooperationsmöglichkeiten und Potenziale der Organisationen bei der Erfüllung integrationspolitischer Aufgaben zu ermöglichen.“ (S. 28) Die Verbindlichkeit der Ergebnisse wir jedoch insofern relativiert, als dass man sich nicht imstande sieht, „den tatsächlichen Beitrag der gefundenen Strukturen und Angebote“ (S. 30) zu messen.

     

    Islamischen Organisationen wird in der Studie „eine Schlüsselrolle als Akteure der gesellschaftlichen Integration der Muslime und des Islams in Deutschland“ (S. 38) zugesprochen. Es wird ferner darauf hingewiesen, dass die Frage der Mitgliederzahlen und der damit verbundenen Repräsentativität der einzelnen Moscheegemeinden sowie ihrer Dachorganisationen eine politische ist. Gleichzeitig wird das zutreffende Verhältnis von Mitgliederzahl und Reichweite bemerkt, „da Mitgliederzahlen nur wenig über die tatsächliche Reichweite einer Gemeinde aussagen.“ (S. 38) Die Studie erhebt nicht den Anspruch der „Klärung der Repräsentationsfrage, wohl aber einen deutlichen Erkenntnisgewinn darüber, wie sich Organisationsstrukturen und Angebote der Gemeinden zu einander verhalten.“ (S. 40)

     

    Die Bedeutung der etablierten islamischen Religionsgemeinschaften zeigt sich auch in einigen anderen Ergebnissen der Studie. Der „organisierte Islam“ sei „beträchtlich fragmentiert“ (S. 39); Neugründungen außerhalb der etablierten Gemeinschaften seien zwar gegeben, Grund hierfür sei aber nicht eine angenommene fehlende Dynamik dieser Gemeinschaften (S. 40f.); das Adaptionspotenzial der „Verbände“ sei groß, wenn auch voraussetzungsvoll (S. 42). Ferner seien türkische Gemeinden organisierter und vielfältiger als andere (S. 75).

     

    Auch die verschiedenen Indizes führen zu interessanten und den in der Öffentlichkeit allgemein verbreiteten Annahmen widersprechenden Ergebnissen. So heißt es hinsichtlich der Ressourcenausstattung der Gemeinden: „… je besser diese ist, desto vielfältiger ist auch das religiöse Angebot“ (S. 75) und „desto vielfältiger ist auch das nicht religiöse Angebot.“ (S. 78) Ferner gelte: Je größer die Gemeinden sind, desto vielfältiger ist auch ihr Angebot (S. 77), je länger sie bereits bestehen, desto vielfältiger ist auch ihr nicht religiöses Angebot (S. 78).

     

    Bemerkenswert ist ebenso, dass deutsche Sprachkurse deutlicher öfter angeboten werden als Muttersprachkurse. „Überhaupt dominieren keineswegs Herkunftskultur und Traditionspflege die nicht religiöse Tätigkeit der Gemeinde, im Gegenteil nehmen Orientierungshilfen in der deutschen Gesellschaft (Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberatung, Hausaufgabenhilfe, interreligiöser Dialog) breiten Raum ein.“ (S. 76)

     

    Von einer Konkurrenz zwischen religiösen und nicht religiösen Angeboten kann also nicht die Rede sein. Denn: „Entgegen der Möglichkeit einer Konkurrenz zwischen religiösen Angeboten und integrationsrelevanten Aktivitäten steigt mit der Vielfalt der religiösen Angebote aber auch der Integrationsindex – vermutlich, weil beides von der Ressourcenausstattung beeinflusst wird.“ (S. 90) „Somit zeigt sich, dass es wenig Anhaltspunkte gibt, dass bestimmte Glaubensrichtungen, Herkünfte oder Verbandszugehörigkeiten die Übersetzung von Ressourcen in integrationsrelevante Angebote behindern“, so die Studie. Dies sei auch eine wichtige Erkenntnis für die Integrationspolitik (S. 93). „Auffällig“ sei nicht zuletzt „der insgesamt hohe Grad der Vernetzung der Gemeinden mit der deutschen Gesellschaft.“ „Als abgeschottet ist der organisierte Islam in Deutschland damit schwerlich zu bezeichnen.“ (S. 113)

     

    Als Fazit wird festgehalten, dass es hinsichtlich des islamischen Gemeindelebens Gemeinsamkeiten weit über Herkünfte, „Verbände“ und Glaubensrichtungen hinweg gibt. (Moschee-)Gemeinden bieten vielfältige und differenzierte religiöse und nichtreligiöse Dienste an, ihre Angebote beschränken sich bei weitem nicht auf religiöse. Voraussetzungen für die zukünftige Entwicklung und den Ausbau der Angebote seien die Gewährleistungen personeller, infrastruktureller und finanzieller Ressourcen. Fest steht ebenso: „Von den großen Glaubensrichtungen oder Verbänden werden keine als in diesem Sinne „integrationsresistent“ kenntlich, womit die Notwendigkeit einer diesbezüglichen Differenzierung politischer Förderstrategien aus unseren Daten nicht begründet werden kann.“ (S. 117)

     

    Sicherlich ist diese (Teil)Studie die bisher umfassendste und detaillierteste ihrer Art. Trotzdem stellen sich einige Fragen bzw. müssen einige kritische Punkte angesprochen werden. Zuerst einmal müssen die Ergebnisse der Studie auf ihre Belastbarkeit hin geprüft werden, da sie sich zumeist auf Auskünfte von Personen stützen, die nicht immer einen Überblick über die Arbeiten der (Moscheen)Gemeinden haben.

     

    Ferner reicht das Vorhandensein bzw. die Gewährleistung von Ressourcen – um einen zentralen Punkt des Fazits aufzugreifen – alleine nicht aus, um den „organisierten Islam“ zu erklären. Das wäre sicherlich zu kurz gegriffen und würde die historischen Gegebenheiten unbeachtet lassen. Vielmehr spielt ein ausgeprägtes soziales Verantwortungsbewusstsein, der Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe, ein religiös begründetes Organisationsverständnis u.v.m. eine ausschlaggebende Rolle für die Entwicklung und Etablierung eines islamischen Gemeindelebens. Es wird langfristig nicht viel bringen, einen „Schwerpunkt auf die Unterstützung verbandsunabhängiger Gemeinden zu legen.“ (S. 118)

     

    Eine andere Frage ist die der Einbeziehung alevitischer Gemeinden. Lediglich an einer Stelle (S. 46) wird in einer Fußnote darauf hingewiesen, dass die Zugehörigkeit der Aleviten zum Islam „umstritten“ sei. Trotzdem wurden die alevitischen Gemeinden in vollem Umfang in die Untersuchung aufgenommen, werden aber an zahlreichen Stellen wieder ausgeklammert bzw. es wird explizit darauf aufmerksam gemacht, das diese eingeschlossen sind. Auch die Gleichsetzung diverser Aspekte des religiösen Lebens (Imam = Dede, Moschee = Cem-Haus, Gebet = Musik/Tanz usw.) ist zumindest erklärungsbedürftig. Vor diesem Hintergrund erscheint es angemessener, alevitische Gemeinden, die sich selbst nicht im islamischen Kontext verorten, als gesonderte religiöse Gruppierung zu betrachten, so wie dies etwa in puncto des erteilten alevitischen Religionsunterrichts in Nordrhein Westfalen ohnehin der Fall ist.

     

    Einige Schwierigkeiten machen sich auch in Begriffsfragen bemerkbar. So untersucht die Studie zwar das islamische Gemeindeleben in Deutschland, vermeidet es aber tunlichst die Dachorganisationen dieser Gemeinden als religiöse Gemeinschaften, also als Religionsgemeinschaften zu benennen. Stattdessen spricht man in der Studie von Organisationen, Verbänden und dergleichen. Die Frage, ob dies vom Bundesinnenministerium so vorgegeben war, steht im Raum. Noch problematischer ist der Gebrauch religiöser Begrifflichkeiten. Beispielsweise bleibt unerklärt, weshalb statt „Imam“ oft die sperrige Bezeichnung (islamischer) „Religionsbediensteter“ gewählt wurde. Vielleicht, um eine Bezeichnung zu gebrauchen, die auch alevitische Dedes einschließt?

     

    Befremdlicher klingen auch Umschreibungen wie das „Feiern von Gottesdiensten“ (S. 74) oder die „Vermittlung von Tieropfern“ (S. 74). Derlei Bezeichnungen sind sicherlich einem nicht als erklärungsbedürftig gesehenen, allgemein verbreiteten und säkular geprägten Religionsverständnis geschuldet. Inwieweit jedoch religiöse und nicht religiöse Tätigkeiten in Bezug auf die Dienste einer islamischen Gemeinde überhaupt getrennt werden können, ist angesichts eines umfassenden Islamverständnisses zumindest fraglich.

     

    All dies verdeutlicht die Verwurzelung bzw. den Willen zur Verwurzelung von Moscheen in die hiesige soziokulturelle Landschaft, aber ebenso den noch unzureichenden Kenntnisstand über sie. Es ist selbstverständlich, dass auch diese Institutionen ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten müssen. Dies kann jedoch nur geschehen, wenn ihnen die nötige – nicht besondere – Bedeutung und Aufmerksamkeit beigemessen wird. So können sich die Moscheegemeinden entsprechend den eigens definierten Bedürfnissen und Ansprüchen der Muslime entwickeln und ihr Potenzial voll entfalten.

     

    Fußnoten:

    [1] http://tagderoffenenmoschee.de/daten/tom_flyer_2009.pdf, S. 4
    [2] Die Studie wurde von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) durchgeführt und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefördert. Bei dieser Studie handelt es sich um eine Teilstudie des Gesamtbandes „Islamisches Gemeindeleben in Deutschland“. In der anderen Untersuchung wird eine Situationsanalyse der sogenannten „Religionsbediensteten“ (Imame und alevitische Dedes) vorgenommen. Beide Teilstudien wurden von der Deutschen Islam Konferenz (DIK) in Auftrag gegebenen.

     

    Quelle: islamische-zeitung