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    Menschenrechte, Religion und Demokratie

    • Dr. Mohammad Razavi Rad
    • http://www.islamic-sciences.de
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    In diesem kurzen Artikel möchte ich ein klares und argumentatives Bild von der Beziehung zwischen Menschenrechten, Religion und Demokratie zeichnen, unabhängig davon, was bisher zu diesem Thema gesagt wurde. Weder als religiöser oder nichtreligiöser sondern als objektiver Mensch möchte ich untersuchen, was der Koran über die Beziehung zwischen Mensch, Religion und Demokratie sagt. Deshalb habe ich den Artikel in drei Bereiche unterteilt, nämlich erstens den Rang und die Stellung des Menschen aus koranischer Sicht, zweitens die Grundrechte des Menschen auf Leben, Freiheit, Bildung und Gedankenfreiheit und drittens Religion und Demokratie.

     

     

    Rang und Stellung des Menschen aus koranischer Sicht

     

    Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die Wurzel aller Ideen auf der Definition des Menschen basiert. Es gilt festzustellen, welche Stellung der Mensch, unabhängig von seiner Einstellung und Überzeugung und gleich ob er rot oder gelb, farbig oder weiß, frei oder unfrei, gebildet oder ungebildet, mächtig oder schwach, Frau oder Mann, zivilisiert oder unzivilisiert ist, hat. Welche Rechte hat er? Kann er seine Rechte aus eigener Kraft einfordern? Wo steht der Mensch, welchen Blickwinkel hat er, welche Rechte stehen ihm zu, wenn er denkt, Fragen stellt, eine Auswahl trifft usw.? Im Koran gibt es etliche Verse, die Aussagen über die Stellung und den Rang des Menschen machen, wie z. B.: „Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet – eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben.“ (17:70)

     

    Der Mensch wird als bestes Geschöpf des gesamten Universums anerkannt. Wichtig ist hier, dass vom Menschen allgemein und nicht von einem bestimmten Menschen die Rede ist. Bei Gott sind die Würde und die Rechte des Menschen unantastbar, ungeachtet dessen, welcher Religion, Rasse, Kultur usw. er angehört. Die Menschen sind wie die Glieder eines Körpers, weil sie alle einen gemeinsamen Schöpfungsursprung haben. Der Schatz des menschlichen Seins ist vor Gott gleich; deshalb spricht Gott die Menschen allgemein und keinen bestimmten Menschen an. Dies zeigt auch, dass der Mensch im Allgemeinen in der Lage ist, die Wahrheit des Universums herauszukristallisieren und in allen Bereichen des Lebens seine Kenntnis zu erweitern. Er kann die schönsten moralischen Eigenschaften darstellen oder die Ursache für die übelsten Taten und Eigenschaften sein, und weil er diese beiden Gegensätze in sich hat, ist er wertvoll und das vollkommenste Geschöpf des Universums: „Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.“ (95:4)

     

    Diese Eigenschaft ist allgemeingültig und betrifft keinen bestimmten Menschen, und deshalb ist der Mensch besonders würdig. Wir behandeln den Menschen dann würdig, wenn wir seine Rechte in jeder Hinsicht achten und anerkennen, weil wir davon ausgehen, dass kein Mensch ursprüngliche Vorteile hat oder besser ist als andere. Wenn ein Mensch in bestimmten wissenschaftlichen oder technischen Bereichen oder im Hinblick auf seine Moral und Ethik besondere Fertigkeiten entwickelt, gewinnt er selbstverständlich eine besondere Stellung und einen höheren Rang als andere, aber das bedeutet nicht, dass die anderen Menschen benachteiligt werden dürfen oder unbedeutend sind. Ich selbst habe mich mehr als zwanzig Jahre mit der Religion und speziell dem Islam beschäftigt, und wenn ich heute das Wesen der Religion und das Grundprinzip des Islam in einem Satz zum Ausdruck bringen sollte, dann würde ich sagen, dass das Grundprinzip des Islam und das Wesen der Religion nichts anderes ist als die Einladung zur Menschlichkeit und die Achtung des Ranges und der Stellung des Menschen. Deshalb muss man den Menschen erst erkennen und seine Fähigkeit fördern, damit er seinen hohen Rang als Mensch erreichen kann. Man darf nicht vergessen, dass alle Menschen diese Rechte und Fähigkeiten haben, und jeder Mensch muss würdig behandelt werden, auch wenn er nicht so denkt wie ich.

     

    Imam Ali (Friede sei mit ihm) unterteilt die Menschen in zwei Gruppen, und zwar in jene, die wie er denken, und jene, die nicht wie er denken: „Sie sind von zweierlei Art: entweder sind sie deine Geschwister im Glauben, oder sie sind Geschöpfe wie du.“ (Nahju-l-Balagha, S. 993) Und dann fügt er nicht im Sinne einer ethischen Empfehlung sondern als Befehl zur Staatsführung hinzu, dass die Rechte eines jeden Menschen beachtet werden müssen, gleich ob er für oder gegen ihn ist. Im Sahih al Bukhari, Bd. 2, S. 559, steht, dass er sagte: „Wer im islamischen Staat einen Nichtmuslim unterdrückt oder beleidigt, der hat mich unterdrückt und beleidigt.“ Deshalb ist die Bevorzugung eines Menschen nicht erlaubt, weil alle Menschen Gottes Geschöpfe sind, und wer dieses Prinzip berücksichtigt, ist vor Gott angesehener. Der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, sagte: „Gott liebt die Menschen mehr, die im Dienste der Menschen sind.“ „Wahrlich, vor Allah ist von euch der Angesehenste, welcher der Gottesfürchtigste ist“, heißt es im Koran (49:13). Das Geheimnis dieser Achtung vor dem Menschen liegt in der göttlichen Veranlagung, die bei allen Menschen ursprünglich gleich ist. Nun gilt es festzustellen, welche Theorie über den Menschen fortschrittlich ist und welche das genaue Gegenteil von Fortschritt ist. Ist es nicht bedauerlich, dass Menschen in unserer Epoche, anders denkende Menschen als Feinde ansehen und sie mit Ausdrücken wie zurückgeblieben, unzivilisiert, gewalttätig oder terroristisch bezeichnet und zum Tode verurteilt werden?

     

     

    Das Grundrecht des Menschen

     

    Selbstverständlich kann ich im Rahmen dieses Artikels nicht alle Rechte ausführlich behandeln, die der Islam für den Menschen vorsieht, und deshalb will ich mich auf die wichtigsten Punkte beschränken.

     

     

    Das Recht auf Leben

     

    Die Koranverse zeigen uns, dass das Recht auf Leben eine Gnade Gottes ist und alle Menschen ein Recht darauf haben und kein Mensch Leben – auch nicht sein eigenes – zerstören darf: „Wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, soll es so sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, soll es so sein, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“ (5:32) In diesem Vers betont Gott, dass die Vernichtung eines Menschenlebens der Vernichtung der Menschheit gleicht. Er hat dafür eine hohe Strafe vorgesehen. Deshalb sind alle Menschen, die Zeugen von Ungerechtigkeit gegenüber einem anderen Menschen werden, verpflichtet, diesen Menschen zu verteidigen, und jede Art der Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit kommt der Unterstützung der Ungerechtigkeit gleich. Dieses Prinzip gilt für alle Menschen, gleich ob sie Muslime sind oder nicht, und sowohl im Hinblick auf die psychische wie auch die physische Unversehrtheit des Menschen. Der Koran bezeichnet die schönste Form der Existenz als „reine Existenz“, und damit ist ein Leben gemeint, in dem die Würde und der Rang des Menschen geachtet werden, d. h. Gott gewährt dem gläubigen Menschen, der nur an gute Taten denkt, eine reine Existenz. Hat man nicht die Seele des Menschen getötet, wenn man ihn in seinem Bewusstsein beschränkt? Ist es schwer zu verstehen, dass der Tötung unschuldiger Menschen erst die Tötung ihres Geistes und ihrer Seele vorausgeht? Geht der militärischen Auseinandersetzung über Grenzen hinweg nicht die gedankliche Auseinandersetzung voraus? Deshalb soll man die geistigen und seelischen Werte in der menschlichen Existenz nicht ignorieren.

     

    Wenn mangelndes Wissen und Bewusstsein blutige Auseinandersetzungen im Denken verursachen, resultiert daraus ein abweichendes Verhalten, das weder Freund noch Feind kennt, und wodurch alle geschädigt werden und auch die agierenden Personen möglicherweise einen hohen Preis bezahlen müssen, weil sie selbst diese Gefahren entfaltet haben.

     

    Deshalb soll grundsätzlich jeder Angriff auf einen Menschen oder die Menschheit verurteilt und bestraft werden, damit die Wurzel der Zwietracht (fitna) beseitigt wird. Aus koranischer Sicht ist „fitna“ die Vergiftung der reinen spirituellen menschlichen Existenz, die Verbreitung unmenschlicher Gedanken und unmoralischer Ideen im Bereich des Denkens und der Kultur des Menschen und eine Unterteilung in erste und zweite Klasse oder zivilisiert und unzivilisiert usw., womit letztlich ein Angriff auf das menschliche Leben gerechtfertigt werden soll. Gott sagt im Koran: „…Und die Verführung ist schwerwiegender als Töten.“ (2:217) D. h. die Auswirkungen von Aufruhr und Zwietracht sind viel gefährlicher als das Töten des menschlichen Körpers. Die Untrennbarkeit von Geist und Körper des Menschen bedeutet, dass sich jede Spur auf der Seele auch im Körper des Menschen manifestiert. In der koranischen Kultur gilt: „Und tötet euch nicht (gegenseitig)! Allah verfährt barmherzig mit euch. Wenn einer dies in Übertretung und in frevelhafter Weise tut, werden Wir ihn im Feuer brennen lassen, und das ist Allah ein Leichtes.“ (4:29, 30)

     

     

    Das Recht auf Freiheit

     

    Nach meinem Verständnis vom Koran kann ich Freiheit nicht als ein menschliches Recht verstehen, sondern ich habe keine andere Definition für den Menschen als Freiheit, d. h. der Mensch ist gleich Freiheit. Wie kann man ohne Freiheit von einer Identität als Mensch sprechen? Wenn man den Menschen seiner Freiheit beraubt, hat man ihm seine Identität genommen, weil die Grenze der menschlichen Identität im Vergleich zu anderen Lebewesen diese Freiheit ist. Deshalb ist Freiheit nicht das Recht des Menschen sondern er selbst. Wenn dies so nicht im Koran erwähnt und der Despotismus oft verurteilt wurde, dann ist das so zu verstehen, dass Freiheit etwas Selbstverständliches und Klares ist, wie z. B. die Luft zum Atmen und Leben des Menschen, die ebenfalls so nicht erwähnt wurde. Freiheit ist kein religiöses Geschenk, das die Religion definiert oder gefährdet, und es ist auch keine Erfindung nichtreligiöser Gesellschaften, die religiösen Gesellschaften geschenkt werden soll, sondern eine Notwendigkeit, die mit der Existenz der menschlichen Identität einhergeht. Man kann die Freiheit des Menschen einschränken, wenn die Argumente dafür schwerwiegender sind als der Schutz seiner individuellen Identität. Ich kenne kein derartiges Argument, und wer ein solches Argument kennt, der soll dies kundtun.

     

    Wir lesen im Koran: „Und kein Prophet darf (etwas) unterschlagen. Und wer (etwas) unterschlägt, soll das, was er unterschlagen hat, (zu seiner eigenen Belastung) am Tag der Auferstehung bringen.“ (3:161) Kein Prophet darf einen Mensch zu einer bestimmten Idee zwingen oder, genauer gesagt, dessen Freiheit in Ketten legen, denn im Koran wird im Gegensatz dazu gesagt: „…und er nimmt ihnen ihre Last hinweg und die Fesseln, die auf ihnen lagen.“ (87:157) D. h. Gott hat die Propheten entsandt, damit die Rechte und die Freiheit des Menschen gedeihen können und bewahrt werden. Es war nicht die Absicht der göttlichen Botschaft, dass die Menschen zu Hause sitzen und ihre innovativen Ideen und Gedanken in Ketten gelegt werden. Ganz deutlich wird gesagt: „…und du hast keine Gewalt über sie…“ (50:45), d. h. du bist nicht der Herrscher über den Willen der Menschen, so dass sie annehmen müssen, was du sagst. Du bist nicht nur kein Herrscher, du bist auch kein Vertreter der Menschen, so dass du für sie wählst oder nicht wählst: „…Wir haben dich weder zu ihrem Hüter gemacht, noch bist du ihr Wächter.“ (6:107) Du bist kein Vertreter der Menschen, weil sie selbst leben und Verstand haben. Du kannst ihnen die göttliche Botschaft kundtun, aber sie können wählen. „Du hast aber keine Macht über sie“ (88:22), d. h. du beherrschst sie nicht. Was geschieht jedoch wenn sie ablehnen? „Kehren sie sich (vom Glauben) ab, so haben Wir dich nicht als deren Wächter entsandt…“ (42:48), d. h. du kannst sie nicht bevormunden. „…Willst du also die Menschen dazu zwingen, Gläubige zu werden?“ (10:99), d. h. niemals heißt der Koran Zwang gut, und es ist nicht die Absicht Gottes, dass die Menschen um jeden Preis gläubig werden, wie der Koran klar feststellt: „Und hätte dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt auf der Erde sind, geglaubt.“ (10:99) „Und sprich: ,Es ist die Wahrheit von eurem Herrn.‘ Darum lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.“ (18:29) D. h. der Prophet hat die Aufgabe, die göttliche Wahrheit kundzutun, aber den Menschen steht es frei, sich dafür zu entscheiden oder nicht. Deshalb hat die Einschränkung der Freiheit des Menschen im Islam keine religiöse Rechtfertigung, vielmehr verurteilt der Koran jeglichen Despotismus. Wie sollte man also die Ansicht vertreten, der Koran oder der Prophet, dem der Koran offenbart wurde, würden die Freiheit des Menschen beeinträchtigen? Wie könnten wir religiös rechtfertigen, als religiöse Menschen über die Akzeptanz oder Ablehnung der anderen wachen zu müssen? Wenn es eine reine Wahrheit gibt – und die gibt es -, wie kann man dann mit eingeschränkter Freiheit zu dieser Wahrheit gelangen? Ist es logisch und vernünftig, im tosenden Meer mit geschlossenen Händen zu schwimmen? Wenn die menschliche Freiheit auf dem Gebiet der Forschung zum Beschreiten des unbequemen Weges der Selbsterkennung und Menschwerdung eine Gefahr wäre, sollten uns Gott und gleichermaßen die großen religiösen Persönlichkeiten davor warnen. Hierzu gibt es jedoch keine Koranverse oder Überlieferungen, sondern im Gegenteil dazu wird gesagt: „Gib denn die frohe Botschaft Meinen Dienern; es sind jene, die auf das Wort hören und dem besten von ihm folgen.“ (39:17, 18) Auch Imam Ali hat betont: „Der Mensch ist nicht als Gefangener auf die Welt gekommen, und die Menschen sind alle frei.“ Von Imam as Sadiq (Friede sei mit ihm) ist in Wasa’ilu sh shi’a, Bd. 16, S. 29, überliefert: „Die Menschen sind alle frei, außer jenen, die die Freiheit nicht wollen.“

     

    Imam Ali hat seinem Sohn einen Rat für alle Zeiten gegeben: „Sei niemals der gefangene Diener der anderen, denn Gott hat dich frei erschaffen.“ (Nahju-l-Balagha, Brief 31), d. h. der Garant der menschlichen Identität ist die Freiheit. Wenn der Islam den Muslimen empfiehlt, die Kaaba zu umkreisen, d. h. das Haus der Freiheit (vgl. 22:29), dann ist diese rituelle Zeremonie eine Übung für den Muslim, dessen Gedanken einzig und allein um dieses Symbol der Freiheit kreisen sollen, wie es in einem Gedicht heißt. „Die Kaaba ist nur ein Zeichen, damit der Weg zum Ziel führt und das Ziel nicht verloren geht.“ Die Abweichung vom Weg der Freiheit führt zur Gefangenschaft. Jeder Fortschritt im wissenschaftlichen, künstlerischen, ökonomischen, moralischen oder jedem anderen Bereich kann nur im Einklang mit Freiheit realisiert werden. Wer dem Menschen Freiheit vorenthält, verhindert, dass die göttliche Veranlagung des Menschen realisiert wird, und das ist ein Unrecht am Menschen.

     

    Die mangelnde Gedankenfreiheit in den religiösen Gesellschaften zerstört allmählich den Glauben der Menschen, und dadurch werden Werte wie z. B. Reinheit, Tapferkeit, eine harmonische Identität usw. verschwinden und Unwerte wie Zweigesichtigkeit, Heuchelei usw. sich verbreiten. Zweifellos ist die Freiheit eine Notwendigkeit für den Menschen, und wenngleich er ein gesellschaftliches Wesen ist, bedarf er der Freiheit ebenso wie er Wasser oder Luft zum Leben braucht. Es gilt, verantwortlich mit der Freiheit umzugehen, damit sie nicht missbraucht wird oder zur Gefahr wird, wie z. B. vergiftetes Wasser oder vergiftete Luft. Nach Tocqueville ist die Religion ein Garant der Freiheit, wie auch die Freiheit eine definitive Bedingung für eine lebendige Religion ist. Wenn der Mensch die von den Weltgesellschaften und Religionen anerkannte Freiheit ignorieren will, wird er sich ernsthaften Problemen gegenübersehen. Gerade in unserer Epoche, in der viele Mächte ihre Macht missbrauchen oder von einer machiavellistischen Freiheit sprechen, die letztlich der individuellen und gesellschaftlichen Identität widerspricht.

     

     

    Das Recht auf Bildung und Gedankenfreiheit

     

    Ein Grundrecht des Menschen ist das Recht auf Bildung, denn dieses ist die Voraussetzung für Sicherheit, und diese geht wiederum der Tat voraus. In diesem Sinne sollte man von einem Menschen mit rudimentärer religiöser Bildung nicht erwarten, dass er sein Leben religiös gestaltet. Ebenso kann man von einem Menschen, der die Gesetze nicht kennt, kein zivilrechtlich verantwortliches Verhalten erwarten. Der Koran sagt: „Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast.“ (17:36), d. h. man soll sich für nichts engagieren, über das man keine Kenntnis hat. Diese Betonung der Kenntnis und des Verstandes unterscheidet den Islam von anderen Anschauungen. Und dieser Aspekt wird auch im Verhalten der großen islamischen Persönlichkeiten und des Propheten deutlich. Imam Ali sagte z. B. zu seinem Gefährten Kumayl, dass er sich von einer Sache fernhalten solle, wenn er keine Kenntnis darüber hat. Es ist logisch, dass man ohne Kenntnis keine richtige Entscheidung treffen kann. Deshalb möchte der Prophet, dass ihm Gott die Wahrheit der Phänomene deutlicher macht.

     

    Erwähnen muss ich noch, dass ebenso wie jeder Mensch verpflichtet ist, Kenntnis und Wissen zu erlangen, auch die für Kultur und Bildung Verantwortlichen in einer Gesellschaft verpflichtet sind, den Menschen die entsprechenden Möglichkeiten bereitzustellen. In unserer Epoche sind nicht jedem alle Informationen zugänglich, d. h. in dieser Hinsicht gibt es eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit, gegen die man jedoch angehen muss, d. h. man muss versuchen, informiert zu sein, weil Sieg oder Niederlage, Macht oder Machtlosigkeit im Bewusstsein des Menschen wurzeln, d. h. Information prägt sein Bewusstsein. Im Bereich der Religion verhält es sich ebenso. Wenn unsere religiöse Kenntnis unserer Zeit entspricht, wird sie den Menschen zu einem engagierten religiösen Menschen werden lassen; ist die Kenntnis von der Religion hingegen oberflächlich und entspricht sie nicht dem Geist der Zeit, resultieren daraus Isolation, Rückschrittlichkeit und geistige Stagnation und letztlich der Untergang einer Gesellschaft.

     

     

    Gedankenfreiheit

     

    Wissbegier und die Suche nach der Wahrheit liegen dem menschlichen Denken zugrunde. Das Denken und Reflektieren ist eine besondere Fähigkeit des Menschen, und wenn diese Fähigkeit auf logischen Prinzipien basiert, wird sie wertvolle Ergebnisse hervorbringen. Im Koran lesen wir: „Wahrlich, als die schlimmsten Tiere gelten bei Allah die Tauben und die Stummen, die keinen Verstand haben.“ (8:22) D. h. vor Gott ist der schlechteste Mensch jener, der nicht die Wahrheit hören und sehen will und nicht nachdenkt. Ein persischer Dichter sagte: „Der Unterschied zwischen Mensch und Vieh ist das Denkvermögen“, und er führt weiter aus, dass eine Stunde Nachdenken über den Sinn der Religion wertvoller sei als das jahrelange Ausführen religiöser Rituale, ohne darüber nachgedacht zu haben. Deshalb betont der Islam das Recht des Menschen auf Nachdenken, weil dies sein eigentliches Menschsein ausmacht. In einer prophetischen Überlieferung heißt es, dass der Mensch erst durch Denken seine menschliche Persönlichkeit entwickelt, oder wie es in einem persischen Gedicht heißt: „O Mensch, du bist reiner Gedanke, sonst bestehst du aus Knochen und Haut; wenn dein Gedanke einer Blume gleicht, bist du wie ein Garten, und wenn dein Gedanke einem Dorn gleicht, bist du wie Brennholz für den Ofen.“ Die Menschlichkeit des Menschen steht also wie sein religiöses Bewusstsein in direkter Beziehung zu seiner Vernunft. Der Prophet hat treffend gesagt: „Wer keine Vernunft hat, hat keine Religion.“ Aber nicht nur der Unvernünftige kann nicht religiös sein, sondern auch die Religion darf nicht unvernünftig sein. Im Koran wird deshalb der Weg, der zu rationalem Denken und zu Vernunft führt, betont. Es ist kein Zufall, dass Gott die Menschen in mehr als 300 Versen zum Denken einlädt. Je mehr die Religion diskutiert wird, desto manifester wird die göttliche Wahrheit sein, und im Gegenteil dazu wird die Religion ihre rationale Anziehungskraft verlieren, wenn sie von den Menschen nur oberflächlich anerkannt wird. Der Prophet sagte: „Wehe denen, die den Koran lesen, aber nicht darüber nachdenken“, denn diese werden nicht viel davon haben, und der aus einem falschen Koranverständnis resultierende Schaden ist für den Gläubigen ungleich größer.

     

    Leider ist die Denkkultur in den islamischen Gesellschaften gegenwärtig nicht vorbildlich. Wie kann man auf eine bessere Zukunft für die Muslime und den Islam hoffen, wenn die Muslime die Nachahmung der Nachforschung vorziehen? Einen Augenblick nachzudenken ist wertvoller als 70 Jahre zu beten, und Rumi dichtete: „Schön gesagt hat es der Prophet: ein wenig Verstand ist besser als Fasten und Gebet; denn das Wesentliche ist der Verstand, und die anderen zwei vervollständigt der Verstand.“

     

    Grundlage der Philosophie der Offenbarung und der Entsendung von Propheten zu den Menschen ist die Idee, um mit Imam Ali zu sprechen, dass die Menschen von ihrer Vernunft Gebrauch machen. Gott hat den Menschen Gesandte geschickt, damit sie das Recht Gottes nicht vergessen und ihre Zukunft mittels Argumentation und Beweisführung gottorientiert gestalten (vgl. Nahju-l-Balagha, Predigt 1, S. 6). Nun frage ich: mit welchem Recht wird das Denken unter Strafe gestellt und sollen Denker bestraft werden? Welche Menschen können besser die Religion leben, jene, über die der Koran sagt, dass sie dem folgen, was sie bei ihren Vätern vorgefunden haben (vgl. 2:170) oder jene, deren Glaube auf Vermutung basiert? Es ist denkbar, dass es religiöse Menschen gibt, die den tiefen Sinn der Religion nicht verstanden und letztlich keine Zukunft haben. Die Zukunft der Religion jedoch ist klar, denn ihre Bedeutung steigt mit dem Verständnis der Menschen vom Sinn des Universums.

     

    Den Widerspruch zwischen Vernunft und Religion haben jene verursacht, die mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Wahrheiten unverantwortlich umgegangen sind. Vernunft und Religion ergänzen sich, d. h. die Menschheit kann die Botschaft der Religion erst durch Denken besser verstehen und praktizieren. Ich wundere mich über jene, die in unserer Zeit leben und die Macht der Vernunft ignorieren. Die Stellung der Vernunft ist so hoch, dass einige Denker jede Tat, die von der Vernunft gutgeheißen wird, als gut ansehen. Die Vernunft macht das Wesen der menschlichen Existenz aus, und der unvernünftige Mensch gleicht einem Gedicht ohne Reim. Nach Habermas ist die Entscheidung für einen unvernünftigen Weg ebenso zu rechtfertigen wie die Wahl eines vernünftigen Weges, da die Entscheidung für einen der beiden Wege nichts anderes als Wissen und Ethik zum Ausdruck bringt. Es steht für mich fest, dass solche Theorien auf Erfahrung basieren. Wenn der Mensch keine neuen Fragen stellen würde, würden wir keine Fortschritte machen wie z. B. in der Technik und Wissenschaft. Diese Regel gilt insbesondere auch in der Philosophie, denn Philosophieren ist nichts anderes als Infragestellen, kontinuierliches Infragestellen, und folglich ist die Philosophie eine Notwendigkeit des Lebens. Ausgrenzung von Gedanken und Vernachlässigung dieser menschlichen Fähigkeit kommt der Isolierung der menschlichen Existenz gleich. Interessant ist, dass jede Art der Auseinandersetzung mit der Existenz der Vernunft letztlich die Notwendigkeit der Vernunft beweist. Man kann nur vernünftig an die Vernunft herangehen, und jede vernünftige Auseinandersetzung bewirkt eine Vertiefung der Kultur der Vernunft. Im Unterschied zur Vergangenheit gibt es heute in der Philosophie die Bereitschaft zur geistigen Auseinandersetzung, die zur Blüte und Entwicklung der Philosophie beigetragen hat. Wenn mit dieser geistigen Auseinandersetzung verantwortlich umgegangen wird, wird das Ergebnis positiv und der Menschheit dienlich sein. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Diskussion den Aspekt der Feindseligkeit annimmt, denn eine solche Diskussion kommt nur Zeitvergeudung gleich.

     

    Al Kindi hat sich als erster islamischer Philosoph mit den Grundprinzipien der Philosophie beschäftigt, und seine und auch die in der Zeit von al Gazzali geführten Diskussionen hätten den Muslimen die besten Gelegenheiten zu einer Vertiefung der Thematik bieten können. Doch die Schriften gegen die Philosophie wie z. B. Tahafut al falasifa und die unvollständige Antwort von Ibn Rushd darauf, bewirkten Unsicherheit und eine Ablehnung der Philosophie unter den Muslimen. Hätte Ibn Rushd seine Philosophie detailliert dargelegt und Gazzali widerlegt, hätten sich die Muslime viel intensiver mit der Philosophie beschäftigt. Sicherlich spielte auch die Einflussnahme der damaligen politischen Herrscher eine wesentliche Rolle, die diese Atmosphäre zu ihrem eigenen Vorteil nutzten. Nach dieser Zeit wurden die Philosophie und die Philosophen in der islamischen Welt isoliert und unterdrückt, denn die politischen Akteure im 3. und 4. Jh. n. H. hatten keinerlei Interesse an einer Aufklärung in der islamischen Zivilisation. Ein solch bitteres Geschehen, egal wann es geschieht, vernichtet die Logik der Philosophie, wenn nicht sogar jede Art von Wissenschaft und verhindert geistige Erneuerung. Der Fortschritt und die Entwicklung der heutigen Philosophie ist das Ergebnis von Diskussionen. Philosophen wie Ibn Sina, Mulla Sadra und Suhrawardi haben die philosophischen Diskussionen vertieft, und Ibn Sina hat in seinem Werk Al Isharat wa-t-Tanbihat die Mystik und Logik des Islam miteinander verbunden. Wer die Philosophie Mullâ Sadras kennt, wird ebenfalls bestätigen können, dass seine Philosophie pluralistischer Natur ist, denn er verbindet verschiedene philosophische Ideen. Jeglicher Dogmatismus, künstliche Begrenzungen, Bekämpfung der Logik usw. sind folglich mit der Welt des Denkens unvereinbar. Wir sehen heute, dass wir zur Erforschung der Wahrheit der Dinge auf alle wissenschaftlichen Disziplinen, die sich gegenseitig ergänzen, angewiesen sind. Wenngleich die Wissenschaften sehr unterschiedliche Sprachen haben, beseitigen sie letztlich den Schleier von der Wahrheit. Ein Erlernen der Wissenschaftssprachen verdeutlicht uns z. B. die Verbindung von Physik und philosophischer Argumentation. Wie könnte ein Mystiker jemals ohne Zuhilfenahme der Vernunft das Wesen des Universums verstehen, und wie könnte ein Philosoph ohne den Koran zum Gottesbeweis gelangen? Wir sehen, dass die Wissenschaften eng miteinander verbunden sind – warum sollte also ein vernünftiger Gedankenaustausch unter Denkern und Wissenschaftlern schwer sein?

     

    Hinsichtlich der Meinungsfreiheit gilt: solange unterschiedliche Meinungen nicht geäußert werden, wissen wir nicht, was die Wahrheit ist und was nicht. Meinungsfreiheit ist die Voraussetzung für das Denken. Rumi sagt: „Der Mensch ist unter der Zunge versteckt, und diese Zunge ist für den Menschen ein Vorhang.“ Sprache schließt viele Geheimnisse der Menschheit in sich, und wie ein offenes Fenster kann sie den Blick auf die Gedanken und Hauptakteure der Diskussionen freigeben oder aber, wenn sie unverantwortlich benutzt wird, große Fehler bewirken. Wenn mit diesem Recht auf Meinungsfreiheit unvernünftig und ungerecht umgegangen wird, ist es für alle schädlich. Rumi sagt weiter: „Die Sprache ist wie ein Stein, ein Stück Eisen. Was sie verursacht, gleicht einem Feuer, und ein Wort kann eine Welt vernichten.“ Ein Wort gleicht einem Pfeil, der viele Menschen verletzen kann. Mittels Sprache kann man die Wahrheit in Unwahrheit verkehren und umgekehrt. Deshalb sollte die Sprache immer ein Mittel der Vernunft sein. Das bedeutet aber nicht, dass man alles sagen kann, weil der Zuhörer vernünftig sein soll, denn der Mensch ist kein Gott, der die geheimen Absichten der Menschen kennt. Auf diesen Aspekt verweist Rumi in seiner Geschichte von Moses und dem Hirten: „Ich achte nicht auf das Äußere oder was sie sagen sondern nur auf das, was sie in ihren Herzen tragen.“ Kurz gesagt möchte ich zwei Pflichten des Menschen hervorheben: erstens sollte er seine individuellen Wünsche äußern und Rechte beanspruchen, zweitens dabei jedoch die Wünsche und Rechte der Gesellschaft nicht verletzen.

     

     

    Religion und Demokratie

     

    Zunächst stellt sich die Frage nach einer eindeutigen These zur Demokratie. Historisch gesehen gilt Athen als Modell für die Kultur der Demokratie, obgleich die beiden großen Persönlichkeiten jener Zeit, Aristoteles und Platon, davon nicht begeistert waren. Platon sorgte die Naivität der Massen, und Aristoteles sah in der Demokratie eine falsche Form für die Regierung der Mehrheit. Die Gründer der Vereinigten Staaten sahen Demokratie als Heuchelei und Ausdruck von Unwissenheit an, in der zunächst nur die Männer wählen und das Schicksal der Gesellschaft bestimmen konnten. Einstein berichtet, er habe einmal mit einem klugen Amerikaner gesprochen und ihn vor der Gefahr des Krieges und der daraus resultierenden Vernichtung der Menschheit gewarnt, woraufhin jener ihn fragte, warum er dagegen und um die Menschheit besorgt sei? Will Durant stellte in der Blüte der Demokratie die Frage, ob die Demokratie verloren habe, und er erklärte: Je mehr ich die Demokratie untersuche, desto bewusster wird mir deren Unfähigkeit und Heuchelei. Die Unwissenheit der Masse und deren Instrumentalisierung durch die politischen Akteure sieht er als Ursache für das Scheitern der Demokratie an. Für Spengler ist die Demokratie dadurch charakterisiert, dass sie nur den Reichen nützt.

     

    Ebenso wie im Laufe der Zeit Pluralismus unterschiedlich definiert wurde, gibt es auch verschiedene Definitionen von Demokratie, denn wie André Lalande in seinem 1926 publizierten „Vocabulaire technique et critique de la philosophie“ (S. 783) feststellt, besteht die Welt aus Menschen mit verschiedenen individuellen, eigenständigen Identitäten, die nicht einfach als einheitliches oder absolutes Phänomen vorstellbar sind. Die rechtfertigende Verteidigung der Demokratie im 17. und 18. Jh. durch Jean Jacques Rousseau und John Locke haben zu gesellschaftlicher Akzeptanz und Gültigkeit geführt, und letztlich Entwicklungsformen und Demokratieformen institutionalisiert, die eine Verbreitung der Kultur der Demokratie bewirkten. Heute spricht Habermas von einer kommunikativen Kommunikation und propagiert die Verwirklichung einer Demokratie, an der die Masse mehr Anteil hat; er sieht die Vernunft als notwendige Voraussetzung von Demokratie und eine friedliche Machtübergabe und praktizierung als Grundlage für die Zufriedenheit der Masse an. In diesem Sinne kann man die modernste und am weitesten entwickelte Form der Demokratie als legitime Partizipation der Masse verstehen. Es gibt aber auch andere Interpretationen von Demokratie, die oftmals sogar widersprüchlich sind und in einer möglichen Instrumentalisierung resultieren können, was die Funktionalität der Demokratie gefährden würde. Dieses Problem sehen jene, die einen Missbrauch der Demokratie befürchten (W. Röhrich). Deshalb soll jede Instrumentalisierung der Demokratie verhindert werden. Die schlimmste Form einer solchen Instrumentalisierung zeigt sich in einer Erzwingung der Demokratie, wie z. B. gegenwärtig in Amerika, wo die Menschen wie auch in Europa mehrheitlich gegen den geführten Irakkrieg sind. Diese Schwäche der Demokratie ist eine bittere Erfahrung, die deutlich macht, ob menschliche Gesellschaften Demokratie brauchen oder nicht. Gleichermaßen werden Verbrechen, die im Namen des Islam begangen werden, keinen Verzicht der Muslime auf den Islam bewirken. Es gibt keine einheitliche Erscheinungsform der Demokratie, über die Konsens herrscht.

     

    Sind die Demokratien in Frankreich und Irland, Italien und England oder den USA und Indien gleich? Gleichen sich die Demokratie in Irak und den Niederlanden? Wurzelt die Demokratie eines Landes nicht in der Denkstruktur, Kultur usw. seiner Bevölkerung? Wenn es sich so verhält, warum sollte es diesen Menschen dann nicht erlaubt sein, eine für sie geeignetere Definition von Demokratie zu finden? Ist es kein Widerspruch in sich, von einem einzigen Demokratiemodell auszugehen? Darf man schließlich jemanden dafür kritisieren, dass er für ein bestimmtes Demokratiemodell eintritt? Und widersprechen jene, die im Namen der Demokratie ein bestimmtes Wirtschafts, Politik, Kultur und Rechtsprechungsmodell empfehlen, nicht dem Selbstbestimmungsrecht der Masse? So erscheint die im Grunde humane Demokratie als Instrument der politischen Machthaber der Weltherrschaft, und was hier und da im Namen der Demokratie geschieht, ist weder legitim und human, noch wird es von der Mehrheit der Menschen auf dieser Erde unterstützt. Die Demokratie erscheint wie ein Messer, das angefertigt wurde, um Apfelsinen oder Gurken zu schälen, aber stattdessen zum Schälen der Haut von Menschen benutzt wird. Deshalb muss der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis der Demokratie überwunden werden, damit die Menschen daran glauben. Man sollte aber auch nicht denken, die Demokratie sei das Ende der Geschichte, und ohne sie sei alles unvollständig oder mit ihr alles beendet. Versagt die kreative Kraft des Menschen in der Epoche des Postmodernismus etwa, so dass wir denken könnten, es würde nichts Neues geboren, das humaner, vollkommener und funktionsfähiger als die Demokratie sein kann? Warum sollte der fortschrittliche Mensch unserer Zeit, der sich vom Dogmatismus befreit hat, von anderen Konzepten als der Demokratie beunruhigt werden?

     

    Die Demokratie resultiert aus Pluralismus, der auf Vielfalt und Mannigfaltigkeit basiert. Toleranz ist ein Merkmal des Pluralismus, während Dogmatismus damit unvereinbar ist. Stärke kennzeichnet die Demokratie, die niemals vom Dogmatismus bestimmt werden kann. Einen Vergleich zwischen Religion und Demokratie halte ich für sachlich nicht richtig, dennoch will ich versuchen, dies kurz und einfach darzustellen. Die Geschichte im Sinne eines Zeugnisses des menschlichen Bemühens vergangener Generationen lehrt uns, wie auch Soziologen und Historiker bestätigen, dass Gedanken, die nicht auf reiner Vernunft und Gedankenfreiheit basieren, früher oder später dogmatisch und absolut werden und letztlich Gedanken zerstören. Der Islam belegt seine Wahrheit mit Beweisen, und folglich kann man keine argumentativen Theorien ablehnen. Ich halte die Demokratie für die Menschen trotz aller Mängel für eine erfolgreiche Erfahrung, die Machtkonzentration und missbrauch verhindern. Alvin Toffler sagt, dass Macht auf drei Säulen basiert: Herrschaft, Besitz und Wissen. Ich glaube, dass Pluralismus, der auf Vernunft basiert, jede Art von Despotismus, ob alt oder neu, ob einheimisch oder fremd, verhindert, und wir haben mit eigenen Augen den Untergang des Despotismus und der Unfreiheit und den Sieg der Demokratie gesehen.

     

    Kenntnis vom Islam verdeutlicht, dass er Prinzipien impliziert wie Ablehnung von Rassen und Geschlechterdiskriminierung, die Notwendigkeit der Beteiligung des Volkes an der Macht, die Beachtung der Menschenrechte, freie Wahlen usw. – Prinzipien, auf denen auch die Demokratie basiert. Wenn der Islam Pluralismus und Vielfalt ablehnen würde, hätte er dies klar zum Ausdruck gebracht; doch im Gegensatz dazu heißt es im Koran: „Sprich: ,O Volk der Schrift, kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns und euch, dass wir nämlich Allah allein dienen und nichts neben Ihn stellen und dass nicht die einen von uns die anderen zu Herren nehmen außer Allah.’…“ (3:64) Die Anerkennung anderer Religionen und Gedankenfreiheit ist ebenso wie die Distanzierung von Dogmatismus und Despotie ein Zeichen der Vollkommenheit des Islam, was Imam Ali mit folgenden Worten zum Ausdruck brachte: „Jede dogmatische Stimme verursacht Untergang.“

     

    Es scheint, dass der Gebrauch bestimmter Begriffe wie z. B. „religiöse Herrschaft der Masse“, „Zivilgesellschaft“, „religiöser Pluralismus“ usw. in bestimmten islamischen Gesellschaften mit dem Bestreben kluger Menschen in diesen Gesellschaften einhergeht, auf der Erfahrung der anderen aufbauend ein neues Demokratiemodell zu entwickeln, das mit der Kultur, Gesellschaft und Politik dieser Gesellschaften kompatibel ist. Zweifellos ist eine Kopie der westlichen Demokratie in anderen Gesellschaften unvernünftig; vielmehr müssen die Erfahrungen der Menschen in der westlichen Welt mit der Demokratie berücksichtig werden und die Menschen selbstbewusst ihre Probleme lösen lassen.

     

    In diesem Artikel habe ich versucht, unter Berücksichtigung aller Stärken und Schwächen der Demokratien in der Welt, festzustellen:

     

    1. Demokratie ist für den heutigen Menschen eine Notwendigkeit, auch wenn sie Schwächen wie z.B. Instrumentalisierung, aufweist.
    2. Die Betonung freier Wahlen in der Demokratie als bester Methode zur Verhinderung von Anarchie und Machkonzentration bei einer Partei oder Person – auch wenn dieser Aspekt in der Welt zuweilen missbraucht wird – widerspricht nicht den islamischen Prinzipien sondern wird von diesen vielmehr unterstützt.
    3. Demokratie kann in verschiedenen Ländern je nach Gesellschaft und Kultur unterschiedlich geprägt sein.
    4. Die Gestalt und Inhalte der Demokratie müssen offen bleiben, und jeglicher Dogmatismus stellt eine Gefahr für die Demokratie dar.
    5. Die internationale Gemeinschaft muss ein Garant der Demokratie sein, damit diese nicht von einzelnen Supermächten missbraucht werden kann.
    6. Die praktische Verwirklichung von Demokratie und die Beteiligung der Mehrheit der Menschen an ihrem Schicksal bedarf einiger Voraussetzungen, die von vielen demokratischen Staaten absichtlich oder aus Nachlässigkeit unberücksichtigt bleiben, so dass nicht die Masse am politischen Prozess beteiligt ist, was jedoch die Kontinuität der Demokratie garantiert. Praktisch entscheidet eine bestimmte Gruppe für alle anderen, was dem Verständnis von Demokratie im Grunde widerspricht, und das hat der heutige Mensch nicht verdient.
    7. Jeder Gesellschaft muss eine ihren Verhältnissen entsprechende Interpretation von Demokratie zugestanden werden, und andere demokratische Rezepte dürfen nicht aufgezwungen werden.

     

     

     

     

    Quelle:

    © Institut für Human- und Islamwissenschaften e.V.

    Dialog – Zeitschrift für Interreligiöse und Interkulturelle Begegnung

    Jahrgang 2 • Heft 4 • 2. Halbjahr 2003