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    Murad Wilfried Hofmann – Botschafter des Islam

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    Schaffenswerk des mittlerweile 81-jährigen, den kürzlich die Harvard Law School Association of Arabia zu ihrem Ehrenmitglied ernannt hat, wertschätzen – Dies fordert MuhammadSameer Murtaza

     

    Manchmal wissen die Deutschen gar nicht, welche berühmten muslimischen Gelehrten und Denker im Land der Dichter und Denker verweilten und verweilen. Wer kennt schon den großen Reformer Jamal Al-Din Al-Afghani, der eine Zeitlang in München lebte? Oder den geistigen Vater Pakistans, den Dichter-Philosophen Muhammad Iqbal, der in Heidelberg und München studierte? Oder Leopold Weiss alias Muhammad Asad, der 1926 in Berlin zum Islam konvertierte und zu einem der bedeutendsten Koranexegeten avancierte?

     

    Ähnlich könnte es da seinem Schüler Murad Wilfried Hofmann ergehen. „Murad wer…?“, mag sich der Durchschnittsdeutsche fragen. Dabei ist Hofmann ein deutscher Konvertit von Weltrang. Der ehemalige Informationsdirektor der NATO und deutsche Botschafter a.D. trat 1980 zum Islam über und wurde bald schon ein weltweit geschätzter Brückenbauer und islamischer Denker. Für diese Leistung wurde der deutsche Muslim, dessen Bücher in Deutsch, Englisch, Französisch, Bosnisch, Ungarisch, Türkisch und Arabisch vorliegen, 2009 in Dubai als „Islamic Personality of the Year“ ausgezeichnet. Ein Jahr später überreichte der jordanische König Abdallah II. ihm die Freiheitsmedaille 1. Klasse. Und kürzlich hat die Harvard Law School Association of Arabia ihn zu ihrem Ehrenmitglied ernannt. Was in der muslimischen Welt große mediale Beachtung fand, wurde allerdings in der Heimat gänzlich ignoriert. Wer denkt da nicht an das alte Bibelsprichwort, dass der Prophet im eigenen Lande nichts wert ist.

     

    Zu den großen Verdiensten Hofmanns zählt es, maßgeblich zur Entstehung einer genuin deutschen Islamliteratur beigetragen zu haben. Sicherlich steht er damit nicht alleine da, gleiches lässt sich auch über Ahmad von Denffer und Muhammad Rassoul sagen, die alle drei interessanterweise auch eine je eigene Koranübertragung ins Deutsche vorgelegt haben, wenn auch in unterschiedlicher sprachlicher Qualität. Mit ihrem Schaffen, die die heutige junge Generation der Muslime vielleicht noch nicht gebührend anerkennt, haben diese drei Denker die Entstehung muslimischen Denkens in Deutschland vorangetrieben. Sie reinterpretierten den Islam, entwickelten neue Gedanken und präsentierten ihn als alternative Religion für die Menschen Deutschlands

     

    Doch inhaltlich unterscheidet sich Hofmanns Ansatz deutlich von seinen beiden anderen Zeitgenossen. Ein Schlüssel um sein Denken und Werk zu verstehen, bilden seine beiden kleinen aber gewichtigen Schriften Ein philosophischer Weg zum Islam und Zur Rolle der islamischen Philosophie. Hofmann verweigert sich jeder blinden Befolgung von Dogmen oder einer Ideologisierung des Islam, sondern näherte sich über die im sunnitischen Islam seit langem verpönte Philosophie der Religion an. Mittels ihr widmete sich Hofmann kritisch den Fragen, was der Mensch wissen könne und was er hoffen dürfe. Damit stellte er zugleich alles in Frage: die Existenz Gottes, das Prophetentum, ja Religion per se. Dies mag zunächst für einen Gläubigen bedrohlich klingen, doch nur durch die Dekonstruktion der menschlichen Erkenntnisfähigkeit konnte Hofmann zu einer tieferen Wahrheit vorstoßen, nämlich dass Religion nichts Absurdes ist, sondern eine rational verantwortete Entscheidung aufgrund der engen Grenzen unserer Vernunft ist. Für einen Gläubigen in der Moderne hat diese Vorgehensweise einen reinigenden Effekt, da es ihm Sicherheit und Halt im Glauben gibt.

     

    Hofmanns zugänglicher Schreibstil ermöglicht es darüber hinaus, dass sich beide Schriften an den religiös Suchenden richten, der noch eine Entscheidung zu treffen hat über die Fraglichkeit der Welt und sein eigenes Dasein. Ob er der Welt ein Grundvertrauen oder ein Grundmisstrauen ausspricht. Ob er die Existenz Gottes bejaht oder verneint. Behutsam und intellektuell redlich nimmt Hofmann hierbei seine Leser an die Hand und begibt sich mit ihnen auf eine geistige Tour de Force, die eben nicht geradewegs und in missionarischer Absicht zur Bejahung Gottes führt, sondern aufgrund rationaler Vernünftigkeit einlädt, dass Wagnis des Glaubens einzugehen.

     

    Diese intellektuelle Offenheit und Neugierde zeichnen auch die späteren umfangreicheren Werke dieses Denkers aus (siehe unteres Kapitel). Niemals erhebt der philosophisch denkende Hofmann dabei einen Wahrheitsanspruch, sondern stellt seine begründeten Thesen zur Diskussion. Insofern muss man Murad Hofmann nicht blind in allem zustimmen, diese unislamische Ehrerbietung würde er wohl auch gar nicht wollen, sondern man kann mit ihm diskutieren. Aber eines sollten die in Deutschland lebenden Muslime tun, und nicht nur sie, das Schaffenswerk des mittlerweile 81-jährigen wertzuschätzen und nicht zu vergessen.

     

    Zum Autor des Textes: Muhammad Sameer Murtaza ist Islamwissenschaftler. Kürzlich erschien im Verlag Hans Schiler sein Buch Islamische Philosophie und die Gegenwartsprobleme der Muslime. Reflexionen zu dem Philosophen Jamal Al-Din Al-Afghani

     

    Schriften von Murad Wilfried Hofmann (Eine Auswahl)

    – (1981): Ein philosophischer Weg zum Islam. Köln.

    – (1984): Zur Rolle der islamischen Philosophie. Köln.

    – (1985): Tagebuch eines deutschen Muslims. Köln.

    – (1992): Der Islam als Alternative. München.

    – (1996): Reise nach Mekka. München.

    – (1997): Islam 2000. Beltsville.

    – (1998): Der Koran. Das heilige Buch des Islam. Aus dem Arabischen von Max Henning.

    Überarbeitet und herausgegeben von Murad Wilfried Hofmann. München.

    – (1998): Der Schutz religiöser Minderheiten nach islamischem Recht in Theorie und Praxis.

    In: Hüneburg, Martin: Staat und Religionsfreiheit. Zwenkau: 38-48.

    – (2000): Der Islam im 3. Jahrtausend. Eine Religion im Aufbruch. München.

    – (2000): Der Islam und die Menschenrechte. In: Evangelische Akademie Mühlheim an der

    Ruhr: Islamische Menschenrechtsverständnisse. Konzepte, Kontroversen, Konsequenzen

    für die deutsche Gesellschaft. o. O.: 18-28.

    – (2001): Islam. München.

    – (2001): Über die Ursachen von Gewalt in der Politik. In: Al-Islam 6: 1-10.

    – (2002): Islamische Charta(Mitwirkung). Grundsatzerklärung des Zentralrats der Muslime in Deutschland

    (ZMD) zur Beziehung der Muslime zum Staat und zur Gesellschaft. o. O.

    – (2002): Koran. München.

    – (2002): Müssen die Religionen zum Konflikt führen? In: Islam im Dialog 1 (4). Hamburg.:

    45-57.

    – (2003): Islamic Intellectualism. Internet:

    http://theamericanmuslim.org/tam.php/features/articles/islamic_intellectualism.

    – (2003): Religion als Privatsache? Zur Rolle der Religion im öffentlichen Raum. Internet:

    http://www.islamheute.ch/privatsache.htm.

    – (2004): Islam und der Westen. o. O.

    – (2004): Muslim Minorities: Their Cultural and Social Problems. In: Encounters 10 (1-2): 55-

    84.

    – (2005): Religionsfreiheit aus islamischer Perspektive. In: Schneiders, Thorsten Gerald;

    Kaddor, Lamya: Muslime im Rechtsstaat. Münster: 145-154.

    – (2006): Das muslimisch-jüdische Verhältnis. Islamische Quellen, gemeinsame Geschichte,

    gegenwärtige Tendenzen. In: Schmid, Hansjörg; Frede-Wenger, Britta: Neuer

    Antisemitismus? Eine Herausforderung für den interreligiösen Dialog. Berlin: 67-76.

    – (2007): Den Islam verstehen. Vorträge 1996-2006. Istanbul

    – (2009): Differences between the Muslim and the Christian Concept of Divine Love. In: al-

    hubu fi al-Qur’an Al-Karim. Amman: 565-581.

    – (2010): Stolpersteine auf dem Weg zum christlich-islamischen Verständnis. Gemeinsam

    statt einsam. Internet: http://islam.de/17119.

    – (2011): Artikel 4. [Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit] aus muslimischer Sicht.

    Internet: http://islam.de/17773.

    – (o. J.): Islam in Deutschland – Eine Prise Geschichte. Internet:

    http://www.igd-online.de/islam-in-deutschland.html.

     

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    Quelle: Islam.de