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    Qur`an, die Fitrah (Gott gegebene innere Natur) und das künstlerische Schaffen (1)

    • Mohammad Ali Taskhiri
    • http://www.taqrib.info/germany
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    Das Element Fitrah in der Kultur des Qur`an

     

    Die Bereiche „Kunst im Qur`an“, „Kunst dank Qur`an“, „Kunst des Qur`an“ sowie „Qur`an und die Kunst“ bedeuten zum Teil Unterschiedliches, haben jedoch alle die feste Verbindung zu dem Element Fitrah, welches Grundlage des religiösen Glaubens ist, gemeinsam.

     

    Das Element Fitrah, auf das im Heiligen Qur`an und in den Überlieferungen der Unfehlbaren immer wieder hingedeutet wird, ist eines der grundlegendsten Themen in der Islamischen Anthropologie. Ohne eine Vertiefung in dieses Thema bleibt das Verständnis von der Religion und ihren hohen und fest verankerten Wissensinhalten vom Glauben an den Einen Gott (Tauhid) und das Jenseits (Maad) bis zu den Geboten und Gesetzen genauso unvollendet wie die Kenntnis von der Offenbarungsschrift und ihren ästhetischen und erstaunlichen, wundersamen Aspekten.

     

    Die religiöse Kunst oder besser gesagt die künstlerische und ästhetische Dimension des menschlichen Geistes, steht in fester Beziehung zu der Fitrah (der von Gott verliehenen Natur) und wird außerdem aufgrund der Erkenntnis von ihr definiert.

     

    In der islamischen Anthropologie gilt der Mensch, dieses komplizierte Wesen, nicht als unbeschriebene blanke Tafel, die keinerlei Spur einer Bebilderung durch die göttliche Schöpferhand enthält, und dessen gesamte Eigenart erst nach seiner Entstehung Wirklichkeit wird.

     

    Der Mensch ist im Islam ein potentielles Wesen mit Kapazitäten und besonderen Fähigkeiten, wobei natürliche, gesellschaftliche und erzieherische externe Faktoren und der Faktor Wille die Hauptrolle dabei spielen, seine natürliche Essenz zu aktivieren. Dabei besteht ein weites Feld – von den Allerhöchsten bis zu den Allerniedrigsten -, in dem die formenden Faktoren Manöverkraft besitzen.

     

    Sure 91: Vers 7 und 8 : und bei der Seele und dem, der sie geformt und ihr die Neigung zu Schlechtigkeit und zu Gottesfürchtigkeit eingegeben hat!

     

    Allerdings besteht der Weg zum Wachstum und der Vervollkommnung und der Entfaltung der menschlichen höheren Begabungen darin, der göttlichen Religion zu folgen, welche den Unterschied zwischen Mensch- und Tiersein bildet und Faktor für den Aufstieg des Menschen zu den Stufen der Vollkommenheit des Seins ist.

     

    Sure Rum (Sure 30), Vers 30: Richte nun dein Antlitz auf die Religion als Hanif! (Monotheist) – die natürliche Art, in der Gott die Menschen erschaffen hat. Die Art und Weise, in der Gott geschaffen hat, kann man nicht abändern. Das ist die richtige Religion. Aber die meisten Menschen wissen nicht Bescheid.

     

    Die Kenntnis von der Gott gegebenen Natur und ihren Erscheinungen   ist für die Beschreitung dieses Weges und seine Fortsetzung eine außerordentliche und entscheidende Notwendigkeit.

     

    Grob gesehen lassen sich die Erscheinungen der Fitrah nach zwei Hauptgruppen unterscheiden:

     

    1- natürliche Wahrnehmungen

    2- natürliche Neigungen.

     

    Bei den natürlichen Wahrnehmungen, welche Grundlage der Wissenschaft, Philosophie und jeder Art der Erkenntnis von der Welt bilden, handelt es sich um jene grundlegenden Selbstverständlichkeiten wie das Prinzip der Freiheit von Widersprüchen usw. (welche an anderer Stelle diskutiert wurde). Zu den natürlichen Neigungen, welche eher unsere Ausführungen betreffen, gehören folgende Dinge:

     

    -Neigung zur Immaterialität und Gottesanbetung

     

    -Neigung zu Wissen und Wahrheitssuche

     

    -Neigung zu Wohltaten und moralischen Tugenden

     

    -Neigung zum Vollkommenen und Schönen, welche die Grundlage der Kunst in Leben und Geschichte der Menschheit darstellt.

     

    Mittels der genannten Neigungen nimmt das spirituelle Leben des Menschen Gestalt an, entstehen Wissenschaft, Literatur, Religion, Tugend, Moral und Kunst und findet insgesamt die menschliche Zivilisation Verwirklichung.

     

    Der Gesandtenauftrag der Propheten

     

    Es sollte erwähnt werden, dass die Gottesgesandten, welche Führer des spirituellen Lebens der Menschen waren, nicht ausgesandt wurden, um im Geist des Menschen diese Attribute hervorzurufen, sondern ihr Auftrag bestand in Heranbildung, Stärkung und Früchtetragens der Manifestationen der höheren Dimension im menschlichen Wesen und darin, zu verhüten, dass er an den Abgründen des Irrweges, der Vergötterung des Materiellen und der Triebhaftigkeit ins Schwanken gerät.

     

    Der Qur`an, das besiegelnde Wunder des Edlen Propheten des Islams (s.), hat in der maximal vollendeten Form diese vier Bestandteile der Fitrah (Erkenntnis und Dienstbarkeit), (Wissen und Weisheit), (Moral und Tugend) (Pracht und Schönheit)manifestiert und ist zu ihrem Überschneidungspunkt geworden. Die Lehren dieser Schrift harmonieren vollständig mit der Fitrah des Menschen und erwidern alle die Bedürfnisse seiner inneren Natur. Eines dieser Bedürfnisse ist das Verlangen des Menschen nach Kunst und dem Schönen.

     

    Der Qur`an ließ nicht nur viele Künste gedeihen und wurde Ausgangspunkt der Entstehung bzw. der Vervollkommnung von Verlesungskunst und exakter Rezitation, Kalligrafie, Umschlagsverzierung, Vergoldung, Illustration, Gemäldekalligrafie, Mosaikarbeiten und weiteren Kunstzweigen und beeinflusste nicht nur die architektonische Kunst, die Kachelverzierungen, das Kunsthandwerk und die Malerei usw. Auch er selber ist ein bewundernswertes Kunstwerk. Dieses Kunstwerk wurde vom Allbarmherzigen in der Form von „Kalaam“ (Wort) und „Bayyan“ (Ausdrucksweise), höchste und vervollkommnende Sinninhalte unterbreitend, den Menschen aus der Welt des Verborgenen in die Welt des Wahrnehmbaren – geschickt.

     

    Der Qur`an besitzt eine ästhetische kunstvolle Ausdrucksweise und weist eine besondere Struktur in seinem Aufbau auf. Er verwendet die verschiedenen Arten der literarischen Kunstgriffe wie Realismus und Abstrahierung, Allegorie und bildhafter Ausdruck, indirekter Hinweis, Doppeldeutigkeit usw . bis zu Beispielen und Weisheiten, interessanten Erzählungen, Ratschlägen und Mahnungen, Geschichte, Philosophie, Gespräch und Streit und Beweisführungen, die sich auf die Vernunft und auf die angeborene unversehrte Natur (Fitrah) berufen. Mit diesen Mitteln regt er den Menschen zum Nachdenken an und erweckt seine Phantasie. Zugleich verbildlicht er die wissenschaftlichen und mystischen Wahrheiten so kunstvoll, dass hohe immaterielle Wahrheiten plastisch vor das menschliche Auge treten und er sich völlig in ihre Betrachtung versenkt.

     

    Die Kombination von Versen und Wörtern, die unterschiedliche Stimmlage von Buchstaben und Vokalen, die Harmonie der Sätze und die Satzmelodie gehören zusammen mit der Abwechslung und der Vielfalt der erstaunlichen Themen und der wundersamen Vertiefung in die menschlichen Horizonte und Seelen zu den ästhetischen Aspekten des strukturellen Aufbaus der Verse und der Suren.

     

    Die Anwendung von Versmaßen in den Prosasätzen, die Melodie der Verse und die klangvolle Ausdrucksweise beim Satzaufbau des Korans bringen die Saiten in einem jeden Herzens, welches Sinn für das Schöne hat und nach der Wahrheit sucht, zum Schwingen und entlocken seinem Mund ein Lob. All dies demonstriert die Nutzung verschiedener Arten der Kunst in schönster Form bei der Erschaffung dieser Himmelsschrift. Dieser Klang steht auf vollendete Weise im Zusammenhang mit dem Inhalt und potentiellen Sinn der Verse, und hat daher eine magische Wirkung auf Geist und Seele des Menschen, so sehr, dass er verhärtete Herzen sanft stimmen und sie für den Qur`an gewinnen kann. Dies gilt als einer der Pfeiler des Qur`ans für die Herausforderung des Feindes und seine Überwindung.

     

    Walid Ibn Mughira und die magische Wirkung des Qur`ans

     

    Die magische Wirkung des Qur`ans auf Mogheyrah wird in der Sure Moddathir in der schönen poetischen Ausdrucksweise Gottes wiedergegeben und Gott zitiert ihn dabei selber. Mogheyrah gehörte zu den Feinden des Islams und des Propheten zu Beginn der Offenbarungen, als noch nicht viele Verse des Qur`ans herab gesandt worden waren. Er hatte sie gehört und die magnetische Wirkung des Qur`ans hatte ihn dermaßen erfasst, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als ihre Großartigkeit zu bekennen. Aber aus Widerwillen und Eigensinn nannte er die faszinierenden Verse des Qur`ans Zauberei und Gott der Höchsterhabene stellte ihn in der Sure Muddathir wie folgt bloß:

     

    Innahu fakkara wa qaddara

    fa qutila keyfa qaddara

    thumma qutila keyfa qaddara

    thumma nazara

    thumma abasa wa basara

    thumma adbara wa-stakbara

    wa qula in hazaa illa sihru-i yu`tharu

    In hazaa illa qaulu-l baschar

     

    Er dachte nach und wog ab

    Verflucht, wie er wog ab!

    Noch einmal: wie er wog ab!

    Herauf schaut er (sich um)

    Hierauf zog er die Stirne kraus und machte ein finsteres Gesicht

    Hierauf kehrte er den Rücken und gebärdete sich hochmütig

    Und er sagte: „Das ist nichts als Zauberei, die überliefert ist.“

    (Al-Muddathir, Sure 74: 18 bis 25)

     

    Die obigen Verse erreichen   in einer fließenden, dichterischen, mit Versmass versehenen und melodischen Ausdrucksweise in kurzen und konsequenten, miteinander verwobenen Sätzen einen Höhepunkt, indem sie auf bloßstellende, schlagkräftige Weise die Gemütszustände des hasserfüllten Feindes enthüllen und, den Zuhörer seelisch vorbereitend, den Qur`an-Leugner selber zitieren, um daraufhin wie folgt mit einer noch festeren Erklärung zu antworten:

     

    Sa`uslihi saqar

    Wa ma adraka ma saqar

    Latubqi wa la tazar

    Lawwahatul lilbaschar

    Aleyha tisata aschar

     

    Ich werde ihn in der Hitze schmoren lassen.

    Wie kannst du wissen, was die Höllenhitze ist?

    Sie lässt nichts übrigbleiben und verschont nichts

    Und versengt die Haut

    Neunzehn (Engel) sind (als Wärter über sie gesetzt)

    (Muddathir (74), Vers 26-30)

     

    Die trefflichen Verbildlichungen im Koran bei der Darstellung der schönen Erscheinungen der Schöpfung,   von der Erde bis zum Himmel, den Sternen und Planeten, den weiten Ebenen, Meeren und Bergen, den Vögeln und anderen Tieren und Manifestationen der Erschaffung – ebenso wie die bildhafte Schilderung der erstaunlichen Szenen der jenseitigen Welt – von den Ereignissen beim Stoß in die Posaune und dem, was dann auf Erden und im Himmel geschieht, bis zu den Bildern des Paradieses und der Verdammnis und den schönen Dinge am ersten und den Nöten am zweiten Ort, dem Gespräch mit den Bewohnern des Paradieses und den Bewohnern der Verdammnis – und auch die Erzählungen im Koran und ihr meisterhafter Stil bei der Darstellung von positiven und negativen Charakteren, den Heldenfiguren der Geschichte sowie die seelische Vorbereitung des Lesers, das Erwecken seiner Gefühle und die Kunst, den Leser bis zu den menschlichen und göttlichen Schlussfolgerungen mitzureißen –:

     

    Das Studium von all diesem   ist von äußerst großer Bedeutung.

     

    Die kunstvolle Entsprechung zwischen äußerer Form und Inhalt und inhaltlichem Potential der Qur`anthemen beschränkt sich nicht nur auf Erzählberichte und Erscheinungen der irdischen Welt und des Jenseits. Im Heiligen Qur`an wird sogar bei der Anführung der Glaubensgrundsätze, Gebote und Gesetze entsprechend dem Inhalt der Verse und des inhaltlichen Potentials der Themen, ein besonderer Rahmen gewählt, und für eine größere Wirkung werden unterschiedliche Taktiken angewandt.