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    „Sag, ich bin nicht da!“

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    Wort und Tat sind eins im Islam. Erziehung durch Vorbild

     

    Der 8jährige Benjamin spielt in seinem Zimmer, während sich Jamal, sein Vater, im Wohnzimmer die Nachrichten anschaut. Das Telefon klingelt. Benjamin läuft sofort hin und hebt ab. „Mein Vater, fragt er zurück“. Im selben Moment sieht er seinen Vater vor sich, der ihm verneinend zuwinkt und zuflüstert: „Sag, ich bin nicht da!“

     

    Am Samstagmorgen fährt Jamal seinen Sohn Benjamin zum Fußballtraining. Der Trainer fragt Benjamin: „Wo warst du denn letzte Woche?“ Er antwortet: „Ach, ich war krank.“ Sein Vater steht verdutzt daneben und fragt sich warum Benjamin gelogen hat. Als er am Nachmittag seinen Sohn abholt fragt er ihn: „Benjamin, warum hast heute morgen deinen Trainer angelogen? Du weist doch, dass du nicht lügen darfst.“

     

    Wieso hat denn Benjamin nun in solch einer Situation gelogen, wo sein Vater ihn doch mit seinen Worten ausdrücklich lehrte nicht zu lügen? Die Antwort ist ganz einfach. Kinder übernehmen in ihrem Verhalten nicht das, was ihnen gesagt wird, sondern das, was sie erleben.

     

    Allah sagt im Quran in Sure 2 Vers 44:

    Befehlt ihr denn den Menschen Güte, während ihr euch selbst vergeßt, wo ihr doch die Schrift lest? Begreift ihr denn nicht?

     

    An weiteren Stellen im Quran warnt Allah, Der das Allwissen über seine Schöpfung hat, uns vor dieser Verhaltensweise, bei der wir Menschen nicht das tun, was wir sagen.

    Als Erzieher müssen wir uns in diesem Zusammenhang die Frage stellen: Was, wie und wann lernen Kinder eigentlich?

     

    Die ersten Vorstellungen, die einem da durch den Kopf gehen sind solche wie: Ein Kind lernt, wenn es liest, wenn es in der Schule zuhört, oder wenn es seine Hausaufgaben macht. Es lernt demnach nur in Situationen, in denen es konzentriert, also bewusst lernt. Tatsächlich ist dem aber nicht so. Der Psychiater und Gehirnforscher Manfred Spitzer sagt hierzu, dass Lernen immer stattfindet, wenn das Gehirn gebraucht wird. Das heißt unsere Kinder lernen in jeder Situation, in der sie sehen, hören, fühlen usw., also immer, wenn Informationen aus der Außenwelt ins Gehirn gelangen und entsprechend verarbeitet werden.

     

    An den oben genannten Beispielen stellen wir fest, dass Benjamin in seinem Verhalten nicht das wiedergibt, was er wiedergeben sollte, sondern das was er zuhause durch das tatsächliche Verhalten seines Vaters erlebte. In der Psychologie wird dieses natürliche Phänomen Wahrnehmungslernen genannt. Hierbei wird vom Wahrnehmenden komplexes soziales (=Umgang mit anderen Menschen), gefühlsmäßiges, sprachliches und auch motorisches Verhalten aufgenommen und übernommen. Das heißt Kinder ahmen Verhalten nach und ihr Gedächtnis speichert Bilder in einem Gefühlskontext. Insbesondere bei der Wahrnehmung der eigenen Vorbilder wirkt diese Art des Lernens am intensivsten. Die ersten Vorbilder eines Kindes sind seine Erzieher, im Normalfall an erster Stelle die Eltern und dann in unterschiedlicher Abstufung und Reihenfolge Verwandte, KindergärtnerInnen, LehrerInnen usw.

     

    Betrachten wir mal die scheinbar banale Situation aus unserem Beispiel, in welcher Jamal, der Vater, lügt und seinen Sohn dazu anstiftet das Gleiche zu tun.

     

    Für Muslime sollte es keine banalen Situationen im Leben geben. Allah ist der Allsehend und Allhörende und jeder Moment eines Menschenlebens wird erfasst. In Sure 18 Vers 49 heißt es: Und das Buch wird hingelegt. Dann siehst du die Übeltäter besorgt, wegen dessen was darin steht. Sie sagen: „O wehe uns! Was ist mit diesem Buch? Es lässt nichts aus, weder klein noch groß, ohne es zu erfassen.“ Sie finden (alles), was sie taten gegenwärtig, und dein Herr tut niemandem Unrecht.

     

    In unserem Beispiel schätzte der Vater die Alltagssituation als klein und unbedeutend ein, sie kann jedoch schwerwiegende Folgen haben, wie diese in welcher der Vater seinem Sohn unbewusst das Lügen lehrt.

     

    An welchem Vorbild können wir uns nun orientieren um unseren Kindern ein gutes Vorbild vorzuleben?

     

    Der gesamten Menschheit sandte Allah der Erhabene, Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als Vorbild und aus Barmherzigkeit, damit wir es leicht haben das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. In Sure 33 Vers 21 sagt uns Allah: Wahrlich, ihr habt an dem Gesandten ein schönes Vorbild für einen jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allahs viel gedenkt. Und in Sure 21 Vers 107 heißt es: Wir haben dich nur als eine Barmherzigkeit für die Menschen gesandt.

     

    Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) vereinte alle guten Charaktereigenschaften in ihrem vollkommenen Ausmaß und lebte sie uns vor. Durch die Überlieferung seines Lebens, der sogenannten Sunna, erleben wir seinen nahezu immer perfekten gütigen Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen, in den unterschiedlichsten Situationen. Seine Ehefrau Aischa (Allahs Wohlgefallen auf ihr) berichtete: „Der Charakter des Propheten war der Quran“ (Muslim). Beim Verhalten unseres letzten Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gab es keine Differenz zwischen seinem Wort und seiner Tat. Im Islam sind Wort und Tat eins.

     

    Lehren wir unseren Kindern nun bewusst oder unbewusst eine Ungleichheit zwischen dem, was man sagt und was man tut, dann wird es sprachliche Anweisungen nicht mehr ernst nehmen und falsch nutzen, indem es Worte nicht im aufrichtigen Sinne verwendet. Das heißt: es lernt zu sprechen, was es selbst nicht tut. Ich würde dieses Phänomen als eine Art der Lüge bezeichnen, die wie wir festgestellt haben auch unbewusst passieren kann. Also wollen wir nun unsere Kinder zu unbewussten „Lügnern“ erziehen. Möge Allah uns davor bewahren und uns über diese Problematik Klarheit verschaffen.

     

    In der Verantwortung uns selbst gegenüber vor Gott dem Erhabenen und in der Verantwortung unserer Kinder und der gesamten islamischen Gemeinschaft gegenüber sollten wir diese üblen Verhaltensweisen an uns suchen, erkennen und durch bessere -unserem Vorbild Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) folgend- ersetzen.

     

    In einer Überlieferung berichtete Said Ibn al-As: „Allahs Gesandter hat gesagt“: „Ein Vater kann seinen Kindern nichts besseres geben als eine gute Erziehung“ (Mischkat). Dies betrifft natürlich gleichermaßen die weibliche Erzieherin.

     

    Tipps für die alltägliche Praxis:

     

    – immer die Wahrheit sprechen und sei die Situation auch scheinbar noch so unbedeutend

    – Wissen über die Verhaltensweisen Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) aneignen

    – Die richtigen Verhaltensweisen erst selber umsetzen bevor man andere auf ihre Verhaltensfehler hinweist

    – Einig sein der Eltern, (bei verschiedenen Ansichten: Einigung, dass man unterschiedlicher Meinung ist)

    – gemeinsames Gebet zuhause

    – Spenden und mit anderen teilen

    – Bescheidenheit etc.

     

    Die Erziehung von Kindern ist eine sehr anstrengende Aufgabe, wir sollten darin jedoch nicht die Chance verkennen unseren eigenen Charakter auf unserem Weg zu Allah zu reinigen. Möge Allah uns dabei mit dem Besten unterstützen.

     

    Ilham Zeroual

     

    Quellenangabe

    Beshir, Ekram; Beshir, Mohamed Rida: Kindererziehung im Westen. Karlsruhe: Cordoba-Verlag, 2003

    Spietzer, Manfred: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lernens. Heidelberg: Spektrum Akadem. Verl., 2007

    Tausch, Reinhard; Tausch, Anne-Marie: Entwicklungspsychologie. Begegnung von Person zu Person. Göttingen: Hongrefe, 1998

     

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    Quelle: http://islam-verstehen.de/scharia-gebote-a-verbote/88-kindererziehung-im-westen/183-qsag-ich-bin-nicht-daq.html