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    Sure al-Fatiha (Teil 5): Die Bedeutung der Bevorzugung der Suren und Verse untereinander

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    Es herrschen Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Frage, ob es möglich ist, dass eine Sure vorzüglicher ist als eine andere oder ein Vers vorzüglicher ist als ein anderer. Falls dies möglich sein sollte, so stellen wir uns die Frage nach der Bedeutung dieser Bevorzugung. Was bedeutet es, wenn eine Sure (Vers) vorzüglicher ist als eine andere Sure (Vers)?

     

    Abu al-Ĥassan al-Asch`ari, sowie Abu Bakr al-Baqlāni und Ibn Ĥabbān vertreten die Auffassung, dass eine Bevorzugung der Suren untereinander ausgeschlossen ist, denn alle Suren und Verse sind letztendlich das Wort Gottes (Kalām-ul-llah). Andere Gelehrte hingegen vertreten die Auffassung, dass es sehr wohl eine Bevorzugung gibt, da die Überlieferungen diesbezüglich mehr als deutlich sind. Darunter fallen Rechtsgelehrte wie al-Qurđubi, sowie al-Ghazzāli.

     

    Al-Ghazzāli schreibt beispielsweise in seinem Werk „Jawāhir al-Qur’ān“: „Es mag sein, dass jemand den Einwand erhebt: „Du sprichst von der Bevorzugung mancher Verse über andere, wobei der eine Vers das Wort Gottes ist, sowie der andere auch. Wie kann es also sein, dass ein Vers vorzüglicher ist als der andere?“ […] So folge dem Herrn der Botschaft, dem Gesandten Gottes (s.), dem der heilige Qur’ān offenbart wurde und der sagte: „Yāsin ist das Herz des Qur’ān“ und „die Eröffnende des Buches ist die vorzüglichste Sure des Qur’ān“ und „der Thronvers ist der Herr der Verse des Qur’ān“ und „der Vers: Sprich: Er ist Allah der Einzige, gleicht einem Drittel des Qur’ān aus“. Die Berichte über die Vorzüge des heiligen Qur’ān und dass einige Suren und Verse über andere bevorzugt werden und dass der Lohn ihrer Rezitation gewaltig ist, sind unzählbar.“[1]

     

    Diejenigen, welche an die Bevorzugung der Suren und Verse glauben, haben sich ebenfalls in zwei Parteien gesplittet. Eine Gruppe glaubt daran, dass die Bevorzugung lediglich darin besteht, dass Allah (t.) den Lohn für die Rezitation eines bestimmten Verses / Sure höher angesetzt hat als bei anderen Suren oder das Vielfache anderer Verse. So bedeutet die Überlieferung, dass Allah (t.) weder in der Thora noch in der Bibel solche Vorzüglichkeit nieder sandte wie in Sure al-Fātiĥa, das Allah (t.) den Lohn für die Rezitation der Thora und der Bibel nicht so hoch angesetzt hat, wie die Rezitation der Sure al-Fātiĥa. Aus diesem Grund kamen sie zu der Interpretation der Überlieferungen, welche besagen, dass einige Suren vorzüglicher sind als andere, dass sie lediglich in ihrem Lohn (der Rezitation) höher sind und nicht in ihrem tatsächlichen Wert.[2]

     

    Diese Sichtweise kann jedoch nicht angenommen werden, da es den offensichtlichen Überlieferungen widersprechen würde, welche besagen, dass Sure al-Fātiĥa speziell für den Gesandten Gottes (s.) herab gesandt wurde und vom Schatz des Thron Gottes stammte. Aus diesem Grund nahm die andere Gruppe der Befürworter die Sichtweise an, dass die Bevorzugung der Suren und Verse hinsichtlich ihres Inhaltes erfolgte. Dies erkennt man deutlich daran, dass jene Verse, welche die Angelegenheiten des Tawĥeed behandeln, wie beispielsweise Āyat al-Kursi, vor allen anderen Versen bevorzugt wird, da der Inhalt dieser Sure das Einheitsbekenntnis thematisiert. Deshalb sagte Imam al-Ridha (a.): „Es gibt nichts im Qur’ān und in der Sprache, welches so viel Gutes und Weisheit in sich vereint wie Sure al-Ĥamd.“[3]

     

    Vom Gesandten Gottes (s.) wird berichtet, dass er sagte: „Als Allah (t.) die Eröffnende des Buches[4], den Thronvers[5], den Bezeugungsvers[6] und den Herrschafts-vers[7] herab senden wollte, so klammerten sie sich an den Thron Gottes und zwischen ihnen und Allah (t.) gab es keinen Schleier / Vorhang.“[8]

     

    Al-Rāzi schrieb als Kommentar zum heiligen Thronvers: „Wisse, dass das Gedenken und das Wissen dem Gedachten und Gewussten folgt. Je heiliger und vorzüglicher der Gedachte und Gewusste ist, umso vorzüglicher sind das Gedenken und das Wissen. Das vorzüglichste, was man gedenken kann, ist Allah (t.) und dementsprechend ist das Gedenken und das Wissen um Allah (t.) das Heiligste und Vorzüglichste.“[9]

     

    Allamah al-Ţabaţaba’i schreibt in seiner Interpretation: „Die Benennung dieses Verses mit „Thronvers“ ist seit Anbeginn des Islams bekannt, ja sogar zur Lebzeiten des Gesandten Gottes (s.) und die deutlichen Berichte zeigen uns, dass sein reiner Mund diese Benennung nutzte. Dies hatte einen speziellen Grund, nämlich die Vorzüglichkeit dieses reinen Verses deutlich zu machen. Die Vorzüglichkeit dieses Verses geht mit dem Inhalt des Einheitsbekenntnisses einher, nämlich die Aussage „Allah, es gibt keine Gottheit außer ihm, der Lebendige, Ewigbeständige“. Die absolute Beständigkeit ist es, worauf alle schönen Namen[10] zurück gehen, außer die Namen des Wesens.“[11]

     

    Zusammenfassend lässt sich damit sagen, dass zwar der gesamte Qur’ān das Wort Gottes ist, dies jedoch nicht im Widerspruch mit der Tatsache steht, dass es Verse gibt, welche über andere bevorzugt werden, genauso wie es Suren gibt, welche vorzüglicher sind als andere. Dies hängt mit den Inhalten und Lehren der entsprechenden Verse und Suren zusammen, welche das beherbergen, was den Menschen, sofern er sich an diese Lehren klammert, zur höchsten göttlichen Nähe führen können. Es ist deutlich, dass Sure al-Fātiĥa ein gutes Beispiel für solch eine Sure ist, denn sie beinhaltet in einer kompakten Art und Weise alle Lehren des heiligen Qur’ān. Von hier aus wird uns deutlich, wieso Iblis den schmerzhaften und traurigen Schrei ausstieß, als Sure al-Fātiĥa herab gesandt wurde.

     

    Von Imam al-Sadiq (a.) wird berichtet, dass er sagte: „Iblis hat vier (schmerzhafte) Schreie ausgestoßen: die erste war am Tage, an dem er verflucht wurde, die zweite am Tage, an dem er auf die Erde herab geschickt wurde, die dritte am Tage, an dem der Gesandte Gottes Muhammad (s.) gesandt wurde und die vierte am Tage, an dem die Mutter der Schrift (Sure al-Fātiĥa) offenbart wurde.“[12]

     

     

    [1] Übertragen von „Al-‘Itiqān fi `Ulūm al-Qur’ān”, Band 4, S. 136

    [2] Selbe Quelle

    [3] Al-Schaykh al-Sadūq: „`Uyoun Akhbār al-Ridha“, Band 2, S. 114, Bāb 34

    [4] Der heilige Qur’ān: Sure 1

    [5] Der heilige Qur’ān: Sure 2, Vers 255

    [6] Der heilige Qur’ān: Sure 3, Vers 18

    [7] Der heilige Qur’ān: Sure 3, Vers 26

    [8] Al-Muĥadith al-Jaleel al-`Allamah al-Khabeer al-Schaykh `Abd Ali Ibn Jum`a al-`Arusi al-Ĥawayzi: „Tafsir Nour al-Thaqalayn“, Band 1, S. 3

    [9] Fakhr al-Rāzi: „al-Tafsir al-Kabir“, Band 7, S. 4

    [10] Asma‘ Allah al-Ĥusna – أسماء الله الحسنى

    [11] Allamah al-Ţabaţaba’i: „Al-Mizān fi Tafsir al-Qur’ān”, Band 2, S. 337

    [12] „Tafsir al-`Ayāschi“, Band 1, S. 101

     

     

    Quelle: http://www.alhaydari.de/quran