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    Tafsir/Exegese 107. Sure Al-Ma’un (Die Hilfeleistung) – Verse 1-7

    • Ayatullah Makarem Shirazi
    • http://www.al-quran.de
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    أَرَأَيْتَ الَّذِي يُكَذِّبُ بِالدِّينِ ﴿1﴾ فَذَٰلِكَ الَّذِي يَدُعُّ الْيَتِيمَ ﴿2﴾ وَلَا يَحُضُّ عَلَىٰ طَعَامِ الْمِسْكِينِ ﴿3﴾ فَوَيْلٌ لِلْمُصَلِّينَ ﴿4﴾ الَّذِينَ هُمْ عَنْ صَلَاتِهِمْ سَاهُونَ ﴿5﴾ الَّذِينَ هُمْ يُرَاءُونَ ﴿6﴾ وَيَمْنَعُونَ الْمَاعُونَ ﴿7﴾

     

    (1) Hast du denjenigen gesehen, der die Religion leugnet? (2) Denn das ist derjenige, der die Waise wegstößt (3) und nicht anspornt zur Speise des Bedürftigen. (4) So wehe den Betenden (5) diejenigen, die ihres Gebets nachlässig sind (6) diejenigen, die gesehen werden wollen (7) und die Hilfeleistung verweigern.

     

     

    Diese Sure ist mekkanisch.

     

     

    Der Inhalt dieser Sure:

     

     

    Diese Sure ist nach Ansicht der meisten Quranausleger mekkanisch und der Inhalt dieser kurzen Verse über den Tag der Auferstehung und diejenigen, die den Tag der Auferstehung leugnen, deuten auch darauf hin, dass sie mekkanisch ist. Manche sagten aber auch, sie sei zur Hälfte mekkanisch und zur Hälfte medinensisch.[1]

     

     

    Diese Sure nennt im Allgemeinen die Eigenschaften und Taten derjenigen, die den Tag der Auferstehung leugnen in den fünf Etappen. Da sie die Auferstehung leugnen, helfen sie nicht den Waisen und Bedürftigen, sind ihres Gebets nachlässig und verweigern die Hilfeleistung gegenüber anderen.

     

     

    Offenbarungsgrund:

     

     

    Bezüglich des Offenbarungsgrunds dieser Sure heißt es, dass sie aufgrund von Abu Sufyan herabgesandt wurde, der am Tag zwei Kamele geschlachtet und seinen Gefährten zu Essen gegeben hat. Allerdings als eines Tages ein Waise zu ihm kam und um etwas Essen bat, schlug er ihn mit seinem Stock und hat ihn verscheucht.

     

     

    Andere sagten, dass die Sure aufgrund von Walid bin al-mughiyra oder al-‘Aas bin wa’il herabgesandt wurde.[2]

     

     

    Die Vorzüge dieser Sure:

     

     

    Bezüglich des Vorzugs dieser Sure heißt es in einer Überlieferung von Imam Muhammad al-Baqir (a.), dass er sagte: „Wer (die Sure) „Hast du denjenigen gesehen, der die Religion leugnet“ in seinen Pflichtgebeten und empfohlenen Gebeten rezitiert, dessen Gebet und Fasten nimmt Allah an und Er rechnet nicht mit ihm ab, aufgrund dessen, was er im Diesseits tat.“[3]

     

     

    Exegese:

     

     

    (1) Hast du denjenigen gesehen, der die Religion leugnet? (2) Denn (fa) das ist derjenige, der die Waise wegstößt (3) und nicht anspornt zur Speise (ta’aam) des Bedürftigen.

     

     

    Diese ehrenwerte Sure beginnt mit einer Frage, die sie an den Gesandten Gottes (s.) stellt: „Hast du denjenigen gesehen, der die Religion leugnet?“ Und in den nachfolgenden Versen wird diese Frage beantwortet: „Denn das ist derjenige, der die Waise wegstößt und nicht anspornt zur Speise des Bedürftigen.“

     

     

    Mit dem „sehen“ im ersten Vers könnte das tatsächliche Erblicken mit dem Auge gemeint sein oder aber auch die Erkenntnis darüber.[4]

     

     

    Mit der „Religion“ ist im ersten Vers die Vergeltung gemeint oder der Tag der Vergeltung, d.h. der Tag der Auferstehung (yawm ul-Qiyamah). Dabei hat die Leugnung des Tages der Auferstehung schwerwiegende Folgen und Auswirkungen auf die Handlungen des Menschen. In dieser Sure werden fünf Auswirkungen davon genannt: Sie stoßen die Waisen weg; sie spornen nicht zur Speisung der Bedürftigen an; sie sind ihres Gebets nachlässig, verrichten die Gottesdienste um gesehen zu werden und verweigern die Hilfeleistung.

     

     

    Manche haben angenommen, dass mit der „Religion“ hier der Quran oder der Islam gemeint seien, allerdings scheint die zu Beginn genannte Bedeutung, d.h. dass damit der Tag der Auferstehung gemeint sei, passender. Im heiligen Quran lassen sich auch andere Verse mit diesem Kontext finden: „Nein, ihr leugnet die Religion.“ (Sure Infitar, Vers 9) „Was lässt dich noch die Religion verleugnen“ (Sure Tin, Vers 7). Dabei wurde das Wort „Religion“ in diesen Versen ebenso mit der Bedeutung des Tages der Auferstehung genutzt und das lässt sich an den jeweils vorherigen Versen ableiten.

     

     

    Zusätzlich dazu sagt Allamah Tabrasi in seiner Quranauslegung, dass der erste Vers mit Absicht als Fragestellung offenbart wurde, um intensiver aufzuzeigen und die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was für Auswirkungen die Verleugnung des Tages der Auferstehung hat.[5]

     

     

    In den darauffolgenden zwei Versen wird die Gegenwartsform der Verben „wegstoßen“ und „anspornen“ benutzt, was darauf hindeuten soll, dass diese Menschen fortlaufend mit diesen Handlungen fortfahren und den Waisen und Bedürftigen stets mit diesem Unrecht begegnen. Bzgl. der Waisen zeigt der Vers auf, dass die menschlichen Gefühle gegenüber diesen Kindern wichtiger sind, als sie zu ernähren. Denn die Schmerzen des Waisen stammen aufgrund des Verlustes seiner Quelle der Emotionen und psychischen Nahrung und die physische Nahrung ist eine Stufe, die dann darauf folgt. Daher sehen wir, dass der Quran an erster Stelle über den groben Umgang mit den Waisen spricht und daraufhin über die Ernährung der Bedürftigen. Wobei der Vers hierbei aufzeigt, dass wenn es einem selbst finanziell nicht möglich sein sollte, Bedürftige zu ernähren, man wenigstens dazu anspornen sollte, dass andere ihnen helfen.

     

     

    An dieser Stelle zeigt der heilige Quran in Wirklichkeit auf, dass er wahrlich ein Buch der Rechtleitung und der Liebe ist und dass diese Worte tatsächlich von keinem anderen als dem Herrn der Welten, dem Herrn der Geschöpfe und dem Herrn der Liebe und Barmherzigkeit stammen. Anders als manche denken, ruft der Quran und damit Allah, der Erhabene nicht dazu auf, sich um muslimische Waisen zu kümmern oder nur bedürftige Waisen zu ernähren. Ganz und gar nicht. Diese Sure spricht eindeutig in einem viel umfangreicheren Kontext und verwendet allgemeine Begriffe, ohne sie einzugrenzen, so dass damit alle Waisen und alle Bedürftigen der Welt, welcher Religion sie auch angehören mögen, mit eingeschlossen sind.

     

     

    Daraus lässt sich auch schließen, dass in dieser Sure nicht die Rede im speziellen von nicht-Muslimen ist, sondern tatsächlich von jenen, die an sich einen Tag der Abrechnung und einen Tag der Widerauferstehung ablehnen. Denn egal welcher himmlischen Buchreligion man angehört, all diese Religionen glauben an einen Tag der Auferstehung und daher lassen sich in ihnen diese Eigenschaften nicht finden. Anders ist es bei jenen, die sich grundsätzlich von einem Gedanken der Religion trennen und alles Himmlische ablehnen und sich nur auf ihr Diesseits fixiert haben. Jene sind verschmolzen mit der Liebe zum Diesseits und schaffen es daher nicht sich davon zu trennen und sei es auch nur, um einem Waisen oder einem Bedürftigen zu helfen.

     

     

    Das arabische Wort „fa“ zu Beginn des zweiten Verses bedeutet und soll aufzeigen, welche Wirkung der zuerst genannten Ursache hat. Das heißt, dass die Verleugnung des Jenseits die Ursache dafür ist, dass jene Irreleitungen und Unrechttaten stattfinden. Und tatsächlich ist es so, dass wer an ein Jenseits und eine göttliche Abrechnung glaubt, ein positives Ergebnis dieses Glaubens in seinen Handlungen widergespiegelt sieht, allerdings wer dieses verleugnet und keinen Glauben aufweist, dessen Handlungen werden ein Erscheinungsbild davon und somit treten die unmenschlichen Handlungen und Sünden zum Vorschein.

     

     

    In dem dritten Vers lesen wir: „Und nicht anspornt zur Speise (ta’aam) des Bedürftigen“. Manche sagten, dass das arabische Wort „ta’aam“ (Speise) zwar verwendet wurde, aber dass damit das Wort „it’aam“, d.h. Speisung gemeint ist. Wohingegen Allamah Tabataba’i in seiner Quranauslegung eine Ansicht erwähnt, nach der das Wort „Speise“ absichtlich verwendet wurde, damit dadurch das Gefühl aufkommt, als würde der Bedürftige schon der Besitzer von dem sein, was ihm gegeben werden soll, so wie es in einem anderen heiligen Vers heißt: „Und in ihrem Vermögen ist ein Recht/Anteil für den Erbittenden und den Entsagten.“ (Sure al-dhariyat, Vers 19)

     

     

    Exegese:

     

     

    (4) So wehe den Betenden (5) diejenigen, die ihres Gebets nachlässig sind (sahun)

     

     

    Damit ist gemeint, dass sie dem Pflichtgebet keine Bedeutung beimessen und sich nicht um die Gebetszeiten kümmern, d.h. es ist ihnen gleichgültig, ob sie das Gebet verpassen oder verspäten. Und sie beachten nicht die Bedingungen und Verrichtungsweise des Gebets.

     

     

    Das arabische Wort „sahun“ stammt von dem Wort „al-sahu“ ab und damit ist das Versehen gemeint, wobei darunter der Fehler eines Menschen zu verstehen ist, der aufgrund einer Unaufmerksamkeit begangen wird. Dabei kann er entweder selbst verschuldet sein oder nicht. Im ersten Fall ist er nicht entschuldigt und im zweiten Fall schon. Im heiligen Vers ist aber die Rede von der selbstverschuldeten Unaufmerksamkeit, deren Grund ihre Nachlässigkeit ist. Dabei fällt auf, dass es im Vers nicht heißt „die in ihren Gebeten unaufmerksam sind“, denn diese Unaufmerksamkeit im Gebet tritt bei jedem Menschen auf, stattdessen heißt es in dem Vers „die ihres Gebets nachlässig sind“, das heißt, dass es das Gebet an sich ist. Sie sind nachlässig mit dem ganzen Gebet und haben nicht nur Probleme, während dem Verrichten des Gebets.

     

     

    Natürlich ist es möglich, dass selbst eine Nachlässigkeit des Gebets an sich einige Male unabsichtlich vorkommen kann, allerdings betrifft es sie ständig, da sie gar nicht daran glauben und wenn sie es verrichten, dann nur aus Angst vor dem Gerede der Menschen o.ä..

     

     

    In einer Überlieferung heißt es, dass Imam Sadiq (a.) gefragt wurde: „ ..diejenigen, die ihres Gebets nachlässig sind, ist damit die teuflische Einflüsterung gemeint?“ So antwortete der Imam (a.): „Nein, jeden trifft das. (Mit dem Vers ist gemeint), dass er damit (mit dem Gebet) unaufmerksam (umgeht) und es nicht zu Beginn der Zeit verrichtet.“[6]

     

     

    An dieser Stelle kommt folgender Gedanke auf: Wenn der Quran und somit Allah, der Erhabene, diejenigen, die mit dem Gebet nachlässig umgehen, mit dem Wort „wehe“ anspricht, wie schaut es dann mit denen aus, die überhaupt nicht ihr Gebet verrichten?

     

     

    Die vierte und fünfte Eigenschaften jener, die den Tag der Auferstehung verleugnen, nennen die zwei darauffolgenden Verse:

     

     

    Exegese:

     

     

    (6) diejenigen, die gesehen werden wollen (7) und die Hilfeleistung (ma’un) verweigern.

     

     

    Es gibt keinen Zweifel darin, dass einer der Gründe dafür, dass man Handlungen verrichtet, um von anderen gesehen zu werden, der ist, dass man nicht an den Tag der Auferstehung glaubt und keinen göttlichen Lohn möchte. Wie kann es sonst sein, dass ein Mensch Gottes Lohn auf Seite lässt um den Menschen zu gefallen?

     

     

    Viele Quranausleger sagen, dass mit dem Wort „ma’un“ die Hilfeleistung bei kleinen Dingen gemeint ist, wie z.B. Dinge, die manche Leute und vor allem Nachbarn von anderen Nachbarn ausleihen oder nehmen, wie z.B. etwas Salz, Wasser, Geschirr usw. Es ist klar, dass derjenige, der bei solchen Kleinigkeiten geizig ist, eine sehr üble Seele hat und keinen richtigen Glauben an Gott aufweisen kann. Sein Geiz erreicht solch eine Stufe, dass er nicht mal Kleinigkeiten hergeben kann, wobei diese Kleinigkeiten für andere große Bedürfnisse stillen können.

     

     

    Es wurde auch gesagt, dass mit „al-ma’un“ die Zakat-Zahlung gemeint ist, da diese nur einen kleinen Anteil von dem Ursprung ausmacht. So können es 10% oder 5% und manchmal auch nur 2,5% sein. Und natürlich ist es ein großes Vergehen, die Zakat nicht zu zahlen, da man dadurch viele gesellschaftliche Probleme lösen und behandeln kann. Imam Sadiq (a.) sagte über das Wort „ma’un“: „Es ist der Kredit, der ausgeliehen wird und die Haushaltsgegenstände, die verliehen werden und der Gefallen, den man macht.“[7] In einer anderen Überlieferung, sagt Imam Sadiq (a.) dasselbe, woraufhin er gefragt wird: „Ich habe Nachbarn, die wenn wir ihnen etwas leihen, diese Gegenstände kaputt machen und zerstören. Begehen wir eine Sünde, wenn wir sie daran hindern?“ Der Imam (a.) antwortete sinngemäß: „Nein, ihr begeht keine Sünde, wenn ihr sie daran hindert, wenn sie so sind.“[8]

     

     

    Es wurden auch noch viele andere Bedeutungen des Wortes „ma’un“ genannt. Al-Qurtubi hat ganze 12 aufgezählt, wobei viele davon ähnlich sind und die oben genannten Bedeutungen sind dabei die wichtigsten.

     

    __________________________________________

    [1] Tafsir ul-Mizaan, Band 20, Seite 425

    [2] Tafsir Majma‘ ul-Bayan, Band 10, Seite 350

    [3] Tafsir Majma‘ ul-Bayan, Band 10, Seite 546

    [4] Tafsir ul-Mizaan, Band 20, Seite 425

    [5] Tafsir Majma‘ ul-Bayan, Band 10, Seite 350

    [6] Tafsir Majma‘ ul-Bayan, Band 10, Seite 351

    [7] Tafsir Nour al-Thaqalayn, Band 5, Seite 679, Hadith 18

    [8] Tafsir Nour al-Thaqalayn, Band 5, Seite 679, Hadith 19

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