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    Tafsir/Exegese 108. Sure Al-Kawthar (Die Überfülle) – Verse 1-3

    • Ayatullah Makarem Shirazi
    • http://www.al-quran.de
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    إِنَّا أَعْطَيْنَاكَ الْكَوْثَرَ ﴿1﴾ فَصَلِّ لِرَبِّكَ وَانْحَرْ ﴿2﴾ إِنَّ شَانِئَكَ هُوَ الْأَبْتَرُ ﴿3

     

    (1) Wahrlich, Wir haben dir die Überfülle (an Gutem) gegeben. (2) So bete zu deinem Herrn und schächte (ein Kamel). (3) Wahrlich, der dich hasst, er ist der Abgeschnittene (von der Nachkommenschaft).

     

    Diese Sure ist mekkanisch.

     

    Der Inhalt dieser Sure:

     

    Es ist bekannt, dass diese Sure in Mekka offenbart wurde. Und es wurde berichtet, dass sie medinensisch sei. Außerdem wurde berichtet, dass es möglich sei, dass sie zweimal herab gesandt wurde: Einmal in Mekka und einmal in Medina. Allerdings deuten die Überlieferungen, die den Offenbarungsgrund aufzeigen, daraufhin, dass sie mekkanisch ist.[1]

     

    Offenbarungsgrund:

     

    Es wurde berichtet, dass al-`Aas bin Wa`il sah, wie der Gesandte Gottes (s.) aus der Moschee herauskam und so trafen sie sich an der Tür von Bani Sahm[2] und unterhielten sich, während einige der Qurayschiten in der Moschee saßen. Als `Aas dann in die Moschee eingetreten ist, wurde er gefragt: „Mit wem hast du gesprochen?“ So antwortete er: „Mit jenem Abgeschnittenen (von der Nachkommenschaft).“

     

    Und in der Zeit war Abdullah der Sohn von Rasul Allah (s.) gestorben und er war ein Sohn von Khadija. Und jener der keinen Sohn hat, wurde als „Abgeschnittener“ (arab. „abtar“) bezeichnet. Daher bezeichneten ihn die Leute von Quraysch nach dem Tod seines Sohnes als „abtar“. Und so überbringt die Sure dem Propheten (s.) die frohe Botschaft über die Überfülle an Wohltaten und bezeichnet seinen Feind als Abgeschnitten.[3]

     

    Zur näheren Erläuterung sei gesagt, dass der Prophet (s.) zwei Söhne von der Mutter der Gläubigen Sayyed Khadija (a.) hatte, zum einen „Qasim“ und zum anderen „Taher“, der auch Abdullah genannt wird. Beide sind in Mekka gestorben und so verblieb der Prophet (s.) ohne Kinder. Diese Angelegenheiten gaben den Feinden die Chance ihn zu erniedrigen und zu beleidigen und so bezeichneten sie ihn als Abgeschnittenen.[4]

     

    Dabei haben die Araber gemäß ihrer Traditionen, den Jungen eine große Bedeutung zu gesprochen und als einen Nachfolger des Vaters angesehen. Nach dem Tod von Abdullah dachten die Feinde, dass die Verbreitung der Botschaft nach dem Tod des Gesandten Gottes (s.) ein Ende finden würde.

     

    Die Sure wurde offenbart, um auf diese Feinde auf eine wundersame Art und Weise zu antworten und ihnen zu sagen: Der Feind des Gesandten Gottes ist derjenige, der Abgeschnitten ist. Und dass die göttliche Botschaft weiter verbreitet wird. Und so war diese Sure einerseits eine Antwort auf die Feinde des Propheten und andererseits eine frohe Botschaft für den Gesandten Gottes, nach dem was er ertragen und sich anhören musste.

     

    Die Vorzüge dieser Sure:

     

    Bezüglich des Vorzugs dieser Sure gibt es eine Überlieferung des Gesandten Gottes (s.), in der er sagt: „Wer sie (die Sure al-Kawthar) rezitiert, den tränkt Allah von den Flüssen des Paradieses und dem wird ein Lohn gegeben, gleich der Anzahl aller Opfergaben, die die Diener an einem Festtag leisten (…).“[5]

     

    Exegese:

     

    (1) Wahrlich, Wir haben dir die Überfülle (an Gutem) gegeben.

     

    In der gesamten Sure sind die Worte an den Gesandten Gotte (s.) gerichtet (wie in der Sure al-Duha und der Sure al-Sharh) und dabei ist eines der Ziele dieser Sure das Herz des Propheten (s.) zu erfreuen aufgrund der traurigen Ereignisse und der Schmähungen seiner Feinde ihm gegenüber. So spricht die Sure zum Gesandten Gottes und sagt als erstes: „Wahrlich, Wir haben dir die Überfülle (al-Kawthar) (an Gutem) gegeben.“

     

    Das arabische Wort „al-Kawthar“ stammt ursprünglich von dem Wort „al-Kithra“ zu Deutsch „die Vielzahl“ ab und bedeutet die Überfülle an Gutem.

     

    Außerdem wurde über die Bedeutung des Wortes „Kawthar“ eine Überlieferung angeführt, in welcher der Prophet (s.) auf die Kanzel gestiegen ist, nach dem ihm diese Sure offenbart wurde und sie den Menschen verlas. Als er abstieg wurde er gefragt: „Oh Gesandter Gottes, was ist das, was dir Allah gab?“ Und so sagte er: „Ein Fluss im Paradies, der weißer ist als Milch (…).“[6]

     

    Und über Imam Sadiq (a.), dass er über die Bedeutung des Wortes „Kawthar“ sagte: „Ein Fluss im Paradies, den Allah unserem Propheten als Ersatz für seinen Sohn gab.“[7]

     

    Und es wurde gesagt, es sei das Becken, an dem die Menschen den Propheten (s.) am Tag der Auferstehung antreffen werden.

     

    Und es wurde auch gesagt, damit seien das Prophetentum und das heilige Buch gemeint.

     

    Und es wurde gesagt, damit sei der Quran gemeint.

     

    Und es wurde gesagt, damit seien die vielen Gefährten und Anhänger gemeint.

     

    Und es wurde gesagt, damit sei die Vielzahl an Nachkommen gemeint und dabei ist tatsächlich eine große Anzahl an Nachkommenschaft durch die Kinder Fatimas (a.) entstanden, deren Anzahl nicht mehr zählbar ist.

     

    Und es wurde über Imam Sadiq (a.) überliefert, das damit die Fürsprache gemeint sei. [8]

     

    Und es wurde gesagt, dass damit die Gelehrten seiner Gemeinschaft, der Islam, das Eingottesbekenntnis, das Wissen und die Weisheit oder sein Herzenslicht gemeint seien.[9]

     

    Manche Gelehrte haben 26 Bedeutungen aufgezählt, der sunnitische Großgelehrte Fakhr al-Raazi hingegen hat 15 Meinungen aufgezählt. Allerdings sind das alles in Wirklichkeit nur Beispiele der genannten Bedeutung „die Überfülle an Gutem“.

     

    Wir wissen, dass Allah, der Erhabene dem Gesandten Gottes (s.) viele Wohltaten geschenkt hat, unter anderem all das, was genannt wurde und jedes davon könnte ein Beispiel für diesen Vers sein. Allerdings wenn man sich die Verse im Kontext anschaut und den Offenbarungsgrund beachtet, dann wird man sehen, dass in Wirklichkeit die Rede von einer Nachkommenschaft ist und dem Propheten (s.) der Vorwurf gemacht wurde, er würde keine Kinder bekommen und diese Sure dann eine Antwort dargestellt hat auf diesen Vorwurf, in dem sie erwidert, dass dem Propheten sehr wohl eine Nachkommenschaft geschenkt wurde und das ist niemand anderes als die Fürstin der Frauen aller Welten, Sayyidah Fatimat az-Zahraa (a.). Und das ist auch die Ansicht, welche die meisten Gelehrten schließlich vertreten.

     

    Selbst der sunnitische Großgelehrte al-Fakhr al-Raazi schreibt in seiner Auslegung des Wortes „kawthar“: „Die dritte Ansicht ist, dass mit „kawthar“ seine Kinder gemeint sind. Dies wird gesagt, da diese Sure eine Antwort an jene ist, die ihn damit geschmäht haben, dass er keine Kinder habe und so ist die Bedeutung (dieses Verses), dass ihm eine Nachkommenschaft gegeben wird, die ewig hinweg vorhanden sein wird. Und so schaut wie viele sie von der Ahlulbayt getötet haben und trotz dessen ist die Welt gefüllt von ihnen. Hingegen ist keiner der Bani Umayyah übriggeblieben. Und so schaut wie viele großartige Gelehrte es unter ihnen gab wie al-Baqir, al-Sadiq, al-Kadhim und al-Rida..“[10]

     

    Auf alle Fälle darf man nicht vergessen, dass diese Sure offenbart wurde, um die Überfülle an Gutem anzukündigen, das heißt dieses Gute war noch nicht vorhanden und es ist eine Zukunftsvorhersage, welche ein weiterer Beweis für die Wahrhaftigkeit des Prophetentum des Propheten Muhammad (s.) darstellt. In Wirklichkeit gab es in diesem Vers drei Zukunftsvorhersagen und damit drei Wunder:

     

    Erstens sagt sie voraus, dass dem Propheten eine Überfülle an Gutem gegeben wird. Zweitens sagt sie voraus, dass der Prophet nicht ohne Nachkommen verbleiben wird. Und drittens zeigt sie auf, dass seine Feinde es sind, die ohne Nachkommen verbleiben werden und tatsächlich zeigt die Geschichte auf, dass die Nachkommen des Propheten (s.) heute in einer Überfülle vorhanden sind, aber es keine Nachkommen von Bani Umayyah und Bani Abbas gibt, welche dem Propheten (s.) und seinen Nachkommen feindlich gesinnt waren und anfangs eine große Anzahl an Kinder hatten.

     

    Weiterhin fällt auf, dass in den Versen die „Wir“-Form benutzt wird und somit statt im Singular, im Plural gesprochen wird und dies soll die Großartigkeit Allahs aufzeigen und die Macht und die Kraft Allahs demonstrieren.

     

    Diese Überfülle an Gutem zieht natürlich auch die Notwendigkeit einer großartigen Dankbarkeit dafür mit sich, auch wenn die Geschöpfe nicht fähig sind jemals in dem Maße zu danken, wie es der Schöpfer verdienen würde, da der Erfolg zur Danksagung eine weitere Gnade des erhabenen Herrn ist. Daher spricht Allah (swt) zu seinem Propheten (s.):

     

    Exegese:

     

    (2) So bete zu deinem Herrn und schächte (inhar) (ein Kamel).

     

    Es ist deutlich, dass die Dankbarkeit dem Herrn gebührt, der die Gaben verteilt hat. Jeglicher Gottesdienst und Opferung gebührt nur Allah, dem Erhabenen dem Geber und Verteiler der zahlreichen Gnaden. Dabei ist der Aufruf zum Gebet und zur Opferung eines Kamels dem gegenüber gestellt, was die Polytheisten machten, in dem sie sich ihren Götzen niederwarfen und für sie Opfer brachten, während die Gaben von Allah, dem Erhabenen stammten. Der Zusatz in dem Vers „zu deinem Herrn“, zeigt deutlich auf, dass in den Gottesdiensten die Nähe zu Allah beabsichtigt sein muss.

     

    Viele Quranausleger sind der Ansicht, dass mit dem Gebet, das Festgebet (Salat ul-´Id) und die Opferung des Tieres in diesem Fest gemeint sind, allerdings ist der Vers allgemein gehalten. Dabei kann aber das Festgebet und die Festtagsopferung ein Beispiel dafür sein.

     

    Das arabische Wort „inhar“, das in dem Vers in der Befehlsform benutzt wird, stammt ursprünglich von dem Wort „al-nahr“ ab und damit ist im Arabischen grundsätzlich die Schächtung eines Kamels gemeint.[11] Es kann sein, dass speziell das Kamel beabsichtigt wurde, aufgrund seiner Wichtigkeit unter den Opfertieren und weil die Muslime Kamele sehr geehrt haben und seine Schächtung schwierig ist und für viel Aufruhr sorgt.

     

    Allerdings wurden auch für diesen Vers zwei weitere Auslegungen genannt:

     

    1. Es wurde gesagt, dass mit dem Wort „al-nahr“ nicht die Schächtung eines Kamels gemeint ist, sondern, dass der Prophet (s.) sich in Richtung Qibla während des Gebets wenden soll, da als „al-nahr“ auch die oberste Stelle der Brust bezeichnet wird und die Araber dieses Wort auch dafür benutzt haben, um sich etwas hinzuwenden.

     

    1. Es wurde gesagt, dass damit gemeint ist, dass der Prophet seine Hände heben soll, aufgrund des Takbirs im Gebet. Daher heißt es auch in einer Überlieferung, dass als Imam diq (a.) diesen Vers erläutert hat, er sich in Richtung Qibla gedreht hat und seine Hände hob, so dass seine Handflächen Richtung Qibla zeigten und er damit das Gebet eröffnete und sagte: „So (das ist damit gemeint)“.[12]

     

    Allerdings scheint die erst genannte Auslegung mit dem Schächten des Kamels passender, denn was mit dem Vers gemeint war, ist, dass den Polytheisten geantwortet werden sollte, die für jemand anderen außer Allah gebetet und geopfert haben. Es spricht jedoch nichts dagegen, die drei Auslegungen zusammen zu fassen und allesamt als richtig anzusehen. Vor allem da es bzgl. dem Heben der Hände zum Takbir viele Überlieferungen in den Büchern der Shiiten und Sunniten gibt. So hat dieser Vers mehrere Bedeutungen.

     

    Im letzten Vers dieser Sure spricht Allah (swt) zum Propheten (s.) und antwortet damit seinen Feinden:

     

    Exegese:

     

    (3) Wahrlich, der dich hasst (shani’aka), er ist der Abgeschnittene (al-abtar) (von der Nachkommenschaft).

     

    Mit „shani´aka“ ist im arabischen der Feind gemeint oder der, der dich hasst. Und als „al-abtar“ wird ursprünglich in der Sprache das Tier bezeichnet, das einen abgeschnittenen Schwanz hat.[13] Dabei wurde dieser Ausdruck von den Feinden des Islams benutzt, um damit andere zu erniedrigen und zu schmähen. Und die Nutzung dieses Wortes zeigt, dass dein Feind dich kein bisschen respektiert oder deine Ehre bewahrt. Und der heilige Quran antwortet diesen Feinden, in dem er ihnen sagt, dass sie in Wirklichkeit diese Eigenschaft aufweisen und nicht der Gesandte Gottes (s.). Auf der anderen Seite, so wie wir im Offenbarungsgrund der Sure geschrieben haben, hat Quraysch darauf gehofft, dass die göttliche Botschaft mit dem Tod des Propheten (s.) zu Ende geht, da sie sagten: Der Prophet hat keine Nachkommenschaft. Dabei antwortet der Quran und sagt dem Prophet: Nicht du bist ohne Nachkommenschaft, sondern deine Feinde sind ohne Nachkommenschaft.

     

     

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    [1] Tafsir ul-Amthal, Band 15, Seite 557

    [2] Bani Sahm waren ein Stamm, der den Qurayschiiten angehörte.

    [3] Tafsir Majma` ul-Bayan, Band 10, Seite 549

    [4] Der Gesandte Gottes (s.) hatte auch noch einen dritten Sohn von seiner Ehefrau Maria al-Qibtiyya der den Namen „Ibrahim“ trug. Er ist 8 Jahre (n.d.H.) in Medina geboren. Allerdings ist auch er gestorben, bevor er das zweite Lebensjahr erreichen konnte.

    [5] Tafsir Nour al-Thaqalayn, Band 5, Seite 680

    [6] Tafsir Majma´ ul-Bayan, Band 10, Seite 549

    [7] Tafsir Majma´ ul-Bayan, Band 10, Seite 549

    [8] Tafsir Majma´ ul-Bayan, Band 10, Seite 549

    [9] Tafsir ul-Mizaan, Band 20, Seite 428

    [10] Tafsir Fakhr al-Raazi, Band 32, Seite 124

    [11] Das Wort „al-nahr“ wird im speziellen nur für das Schächten eines Kamels benutzt, dessen Schlachtung anders, als bei der Schlachtung eines Schafes beispielsweise abläuft. So gibt es in der islamischen Rechtswissenschaft eine spezielle Form des Schlachtens, das nur für das Kamel angewandt werden darf und auch nur in dieser Form das Fleisch religionsrechtlich verzehrbar macht. So heißt es in Tahrir ul-Wasilah von Imam Ruhullah Khomeini: „Das Kamel zeichnet sich von den anderen Tieren dadurch aus, dass es durch al-Nahr (islamrechtlich) geschächtet wird..“ (Tahrir ul-Wasilah, Band 2, Seite 140, Nr. 16).

    [12] Tafsir Majma´ al-Bayan, Band 10, Seite 550

    [13] Tafsir Majma´ al-Bayan, Band 10, Seite 548