islamic-sources

    1. Startseite

    2. article

    3. Tafsir/Exegese 114. Sure Al-Naas (Die Menschen) – Verse 1-3

    Tafsir/Exegese 114. Sure Al-Naas (Die Menschen) – Verse 1-3

    Rate this post

     

    Tafsir/Exegese 114. Sure Al-Naas (Die Menschen) – Verse 1-3

    قُلْ أَعُوذُ بِرَبِّ النَّاسِ ﴿1﴾ مَلِكِ النَّاسِ ﴿2﴾ إِلَٰهِ النَّاسِ ﴿3﴾
    (1) Sprich: Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn der Menschen. (2) (dem) König der Menschen. (3) (dem) Gott der Menschen.

     

    Diese Sure ist mekkanisch[1].

     

    Der Inhalt dieser Sure:

     

    Der Mensch ist stets den teuflischen Einflüsterungen ausgesetzt. Und die teuflischen Menschen und Geisteswesen (Jinn) sind stets darum bemüht einen Einfluss auf unsere Herzen auszuüben. Umso höhere Stufen des Wissens der Mensch erreicht und umso höher seine Stellung in der Gesellschaft wird, desto mehr ist er den Einflüsterungen ausgesetzt, die das Ziel haben ihn von Gottes Weg zu entfernen.

     

    Diese Sure befiehlt dem heiligen Propheten (s.) in seiner Stellung als Vorbild für die Menschheit, dass er Zuflucht nimmt bei Allah vor dem Übel der Einflüsterer.

     

    Der Inhalt dieser Sure ähnelt dem Inhalt der Sure al-Falaq. Beide handeln von der Zufluchtnahme bei Allah vor dem Übel, mit dem Unterschied, dass die Sure al-Falaq die verschiedenen Arten des Übels anspricht und diese Sure (an-Naas) sich auf das Übel des Einflüsterers spezifiziert hat.

     

    Offenbarungsgrund:

     

    In einer Überlieferung von Fadl bin Yasaar, dass er sagte: „Ich hörte Aba Jaafar (a.) sagen: „Der Gesandte Gottes (s.) klagte schwer und litt unter starken Schmerzen, so kamen Gabriel (Jibra’il) und Michael (Mika’il). Gabriel (a.) setzte sich neben seinem Kopf und Michael (a.) neben seinen Füßen. So ließ Gabriel ihn (s.) Zuflucht nehmen durch (die Sure) „qul a’uthu bi rabbil falaq“ (ich nehme Zuflucht beim Herrn der Morgendämmerung) und Michael (a.) durch (die Sure) „qul a’uthu bi rabbil Naas“ (ich nehme Zuflucht beim Herrn der Menschen).“[2]

     

    Die Vorzüge dieser Sure:

     

    Es lassen sich bzgl. der Vorzüge dieser Sure einige Überlieferungen finden. Es folgen zwei davon:
    Im Buch Thawab al- ‘Amaal über Abi Jafar (a.), dass er sagte: „Wer die zwei Zufluchtnehmenden (Suren) und „qul huwa Allahu ‘ahad“ im Witr-(Gebet)[3] rezitiert, dem wird gesagt: Oh Diener Gottes, sei beglückwünscht, Allah hat dein Witr-(Gebet) angenommen.“[4]

     

    Über Abaan bin taghlab über Jaafar bin Muhammad (a.), dass er sagte: „Der Gesandte Gottes (s.) sagte: „Es gibt keinen Gläubigen, der nicht in seinem Herzen innerhalb seiner Brust zwei Ohren hat. In ein Ohr flüstert ihm ein Engel zu und in das (andere) Ohr flüstert ihm der heimtückische Einflüsterer zu. Und so gibt Allah den Gläubigen Rückhalt durch den Engel und (das ist gemeint) mit Seinen [gepriesen (sei Er)] Worten: „..und Er stärkte sie mit Seinem Geiste..“.“[5]

     

    Exegese:

     

    In dieser Sure sind die Worte an den Gesandten Gottes (s.) gerichtet mit Rücksichtnahme darauf, dass er das beispielhafte Vorbild für die Menschen darstellt und sie umfassen natürlich ebenso die restliche Menschheit.

     

    (1) Sprich: Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn der Menschen. (2) (dem) König der Menschen. (3) (dem) Gott der Menschen.
    Zunächst muss angemerkt werden, dass mit der „Zufluchtnahme“ im ersten Vers natürlich nicht nur die einfache Wiedergabe dieser Worte mit der Zunge gemeint ist. Vielmehr ist das Augenmerk darauf gerichtet, dass der Mensch sich mit seiner Überzeugung und seiner Denkweise vollständig nach Allah (swt) richtet, gemäß den von Ihm festgelegten Maßstäben handelt und dadurch die Zufluchtnahme auslebt und nicht nur ausspricht. Dabei muss er sich fernhalten von den teuflischen Wegen und den irreführenden Gedanken; fernhalten von den teuflischen Treffen und Versammlungen und in die Richtung des göttlichen Pfades blicken. Ansonsten wird derjenige, der die Zügel seiner Seele gelockert hat, den Einflüsterungen anfällig geworden ist und dem Teufel die Tore geöffnet hat, weder aus der bloßen Rezitation dieser Sure, noch aus der vielfachen Wiedergabe der Zufluchtnahme mit der Zunge, Nutzen ziehen.

     

    Wenn wir die ersten drei Verse nun genauer betrachten, so fällt auf, dass diese Verse sich speziell auf drei Eigenschaften Allahs (swt) konzentrieren und zwar auf:
    •    die erziehende/herrschende Eigenschaft (rububiyyah),
    •    die besitzende/königliche Eigenschaft (malikiyyah) und
    •    die göttliche Eigenschaft (‘uluhiyyah).

     

    Allerdings könnte man hier zu Recht einwenden: weshalb erwähnt Allah (swt) gerade diese drei Eigenschaften? Hätte es nicht ebenso ausgereicht, zu sagen: „Sprich: Ich nehme meine Zuflucht bei Gott“? Hätte das nicht denselben Sinn wiedergegeben?
    Damit wir diese göttlichen Verse besser verstehen können, ist es erforderlich auf einen wichtigen Punkt aufmerksam zu machen: Sowohl der heilige Quran als auch die segensreichen Bittgebete der edlen Imame (a.) haben uns auf die Tatsache hingewiesen, dass Allah (swt) viele Namen und Eigenschaften besitzt, die Er sich zuschreibt. Allein in Dua Jawshan al-Kabir (das Bittgebet der Großen Rüstung) lassen sich tausend Seiner Attribute finden. Und im heiligen Quran wurden wir explizit dazu aufgerufen uns an Allah (swt) durch diese Namen zu wenden, in dem der Erhabene sprach: „Und Allah hat die schönsten Namen, so ruft Ihn damit an..“ (7:180)

     

    Speziell Seine Namen im heiligen Quran haben bestimmte, wichtige Bedeutungen, je nach dem in welchem Vers und in welchem Zusammenhang sie erwähnt werden. So drückt jede dieser Eigenschaften auf eine gewisse Art und Weise die Beziehung zwischen Allah (swt) und Seinen Geschöpfen oder den entsprechenden Umständen aus.

     

    Aus diesem Grund sind wir dazu aufgerufen, Allah (swt) je nach unseren Wünschen, Bedürfnissen oder Zuständen mit dem entsprechenden Namen anzurufen. Zum Beispiel sollte jemand, der sich um seinen Unterhalt sorgt und Unterstützung von Allah (swt) in dieser Hinsicht erhalten möchte, Allah (swt) mit dem Namen „(ya) Razzaq“ („Oh Du Versorger“) rufen, aber nicht unbedingt mit dem Namen „(ya) Mumit“ („Oh Du Verursacher des Todes“). Im Grunde genommen sind beide Namen Eigenschaften Allahs (swt), allerdings sind es unsere Zustände, durch die wir Allah (swt) z.B. wenn wir um Unterhalt flehen, aus der Sicht als Versorger anrufen und betrachten und nicht unbedingt aus der Sicht als Verursacher des Todes, obwohl natürlich beides auf Allah (swt) zutrifft. Daher heißt es z.B. in einem der Qunut Bittgebete, dessen Rezitation im Gebet empfohlen ist: „O Allah richte über mich mit Deiner Großzügigkeit und richte nicht über mich mit Deiner Gerechtigkeit, oh Du Gütiger!“

     

    Hier appellieren wir auf Allahs (swt) Großzügigkeit, weil wir wissen, dass Allah (swt) der Großzügigste aller Großzügigen ist, allerdings beharren wir nicht darauf, dass Er durch Seine Eigenschaft als Gerechter Herrscher über uns richtet, weil wir wissen, dass wir in Wirklichkeit Allah (swt) viel zu wenig gedient haben und viel zu undankbar waren für all die Gnaden, als dass wir das Paradies ohne Allahs (swt) Großzügigkeit je erlangen würden.

     

    Wenn wir uns nun die Eigenschaften ansehen, die sich Allah (swt) in der Sure an-Naas zuschreibt, dann sehen wir, dass alle in direkter Verbindung mit der Erziehung des Menschen und seiner Bewahrung vor dem Einfluss der Einflüsterer stehen.

     

    1. Die erziehende/herrschende Eigenschaft (rububiyyah)

     

    So nennt der Quranvers zunächst die erziehende/herrschende Eigenschaft Allahs (swt) mit den Worten: „[Ich nehme meine Zuflucht] beim Herrn der Menschen“. Sprachlich betrachtet leitet sich das Wort „rabb“ (Herr) im Arabischen von dem Wort „tarbiyah“ (Erziehung) ab.[6] Und der Herr ist derjenige, der die Menschen erschafft und sich um ihre Angelegenheiten kümmert und sie erzieht.

     

    Das bedeutet es soll hier darauf hingedeutet werden, dass der wahrhaftig Zufluchtnehmende sich vor Augen halten muss, dass jener bei Dem er Zuflucht nimmt, sein Herr, Schöpfer, Erzieher und Rechtleiter ist, von dem sein Dasein abhängt.
    An dieser Stelle merkt Allamah Tabataba’i in seiner Exegese an[7], dass der Grund, weshalb zuerst diese Eigenschaft gewählt wurde, darin liegt, dass der Herr und Erzieher (ganz abgesehen davon, dass wir an dieser Stelle Allah (swt) meinen und allgemein betrachtet) zum einen dem Menschen am nächsten steht und zum anderen seine Reichweite in der er Vormund ist und Einfluss ausüben kann, enger und kleiner ist, da normalerweise ein Erzieher nur eine kleinere Gruppe erzieht.

     

    2. Die besitzende/königliche Eigenschaft (malikiyyah)

     

    Wenn wir nun den zweiten Vers „(dem) König der Menschen“ betrachten, so ist hier die besitzende/königliche Eigenschaft gemeint. So ist es verständlich, dass jemand der Zuflucht nimmt, diese Zuflucht bei jemandem sucht, der fähig dazu ist, diese zu bieten. Jemand, der die Macht und die Kraft aufweist und dessen Reichweite in der Machtausübung groß genug ist, wie z.B. ein König, dem sein gesamtes Königreich gehört und unter seiner Kontrolle liegt. Und wenn der Zufluchtnehmende diese Worte spricht, dann muss er sich vor Augen halten, dass er Zuflucht nimmt beim König der Könige, dessen Reich die ganze Welt umfasst. Und diese Eigenschaft wurde als zweites genannt, da der König schwerer zu erreichen ist, jedoch seine Vormundschaft und sein Radius, worüber er verfügt, größer ist und er von denen um Hilfe gebeten wird, die keinen eigenen Vormund haben.

     

    3. Die göttliche Eigenschaft (‘uluhiyyah)

     

    Die dritte Eigenschaft Gottes, die in dieser Sure genannt wird, ist die göttliche Eigenschaft, womit Allah (swt) speziell von der Sicht als Angebeteter betrachtet wird, neben Dem kein anderer Gott angebetet wird. Und hier muss sich daher der Zufluchtsuchende im Klaren darüber sein, dass es niemand Anderen außer Allah (swt) gibt, bei Dem er Zuflucht nimmt und dass Er der einzige ist, Der dazu fähig ist, dem Menschen überhaupt richtige Zuflucht zu gewähren und das Recht hat angebetet und um Hilfe gefleht zu werden. Diese Eigenschaft wurde als drittes und letztes erwähnt, weil Gott der Gewaltige ist, an den sich der Mensch mit vollkommener Aufrichtigkeit (ikhlas) wendet und nicht aus seiner materiellen Natur heraus.

     

    Und Allah (swt) hat diese drei Eigenschaften in einem einzigen Quranvers zusammengefasst, indem Er (swt) sprach: „..Das ist Allah, euer Herr (rabb). Sein ist das Reich (mulk). Es gibt keine Gottheit (ilaah) außer Ihm.“ (39:6)  Wenn wir nun tiefer im heiligen Quran forschen, so werden wir auch den Grund finden, weshalb Allah (swt) sich diese drei Eigenschaften zugeschrieben hat. So hat sich Allah (swt) die erziehende/herrschende und göttliche Eigenschaft zugeschrieben, da: „Herr des Ostens und des Westens, es gibt keine Gottheit außer Ihm; daher nimm Ihn zum Beschützer“ (73:9) Und die besitzende/königliche Eigenschaft, da: „Sein ist das Königreich der Himmel und Erde; und zu Allah kehren alle Angelegenheiten zurück.“ (57:5)

     

    Was den Grund betrifft, weshalb diese drei Eigenschaften nicht in einem Satz miteinander verbunden wurden, wie z.B.: „Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn, dem König und Gott der Menschen.“  So liegt es daran, dass dadurch ausgedrückt werden soll, dass jede dieser Eigenschaften einen eigenen Grund dafür darstellt, um das Übel abzuwehren. So ist einer der Gründe, dass er der Herr der Menschen ist und einer, dass er der König der Menschen ist und ein weiterer, dass er der Gott der Menschen ist. Aus diesen drei Gründen ist Allah (swt) fähig dieses Übel von uns fernzuhalten und das soll durch die Einteilung in drei Verse hervorgehoben werden.

     

    Zu guter Letzt stellt sich noch die Frage: Weshalb wurde das Wort „Mensch“ so oft wiederholt? Weshalb heißt es nicht: „Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn der Menschen und ihrem König und ihrem Gott?“ Und das liegt daran, dass diese Zufluchtnahmen eigenständig erwähnt werden können und nicht miteinander zusammenhängen, sondern unabhängig voneinander sind. So kann man die Zufluchtnahme ausdrücken, in dem man sagt, man nimmt Zuflucht beim Herrn der Menschen oder dem Gott der Menschen. Und auf alle Fälle gebühren ohne Zweifel alle diese Eigenschaften Allah, dem Erhabenen, dem Einen, dem keiner gleich ist.

     

    …………………

    [1] Es herrscht Uneinigkeit unter den Quran-Auslegern (Mufasirin) bzgl. dem Ort, an dem diese Sure herab gesandt wurde. Einige sagten sie sei mekkanisch und andere sie sei medinisch. Allerdings lässt der Aufbau der Verse darauf hindeuten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie mekkanisch ist, höher ist. Außerdem wurde sie gemäß den Überlieferungen zusammen mit der Sure al-Falaq herab gesandt und diese ist gemäß der mehrheitlich vertretenen Meinung mekkanisch. Gemäß Tafsir ul-Mizaan und Majma‘ al-Bayan wurde sie allerdings als medinisch eingestuft.
    [2] Quelle: Tafsir Nour ul-Thaqalayn, Band 5, Seite 724, Hadith Nr. 2 und Majma‘ al-Bayan, Band 10, Seite 560
    [3] Mit dem Witr-Gebet ist der letzte Einzel-Gebetsabschnitt im Nachmitternachtsgebet (Salat-ul-Layl) gemeint.
    [4] Quelle: Tafsir Nour ul-Thaqalayn, Band 5, Seite 724, Hadith Nr. 1
    [5] Quelle: Tafsir ul-Mizaan, Band 20, Seite 461
    [6] Quelle: Lisaan ul-‘arab, Band 1, Seite 399
    [7] Quelle: Tafsir ul-Mizaan, Band 20, Seite 459
    ________________________________________

     

    Quelle: http://www.al-quran.de/tafsir/114/1.htm