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    „Taqlid“ – die religiöse Nachahmung (Teil 2): Wie entstand die Notwendigkeit zur religiösen Nachahmung?

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    Wenn wir uns das Leben mit all seinen unterschiedlichen Schwerpunkten, seien es gesellschaftliche, wirtschaftliche oder soziologische Angelegenheiten, anschauen, so stellen wir fest, dass jede dieser Richtungen eine bestimmte Erkenntnis und Wissen voraussetzt. Dieses Wissen ist manchmal oberflächlich und einfach, sodass eine Vielzahl der Menschen dieses Wissen erfassen können, oder aber es ist detailliert, schwierig und nicht offensichtlich – und das ist der häufigere Fall. Damit ist eine große Anstrengung und Analyse hinsichtlich dieser Angelegenheit notwendig, um aus ihr Wissen und Erkenntnisse zu ziehen. Beispielsweise weiß jeder, dass er sich keinem extrem kalten Klima aussetzen soll, da er sonst krank wird oder Gliedmaßen erfrieren könnten. Aber viele andere Ursachen und Krankheiten und Vorbeugungen sind dem Nicht-Mediziner unbekannt. Der Mediziner jedoch besitzt aufgrund eines langjährigen Studiums, sowie tiefreichende Analysen und Praktikumsjahre ein ausgeprägtes Wissen hinsichtlich der Medizin. Dementsprechend verhält es sich beim Landwirt, Ingenieur oder in anderen Zweigen der Wissenschaft.

     

    Aufgrund der Tatsache, dass es dem Menschen nicht möglich ist, ein Experte in sämtlichen Gebieten zu sein und seine Lebensdauer es nicht zulässt, dass er sich in alle Gebiete des Lebens vertieft, hat die menschliche Gesellschaft dieses Problem insofern gelöst, indem sie für jeden Zweig und für jede Lehre eine Gruppe von Menschen eingesetzt hat, die sich darin vertieft haben und Experten hinsichtlich dieser Lehre wurden. So war es nun möglich, dass beispielsweise der Ingenieur sich auf den Mediziner verlassen konnte, sobald er eine Krankheit hatte und der Mediziner vertraute dem Ingenieur, falls er ein technisches Problem bewältigen musste. Damit wurden die Arbeit und das Wissen auf alle Menschen geteilt und jeder trug die Verantwortung für seinen Bereich und war ein Vertreter und Experte dieses Zweiges.

     

    Der Islam ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme und baut auf dem gleichen Prinzip auf. Allah (t.) verpflichtet nicht jede Seele zur detaillierten und tiefgehenden Anstrengung und Studium bezüglich der islamischen Wissenschaften und zur Extraktion der religiösen Urteile. Genauso erlaubt es Allah (t.) niemandem, die religiösen Rechtsurteile aus dem heiligen Qur’an und der Verfahrensweise des Propheten (s.) zu extrahieren, der nicht dazu befugt ist und kein Experte in diesem Gebiet ist. Nur die Experten und diejenigen, die zur selbstständigen Rechtsfindung befugt sind, dürfen die religiösen Rechtsurteile aus den Quellen extrahieren, da ansonsten die Gefahr zu groß wäre, dass große Irreleitungen und falsche Lehren verbreitet werden. Aus diesem Grund existieren diese beiden Wege und Zustände, um die religiösen Urteile kennen zu lernen.

     

    „Al-Idschtihād“ (selbstständige Rechtsfindung):

     

    bezeichnet die Spezialisierung auf die islamische Gesetzgebung

     

    „Al-Taqlid“ (die religiöse Nachahmung):

     

    bezeichnet das Vertrauen auf den Experten in der islamischen Gesetzgebung

     

    Der Grund dafür, wieso der Prozess der Rückkehr zum Experten als „Taqlid“ bezeichnet wird, ist, dass der religiös Erwachsene seine Taten wie eine Kette[1] am Hals des religiösen Rechtsgelehrten anlegt, dem er folgt. Dies ist ein symbolischer Ausdruck dafür, dass der religiöse Rechtsgelehrte für die erstellen Rechtsurteile vor Allah (t.) verantwortlich ist, so wie es in verschiedenen Überlieferungen deutlich wird.

     

    وعن علي بن إبراهيم ، عن أبيه ، عن ابن أبي عمير ، عن عبد الرحمن بن الحجاج ، قال : كان أبو عبدالله ( عليه السلام ) قاعدا في حلقة ربيعة الرأي ، فجاء أعرابي ، فسأل ربيعة الرأي عن مسألة ، فأجابه ، فلما سكت قال له الأعرابي : أهو في عنقك ؟ فسكت عنه ربيعة ، ولم يرد عليه شيئا ، فأعاد المسألة عليه ، فأجابه بمثل ذلك ، فقال له الأعرابي : أهو في عنقك ؟ فسكت ربيعة ، فقال أبو عبدالله (عليه السلام ) : هو في عنقه قال أو لم يقل، وكل مفتٍ ضامن.

     

    Von `Abd al-Raĥmān Ibn al-Ĥajjāj wird überliefert, dass er sagte: „Einst saß Abu Abdillah (a.) in einer Runde mit Rabi’a al-Ra’iy als ein Beduine kam und Rabi’a über eine Angelegenheit befragte und dieser antwortete. Als Rabi’a mit der Antwort fertig war, fragte der Beduine: „Bist du für diese Antwort verantwortlich?“[2] Rabi’a antwortete darauf nicht. So wiederholte der Beduine seine Anfrage und Rabi’a antwortete wie schon beim ersten Mal. Da sagte der Beduine wieder: „Bist du für diese Antwort verantwortlich?“ Rabi’a schwieg wieder. Da sagte Abu Abdillah (a.): „Er ist dafür verantwortlich, ob er dies sagt oder nicht und jeder Mufti [3] ist ein Bürge.“[4]

     

    2.1 Die erlaubte und verbotene Nachahmung

     

    Die religiöse Nachahmung eines Rechtsgelehrten, der zur selbstständigen Rechtsfindung befugt ist, unterscheidet sich stark von der Nachahmung, welche auf Fanatismus und Blindheit erfolgt. Es gibt einen Unterschied, ob wir die Meinung von jemanden annehmen und sie blind glauben ohne zu prüfen, oder aber sich auf einen Experten hinsichtlich religiöser Angelegenheiten zu verlassen. Die erste Art der Nachahmung, also das blinde Befolgen, wird vom heiligen Qur’an stark kritisiert.

     

    بَلْ قَالُوا إِنَّا وَجَدْنَا آبَاءَنَا عَلَى أُمَّة ٍ وَإِنَّا عَلَى آثَارِهِمْ مُهْتَدُونَ

     

    Nein, sie sprechen: Wir fanden unsere Väter auf einem Weg und wir lassen uns durch ihre Fußstapfen leiten [5]

     

    وَكَذَلِكَ مَا أَرْسَلْنَا مِنْ قَبْلِكَ فِي قَرْيَة ٍ مِنْ نَذِير ٍ إِلاَّ قَالَ مُتْرَفُوهَا إِنَّا وَجَدْنَا آبَاءَنَا عَلَى أُمَّة ٍ وَإِنَّا عَلَى آثَارِهِمْ مُقْتَدُونَ

     

    Und ebenso sandten Wir keinen Warner vor dir in irgendeine Stadt, ohne dass die Reichen darin gesprochen hätten: Wir fanden unsere Väter auf einem Weg, und wir treten in ihre Fußstapfen [6]

     

    Die zweite Art der Nachahmung ist jene, welche gelobt wird und von Anbeginn des Islams bis zu unserer heutigen Zeit existiert. Aus diesem Grund haben die rechtmäßigen Führer der Ahl al Bayt (a.) ihre Anhänger dazu aufgerufen, die Rechtsgelehrten (Fuqahā) aus ihrer Anhängerschaft zu konsultieren und sie nachzuahmen und die Beweise hierfür aus dem heiligen Qur’an und der reinen Verfahrensweise werden aufgeführt werden.

     

     

    [1] Arab.: „Al-Qilāde“ – القلادة – „Kette“

    [2] Wörtliche Übersetzung: „Hängt diese Antwort an deinem Hals?“ Dies ist ein arabischer Ausdruck dafür, ob diese Person für eine bestimmte Angelegenheit verantwortlich ist und sich dafür rechtfertigen muss oder nicht.

    [3] Arab.: „Mufti“ – مفت – jemand, der religiöse Urteile erlässt

    [4] Al-Faqih al-Muĥadith al-Schaykh Muĥammad Ibn Al-Ĥassan al-Ĥurr al-`Ameli: „Wasa’el al-Shia ila taĥseel Masa’el al-Schari’a“, verst. 1104 n.d.H., 1. Auflage, 1412 n.d.H. „Kitab al-Qadha“, „Abwāb Adāb al-Qadhi“, Al-Bāb: 7, Hadithnummer 33639, Band 27, S. 220

    [5] Der heilige Qur’an: Sure 43, Vers 22

    [6] Der heilige Qur’an: Sure 43, Vers 23

     

     

    Quelle: http://www.alhaydari.de/rechtswissenschaft