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    “Taqlid” – die religiöse Nachahmung (Teil 4): Die religiöse Nachahmung in den Glaubensüberzeugungen

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    Nachdem die islamische Gesetzgebung die Nachahmung hinsichtlich der religiösen Rechtsurteile[1] erlaubt hatte, verbot sie diese für die Angelegenheiten, welche die Glaubensüberzeugungen betrafen. Der Islam erlaubt es nicht dem religiös Erwachsenen, hinsichtlich der Glaubensüberzeugungen jemanden nachzuahmen. Der Grund hierfür liegt darin, dass vom religiös Erwachsenen gefordert wird, dass er sich bezüglich der Glaubensangelegenheiten selbst Wissen und Gewissheit verschafft, sei es die Erkenntnis um Allah (t.), des Propheten, des Imams oder der Wiederauferstehung – ganz im Gegensatz zu den Angelegenheiten, welche das Erlaubte und Verbotene betreffen, wo eine Nachahmung existiert.

     

    Von hier aus ruft die islamische Gesetzgebung jeden Muslim dazu auf, selbst Verantwortung für seine Glaubensüberzeugungen zu tragen und nicht zu einem Experten zurück zu kehren und die Verantwortung ihm zu überlassen.

     

    Jedoch mag man folgenden Einwand erheben: Dem normalen Gläubigen mag es nicht möglich sein, sich in sämtliche Angelegenheiten, welche die Glaubensüberzeugungen betreffen, zu vertiefen.

     

    Die Antwort auf diesen Einwand lautet: Die Glaubensüberzeugungen unterteilen sich in zwei Punkte.

     

    -Die grundlegenden Glaubensüberzeugungen

    -Die Zweige in den Glaubensüberzeugungen

     

    4.1 Die grundlegenden Glaubensüberzeugungen

     

    Unter diesem Punkt fallen beispielsweise der Beweis für die Existenz Gottes oder die Legitimation Seines Propheten und rechtmäßigen Führers, sowie der Beweis für die Auferstehung. In diesen Aspekten ist die Nachahmung untersagt. Wenn jemand beispielsweise einen Gläubigen fragt, wieso er an Allah (t.) glaubt, so darf die Antwort nicht lauten: „Ich glaube an Allah, weil mein Vorbild der Nachahmung (Marja‘) dies sagt.“ Wenn der Gläubige darüber befragt wird, wieso er an den Gesandten Gottes Muhammad (s.) glaubt, so darf seine Antwort nicht lauten: „Daran glaube ich, weil mein Vorbild der Nachahmung dies sagt.“ Dies ist die anerkannte und verbreitete Meinung der Rechtsgelehrten, möge Allah die Lebendigen unter ihnen schützen und sich den Verstorbenen erbarmen.

     

    In diesen Angelegenheiten ist der religiös Erwachsene verpflichtet, sich selbst Wissen und Gewissheit anzueignen und sein Herz an diesen Glauben zu binden. Dies ist insofern möglich, als dass jene Aspekte mit der natürlichen Veranlagung[2] des Menschen übereinstimmen und er sofort einen logischen und unmissverständlichen Glauben darin finden wird. Deshalb ist der religiös Erwachsene verpflichtet, selbstständig nach diesen Angelegenheiten zu forschen und sich auf diesem Weg anzustrengen und sein Herz mit diesem Glauben zu füllen. Der religiöse Glaube des Menschen ist der wichtigste Aspekt in seinem Leben: Wird sein Glaube angenommen, so wird auch das angenommen, was dahinter ist. Wird sein Glaube jedoch abgelehnt, so wird auch das abgelehnt, das danach kommt[3].

     

    Der Gläubige ist insofern dazu verpflichtet, nach der reinen Glaubenslehre zu forschen, wie es sein Verstand und sein intellektueller Rang ihn dazu verleiten, bis er zu der absoluten Gewissheit kommt, sodass er diese Überzeugung auch vor Allah, dem Erhabenen, vertreten und verantworten kann.

     

    4.2 Die Zweige in den Glaubensüberzeugungen

     

    Unter diesem Punkt fallen Beispielsweise Angelegenheiten, wie die Wahrheit über den geraden Weg am Tage des Gerichts, was die Fehlerlosigkeit ist oder welche Stufen sie einnimmt und ob die Propheten und Führer aus der Ahl al Bayt (a.) über die schöpferische Vormundschaft verfügen oder nicht usw. Es existieren weitere hunderte, wenn nicht tausende Angelegenheiten die unter diesem Punkt fallen und detaillierte und komplexe Aspekte erörtern. In diesen Punkten ist der Gläubige nicht verpflichtet, selbstständig zu forschen und diese Punkte zu analysieren und es ist ausreichend, wenn er zu den Experten hinsichtlich dieser Angelegenheiten zurück kehrt, jedoch mit der Voraussetzung, dass er eine tiefgründige Gewissheit von ihren Worten erlangt.

     

    Der Beweis hierfür lautet kurz gefasst: Die Umstände, welche die Notwendigkeit herbeigerufen haben, in den religiösen Rechtsurteilen (also die Ĥalāl / Ĥarām Angelegenheiten) „Idschtihād“ zu betreiben, haben genauso die Notwendigkeit berufen, auch in den religiösen (detaillierten und komplexen) Angelegenheiten der Überzeugungen zu forschen und sich auf diesem Wege anzustrengen. Damit ist es ersichtlich, dass auch in den religiösen Überzeugungen der „Idschtihād“ notwendig ist und das die Gelehrten auch in diesem Punkt den Rang einnehmen, diese Überzeugungen den Menschen zu erläutern und ihre Fragen ausreichend zu beantworten. Die Aufgabe eines Rechtsgelehrten beschränkt sich damit nicht nur auf religiöse Rechtsurteile, sondern auch auf Rechtsurteile, welche die Glaubensüberzeugungen thematisieren.

     

     

    [1] Ĥalāl / Ĥarām Angelegenheiten

    [2] Arab.: „Fitra“ – الفطرة – bezeichnet die natürliche Veranlagung, mit der ein jeder Mensch geboren wird

    [3] Vergleichbar mit der reinen Überlieferung, worin es heißt, dass das Gebet die Voraussetzung zur Annahme aller Taten ist. Wird das Gebet angenommen, so werden auch die restlichen Taten angenommen. Wird das Gebet jedoch abgelehnt, so werden auch die restlichen Taten abgelehnt. Ähnlich verhält es sich mit den Glaubensüberzeugungen

     

     

    Quelle: http://www.alhaydari.de/rechtswissenschaft