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    Über „Tafsir“ und „Ta’wil“

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    Warum für die „Schule der Ahlul Bayts“ das Ewig-Gültig-sein des Koran und dessen Unversehrtheit eine unumstößliche Tatsache ist, sagten wir bereits. Der Koran ist die einzige unvergängliche und allzeit aktuelle Schrift göttlicher Weisungen. Er ist Ausgangspunkt für Gesetzgebung, Kriterium zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit bzw. Nicht-Glaubwürdigkeit von Ahadith und Riwayat sowie Richtschnur zur Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht.

     

    Folgendes Zitat des Gesandten Gottes (s.) wird überliefert:

     

    „Immer wenn euch von mir ein Ausspruch überliefert wird, so vergleicht ihn mit dem Wort des Heiligen Koran. Stimmt er mit diesem überein, so akzeptiert die Riwayat. Steht sie jedoch im Gegensatz zu dem, was der Koran sagt, so weist sie als nicht bestätigt von euch.“ [1]

     

    Auf diese Weise wird es möglich, unwahre Überlieferungen von wahren unterscheiden zu können. Zudem macht dieses islamisch-wissenschaftliche Vorgehen den Muslimen und insbesondere ihren Gelehrten klar, wie die Wahrheiten des Koran zu ergründen und dessen Aussagen auszuarbeiten sind, damit das Wort Gottes praktiziert werden kann.

     

    Den Koran in der rechten Weise zu verstehen und zu exegieren, betrifft ein gravierendes Moment, von dem Qualität und Gesundheit islamischen Denkens und Wissens abhängig sind, das Intaktsein von Überzeugung und Gesetz.

     

    Jegliche Oberflächlichkeit, jedwedes Versäumnis und jeder Irrtum und Fehltritt im Zusammenhang mit dem Ergründen des Koran, dem Erkennen der religions-ideologischen Grundlagen sowie Ausarbeiten und Schlussfolgern der koranischen Aufklärung und Weisungen – u.a. der sozialen, politischen, ökonomischen, pädagogischen als auch juristischen Bestimmungen etc. – führen zu Verwirrung und Verirrung, zu Konflikten und Problemen unter den Muslimen und nach und nach zu deren Glaubensschwund.

     

    Bevor wir uns mit diesem wichtigen Thema befassen, ist es angebracht, uns zunächst einmal – in aller Kürze _ mit den zur Koran-Exegese gehörenden Begriffen „Tafsir“ und „Ta’wil“ zu befassen. (Wir wollen in unserer Abhandlung im folgenden nach Möglichkeit davon absehen, die in Übersetzungen häufig verwendeten Begriffe „Kommentation, Interpretation und Konkordanz zu benutzen, da sie den wissenschaftlich-objektiven Charakter der islamischen Koran-Erschließung als auch jene Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, zu der die „Schule der Ahlul Bayts“ in diesem Zusammenhang aufruft, nicht zur Genüge erkennen lassen. Aus diesem Grunde möchten wir es ab nun – nach deren ausführlicher Erläuterung – bei den arabischen Begriffen bewenden lassen, d. Ü.)

     

    „Tafsir“ ist laut Erklärung der Sprachkundigen das wissenschaftlich-objektive Ergründen und Deklarieren der Bedeutung von Worten. [2]

     

    „Ta’wil“ ist das Bevorzugen einer von zwei Deklarationsmöglichkeiten, die der offensichtlichen Aussage des betreffenden Wortes am meisten entspricht. [3]

     

    Ahmad Rida sagt im Zusammenhang mit dem Begriff „Tafsir“:

    „Tafsir“ steht mit „fassara“ in Bezug und bedeutet so viel wie „enthüllen“, „offenbar werden“. Gemäß der arabischen Sprachregelung – „Ischtiqaq Kabir“ [3] – hat „Tafsir“ die Wortwurzel „Sifr“, in der Bedeutung von „aufdecken, erscheinen“.

     

    Es heißt, dass mit „Asfar ul Sabah“ die Zeit des Morgengrauens (des in Erscheinung tretens des Morgens) gemeint ist, und mit „Asfar ul Martat in Wagiha“, jener Augenblick, da die Frau ihr Gesicht enthüllt und zu erkennen gibt. „Tafsir“ bedeutet also so viel wie „Vorhang beiseiteschieben“, „Schleier fallen lassen“, „erkennbar machen“.

     

    Schayh Tabrissi sagt in „Magma ‚ul Bayan“: „Tafsir“ ist das Erklären schwieriger Worte bzw. Textstellen. „Ta’wil ist dahingegen – vereinfacht gesagt – die Bestätigung einer von zwei Erklärungsmöglichkeiten, die mit dem Offensichtlichen der betreffenden Äußerung übereinstimmt. Mit anderen Worten: „Tafsir“ ist offenbar-, ist deutlich machen …

     

    Abu-I-Abbas Mibrad erklärt: „Tafsir“ und „Ta’wil“ bedeuten im Grunde das gleiche. Einige sagen, das „Tafsir“ das Beseitigen eines verhüllenden Schleiers sei, dieweil „Ta’wil“ das Erreichen dessen, was letztendlich mit etwas gemeint ist d. h. dessen eigentlicher Sinn, bedeutet.

     

    (Hilfreich mag in diesem Zusammenhang auch die Erklärung Alameh Tabataba’is zu dem Begriff „Ta’wil sein. Er sagt u.a. in seinem Buch „Der Koran aus islamischer Sicht“ (Originaltitel: Quran dar Islam): „Koranversen, in denen der Begriff „Ta’wil“ in Erscheinung tritt, ist zu entnehmen, dass damit lediglich das Erklären von Worten bzw. Texten gemeint ist.

     

    „Ta’wil“ bedeutet vielmehr das tiefe Erkennen der eigentlichen Wahrheit von etwas (wie von Worten, Sätzen, Versen, Traumen u. a.), die diesem zu Grunde liegt und auf welche dieses betreffende „etwas“ hinweist und aufmerksam macht.

     

    Dieses trifft auch für den Koran zu, dem eine Reihe Wahrheiten und hoher Bedeutungen zu Grunde liegt. Diese Wahrheiten sind nicht gebunden an Materie, mit den Sinnen nicht zu erfassen und mit Worten und Begriffen, die aus unserem materiellen Leben geboren werden, nicht zu beschreiben. Sie können auch nicht verbal nahegebracht werden.

     

    Das einzige, was möglich ist, ist das zu tun, zu was Gott durch Sein (koranisches) Wort die Menschheit aufruft, nämlich, sich durch rechtes (religiöses) Denken und gutes Verhalten bzw. Vorgehen für das Begreifen einer Glückseligkeit (bzw. dieser Wahrheiten und Bedeutungen) bereit zu machen, das nur durch eigenes inneres Verstehen möglich werden kann. Erst am Tage der Auferstehung, zur Zeit der Audienz bei Gott, werden diese Wahrheiten und Bedeutungen völlig klar und offenkundig.

     

    Um dieses Thema verstandlicher zu machen, spricht Gott im vierten Vers der Sure 43, Zuhruf:

    „Wahrlich! Das Buch, das Wir hinabsandten, ist vom „Um-ul Kitab“, (dem Original des Buches), das bei Uns ist …, von überaus hohem Niveau und Sinn (den zu erfassen der gewöhnliche Mensch nicht in der Lage ist), unerschütterlich und unanfechtbar.“

     

    „Ta’will Qur’an“ ist also das Erkennen von Wahrheiten, die im „Um-ul-Kitab“, bei Gott, sind und der unseren Sinnen verborgenen (immateriellen, metaphysischen, d.h. der himmlischen) Welt angehören.

     

    Und an anderer Stelle, im 80. Vers der Sure 56, Waqi’ah, sagt Gott:

    „…, es ist ein vortrefflicher Koran, bewahrt und verborgen im „Um-ul Kitab“, jenem Buch, das außer der Gereinigten niemand berühren (erfassen, begreifen) kann und „hinabgelassen“ wurde von Gott, dem Herrn der Welten.“

     

    Ganz offensichtlich ist, dass in diesen Versen von zwei Stufen oder Niveaus des Heiligen Koran die Rede ist:

    – einmal von jenem überaus hohen Niveau, das zu erfassen und zu begreifen niemandem möglich ist als nur den Gereinigten,
    – zum anderen jenes, das Gott auf eine Stufe hinab ließ, die dem menschlichen Begreifen erreichbar ist.

     

    Das heißt: Bei “TawiI Qur’an“ geht es um Wahrheit oder Wahrheiten, die im Original des Koran, im „Um-ul Kitab“, das bei Gott ist, bewahrt sind und der immateriellen, himmlischen Welt angehören…“ d. Ü.)

     

    Tabrissi, Vorwort zu „Magma’l Bayan“, B.1, S. 13
    Taraymi Tarayhi, „Magma’l Bahrayn, Grundwort Fassara
    a) Tabrissi, „Magma’l Bayan“, Vorwort, S. 13
    b) „Ischtiqaq kabir“: Regelung in der arabischen Sprachlehre, dergemäß durch Buchstabenverschiebung aus der Wortwurzel weitere Worte entstehen. Wie: „fassara“ aus „safara“. Bei diesem Wort sind die Buchstaben „f“ und „s“ verschoben worden.
    c) Tafsir: Objektiv-wissenschaftliches Erklären und Erschließen des Quran-Textes, Mufassiran: Gelehrte, die den Quran-Text erschließen und erklären.

     

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    Quelle: http://www.al-shia.eu/die%20ahlulbayt/ahlul-bayt/ueber_Tafsir_und_Tawil.htm

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