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    Wahrheit und Toleranz in den Religionen (Teil 1)

    • Dr. Mohammad Razavi Rad
    • http://www.islamic-sciences.de
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    Die Wesensbestimmung der Toleranz

     

    Was bedeutet Toleranz? Was sind ihre Eigenschaften? Worin bestehen ihre Grenzen und Schranken? Ist sie eine Notwendigkeit, oder ist sie eine Tugend? Was sind ihre Dimensionen und Kategorien? Unterliegt sie bestimmten Gesetzen? Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen Toleranz, Nachgiebigkeit und Entgegenkommen? Ist Toleranz ein Muss für das soziale Zusammenleben oder ein politisches System? Was ist ihr Ursprung? Was sind die wesentlichen Methoden bei ihrer Praktizierung? Wie steht die Religion zur Toleranz? Wie kann man ein von Toleranz geprägtes Leben führen? Was sind die positiven und negativen Auswirkungen von Toleranz und Intoleranz?

     

    Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet Toleranz die Duldung einer Sache, von deren Unrichtigkeit wir überzeugt sind, wie z.B. die Toleranz gegenüber einem unvernünftigen Freund, einem unanständigen Lebenspartner oder einem unfreundlichen Vorgesetzen oder das SichAbfinden mit einer schwer heilbaren Krankheit. Obwohl Toleranz in den eben erwähnten Fällen nicht immer die beste Charaktereigenschaft sein muss, so betrachtet man sie doch gemeinhin als moralische Notwendigkeit und Tugend.

     

    In “History of Ideas” wird erwähnt, dass der Begriff “Toleranz” zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine abwertende Bedeutung trug. Viele Jahre sei die korrekte Bedeutung der Toleranz hinsichtlich “Gemäßigtheit” und “Entgegenkommen” gemieden und deren Vertreter geschmäht worden. Toleranz war in der Vergangenheit jedoch nicht so etabliert wie heute. Früher wurden tolerante und offenherzige Menschen herabgewürdigt, da ihr Verhalten als Willfährigkeit oder als Verzicht auf die eigenen Glaubensinhalte, Bräuche und Sitten aufgefasst wurde.

     

    Wilhelm Bousset (16281704), ein französischer katholischer Geistlicher, prahlte vor Protestanten damit, dass die Toleranz im Katholizismus damals so gering geschätzt wurde. Pierre Bayle (16471706) sagte der Rücksichtslosigkeit den Kampf an, als er sich für die Notwendigkeit der Toleranz zwischen den Religionen und sogar außerhalb der Religionen einzusetzen begann. John Locke (16321704) verteidigte in seinem ‚Ein Brief über Toleranz (Vgl. Locke, John: Ein Brief über Toleranz, München 1975.) aus dem Jahre 1688 die Toleranz und machte die Grundlosigkeit von Aggressivität und Grobheit deutlich, indem er deren Willkürlichkeit anhand zweier klarer Beweise aufzeigte:

     

    a)Es gibt Dinge, über die aufrichtige Glaubensinhalte nicht willkürlich zu urteilen geeignet sind;

     

    b) Die Kirche besitzt eine vom Staat unabhängige Stellung und Aufgabe. Die kirchliche Toleranz stellt keine Bedrohung für die Pflichten des Staates dar.

     

    John Stuart Mill (18061873) ging mit der Bekräftigung der individuellen Freiheit sogar noch einen Schritt weiter und hielt sie nur dann für auf Entgegenkommen angewiesen, wenn sie die Freiheit der Anderen einschränkte. Den Mangel an Freiheit und Toleranz in der Gesellschaft bezeichnete er als Faktor für das zunehmende Zurückbleiben von Reife und Kreativität. Und dies ist eine Tatsache. Überall dort, wo Fanatismus, Grobheit, Intoleranz und Engstirnigkeit geherrscht haben, sind Wissen und innovativen Ideen immer mehr in Wertlosigkeit versunken, während sie überall dort, wo eine gesunde Atmosphäre für den Meinungsaustausch, für Toleranz, Sympathie und Nächstenliebe herrschte, eine reelle Chance hatten, zu Vorbildern der Menschlichkeit zu werden.

     

    Ernest Renan (1823-1892) vertrat die Ansicht, dass immer, wenn sich die islamische Gesellschaft den anderen Religionen gegenüber tolerant verhalten habe, große Gelehrte wie Farabi, Avicenna, Zakariya Razi, Abu Reyhan Biruni und viele andere namhafte Persönlichkeiten aufgetreten seien. Sobald sich aber die islamische Gesellschaft von diesem Wesenszug entfernt habe, sei das Licht der Wissenschaften in der islamischen Welt erloschen.

     

    Weder glaube ich nun, dass Toleranz mit der Abkehr von der eigenen Gesinnung oder der Übereinkunft mit der Opposition gleichbedeutend ist, noch glaube ich, dass Intoleranz mit dem Erfordernis von Grobheit einhergeht. Eher sind die Menschen mit Hilfe der Toleranz von der Bürde entlastet, voreilige Schlüsse zu ziehen oder absolute Urteilssprüche zu fällen, und finden stattdessen eine gute Gelegenheit zum Nachdenken. Selbst wenn sich aus dieser Toleranz kein weiteres positives Resultat außer diesem ergibt, darf man nicht länger damit zögern, ihre Notwendigkeit für das soziale Leben anzuerkennen.

     

    Eine eigenwillige und auf Profit und Schaden aufbauende Definition von Toleranz hatten stets jene, die ihr wahres Gesicht hinter heiligen Worten zu verbergen suchten und so jeder Grausamkeit und Ungerechtigkeit den nötigen Glanz verliehen, um die Menschheit mit falschen Auffassungen dieser Art in eine moderne Barbarei zu führen.

     

    Können Sie sich vorstellen, dass ein Land, das als Wiege der Freiheit, der Menschenrechte und der Toleranz geschätzt wird, auf eine seiner eigenen Bürgerinnen, die aufgrund ihrer konfessionellen Überzeugung ein Kopftuch trägt, intolerant reagiert? Glauben Frankreichs Intellektuelle nicht an die Notwendigkeit der Toleranz? De facto glauben sie daran, aber offensichtlich baut entweder ihre Definition von Toleranz auf Profit und Schaden auf, oder aber sie sind in ihrer Überzeugung von der progressiven Bedeutung der Toleranz nicht aufrichtig. Deshalb neigen sie dort zur Irreführung und Intoleranz, wo sie erkennen, dass die Toleranz zu ihren Ungunsten ist, und weichen von all ihren rechtschaffenen Prinzipien ab. Kann denn jemand, der ein Kopftuch nicht tolerieren kann, angesichts der Gedanken, die sich darunter befinden, jemals mit sich selbst tolerant sein?

     

     

    Die gemeinsame Lebensmitte der Religionen

     

    Eventuell wirft der Titel meines Aufsatzes bei einigen Experten die Frage auf, wie die Sichtweise der Religionen unter der Berücksichtigung, dass sie keinen vereinigten Standpunkt aufweisen, in einem Wort auf die Toleranz zurückzuführen sei. Meine Meinung in Bezug auf die Religionen ist, dass sie im Grunde gemeinsam von einer einzigen Wahrheit profitieren, doch zur selben Zeit unterschiedliche Sprachen pflegen. Sie sind miteinander verwandt, ohne gleich zu sein. Aus diesem Grunde ergänzen sie einander viel mehr als sich gegenseitig zu behindern und sprechen von einer verbindenden Wahrheit.

     

    Die prophetischen Religionen haben den einen Gott als Letztbegründung allen Seins, Der vollkommen und ohne Makel ist. Es versteht sich von selbst, dass es undenkbar ist, dass aus dem Vollkommenen etwas Unvollkommenes entstehen könnte. Somit kann man durchaus die Behauptung aufstellen, dass alles, was am Wohl und an der Glückseligkeit der Menschen beteiligt war, von Gott für und in die verschiedenen Religionen hineinprojiziert worden ist. Doch es trifft nicht zu, dass Gott einigen Menschen diese Gunst vorenthalten hätte.

     

    So oft habe ich die Frage gehört, welche Religion am Tage des Jüngsten Gerichts die wahre Religion sein würde. Der Ausgangspunkt dieser Frage besteht darin, dass sämtliche Religionen von der Wahrheit sprechen und zwar einer gemeinsamen Letztbegründung, aber unterschiedliche Auffassungen und Vorstellungen davon haben. Alle sprechen von der Wahrheit, aber von der fließenden Wahrheit, der fortwährenden Wahrheit, der neuen Wahrheit, der wachsenden und beweglichen Wahrheit jedoch niemals von einer widersprüchlichen und unlogischen Wahrheit. Darum würden Moses, Jesus und Mohammad, falls sie heute am Leben wären und die gegenwärtige Welt mit eigenen Augen sehen könnten, die Übermittlung ihrer jeweiligen Botschaft ganz sicher an die heutige Auffassung von Wahrheit anpassen. Eine Wahrheit, die dank ihrer grundlegenden Prinzipien in der Lage ist, sich an die gegebenen Realitäten anzupassen und neu zu definieren und in einer Form zu erscheinen, die zeitgemäß und für jeden verständlich ist.

     

    Manche Leute haben verlangt, die Unveränderlichkeit mancher Religionen als höheren Maßstab gegenüber anderen Religionen anzusehen. Hierfür jedoch verfügen sie über keinerlei logische und rationale Beweise. Die Araber der vorislamischen Epoche besaßen eine wesentlich ältere Vergangenheit als die alten Griechen, dennoch waren sie ihnen niemals intellektuell überlegen. Der beste Beweis für diese Behauptung ist, dass, während die Araber sich noch des Vorhandenseins von 17 bis 20 gebildeter Personen rühmten, bereits so große Persönlichkeiten wie Sokrates, Aristoteles, Platon, Parminedes, Pythagoras und andere in den Gassen des antiken Griechenland glänzten. Also können zeitlicher Vorsprung oder Verspätung als Indikatoren für Überlegenheit gänzlich ausgeschlossen werden. Die Frage, welche Religion die wahre sei, ist demzufolge keine fachliche Frage. Denn wenn wir annehmen, dass alle Religionen einen einzigen Entstehungspunkt besitzen, bleibt kein Platz mehr für die Untersuchung, welche Religion wahr ist und welche unwahr. Doch wenn jemand unbedingt eine Antwort von mir verlangte, würde ich sagen, dass alle wahr sind und dass das Wahrsein einer von ihnen nach Beweisen verlangt, auf die ich im Verlaufe meiner Nachforschungen nicht gestoßen bin. Aufgrund meiner Überzeugung von der Gerechtigkeit Gottes könnte ich zu keiner Zeit glauben, dass Er einer Gemeinschaft die Wahrheit vorenthalten habe, obgleich die Universalität einer einzigen Religion mich nicht daran hindern würde, an ihrer Stelle eine andere zu bevorzugen.

     

    Eine weitere, in gewisser Weise philosophische Frage, die manch einer in diesem Zusammenhang stellen mag, lautet: Wie ist es möglich, mehrere Religionen und nicht eine einzelne als Wahrheit zu bezeichnen, wo doch die Wahrheit über eine Identität und ein einziges Wesen verfügt, das einfach und nicht vielfältig sind? Antwort: Die notwendige Schlussfolgerung aus unserer Behauptung ist nicht die Vielfältigkeit der Wahrheit an sich, sondern die fließende, flexible und entwicklungsfähige Eigenschaft der Wahrheit.

     

    Vielfältigkeit bedeutet an sich eine Vielzähligkeit und beinhaltet damit sogar das Gegenteil ihrer selbst, zumal wir über eine fortwährende aber in ihrer Erscheinung flexible Wahrheit ausgesagt haben, dass sie durch Anwendung ihrer überdurchschnittlichen Fähigkeiten und der Einhaltung ihrer grundlegenden Prinzipien imstande ist, sich veränderlichen und verschiedenartigen Gegebenheiten anzupassen und sich so in einer den Realitäten entsprechenden Form zu präsentieren.

     

    Religionen sind nur unterschiedliche Erscheinungsformen ein und derselben Wahrheit. Ihre Lebensmitte ist ein einziger gemeinsamer Kern, zur selben Zeit allerdings verfügen sie jeweils über besondere Charakteristika, deren Herkunft einerseits von Zeit und Ort und andererseits von der besonderen Eigenart der Erfordernisse der Menschen abhängig ist. Mit diesem Nachweis ist jeder, der die Wahrheit in jeder einzelnen Religion zu finden versucht, in der Lage, die grundlegenden Prinzipien der Wahrheit zu entdecken. So können wir eines Tages den Wunsch verwirklichen, nach der reinen Wahrheit zu suchen, anstatt Religionsoberhaupt oder gründer sein zu wollen.

     

    Doch wird irgendwann wieder das Problem auftreten können, dass Religionsgelehrte behaupten, sie allein hielten die unabänderliche Auslegung der Wahrheit in der Hand und die Anderen seien ob dieser Auslegung entweder unvermögend oder zur Übernahme dessen verurteilt, was laut Auslegung jener die Bezeichnung “unabänderliche Wahrheit” erhalten hat.

     

    Intoleranz beginnt in den Religionen an jenem grotesken Punkt, wo in ihrer Geschichte nicht wenige Kriege und Fehden stattgefunden haben. Die Anhänger der Religionen, insbesondere in der heutigen Zeit, müssen sich indes darüber im Klaren sein, dass die Regisseure der religiösen Kriegstheorie, ohne dass sie eine der Religionen aus tiefstem Herzen geliebt hätten, unter Anwendung der verschiedensten Mittel daran arbeiten, mit der “unabänderlichen Wahrheit” sämtlichen Religionen auf einmal auf den Leib zu rücken, um sich ihrer aller zu entledigen und sozusagen mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Jede einzelne Religion wird jedoch dank ihrer Überzeugung von der “Wahrheit” überdauern und die unendlichen Begierden jener Personen in Form einer “Theorie des Relativismus” nicht unterstützen.

     

    Unter Berücksichtigung ihrer zahlreichen Gemeinsamkeiten und, falls diese aus irgendeinem Grund nicht abhanden kommen, könnten heute Judentum, Christentum und Islam in einer Weise, die für ein friedvolles Zusammenleben außerordentlich förderlich ist, den Zugang für unheilvolle Gedanken des Zwiespalts versperren und an Einfluss gewinnen. Ihre Anhänger sollten sich darüber bewusst sein, dass die Religionen ein gemeinsames Geheimnis und einen gemeinsamen Sinn haben. Mit Hafis’ Worten:

     

    Jeder sucht nach einem Liebchen;

    Wie der Kluge so auch der Berauschte.

    Jeder Ort ist ein Haus der Liebe;

    Wie die Moschee so auch die Kartause.

     

     

    Die Lebensmitte der Religionen ist eine. Sie entspringen einer einzigen Urquelle und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Und vermittels der Weisheit der Zeit und des Orts nehmen sie ihre besonderen Erscheinungsformen an. Wir müssen zu dem Ergebnis gelangen und daran glauben, dass:

     

    Wir ein Juwel waren so wie die Sonne;

    Waren makellos und klar so wie das Wasser.

     

     

    Mahatma Gandhi (1869-1948) erkannte diese Wahrheit und sagte: “Ich glaube, dass es auf der Welt nur eine Religion gibt. Die Religion des Baumes ist die Vitalität, da er viele Zweige und Äste hat. So wie sein Geäst einem einzigen Stamm entwächst, haben auch die Religionen einen Urquell, aus dem sie entstanden sind.” Bei seinem Gespräch mit Pierre Ceresole sagte er: “Ich bin mit jenen, die glauben, dass Gott Liebe ist, einer Meinung.” Gandhi sah die innige Liebe zur Wahrheit als wichtigsten Faktor für die Toleranz. Offensichtlich profitierte er angesichts dieser Überzeugung vom intellektuellen und persönlichen Horizont Tolstojs.

     

    Lew Tolstoj (1828-1910) sagte: “Der Verzicht auf Aggression ist nichts anderes als das Lehren der wahren Liebe, die durch trügerische Interpretationen nicht der Entstellung zum Opfer fällt.”

     

    Diese Aussage stimmt mit dem überein, was Ibn alArabi (1165-1240) darüber zu sagen pflegte:

     

    Ich befolge die Religion der Liebe;

    Ich verlasse mich wohl auf ihren Beistand,

    Denn Liebe ist meine Religion und Überzeugung.

    (Ibn alArabi, Targuman alApwaq, S. 57.)

     

    Dies entspricht den Worten Maulana Galaluddin Rumis (1207-1273), welcher sagte:

     

    Des Liebenden Leiden ist gesondert von anderen Leiden;

    Die Liebe ist das Astrolabium für die Mysterien Gottes.

     

    Rudolf Otto (1869-1937) und sein Schüler Gustav Mensching (1901-1978) gingen ebenfalls davon aus, dass alle Religionen ein gemeinsames zentrales Wesen, d. i. “Lebensmitte”, besitzen, obgleich sie aufgrund der unterschiedlichen Umstände, in denen sich die Menschen befinden, in zahlreichen Formen in Erscheinung treten und sich infolge rationaler Überlegungen in einem kontinuierlichen Reifeprozess befinden. Sicherlich hatte auch Otto, wie all jene, die von der Einheitlichkeit der Religionen überzeugt sind, eine Religion für sich auserlesen; allerdings brachte er mit dieser Wahl keine Ablehnung der anderen Religionen zum Ausdruck. Der eigentliche Unterschied zwischen Otto und Mensching liegt darin, dass Otto von einer Apriorität der Religion ausging, während Mensching diese auf Erlebnishaftigkeit zurückführt und eine klare Unterscheidung zwischen Denk und Glaubensurteil traf. So gibt es für Mensching zwei Wahrheitsformen: “Wahrheit als erkenntnismäßige Richtigkeit” und “Wahrheit als religiöse, numinose, d. i. göttliche Wirklichkeit”.

     

    Ibn alArabi glaubte ebenso an das Vorhandensein der einigenden Lebensmitte der Religionen und sagte: “Der Glaube und die Offenbarung waren einst formlose Wahrheiten, die sich in den darauf folgenden Stufen in das Kleid der Bestimmtheit und Form gehüllt haben.” Obwohl er wie Otto und Mensching von der einigenden Essenz der Religionen sprach, wählte er für sich eine bestimmte unter den Religionen aus. Jedoch wie könnte man behaupten, dass das, was er für sich wählte, das Beste sei und sogar andere Religionen aufheben könne? Dies gilt es zu bedenken.

     

    Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) beobachtete ebenfalls unter den Religionen unwiderlegbare Gemeinsamkeiten. An einer Stelle sagt er: “Falls die Bedeutung des Islam darin besteht, die Handlungen in Gottes Hand zu legen und sich Seinem Willen hinzugeben, so sind wir alle Muslime und sterben als Muslime.” So bezeichnete er sich selbst ein Jahr vor seinem Tode als “Hypsistarier”.

     

    Hafis (um 1320 bis etwa 1388) bekundete seinen intellektuellen Horizont in einer Strophe, die man in der Welt der Poesie und Literatur durchaus als “Königsvers der Toleranz” bezeichnen kann:

     

    Zweier Welten Friede ist die Bedeutung dieser Worte:

    Sei mit Freunden hochherzig, sei mit Feinden tolerant.

     

    Hafis hatte die Toleranz in der göttlichen Schule studiert, welche er mit seinen Worten als “viel Heil schenkend” und “Fehler vergebend” bezeichnet:

     

    Unser weiser Trinker, trotz ihm nicht Macht noch Fülle ist,

    Einen Gott er hat; viel Heil schenkend und Fehler vergebend.

     

    Und über das, was seinen Standpunkt in Bezug auf Grobheit, Krieg und Frieden betrifft, sagte er:

     

    Ein mystisches Wort auszusprechen, sei mir gewährt;

    O Augenlicht, Friede ist besser denn Krieg und Gezänk!

     

    Religiosität als Ansatzpunkt für Toleranz und Eintracht unter den Menschen

     

    Im Koran wird der Glaube unter anderem als schlichtender Faktor bei Streitigkeiten und Handgemengen beschrieben, welche zu blutigen Auseinandersetzungen führen könnten:

     

    “Und gedenket der Gnade Gottes an euch, als ihr Feinde ward und Er eure Herzen versöhnte, worauf ihr mit Seiner Gnade zu Geschwistern wurdet. Ihr befandet euch am Rande eines Abgrundes zur Verderbnis, doch Er errettete euch vor ihr.” (Sure Al Imran (3), Vers 103.)

     

    Er schenkte ihnen die Gnade der Versöhnung, der Geschwisterlichkeit und des friedvollen Zusammenlebens in einer Situation, da sie sich am Rande blutiger Kämpfe befanden.

     

    JeanJacques Rousseau (1712-1778) und John Locke sagten, dass die Menschen vor dem Fortschritt keine Gesetze und gesellschaftliche Identität besaßen und deshalb jeder so viel tat, wie er zu tun imstande gewesen sei. Die Religionen waren den Menschen beim Aufbau ihrer Zivilisation aufgrund ihrer latenten Funktionen stets hilfreiche Stützen und verliehen ihnen entsprechende Gesetze. Die Abschaffung der eigensinnigen, unverantwortlichen und egozentrischen Identität bei den Menschen und die Erziehung eines gesellschaftsfähigen und verantwortungsbewussten Menschen sind zwei große Dienste, die die Religionen der Menschheit erwiesen haben.

     

    Zweifellos können Religionen mehr noch als Toleranz in aller Harmonie und enger Verbundenheit zusammenleben, vorausgesetzt, dass sie die gemeinsame Lebensmitte und deren grundlegende Prinzipien erkennen. Fern von jeglichem Fanatismus und mit der richtigen Erkenntnis voneinander sind sie in der Lage, die Täuscher und Neider, welche den Fanatismus zu schüren versuchen, aufzuhalten:

     

    Strenge und Fanatismus sind Zeichen der Unerfahrenheit;

    Solang du noch ein Fötus bist, ist das Bluttrinken dein Amt. (Masnawi, 3. Buch, Nr. 1297.)

     

    Fanatismus, der aus Unerfahrenheit entstanden ist, kann sich in jeder unangenehmen Situation äußern.

     

    Da Farblosigkeit zur Geisel der Farbe geworden,

    Geriet ein Moses in Konflikt mit einem Moses. (Masnawi, 1. Buch, Nr. 2467)

     

    Gestern wie heute hat es sie gegeben, Leute, die, trotz ihrer Kenntnis vom enormen Potenzial, das die Religionen für das gemeinschaftliche Verstehen und Handeln aufweisen, die Atmosphäre zu verschmutzen versuchen, den Religionen ein entstelltes Format zuweisen und Streit und Disput zwischen ihnen stiften, um für ihre eigenen Fehlinterpretationen den Weg zu ebnen.

     

    Einst war der Liebe Sinn nur einer,

    Doch Unwissende machten ihn zu vielen.

     

    Falls wir davon ausgehen, dass Wahrheit trotz Umsetzung fest gegründeter Prinzipien ein teilbares und variables Wesen besitzt, öffnen sich die Tore nicht allein für die Verwirklichung sondern mehr als je zuvor für die Notwendigkeit der Verwirklichung von Toleranz.

     

    ….