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    Was ist die Erkenntnis?

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    Die Gelehrte der Rechtsschule der Ahl al Bayt (a.) haben die Erkenntnis in zwei Stufen unterteilt.

    Die Erkenntnisse der Erde (معرفة افاقية)
    Die Erkenntnisse des Selbst (معرفة نفسية)

     

    Diese Unterteilung wurde vom heiligen Qur’an selbst durchgeführt, denn der reine Vers besagt: „Wir werden sie Unsere Zeichen sehen lassen überall auf Erden (Punkt 1) und an ihnen selbst (Punkt 2)“. Die Lehre des Irfān beschäftigt sich ausschließlich mit der Erkenntnis des Selbst, des eigenen Ichs. Doch zunächst stellt sich die Frage, was denn die Erkenntnis überhaupt ist? Was ist unter dem Begriff „Erkenntnis“ zu verstehen, zumal dieser Begriff bisher an vielen Stellen verwendet wurde, sei es die Erkenntnis Allahs oder die Erkenntnis des eigenen Selbst.

     

    Die Bedeutung des Wortes „Erkenntnis“ (المعرفة) kann zunächst auf sprachlicher Ebene erfolgen, ebenso ist es aber auch möglich, die Definition dieses Wortes von den Irfān-Gelehrten selbst zu entnehmen.

     

    Das Wort „Erkenntnis“ in der Linguistik

     

    Sprachlich gesehen wird die Bedeutung des Wortes „Erkenntnis“ deutlich, sobald man den Unterschied zwischen dem Begriff „Wissen“ und „Erkenntnis“ näher betrachtet. Was ist der Unterschied zwischen den beiden Aussagen „Ich habe dies gewusst“ und „Ich habe dies erkannt“?

     

    Das Wissen ist lediglich ein Bild, welches in den Gedanken des Wissenden manifestiert ist. Wenn ein Mensch sagt, dass er eine bestimmte Angelegenheit weiß, dann bedeutet das, dass er von der erwähnten Angelegenheit ein Bild in seinem Kopf hat. Die Erkenntnis dagegen ist die Umsetzung dieses Bildes mit bereits gespeicherten und vorhandenen Informationen. Um diesen Aspekt zu verdeutlichen, sei folgendes Beispiel gegeben.

     

    Ein Mann zeigt seinem Freund ein Foto von seinem Sohn. Indem der Freund dieses Foto sieht, überträgt sich das Bild des Sohnes auf dem Foto in die Gedanken und den Kopf des Freundes. Dieser Prozess, nämlich die Übertragung des Fotos als ein Bild in die Gedanken, wird als Wissen bezeichnet.

     

    Der Freund ist sich jedoch unsicher, wie der Name des Sohnes war. War sein Name Zaid, war sein Name Bakr oder Amer? Der Freund denkt tiefgründig nach und nutzt sein bisheriges Wissen und seine Erfahrungen und Erinnerungen, um den Namen des Sohnes herauszufinden. Dann fällt ihm ein, dass sein Name Zaid war. Der Freund hatte ein Bild vom Sohn in seinem Kopf, doch er hat daraufhin dieses Bild auf seine vorhandenen Informationen und Erfahrungen und Erinnerungen umgesetzt und ist zum Namen dieses Jungen gekommen. Dies war die Erkenntnis, die er daraus gezogen hat. Die Erkenntnis ist damit die Umsetzung des Bildes auf bereits vorhandene Informationen.

     

    Damit besitzt die Erkenntnis eine höhere und vorzüglichere Stufe als das Wissen, denn das Wissen ist lediglich die Abbildung im Kopf, wohingegen die Erkenntnis die Umsetzung dieses Abbildes auf bereits gespeicherte Informationen ist.

     

    Die Erkenntnis bei den Gelehrten des Irfan

     

    Die Gelehrten des Irfān sehen für die Erkenntnis eine andere Bedeutung vor. Wenn ein Gelehrter von der Erkenntnis spricht, so meint er damit die Aufdeckung und die Entdeckung des eigenen Selbst, um Allah (t.) zu erkennen. Sie folgen damit der reinen Überlieferung des Gesandten Gottes (s.), welcher sagte:

    من عرف نفسه فقد عرف ربه

    „Wer sich selbst erkennt, der hat seinen Herren erkannt.“[1]

     

    Das bedeutet, dass derjenige, der sich selbst erkannt auch, auch Allah (t.) erkannt hat. Die Entdeckung des eigenen Selbst geht mit der Entdeckung Allahs (t.) einher. Aus diesem Grund heißt es weiterhin:

    أعرفكم بنفسه أعرفكم بربكم

    „Derjenige, der sich (selbst) am besten erkannt hat, der hat auch seinen Herren (am besten) erkannt.“[2]

     

    Viele Völker und Religionen haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihr eigenes Selbst zu erkennen, seien es Buddhisten, Juden, Christen oder Muslime. Sie alle hatten das Ziel, das eigene Ich zu entdecken und jede Gruppierung hat einen anderen Weg eingeschlagen, um zu diesem Ziel zu gelangen.

     

    Wir sind stets mit den materiellen Angelegenheiten beschäftigt, sei es das Studium, Arbeit oder andere Handlungen, welche wir verrichten müssen, damit unser Lebensunterhalt gesichert ist. Diese Aspekte hindern den Menschen bzw. lenken ihn davon ab, sein eigenes Selbst zu erkennen und sich diesem Sachverhalt zu widmen.

    مَا جَعَلَ اللَّهُ لِرَجُل ٍ مِنْ قَلْبَيْنِ فِي جَوْفِه ِ

    Allah hat keinem Manne zwei Herzen in seinem Innern gegeben [3]

     

    Wenn wir mit der Arbeit beschäftigt sind, können wir nicht gleichzeitig ein Gedicht schreiben, genauso wie wir nicht imstande sind zu lesen, während wir Fahrrad fahren. Es ist nicht möglich zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Diese materiellen Angelegenheiten hindern uns daran, unser eigenes Selbst zu entdecken und zu erforschen. Aus diesem Grund hat der Islam dem Menschen eine Zeit gewährt, worin es ihm möglich ist, an sein eigenes Ich zu arbeiten und es zu entdecken. Der Islam gewährt dem Menschen einen gewissen Zeitraum, wo er die materiellen Dinge hinter sich lässt und sich der Erforschung seines Selbst widmen kann, sei es im Gebet, in der spirituellen Zurückhaltung [4] oder aber im Monat Ramadān.

     

    Diejenigen, die an der Entdeckung ihres eigenen Selbst arbeiten, haben sich in drei Gruppen unterteilt. Die erste Gruppe hat als Ziel, durch die Entdeckung des eigenen Selbst, ungewöhnliche Dinge zu vollziehen, wie beispielsweise Zauberei, Geisterbeschwörung etc. Die zweite Gruppe möchte durch das Entdecken des eigenen Selbst, das eigene Selbst entdecken. Bei ihnen sind das Mittel und das Ziel identisch. Sie möchten lediglich das eigene Selbst entdecken und nicht mehr darüber hinaus gehen. Die Sufis fallen beispielsweise unter dieser Gruppe. Die dritte Gruppe jedoch, und darunter fallen die Irfān Gelehrten, haben als Mittel das Erkennen und die Aufdeckung des eigenen Selbst, jedoch mit dem Ziel, Allah (t.) zu erkennen, so wie es in der reinen Überlieferung erwähnt wurde. Ihnen geht es in Wahrheit nicht um die Erkenntnis des eigenen Ichs. Sie nehmen die Aufdeckung und Erkennung des eigenen Selbst als Mittel, um Allah (t.) zu erkennen.

     

    Damit ist der Weg und das Ziel der Erkenntnislehre deutlich: Das Ziel besteht darin, Allah (t.) zu erkennen, wobei der Weg zu dieser Erkenntnis unweigerlich zu der Erkenntnis des eigenen Selbst führt.

     

    [1] Ghurar al-Ĥikam wa Durar al-Kalim: S. 403, Hadithnummer 8048

    [2] Rawdhat al-Wā`idheen: S. 20

    [3] Der heilige Qur’an: Sure 33, Vers 4

    [4] I`tikāf

     

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    Quelle: http://www.alhaydari.de/irfan/einblick-in-den-irfan/116-2-was-ist-die-erkenntnis.html

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