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    Was ist Irfan?

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    Sobald der Mensch auf die Welt kommt und ein gewisses Alter erreicht hat, sodass sein Denken vorangeschritten ist, ist das Erste was er sieht, die Welt um ihn herum. Er bekommt von dieser Welt einen bestimmten Eindruck von Gegenständen, welche er als „Existenz“ bezeichnet. Damit ist die erste Frage, die er sich stellt: „Was ist die Existenz?“

     

    Er glaubt zunächst, dass die Antwort auf diese Frage ein Leichtes sei. Je länger er jedoch über diese Frage nachdenkt und eine Antwort sucht, wird er feststellen, dass die Antwort auf diese Frage nicht so leicht scheint, wie er sich das vorgestellt hat. Während seiner Reise zur Antwort auf dieser Frage begegnen ihm Angelegenheiten und Aspekte, welche die Antwort aus einer bestimmten Sicht liefern und es ergaben sich daraus Wissenschaften, welche eine Antwort auf einen bestimmten Teil dieser Frage liefern. Aber all diese Anstrengungen führen zu keinem wahrhaftigen Ergebnis und er kehrt zu seiner Ausgangsfrage zurück:

     

    Was ist die Existenz?

     

    Und es kamen die Propheten und Gesandte und berichteten über die Existenzen von Welten, welche sich unseren empirischen Sinnen entziehen und damit hat sich die erste Frage weiter ausgedehnt und ist problematischer geworden.

     

    Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, fingen einige Menschen an nachzuforschen und nachzudenken und die vorhandenen Informationen zu analysieren, um eine zufriedenstellende Antwort zu extrahieren. Diese Menschen bezeichnete man als „Al-Falāsifa wa Ahl al-Nadhar“ [Philosophen und Leute der Genauigkeit / „Durchblick“]. Andere wiederrum glaubten, dass eine Antwort auf diese Frage nicht durch Analysen und Informationen zu erlangen war, sondern waren sie eher der Auffassung, dass der Mensch sich in erster Linie selbst stärken und zunächst selbst erkennen muss. Durch die Entfaltung und Ausdehnung des Selbst soll es ihm möglich sein, die Welt um ihn herum zu erkennen.

     

    Die Leute, welche diesen Weg eingeschlagen haben, nannte man „Urafā“ [Erkennende] und ihre Art und Weise der Erkenntnis nannte man „al-Irfan al-`Ameli“ [der praktische Irfan]. Die `Urafā haben ihre Erfahrungen und Sichtungen anderen mitgeteilt, jedoch waren diese Erfahrungen unterschiedlich und schienen zusammenhangslos zu sein. Hierauf machte sich ein Mann – und dieser war Muĥiye Deen Ibn ‚Arabi[1], der Autor des Buches „Fusoos al-Ĥikam“ – daran, sämtliche Erfahrungen und Sichtungen zu sammeln und die Zusammenhänge zu erkennen und zu deuten. Dadurch entstand eine weitere Lehre, nämlich „al-Irfan al-Nadhari“ [der theoretische Irfan].

     

    Diese Lehre wurde jedoch von der wissenschaftlichen Welt nicht aufgenommen und akzeptiert, denn es waren Behauptungen und Sichtweisen, welche weder belegt noch widerlegt werden konnten. Aus diesem Grund hat man sich daran gemacht, diese Erfahrungen in einem wissenschaftlichen Kontext zu konzipieren und einer der Ersten, welche sich an diese Arbeit heran machte, war Ibn Turke in seinem Werk „Tamheed al-Qawa’ed“. Die Anstrengungen in diesem Bereich wurden fortgesetzt bis Mulla Sadra[2] kam und es als erster geschafft hat, die Erkenntnisse des „Irfan al-Nadhari“ mit philosophischen Grundlagen und Mitteln zu beschreiben.

    Damit hat er eine mittlere Linie gezogen zwischen dem „Irfan“ und der Philosophie und diese Lehre nannte er „Al-Ĥikma al-Muta’āliyya“[3].

     

    Der „Irfan“ gehört damit zur tieferen und detaillierten Geisteswissenschaft und hat als Ziel, Allah (t.) und (sämtliche) Wahrheiten zu erkennen und die Geheimnisse der Welten zu erforschen. Seine Vorgehensweise [Manhaj] unterscheidet sich von der Herangehensweise der Philosophen, denn der Irfan verfolgt die Methodik der Aufdeckung[4] (der Wahrheiten), die Sichtung und „Erleuchtung“.

     

    „Die Lehre des Irfan beschäftigt sich mit der Erkenntnis Allahs (t.) durch Seine Namen und Eigenschaften und Erscheinungen. Es forscht nach dem Beginn und der Rückkehr (zu Allah) und den Wahrheiten der Welt und wie sie zu der Einen Existenz zurückkehrt. Es ist die Erkenntnis vom Weg zur Befreiung der Seele von sämtlichen Angelegenheiten und der Versuch, sie an ihren Ursprung zu binden.“[5]

     

    Manche der heutigen Gelehrten schreiben als Erläuterung zum „Irfan“:

    „Al-Irfan“ kommt vom Wort „al-Ma’rifa“ [die Erkenntnis]. Sie wird für diejenige Erkenntnis verwendet, welche durch die Sichtung des Herzens eintrifft und nicht durch den Verstand oder empirischen Erfahrungen und Wahrnehmungen aufgenommen wird. Der Erkennende [‚Arif] schaut zur Welt der Existenz und sieht dabei nur das Licht Allahs, des Erhabenen. Dabei ist ihm jede Existenz und Erscheinung wie ein Spiegel, welches die Schönheit und Erhabenheit des Schöpfers widerspiegelt.

     

    Diese Art der Erkenntnis kann nicht eintreten, außer mit dem (wahrhaftigen) Verrichten der göttlichen Anordnungen und Gesetze, denn in Wirklichkeit ist sie (die Erkenntnis) die Frucht und das Resultat der wahrhaftigen Religion. Dies ist das Licht der Erkenntnis, welches Allah (t.) in das Herz seiner wahrhaftigen Diener setzt[6].

     

    „Al-Irfan wird in der Linguistik als „Wissen“ bezeichnet. Im Sprachgebrauch bezeichnet es jedoch eine Art und Weise der Einsicht / Wahrnehmung, welche in die Verborgenheit des Selbst greift (und nicht durch Wahrnehmungen und logische Schlussfolgerungen eintrifft). Die Sprachwissenschaftler sagen, dass „al-Irfan“ aus dem Wortstamm „‚urf“ kommt. Dabei ist die Bedeutung die gleiche und diese ist die „Erkenntnis“[7].

     

    Es wurde uns nun deutlich, was die Bedeutung von „al-Irfan“ ist und dass es in zwei Punkte untergliedert wird.

    1. Al-Irfan al-Nadhari [der theoretische Irfan]

    2. Al-Irfan al-Ameli [der praxisorientierte Irfan]

    Wir fragen nun nach der genauen Definition der jeweiligen Unterteilung.

     

    [1] Schaykh-ul-Akbar Muĥiye Deen Ibn `Arabi (verst. 638 n.d.H.)

    [2] Muĥammad Ibn Ibrahim al-Schirazi (979 – 1050), bekannt als „Mulla Sadra“, zählt zu den größten Philosophen des 11. Jahrhunderts. Zu seinen bekanntesten Werken zählt „al-Ĥikma al-Muta’āliya fi-al-Asfār al-`Arba’ā“, „Tafsir al-Qur’an al-Kareem“ und „Scharĥ Usool al-Kāfi“.

    [3] Siehe: Sa’in al-Deen Ali Ibn Muhammad Ibn Turke: „Scharĥ Fusoos al-Ĥikam li-Ibn `Arabi“, analysiert und kommentiert von Muĥsin Baydarfur, 1.Auflage, Jahr 1420 n.d.H., S. 3-4 (Einleitung)

    [4] „al-Kashf“ – الكشف

    [5] Yaĥiya Yathribi: „al-Irfan al-Nadhari“ (vom Persischen übersetzt), Qom – Iran, 1. Auflage, Jahr 1995, S. 27-28

    [6] Siehe dazu: Mesbaĥ al-Yazdi: „Muĥadharāt fi al-Ideolojiyya al-Maqarina“, S. 20 – 21

    [7] Muĥammad Ibn Makram Ibn Mandhur al-Afriqi: “Lissan al-‘Arab”, Band 9, S. 236

     

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    Quelle: http://www.alhaydari.de/irfan/was-ist-irfan/208-1-was-ist-irfan.html