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    Was sagt der Qur’an zu Frauen als Zeugen?

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    Was sagt der Qur’an zu Frauen als Zeugen?

     

    Gelegentlich wird unter Muslimen, oft in Abgrenzung gegen das „westliche“ Gleichheitsideal, der Gedanke der Verschiedenheit von Mann und Frau betont und im Zusammenhang damit eine öffentliche Tätigkeit der Frau skeptisch betrachtet. Dazu gehört, dass Frauen nicht in gleichem Maße wie Männer als Zeugen anerkannt werden, und zwar unter Berufung auf den folgenden Qur’antext:

     

    Ihr, die ihr glaubt, wenn ihr voneinander ein Darlehen aufnehmt für einen bestimmten Zeitraum, dann legt es schriftlich nieder. Ein Schreiber soll (es) in eurer Anwesenheit niederschreiben, und kein Schreiber soll sich weigern zu schreiben, da doch Gott ihn gelehrt hat. Er soll also schreiben, und der Schuldner soll diktieren, und er soll vor Gott, seinem Herrn, gewissenhaft sein und nichts davon unterschlagen. Wenn aber derjenige, der die Verpflichtung eingeht, schwach ist oder nicht in der Lage, selbst zu diktieren, dann soll sein Anwalt auf angemessene Weise diktieren. Und ruft zwei unter eueren Männer (rijâl) zu Zeugen auf, und wenn zwei Männer nicht (zur Verfügung stehen), dann einen Mann (rajul) und zwei Frauen (imrâ’atân), die euch als Zeugen passend erscheinen, so daß, wenn sich die eine der beiden irren sollte, die andere sie erinnern kann. Und die Zeugen sollen sich nicht weigern, wenn sie gerufen werden. Und verschmäht nicht, es niederzuschreiben, es sei klein oder groß, zusammen mit dem festgesetzten Zeitraum. Das ist gerechter vor Gott und bindender für das Zeugnis und besser geeignet, daß ihr nicht in Zweifel geratet. Legt es also schriftlich nieder,) es sei denn, es gehe um Warenverkehr, den ihr von Hand zu Hand tätigt, denn dann soll es kein Vergehen sein, wenn ihr es nicht aufschreibt. Und nehmt Zeugen, wenn ihr einander etwas verkauft, und der Schreiber und der Zeuge soll keinen Nachteil davon haben. Tut ihr aber so etwas, dann ist es euer Ungehorsam. Und seid gewissenhaft vor Gott. Gott lehrt euch, und Gott kennt alle Dinge. (2:282)

     

    Zunächst wird aus der Formulierung „wenn … dann“ deutlich, dass es sich bei diesem Vers nicht um eine allgemeine Aussage über Männer und Frauen handelt, sondern um den konkreten Fall der Abfassung eines Kreditvertrages bzw. im zweiten Teil des Verses um kompliziertere Geschäftsvorgänge als der bloße Direktverkauf von Waren. Wenn man die dann folgenden Anweisungen also auf andere Fälle bezieht, sollte man sich dessen bewusst sein, dass man dabei schon eine Verallgemeinerung oder einen Analogieschluss (qiyâs) vornimmt.

     

    Sprachlich fällt sodann auf, dass für „Männer“ und „Frauen“ nicht die ausschließlich geschlechtsbezogenen Ausdrücke gewählt wurden, sondern die Wörter rajul/rijâl, das eher eine eigenständige Person bezeichnet, und imrâ’ah/imrâ’atân, das Frauen als Familienangehörige bezeichnet. Die Frage ist also von daher, ob es überhaupt zulässig ist, diesen Vers unbesehen zu verallgemeinern oder auf andere Fälle zu übertragen, inwiefern das hier verwendete Wortpaar für „Männer“ und „Frauen“ ausschließlich geschlechtsbezogenen zu verstehen ist, und wo der Sinn dieser Anweisung liegt.

     

    Wer den Vers als allgemeingültige Aussage interpretiert, argumentiert meist damit, Frauen seien „eher im emotionalen Bereich begabt“, wie es ja auch ihrer „natürlichen Bestimmung“ gemäß sei, und daher sei ihr sachliches Gedächtnis schwächer, also sei eine weitere Frau notwendig, um die Zeugin „zu erinnern“. Ein solcher Unterschied wird aber in den allgemeinen Aussagen des Qur’an nirgends erwähnt, vielmehr werden Qualitäten von Männern und Frauen als gleich aufgezählt (vgl. Sura 3:195, 9:71 und 33:35).

     

    Ein Blick in die Geschichte zeigt uns, dass zur Prophetenzeit keine grundsätzlich unterschiedliche Bewertung der Zeugnisfähigkeit von Mann und Frau bestanden zu haben scheint. Beispiele sind:

    1. Das Glaubenszeugnis: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer dem Einzigen Gott und dass Muhammad Sein Gesandter ist,“ gilt von einer Frau ebenso wie von einem Mann.

    2. Die wichtigsten Augenzeugenberichte (hadîth), auf denen das gesamte theologische und rechtliche System des Islam beruht, nämlich die, in denen es um Handlungen und Aussagen des Propheten (s) geht, also durchaus um „sachliche Inhalte“ verschiedener Art, werden keinesfalls danach unterschieden, ob der Zeuge ein Mann oder eine Frau ist, sondern lediglich nach dessen/deren Wahrhaftigkeit und Sachkompetenz.

     

    Der geschichtliche Hintergrund speziell dieses Verses ist vielmehr eine grundlegende Veränderung des Verhältnisses von Mann und Frau in der Gesellschaft, das sich auf alle Bereiche des Lebens auswirkt. Mit dem Islam wurden Frauen geschäftsfähige, mündige Mitglieder der Gemeinschaft. Erstmals lag es nahe, sie auch als Zeugen aufzurufen und zu öffentlichen Funktionen zuzulassen. Es bestand allerdings, was Sachkenntnis und Erfahrung anging, weitgehend immer noch eine beträchtliche Kluft zwischen Männern und Frauen. Männer waren als Kaufleute in der Regel auch mit komplizierten Geschäftsvorgängen und deren Terminologie vertraut, während den Frauen diese Kenntnisse meist fehlten, so dass sie leichter zu verunsichern waren. Der Vers bietet also eine Zwischenlösung an, die den Frauen einen Zugang eröffnete, aber keinesfalls so dogmatisiert werden darf.

     

    Diese These sowie die Schlussfolgerung, dass sich dieses Lösungsmuster nicht auf Männer und Frauen im geschlechtlichen Sinne beziehen muss, wird gestützt durch die Handhabung in der Rechtsgeschichte. Ganz offensichtlich wurde rajul in der einschlägigen Literatur im Sinne einer eigenständigen, kompetenten Person verstanden (vgl. ‚ilm ar-rijâl, wörtl. „Wissenschaft von den Persönlichkeiten“, nämlich männlichen und weiblichen Gelehrten), und imrâ’ah als zwar erwachsener Mensch, aber in mancher Hinsicht nicht ganz eigenständig.

     

    Dementsprechend wurde das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Zeugen durchaus unterschiedlich geregelt: zwei weibliche zu einem männlichen; ein weiblicher zu einem männlichen; im Strafrecht gelegentlich sogar gar keine weiblichen, wenn es galt, Frauen ggf. vor Repressalien zu schützen; umgekehrt in gynäkologischen Angelegenheiten auch gar keine männlichen, da diese gewisse Dinge nicht aus eigener Erfahrung kennen können. Es war also immer eher eine Frage der Wahrhaftigkeit und Sachkompetenz als des Geschlechts, zumindest was die Theorie betrifft.

     

    Dies stellt keineswegs die Zeitlosigkeit des Qur’an in Frage, denn in Verbindung mit dem Offenbarungshintergrund bietet der Text einen Ausblick auf Möglichkeiten zum Umgang mit Zeugen unterschiedlicher Sachkompetenz.

    Analog hierzu verläuft die gegenwärtige Debatte, inwieweit Frauen auf der gleichen Basis wie Männer eine Funktion als Gutachter, Rechtsanwalt, Richter u.dgl. erfüllen können. Gegner einer solchen Tätigkeit von Frauen argumentieren wiederum regelmäßig mit der „größeren Emotionalität der Frau“, durch die sie besser für pflegende, heilende oder erziehende Berufe geeignet sei, oder dass die damit verbundene psychische Belastung ihrer Aufgabe als Mutter abträglich sei.

     

    Nicht nur aufgrund moderner Erfahrungen, sondern auch auf dem Hintergrund historischer Erkenntnisse müssen diese Fragen neu überdacht werden. Die gegenwärtige de facto vorliegende Benachteiligung von Frauen in großen Teilen der islamischen Welt ist nämlich u.a. darauf zurückzuführen, dass der Bereich der Gesetzentwicklung, Interpretation und Rechtsprechung meistens ausschließlich in den Händen von Männern lag, die zudem keineswegs immer islamischen Idealen entsprachen, sondern durchaus emotionales Eigeninteresse ins Spiel brachten.

     

    Quelle: http://www.huda.de/zeitschrift/aktuelleausgaben/50121196a009f3e05.html

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