islamic-sources

    1. Startseite

    2. article

    3. Was sagt der Qur’an zur Mehrehe?

    Was sagt der Qur’an zur Mehrehe?

    Rate this post

     

    Zu den am meisten verbreiteten Vorwürfen gegen den Islam gehört, dass ein Mann mehrere Frauen heiraten kann und damit der Islam als mit modernen Rechtsordnungen unvereinbar angesehen werden muss. Zugegebenermaßen sind Muslime nicht ganz unbeteiligt am Zustandekommen dieses Vorurteils, denn in der Theorie und Praxis des Familienrechts hat es vor allem auch hinsichtlich der Mehrehe viel Missbrauch gegeben. Um so wichtiger ist es, sich wieder daran zu erinnern, was der Qur’an tatsächlich lehrt und was damit beabsichtigt ist.

     

    Den bekannteste Textabschnitt zu diesem Thema finden wir in Sura 4:3:
    Und wenn ihr fürchtet, ihr könnt den Waisen nicht gerecht werden, dann heiratet Frauen, die euch angemessen erscheinen, zwei oder drei oder vier. Wenn ihr aber fürchtet, ihr könnt nicht Gerechtigkeit wahren, dann (heiratet nur) eine oder was eure Rechte besitzt. So könnt ihr eher vermeiden, ungerecht zu sein.

     

    Dieser Vers wird oft als eine allgemeine Erlaubnis für einen Mann verstanden, mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein. Wenn man allerdings genauer hinschaut, dann stellt man fest, dass dieser Satz keine allgemeingültige Aussage ist, sondern mit „Wenn“ beginnt, also auf eine bestimmte Situation bezogen ist, nämlich auf die, dass die Möglichkeit besteht, den Waisen nicht gerecht zu werden.

     

    Im vorislamischen Arabien war die Mehrehe eher eine gesellschaftliche Normalität, vor allem in Form von Polygynie (ein Mann heiratet mehrere Frauen) und bei manchen Stämmen auch in Form von Polyandrie (eine Frau heiratet mehrere Männer). Im letzteren Fall gab es auch ein Verfahren zur Feststellung der Vaterschaft eines Kindes, das aber eher unzuverlässig und ungenau war. Ohnehin wurde die Polyandrie allmählich überall da abgeschafft, wo die Wichtigkeit der Beziehung eines Kindes zu den beiden leiblichen Eltern bzw. deren Beziehung zu ihrem Kind gesehen wurde. Bei der Polygynie galt die Elternschaft normalerweise als gesichert. Sie war in der vorislamischen Zeit für einen Mann in erster Linie eine Sache des finanziellen und gesellschaftlichen Status.

     

    Eine solche Einstellung widerspricht jedoch im Grunde dem islamischen Ideal der grundsätzlichen Gleichheit der Menschen in der Gesellschaft und der Vorstellung von einer partnerschaftlichen Ehe, wie sie dem islamischen Menschenbild und dem Beispiel des Propheten (s) mit Khadija entspricht. Die Mehrehe wurde dabei zwar nicht ausdrücklich abgeschafft, aber der Schwerpunkt verschob sich doch eindeutig auf Mann und Frau als Paar.

     

    Nach der Auswanderung nach Medina wurde die muslimische Gemeinschaft autonom. Zu den ersten Herausforderungen gehörten allerdings die Kriege von Badr und Uhud, wo eine ganze Reihe von Männern fielen und unversorgte und ungeschützte Witwen und Waisen hinterließen. Heute denkt man dabei meist an eine Versorgung durch eine entsprechende Rente und verschiedene schützende Institutionen. Auch in der muslimischen Gemeinschaft ist die Unterstützung von Witwen und Waisen eine kollektive Pflicht, u.a. im Zusammenhang mit der Zakat. Aber dabei bleibt in jedem Fall die Frage bestehen, wie für die emotionalen Bedürfnisse dieser Frauen und Kinder, die ebenso wichtig sind wie die materiellen, gesorgt werden soll. Zur Lösung dieses Problems wurde auf die bereits bestehende Einrichtung der Mehrehe zurückgegriffen, allerdings unter der Bedingung, dass der Mann zwischen den verschiedenen Familienteilen Gerechtigkeit wahrt und im Normalfall die Höchstzahl von Ehefrauen vier ist. Im Qur’an selbst gibt es keine andere Begründung für die Mehrehe.

     

    Der Prophet (s) selbst gab ein Beispiel, indem er, nachdem er den größten Teil seines Lebens in monogamer Ehe mit Khadijah verbracht hatte, zusätzlich zu Aisha Witwen wie Hafsa und Umm Salama heiratete, nicht zuletzt, um ihnen die Möglichkeit zu besonderen Tätigkeiten zu geben, zu denen sie besonders geeignet waren, zu denen sie aber sonst wenig Gelegenheit gefunden hätten. Er schloss allerdings auch einige Ehen aus politischen Gründen, etwa um einen Stamm vor einem schlimmen Schicksal zu bewahren. Dies galt jedoch ausschließlich für den Propheten (s) selbst.

     

    Später wurden verschiedene andere Gründe für den Fortbestand der Polygynie herangezogen:

     

    1) Die Unfruchtbarkeit der Frau. Dabei wurde allerdings weniger über eine mögliche Unfruchtbarkeit des Mannes nachgedacht, ganz zu schweigen von Lösungsmöglichkeiten für das Problem. Der Wunsch nach Kindern ist natürlich, aber um so wichtiger ist es, sachlich und vernünftig nach Lösungen zu suchen. In Anbetracht der modernen medizinischen Möglichkeiten verliert dieser Punkt zunehmend an Relevanz bzw. verlagert sich allmählich mehr auf medizinethische Fragestellungen (welche technisch möglichen Eingriffe sind auch ethisch vertretbar?, wer trägt die Kosten?, usw.).

     

    2) Krankheit und Pflegebedürftigkeit der Frau. Es wäre in der Tat unmenschlich, sich von einer Frau zu trennen, weil ihre Krankheit sie an einem äußerlich konstruktiven Beitrag zum Familienleben hindert. Aber hier wurde wiederum weniger über die Möglichkeit nachgedacht, dass der Mann krank und pflegebedürftig wird und seine familiären Pflichten nicht mehr erfüllen kann. Das Argument, dass die Frau dann eine Scheidung in die Wege leiten und einen anderen Mann heiraten kann, reflektiert genaugenommen eher die Idee einer Benachteiligung des Mannes.

     

    3) Stärkeres sexuelles Verlangen des Mannes; dieses müsse befriedigt werden, weil unbefriedigte Männer Frauen und Mädchen in der Gesellschaft gefährden. Wenn dies eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache wäre, dann wäre Polygynie eher eine zu akzeptierende Norm als, wie im Qur’an, eine Ausnahme, die mit bestimmten Bedingungen und verbunden ist sowie mit dem Rat, nur eine Frau zu heiraten.

     

    Die im Qur’an ausgesprochene Erlaubnis wurde also verallgemeinert, und die erwähnten Argumente wurden gegen diejenigen ins Feld geführt, die durchaus die Probleme sahen, die durch die Polygamie unter normalen gesellschaftlichen Verhältnissen ausgelöst werden können, und daher für Einschränkung und Verbot plädierten. Da nämlich die Anzahl der Frauen in der Welt unter normalen Umständen nur geringfügig höher ist als die der Männer, gibt es in Ländern, in denen Polygynie verbreitet ist, viele Männer, die keine Möglichkeit finden, selbst eine Familie zu gründen. Dieses Ungleichgewicht lässt sich weder mit der im Qur’an vertretenen Forderung nach ausgewogener Gerechtigkeit vereinbaren noch mit der Aufforderung, Ledigen die Möglichkeit zum Heiraten zu schaffen. Aus dem Text wird beim gewissenhaftem Lesen jedenfalls deutlich, dass die Mehrehe durchaus kein Ideal ist.

     

    Das gilt auch für den zweiten Vers, der die Frage der Mehrehe anspricht:

    Und ihr könnt niemals ausgewogene Gerechtigkeit zwischen euren Frauen halten, so sehr ihr es auch wünscht. Aber wendet euch nicht ausschließlich (einer) zu, indem ihr die andere in der Schwebe lasst. Und wenn ihr auf Ordnung und Frieden hinwirkt und achtsam seid, dann ist Gott vergebend, barmherzig. (Sura 4:129)

     

    Hier haben die Kommentatoren oft unterschieden zwischen objektiv feststellbaren Verhaltensweisen, die Gegenstand juristischer Überlegungen sind und mit 4:3 assoziiert werden, und Gefühlen, die nicht unter der Kontrolle eines Menschen stehen, so daß niemand von einem mit mehreren Frauen verheirateten Mann verlangen kann, sie alle gleich zu lieben. Dieser Vers wird oft als Hinweis darauf verstanden, daß es eine Gewissenssache ist, trotz der ungleichen Gefühle zu versuchen, alle Frauen gleichermaßen freundlich und aufmerksam zu behandeln.

     

    In einer so engen Beziehung wie der Ehe wird es aber erfahrungsgemäß auf lange Sicht kaum möglich sein, wirkliche Zuneigung, Abneigung oder Gleichgültigkeit so zu verbergen, dass sie sich nicht im Verhalten wiederspiegeln. Daraus haben andere Kommentatoren geschlossen, dass es sich hier eigentlich um einen dezenten Hinweis darauf handelt, dass die Mehrehe zu vermeiden sei. Mit unter anderem dieser Begründung ist in einer Reihe von muslimischen Ländern die Mehrehe abgeschafft bzw. von einer gerichtlichen Entscheidung abhängig gemacht worden, und in einigen anderen Ländern, wo dies nicht der Fall ist, kann sich eine Frau im Ehevertrag eine monogame Ehe vorbehalten.

     

    Aber abgesehen davon ist auch die objektive, rechtliche Seite noch lange nicht geklärt. Wo dies diskutiert wird, erwähnt man gewöhnlich, dass jede Frau bzw. jede Teilfamilie ein gleiches Recht auf angemessene Versorgung und Wohnung hat, dass der Mann die Zeit, die er mit jeder verbringt, oder eventuelle Geschenke gleichmäßig zu verteilen hat und dergleichen. Fragen, die viel wichtiger sind, werden demgegenüber weniger bedacht.

     

    So verlässt man sich z.B. oft bedenkenlos darauf, dass das islamische Erbrecht dafür sorgt, dass nach dem Tod des Mannes jede Frau den gleichen Anteil bekommt. Das mag zu Zeiten ebenso seine Ordnung und Richtigkeit gehabt haben wie die Aussicht, dass die Witwe eine Möglichkeit hat, zu ihren Angehörigen zurückzukehren oder erneut zu heiraten, soweit sie nicht selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen kann. In einer modernen Gesellschaft – auch schon in einigen muslimischen Ländern – gibt es allerdings über die Familie hinausgehende Einrichtungen der sozialen Sicherheit wie z.B. ein System der Krankenversicherung, der Rente oder der Sozialhilfe. Das bedeutet, dass die Familienverhältnisse eindeutig genug sein müssen, um feststellen zu können, wer einen Anspruch auf welche Leistungen hat. Eine Frau, die in staatlich anerkannter Weise mit einem Mann verheiratet ist, hat womöglich teil an dessen Krankenversicherung sowie einen Anspruch auf eine Witwenrente.

     

    Das gilt aber nicht für eine Frau, deren Ehe nicht staatlich anerkannt ist, weil sie aus irgendeinem Grund in einer privaten Übereinkunft geschlossen wurde. In Ländern, in denen die Mehrehe abgeschafft wurde, bzw. in westlichen Ländern, wo sie nie im Familienrecht vorgesehen war, gibt es gelegentlich Versuche, das geltende Recht dadurch zu umgehen, dass ein Mann, der bereits mit einer Frau offiziell verheiratet ist, inoffiziell eine zweite heiratet, die dann aber nicht dieselbe Rechtsstellung hat. Auch ihre Kinder gelten meist nicht in gleicher Weise als „eheliche Kinder“ und haben womöglich Nachteile davon, je nachdem in welcher Gesellschaft sie leben. Dies ist ein offenkundiges Ungleichgewicht, das dadurch vermieden werden sollte, dass man die geltende Rechtsordnung achtet und auf eine solche Verbindung verzichtet. Dies bedeutet nicht, dass man sich selbst etwas verbietet, was religiös erlaubt ist, sondern dass man dem Rat folgt:
    „Wenn ihr aber fürchtet, ihr könnt nicht Gerechtigkeit wahren, dann (heiratet nur) eine …“

     
    Auch in einer Gesellschaft, in der Polygamie gesellschaftlich akzeptiert und rechtlich legal ist, gehört in einer solchen Familie Eifersucht oft mit zum Familienalltag, denn schließlich sind alle Beteiligten Menschen – selbst in der Familie des Propheten hat bekanntlich Eifersucht das eine oder andere Missverständnis ausgelöst. Die Angst davor oder auch die Unsicherheit hinsichtlich der erforderlichen Gerechtigkeit veranlasst bisweilen Männer, ohne das Einverständnis oder auch nur das Wissen der ersten Frau eine zweite zu heiraten. Dies ist an sich problematisch. Meist verhält es sich so, dass die erste Frau eine normale Beziehung zu ihrer Schwiegerfamilie aufgebaut hat, die zweite dies aber nicht kann, weil ihre Ehe vor der ersten Frau verheimlicht werden soll, und den Grund zumindest erraten kann.

     

    Oder der Mann verschweigt der zweiten Frau, dass er bereits verheiratet ist, während seine übrige Familie einschließlich seiner ersten Frau über seinen Schritt informiert ist. Aber selbst wenn der Mann diese Verhältnisse vor seinen beiden Frauen und ihren Kindern und anderen Angehörigen länger verheimlichen kann, bleibt ein Ungleichgewicht bestehen, das dem Geist des Qur’antextes zuwiderläuft, abgesehen von einem Netz von Verstellung, in das er sich verstrickt und das ganz sicher nicht mit den Grundsätzen der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit entspricht, die von einem gläubigen Menschen zu erwarten ist.

     

    Halima Krausen

     

    ***********

     

    Quelle: http://www.huda.de/zeitschrift/aktuelleausgaben/50121195ea0714501.html