islamic-sources

    1. Startseite

    2. article

    3. Wenn man sich das Jawort gibt

    Wenn man sich das Jawort gibt

    Rate this post

     

    Die muslimische Welt ist voller unterschiedlicher Hochzeitstraditionen.

     

    Unsere Welt ist bunt und vielfältig. Dieser Reichtum drückt sich auf vielen Wegen aus. Die Art und Weise, in der sich menschliche Gemeinschaften verständigen, zählt zu diesen vielfältigen Facetten. Die Gründung einer funktionierenden Familie zählt zu den wichtigen Elementen des Islam. Daher sind alle befähigten Muslime zur Ehe aufgerufen, weil sie der richtige Weg für die Befriedigung körperlicher und seelischer Bedürfnisse ist. Laut einer eindeutigen qur’anischen Aussage gelten die Ruhe und der Frieden durch eine harmo­nische Ehe als das vorrangige Ziel einer Ehe: „Und es gehört zu Seinen Zeichen, dass Er euch aus euch selbst Gattinnen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.“ (Ar-Rum, 21)

     

    Die Ehe wird in verschiedenen muslimischen Traditionen durch die Heirats­zeremonie symbolisiert. Ob glänzend oder bescheiden, die Hochzeit und ihre Vorbereitung zählen zu den aufregends­ten Augenblicken einer Ehe. Bei jeder Hochzeit gibt es Spaß, Freude und Gäste, die sich für Braut und Bräutigam ­freuen. Fraglos bestimmen Umgangsformen, Bräuche und die Traditionen unterschiedlicher Kulturkreise, wie die Menschen einer bestimmten Kultur feiern.

     

    Afghanistan – Süßigkeiten für die ganze Familie

     

    Die Eheschließung ist im traditionellen Afghanistan ein tiefverwurzelter Prozess, der Schritt für Schritt vollzogen wird. Nur selten hat das junge Paar die Möglichkeit, sich vorher kennenzulernen. Will ein junger Mann eine Frau aus einer ihm unbekannten Familie ­heiraten, holt die Familie zuerst Erkundigungen über die Braut ein, um etwas über ihre Moral und die Hintergründe ihrer Familie zu erfahren. Ist man zufrieden, schi­cken seine Eltern ein weibliches Familienmitglied, um ein – direktes oder indirektes – Einverständnis einzuholen und um den Antrag vorzutragen. Diese Beratungen dauern einige Zeit. Üblicherweise wird ein Datum vereinbart, um die Verlobung bekannt zu geben.

     

    Die Verlobung (Shereni Khori oder Namzadi) ist der Schritt, die ­gemeinsame Anziehung zu besiegeln. Der Vater des Verlobten besucht gemeinsam mit Verwandten und Älteren das Haus der Braut. Mit sich bringen sie Süßigkeiten und Geschenke für die Braut, sowie Geld und Kleidung für ihre Familienmitglieder. Nach einem gemeinsamen Essen spricht der Brautvater oder ein respektabler Mann der Familie unter den Gästen offen über den Zweck ihres Kommens. Beide Seiten debattieren Dinge wie die Mahr, Juwelen, Hochzeitskosten und andere Notwendigkeiten. Einigt man sich, wird ein großer Zuckerbrocken (Qand) zerbrochen, mit Süßigkeiten vermischt und unter den Anwesenden verteilt.

     

    Die Zeitspanne zwischen Verlobung und Hochzeit hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die finanziellen Möglichkeiten des Bräutigams. Kurz nach der Verlobung überreicht dessen Familie den Angehörigen der Braut eine bestimmte Summe für den Einkauf be­stimmter Dinge – wie Kleidung, Teppiche, Geschirr und Schmuck für die Braut. In dieser Phase darf das baldige Ehepaar mit Hilfe Dritter Geschenke austauschen. Auch die Eltern des Bräutigams ­bringen Geschenke für die Frau und besuchen sich bei feierlichen Anlässen wie dem ‘Id. Wie in anderen muslimischen Kulturen auch findet die Henna-Nacht (Takht-­e-Khina) eine Nacht vor der Hochzeit statt. Verwandte des Mannes bereiten so viel Henna vor, dass es für alle reicht. Es wird auf einem Tablett gebracht und in einem geschmückten Korb gelegt. ­Kinder in traditioneller Kleidung tragen das Henna mit musikalischer Begleitung in das Haus der Frau. Nachdem die Gäste dort be­dient wurden, spielt die Musik erneut auf. Ihr älterer Bruder bringt den zukünftigen Gatten zu einem Sofa, wo sie in einem bunten Kleid sitzt. Die eigentliche Feier wird im Haus des Bräutigams abgehalten, wo viele Menschen zum Essen geladen sind. Die Angehörigen des Bräutigams bieten den Besuchern Erfrischungen an – Tee, Wasser und frische Säfte. Sie stehen am Eingang in Reih und Glied, um die Gäste in Empfang zu nehmen und in vorberei­tete Räumlichkeiten zu führen, wo sie platziert werden.

     

    Während die Gäste zu Mittag essen und das Nachmittagsgebet verrichten, bereitet sich der Bräutigam vor. Er ­reitet auf einem, mit Stickereien verziertes Pferd. Mit Freunden, Sängern und Männern mit Tamburinen folgt er den Älteren, die seinen Zug anführen. Männer aus ­beiden Familien sitzen im Haus der Braut und hören der Khutba Nikah (der Hochzeits­ansprache) zu. Währenddessen wird er in das Haus geführt, wo die Braut inmitten singender und tanzender Frauen und Mädchen auf ihn wartet.

     

    Nachdem das Paar Platz nimmt, be­ ginnt die Zeremonie Aina Moshaf (Spiegel und eine Kopie des Qur’ans). Beide werden mit einem neuen Schal umhüllt und ein neuer, ebenfalls umhüllter Spiegel und eine Kopie des Qur’an vor sie auf den Tisch gelegt. Dann wird der Spiegel unter dem Schal geöffnet und beide können sich im Spiegel sehen. Dies soll Reinheit und Sauberkeit symbolisieren. Danach rezitieren beide Verse aus dem Qur’an. Die Musik spielt auf und das neue Paar tauscht Gläser selbst ­gemachter Desserts (Scherbet und Malida) aus. Braut und Bräutigam sind die ersten, die etwas vom Hochzeitskuchen bekommen, der dann unter den Gästen aufgeteilt wird. Am Ende der Feier beglückwünschen alle das Paar persönlich, dass in sein neues Heim weiterzieht. Am siebten oder achten Tag nach der Hochzeit wird mit Takht Dschami (das Programm abrunden) eine abschließende Zeremonie abgehalten. Eingeladen sind enge Freunde und Verwandte. Sie bringen Geschenke für die Braut, wobei es sich zumeist um Einrichtungsgegenstände und Geschirr für ihren Haushalt handelt. Diese Feier ist für die Mädchen und Frauen. Die Geschenke werden einzeln ausgepackt und der Name jedes Schenkers genannt.

     

    Bulgarien – Heirat im ­eingeschneiten Dorf

     

    Trotz jahrzehntelanger Verfolgung und ärmlicher Lebensbedingungen, eh­ren Muslime im bulgarischen Bergdorf Ribnovo die uralten Traditionen der Hochzeit im Winter. „Vielleicht liegen wir am Ende der Welt, aber wir Leute in Ribno­vo sind sehr religiös und stolz auf ­unsere Traditionen“, berichtet Ali Mustafa Buschnak. Im Winter kehren die jungen Männer in die frostige Bergregion des südwestlichen Bulgariens zurück, um sich zu vermählen. Die junge Fikrie ­Sabrijewa beispielsweise bereitet sich auf eine tradi­tionelle Eheschließung vor. Bereits seit ihrer Geburt arbeiteten die Frauen der Familie an ihrer Aussteuer – Strickwaren, Steppdecken, Bett- und Kissenbezüge, Schürzen, Socken und Teppiche.

     

    An einem sonnigen Wintertag wird die Aussteuer auf einem gesonderten Ge­stell aufgehängt. Beinahe jeder der 3.500 Dorfbewohner kommt vorbei, um die hausgemachten Textilien zu bewundern. Die junge Frau und ihr Zukünftiger, der 20-jährige Musa, führen danach den traditionellen Horo-Tanz auf dem Dorfplatz an. Die meisten jungen Leute von Ribnovo schließen sich ihnen an.

     

    Am zweiten Tag wird das Gesicht der Braut geschminkt. Auf einer privaten Feier, an der nur die weiblichen Mitglie­der ihrer neuen Familie teilnehmen, wird Fikries Gesicht mit dicker weißer Farbe bedeckt und bunt geschmückt. Ein langer, roter Schleier bedeckt ihr Haar und rahmt ihr Gesicht hübsch ein. Gekleidet in Pluderhosen und allen Farben des Regenbogens wird sie ihrem ­zukünftigen Ehemann, ihrer Mutter und ihrer Groß­mutter in der wartenden Menge vorgestellt. Die Braut hält ihre Augen ­solange geschlossen, bis der Imam sie für verhei­ratet erklärt.

     

    Das 1989 zusammengebrochene kommunistische Regime in Bulgarien verbot den Muslimen die Praxis ihrer Religion und zwang sie zur Annahme slawischer Namen. Unter den Pomaken jedoch, Slawen, die in der osmanischen Zeit den Islam annahmen, überlebten diese Tradi­tionen der Eheschließung ungebrochen. Die muslimischen Bewohner Ribnovos, die traditionell in friedlicher Koexistenz mit ihren christlichen Landsleuten leben, identifizieren sich stark mit ihren religiö­sen Bräuchen. Das Dorf hat zehn muslimische Gelehrte und zwei Moscheen.

     

    Südindien – Biryani und großer Familiensinn

     

    Mit seiner unendlichen Vielfalt ist Indien bekannt für glänzende und lebendige Hochzeiten. Allein schon das Wort „Hochzeit“ erzeugt im Zuhörer ein Ge­fühl des Vergnügens und der Freude. Die Aufregung ist sogar größer, wird die Hochzeit im eigenen Haushalt gefeiert. Im bunten Indien entwickelten sich un­zählige lokale Bräuche bei Hochzeits­fei­ern – und bei Brautkleidern. In den meisten Fällen durchläuft eine Hochzeit dort mehrere Phasen. In Südindien ge­hören dazu das Mehendi (die Henna-Party), die eigentliche Hochzeitszeremonie und der Hochzeitsempfang.

     

    Jede einzelne Stufe dieses Zeremoniells ist einzigartig und amüsant. Freude und Lachen füllen die Haushalte von Braut und Bräutigam in den verschiede­nen Stadien einer Eheschließung. Eine indische Ehe dreht sich um die Vereinigung zweier Familien, und nicht zweier Individuen. Oft rufen die Leute auf der Hochzeitsfeier aus: „Ich bin von der Familie der Braut!“ oder „ich gehöre zum Bräutigam!“

     

    Sobald die Brautmutter oder ihre Ge­schwister das Haus betreten, ist ein typisches Geräusch zu hören, das sich am besten mit Triller beschreiben lässt. Es hat arabische Wurzeln und wurde von arabischen Muslimen, die als Händler nach Südindien kamen, mitgebracht.

     

    Eine typische muslimische Hochzeit in Indien, die Nikah, findet in An­we­senheit unzähliger Zeugen statt. An diesem Tag will jeder der Einwilligung von Braut und Bräutigam lauschen, die auf der Nikah-Zeremonie ausgesprochen wird. Nach den vielen kleinen, unzähligen Elementen der Feierlichkeit kontrol­liert die Menge dem Brautpaar am Ende der Zeremonie. Die Menge wird zum Essen geführt. Das Aroma von Biryani und anderer, würziger indischer ­Speisen erfüllen die Luft und lässt den Gästen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Während die Familie im Kreis aus großen Platten isst, werden die Gäste an langen Tischen auf Stühlen platziert. Nach dem Essen verlassen die Gäste den Ort der Hochzeitszeremonie, beglückwünschen das Ehepaar und nehmen ihren Abschied. Der Tag klingt im kleinen Kreis der Familie aus.

     

    Kenia – die Moderne ­verdrängt alte Bräuche

     

    In den somalischen Siedlungsgebieten Nordkenias stehen die bisherigen Tradi­tionen der Eheschließung unter dem stetigen Druck der zunehmenden Globali­sierung. Die neuen Formen ersetzen die traditionellen Zeremonien zusehends. In der neuen somalischen Generation münden die Hochzeitsvorbereitungen in ein teures Event. Ökonomen haben einmal nachgerechnet, dass somalische ­Heiraten im Verhältnis heute zu den teuersten der Welt zählen.

     

    Vor Jahrzehnten noch waren somalische Hochzeiten in Nordkenia ein ­Sym­bol des Gemeinschaftsgefühls, wobei so­wohl die Familie der Braut als auch die des Bräutigams eine bestimmte Rolle erfüllte. Diese Tradition ist aber immer schwerer zu finden, weil die Moderne sich in den meisten Teilen Afrikas fest verwurzelt hat. „Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, dann wird unsere ­reiche Tradition bald ausgelöscht sein“, meint der Somalier Ahmed Abdille.

     

    Die alten Wege ermöglichten es insbe­sondere den Jüngeren, zu heiraten, ohne große Summen ausgeben zu müssen. Denn die Mischung aus somalischer Kultur und islamischen Grundlagen, die in der alten Tradition zusammenfloss, bot für Reiche wie für Arme die Chance, eine Ehe eingehen zu können. „Die traditionellen somalischen Hochzeitsbräuche galten als wichtige gemeinschaftliche Aktivität, bei der zwei Familien, oder sogar zwei Clans, eine Art Verbindung eingehen. Im Gegensatz zu heute, wo die Hochzeit nur zwei Individuen dient“, meinte Abdille.

     

    Früher wurden Hochzeiten tagelang mit großen Festen und Gedichten gefeiert. Neben der Überführung der Jugendlichen ins Erwachsenenalters, sandten diese Rituale eine klare Botschaft: Die Familien sind verbunden und haben An­teil an den Problemen und am Zuwachs. „Früher gab es ausschließlich in der Regenzeit Heiratsfeiern. Dann konnte selbst die arme Jugend Hilfe von ihrer Fa­milie und von Verwandten erhalten, was ihnen die Ehe ermöglichte“, ­berichtet der Traditionsforscher.

     

    „Früher begonnen die Heiratsfeiern mit der ersten Begegnung beider Schwiegerelternpaare und dem Austausch ­ritueller Geschenke. Unsere Bräuche setzten sich fort bis zum Hochzeitstag“, erinnert sich Hassan Salat an seine eigene Hochzeit vor 30 Jahren. Die meisten der für Heira­ten benutzten Ausstattungsgegenstände wurden von einer Generation zur nächs­ten weitergegeben. „Auch wenn die tradi­tionellen Hochzeiten nur schwer auf religiöser Grundlage einzustufen sind, so lässt sich doch begründen, dass sie viel besser als die neuen sind, soweit es die Übereinstimmung zum Islam betrifft“, meint Farah Adan. Anders als heute, wo ­gerade die Wohlhabenden in gemieteten Örtlichkeiten feiern, durften früher auch nicht geladene Gäste vorbeischauen. „Jeder Aspekt der Ehe wird von Profis organisiert – von den Möbeln im Haus, über die Dekoration des Ballsaals bis zu den laufenden Kameras“, berichtet der frisch verheiratete Mohamed Jamaa von seiner modernen Hochzeit.

     

    (Mit Beiträgen von Fazl ur Rahim Muzaffary/Afghanistan, Amatullah Abdullah/Indien, Reuters und Abdullahi Jamaa/Kenia, OnIslam.net)

     

    Quelle: islamische-zeitung.de