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    Wirtschaftlicher Dschihad gegen Kapitalismus

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    18. April 2011  

    Geschrieben von: Yavuz Özoguz

     

    Der Begriff “Dschihad“ gehört wohl zu den am meisten mit Angst gekoppelten Begriffen in der Westlichen Welt, doch Imam Chamene’i hat ihn jetzt aufgerufen, wenn auch “nur“ wirtschaftlich. Was bedeutet es?

     

    Das Jahresmotto der Islamischen Republik Iran ist eine von Imam Chamene’i eingeführte Tradition, das jeweils bevorstehende persische Jahr unter ein bestimmtes Motto zu stellen. Imam Chamene’i nutzt traditionell die Gelegenheit der Feiertage zum Nouruz (Neujahr nach dem persischen Sonnenkalender, der mit der Auswanderung des Propheten beginnt), um bei seiner Neujahresansprache ein Jahresmotto zu empfehlen, dem sich die Aktivitäten des jeweiligen Jahres vertieft widmen sollen. So war das persische Jahr 1389 (ab März 2010) zum “Jahr der doppelten Strebsamkeit und doppelten Bemühungen“ erklärt worden. Das neue Jahr 1390 (ab März 2011) wurde nunmehr zum “Jahr des wirtschaftlichen Dschihad“ erklärt.

     

    Das arabische Wort “Dschihad“ bedeutet “Bemühung“ oder “Anstrengung“ und gehört zu den Begriffen, die am häufigsten missverständlich übersetzt werden; insbesondere von “Orientalisten“ und “Islam-Experten“. Die oft verwendete Übersetzung “Heiliger Krieg“ ist eine unzulässige Projektion eines Begriffs der Kreuzzüge. Die vollständige Bezeichnung “al-dschihadu fiy sabil-illah“ (die Anstrengung auf Gottes Weg) umfasst sowohl äußere als auch innere Aspekte des Menschen. In der Regel wird der Dschihad in zwei Bereiche unterteilt: Der “größte oder große Dschihad“ ist der Kampf gegen das Böse im Herzen des eigenen Ich, die Anstrengung gegen eine niedrige Stufe der Seele, die zum Bösen gebietet. Dabei wird die innere Läuterung zur moralischen Vervollkommnung angestrebt. Mittel bei diesem schweren Einsatz sind die zahlreichen Riten des Islam, wie auch z.B. das Bittgebet und vieles andere mehr. Allheilmittel gegen Krankheiten der Seele ist u.a. die Dankbarkeit sowie die Buße.

     

    Der “kleine“ oder “äußere Dschihad“ besteht in jeder Form der zulässigen Verteidigung von Muslimen, sowie jede andere Form der gottgefälligen Anstrengung, wie z.B. das Stillen der eigenen Kinder. Ein Angriffskrieg oder eine gewaltsame Verbreitung des Islam, welche oft fälschlicherweise mit dem Begriff Dschihad in Verbindung gebracht wird, ist im Islam in der Regel verboten. Ausnahme ist der Krieg unter Führung eines reinen und fehlerfreien Propheten, wie z.B. unter David (a.). Siehe dazu unten mehr.

    Die von Muslimen erhoffte endgültige Befreiung der Welt obliegt dem erwarteten Erlöser Imam Mahdi (a.). Daher wird der Begriff Dschihad in der islamischen Welt oft im Zusammenhang mit Aufbauorganisationen erwähnt. In der Islamischen Republik Iran heißt z.B. die Organisation zum Wiederaufbau der Landwirtschaft auch “Dschihad“. In allen bisherigen Jahreslosungen kam der Begriff “Dschihad“ nicht vor. Ohnehin verwendet Imam Chamene’i jenen Begriff äußerst selten in seinen Reden.

     

    Einen “Dschihad“ hat er noch nie ausgerufen! Das hat vor allem religionsrechtliche Gründe. Nach der Vorstellung der Schia darf – wenn überhaupt – niemand anderes, als ein absolut reiner und fehlerfreier Prophet oder Imam einen offensiven Dschihad ausrufen. Aus dem Leben des Propheten Muhammad ist solch ein offensiver Dschihad nicht bekannt, obwohl er selbst die Voraussetzungen erfüllen würde, ihn auszurufen. Auch hat keiner der Imame jemals einen Angriffskrieg geführt. Manche nehmen an, dass der erwartete Erlöser einen offensiven “Dschihad“ durchführen werde, was von anderen angezweifelt wird, da er gemäß Überlieferungen ohnehin von einem Großteil der Welt angegriffen wird und sich daher verteidigen wird. Imam Chamene’i – bei aller Liebe und Respekt – ist kein Prophet und keiner der fehlerfreien Zwölf Imame der schiitischen Denkschule, so dass keine der kontroversen Vorstellungen diesbezüglich auf ihn zutreffen. Es gibt nur eine einzige “Notsituation“, in der eine Persönlichkeit wie Imam Chamene’i den “Dschihad“ ausrufen darf und ggf. auch muss, und das ist die Abwehr eines massiven unübersehbaren Angriffs. Ansonsten würde er den Begriff mehr im spirituellen oder einem nach innen gekehrten Sinn verwenden.

     

    Aus der Erläuterung zum Jahresmotto wird aber deutlich, dass hier tatsächlich eine Art Abwehrmaßnahme gegen den “Feind“ beschrieben wird, ohne dass jener Feind genau benannt wird. Oberflächlich betrachtet kommt die “Westliche Welt“ als Feind der Islamischen Republik Iran stets in Betracht, hatte doch der Gründer der Islamischen Republik Iran, Imam Chomeini, die USA als “großen Satan“ betitelt. Aber die Begriffe “Westliche Welt“, “großer Satan“ oder “Amerika“, wie sie von diesen Revolutionsoberhäuptern verwendet werden, beziehen sich weder auf die Staaten in der Westlichen Welt als solche, noch auf deren Bevölkerungen. Auch ist der Begriff “Feind“ nicht auf jene Regionen der Welt begrenzt, die man als “Westen“ bezeichnen würde.

    Im aktuellen Jahresmotto und der vergleichsweise kurzen Erläuterung dazu, wird deutlich, was konkret mit “Feind“ gemeint ist. Es handelt sich – so die bescheidene Interpretation des Schreibers dieser Zeilen – um den “Kapitalismus“. Jenes Wirtschaftssystem wird als aktuell größte Bedrohung für die Menschheit – nicht nur für den Iran – angesehen und wird daher mit einem “Dschihad“ belegt. Doch was bedeutet das konkret? Wie kann man seine Wirtschaft “dschihadartig“ verteidigen gegen die Angriffe von Außen? Wie kann man die Sanktionspolitik der Westlichen Welt entschieden entgegen treten? Welche “Waffen“ gibt es im Wirtschaftsdschihad?

     

    Hier hilft möglicherweise ein Blick in die Bibel und darin in eine Geschichte Jesu. Sehr berühmt ist seine Aussage: „Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Sie steht gleich in drei der vier kanonischen Evangelien und dazu auch noch im Thomasevangelium. Vorausgegangen war dieser Aussage der Versuch von Pharisäern und Hofjournalisten des Herodes, ihn reinzulegen und des Gesetzesbruches zu bezichtigen. In einer Zeit, in der es den gottesehrfürchtigen Menschen verboten war, Zins zu nehmen oder zu geben, und der gottlose Herrscher dieses Verbot für die Festigung seiner Herrschaft missbrauchte, wurde Jesus gefragt, ob man dem Kaiser Zins geben dürfe. Jesus wusste um deren Heuchelei und forderte sie auf, ihm eine Münze zu bringen. Als sie ihm die Münze gebracht hatten, fragte er sie, wessen Kopf auf der Münze abgebildet sei und es wurde festgestellt, dass es das Bild des Kaisers war. Daraufhin sagte Jesus: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“

     

    Wollte man jene Aussage von damals in die heutige Welt übertragen, so würde sie heißen: „So gebet dem Kapitalismus, was des Kapitalismus ist, und Gott, was Gottes ist!“ Für Staaten, wie die Islamische Republik Iran, bedeutet das die konsequente Fortsetzung des Dollar-Boykotts, der vor wenigen Jahren begonnen wurde. Wenn alle Staaten den Dollar an den “Kaiser“ zurückgeben, und nicht mehr damit handeln, kann der Kaiser einpacken. Es bedeutet auch beim Handel mit Staaten, jenen Staaten günstigere Konditionen zu gewähren, die sich gegen das mörderische Imperialgehabe des Kapitalismus wenden, wie z.B. Venezuela und Bolivien, zu denen die Islamischen Republik Iran freundschaftliche Beziehungen pflegt. Es bedeutet auch, sich im Handel von kapitalistischen Systemen zu entfernen, so weit es nur irgend möglich ist. Allein die eigene staatliche Ausrichtung muss jegliche Gefahr kapitalistischer Unmenschlichkeit – sei es z.B. in der Pharmaindustrie oder im Energiesektor – verhindern. Das Wirtschaftssystem muss so aufgebaut werden, dass es dem Menschen hilft in seinem Streben nach Glückseligkeit und nicht den Menschen zum willenlosen Sklaven einer vergötterten Wirtschaft degradiert, deren Untergötze die “Gewinnmaximierung“ ist.

     

    Doch stellt sich neben allen “hohen“ Zielen, die mehr Staaten und deren Experten und Verantwortungsträger betreffen, auch die Frage, wie der Einzelne in jenem “wirtschaftlichen Dschihad“ mitwirken kann. Wie kann ein Bürger Deutschlands seinen bescheidenen Beitrag leisten zur Abwehr eines Krieges des Kapitalismus gegen die gesamte Menschheit? Imam Chamene’i geht in seiner recht kurzen Ansprache nicht auf sämtliche derartige Details ein, sondern eröffnet eine Diskussion, die die Menschen zum Nachdenken bringen und zur Kreativität und anregen soll.

    Bevor wir in jene Diskussion mit einsteigen, sei an dieser Stelle bereits klargestellt, dass die Missinterpretation, man dürfe die Gesetze in der Westlichen Welt brechen, sicherlich nicht gemeint ist, weder bei Jesus, noch bei Imam Chamene’i, und daher eine derartige Interpretation lediglich bei einigen USlamisten mit engen Beziehungen zum Saudischen Königshaus zu finden sein dürfte. Ein gläubiger praktizierender Muslim hält die Gesetze des Landes ein, in dem er lebt, ob als Staatsbürger oder Gast.

     

    Dennoch ist aber ein Widerstand – im Rahmen des Gesetzes – gegen den Kapitalismus geboten, wenn nicht gar Pflicht, für jeden Menschen, der einen Rest Nächstenliebe im Herzen bewahrt hat. Denn der Kapitalismus ist eine mörderische Ideologie, wie es dieser Tage sowohl in Japan, als auch in Libyen exemplarisch deutlich wird. Zusammen mit lupenreinen Diktatoren bombardiert die Westliche Welt auch die Bevölkerung Libyens. Welcher gottesehrfürchtige Mensch kann so etwas befürworten? Wie aber sieht “Dschihad“ gegen den Kapitalismus für uns aus? Welche Methoden erfüllen die Gesetzeskonformität und sind dennoch wirksam, selbst wenn nur als kleine Tropfen?

     

    Die wohl wirksamste und wertvollste Methode gegen den Kapitalismus besteht darin, im Rahmen seiner Möglichkeiten zu leben, genügsam zu sein, Verschwendung zu minimieren und – so weit irgend möglich – niemals auf Pump zu leben! Jeder zinsbehaftete Kredit ist eine Stärkung des Kapitalismus! Wenn die Menschen sich mit dem Begnügen würden, was sie sich leisten können, wenn diese Denkweise Einzug in die gesamte Gesellschaft nehmen würde und dann auch die Entscheidungsebenen von Betrieben erreicht, dann wäre das ein Schlag gegen den Kapitalismus, der die Menschen in die Sklaverei der zinsabhängigen Verschuldung zu treiben versucht. Unverschuldete Menschen sind unabhängiger! Auch sollte auf Konsummittel total verzichtet werden, die aus mörderischen Systemen kommen bzw. sogar als deren Symbole gelten, wenn es Alternativen gibt (warum sollte ein Muslim jemals Coca-Cola trinken?). Wir müssen endlich aufhören, ohnehin verpönte Dinge zu tun, wie Rauchen, das nur kapitalistische Konzerne stützt. Für Qualität, sei es Halal-Ware, Bio-Ware, Öko-Strom oder andere vernünftige Güter, muss man mehr ausgeben! Dafür müssen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten die Bereitschaft mitbringen. Und durch Nächstenliebe müssen wir Bedürftigen helfen, insbesondere in unserer näheren Umgebung!

     

    In dem Jahr, in dem die Heiligkeit unserer Zeit den “wirtschaftlichen Dschihad“ erklärt, sind alle Menschen aufgefordert, ein menschenfreundlicheres Wirtschaftssystem aufzubauen und zu etablieren. Der Kapitalismus in seiner weltumspannenden räuberischen Art neigt sich dem Ende zu. Was danach kommt, wurde in unseren Verantwortungsbereich gelegt. Darüber müssen wir deutlich und wahrnehmbar reden, insbesondere da die Nachricht über das neue Jahresmotto in nicht einer einzigen kapitalistischen Hofberichterstattung Deutschlands zu finden ist. Die Diskussion dazu ist eröffnet.

     

    Quelle: Muslim Markt

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    Quelle: http://www.taqrib.info/germany/index.php?option=com_content&view=article&id=348:wirtschaftlicher-dschihad-gegen-kapitalismus&catid=68:andere-themen&Itemid=137